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Titel: Patrik Baab: „Hier handelt es sich um einen Stellvertreterkrieg, der von Russland begonnen, aber von der NATO herbeiprovoziert wurde“

Datum: 10. Oktober 2023 um 13:30 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Interviews, Militäreinsätze/Kriege
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Der Journalist und Autor Patrik Baab war auf beiden Seiten der Front im Ukraine-Krieg. Aus seinen Erlebnissen ist ein Buch entstanden, das gerade erschienen ist und verdeutlicht: Baab hatte nicht nur mit den Schwierigkeiten vor Ort, die in einem Kriegsgebiet zu erwarten sind, zu kämpfen. Es gab auch Angriffe gegen den Rechercheur aus der Heimat – von Medien. In einem zweiteiligen NachDenkSeiten-Interview gewährt Baab einen Einblick in die Herausforderungen seiner Reise und ordnet den Krieg kritisch ein. Außerdem kritisiert er den Journalismus in Deutschland. Im folgenden ersten Interview warnt Baab: „Der Kontinent taumelt am Rande eines Nuklearkriegs.“ Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Baab, Sie waren „Auf beiden Seiten der Front“ im Ukraine-Krieg. Wie darf man sich das vorstellen? Sie sind an die Front gefahren und haben gesagt: „Ich schaue mich mal um?“

Im Frontgebiet kommen Sie nur durch mit jemandem, der sich auskennt. Denn genauso gefährlich wie direkte Feuereinwirkung sind die Gefahren, die Sie nicht sehen. Wenn ein Scharfschütze in 800 Meter Entfernung seine Arbeit macht, hören Sie den Schuss; aber sie nehmen die Kugel mit. Sie bleiben im Schatten der Häuser oder suchen Deckung hinter Bäumen und Büschen, zwei Mann sichern, einer hat die Augen am Boden. Denn die Gegend ist vermint. Die ukrainische Armee verschießt mit Raketen und Granaten sogenannte Schmetterlingsminen. Das sind Anti-Personen-Streuminen, die Flügel an der Seite haben. So wird ihre Ausbreitung über ein großes Gebiet begünstigt. Diese Minen töten meist nicht; wer drauftritt, schaut sich selbst beim Verbluten zu. Wenn Sie pinkeln müssen, gehen Sie keinesfalls in den Straßengraben, sondern verrichten die Notdurft auf der Straße. Wenn Sie einen abgeknickten Zweig sehen, der zwischen drei Steinen steckt, dann heißt das: Achtung! Minen! Nicht geräumt! Dann verschwinden Sie am besten wieder auf dem Weg, auf dem Sie gekommen sind. Auch die russische Koalition hat die Frontabschnitte großflächig vermint. Bei der Explosion einer Panzermine haben Sie kaum eine Überlebenschance.

Gefahren drohen aber auch aus der Luft?

Und das schon weitab der Front: Wenn Sie sich im Zielkorridor von Artillerie und Raketen befinden, dann hören Sie Geschosse mit Überschallgeschwindigkeit nicht kommen. Die Projektile sind endphasengelenkt. Das heißt, die Richtschützen peilen per GPS Ihre Mobilfunk- und Internet-Daten an und lenken den Sprengkopf auch auf 30 Kilometer Entfernung präzise ins Ziel. Wenn kein Windstoß kommt, haben Sie keine Chance. Unser einheimischer Führer in Donezk ist wenige Wochen später durch HIMARS-Beschuss getötet worden. Bei der Explosion dieser Rakete entsteht im Radius von 25 Metern eine Temperatur von 1.400 Grad Celsius. Die Tos-Raketenwerfer der Russen haben eine ähnlich verheerende Wirkung. Wenn der Gefechtskopf einschlägt, verteilt er einen explosiven Film in der Luft, der gezündet wird. Dann entsteht ein Feuerball mit massiver Druckwelle, der alles Leben auslöscht. Der darauffolgende Unterdruck löst schwerste Verletzungen aus, die inneren Organe reißen, auch wenn Sie sich in Kellern oder Bunkern schützen wollen. So kommen die hohen Verlustzahlen zustande, die beide Seiten ja geheim halten.

Welche Lehre lässt sich daraus ziehen?

Raus aus dem Netz! Und: Immer in Bewegung bleiben! In Mariupol habe ich Panzer gesehen, die von Drohnen oder Hubschraubern abgeschossen wurden. Der Sprengkopf schlägt von oben durch die Luke und explodiert im Inneren. Dort war nichts mehr als geschmolzenes Metall, kein Draht hing mehr raus, nichts. Ich habe mit Menschen gesprochen, die tagelang unter Beschuss im Keller festsaßen und das Wasser aus der Heizung tranken. Im Kampfgebiet nützt Ihnen der Presseausweis gar nichts. Sie sind einfach ein bewegliches Ziel. Das Kunststück ist weniger, ins Kriegsgebiet zu gelangen, als vielmehr lebend wieder raus. Darauf bereiten Sie sich gründlich vor. Aber am Ende hat man es nicht in der Hand.

„Raus aus dem Netz!“ Sie haben selbst die Erfahrung gemacht, was es bedeutet, wenn sich nicht an diese Lehre gehalten wird.

Unser Hotel Park Inn in Donezk geriet unter Beschuss. Wir hatten aber unsere Zimmer in der fünften Etage schon verlassen. Eine 155-mm-Granate verfehlte ihr Ziel nur knapp und explodierte auf dem Parkplatz. Die Druckwelle fegte durch die Lobby, ein Pfosten rettete der jungen Frau am Empfang das Leben. Bis zur vierten Etage hoch zerplatzten alle Scheiben. Wir haben dann unseren einheimischen Begleiter gefragt, wo die Granate herkam, und er telefonierte mit Artillerie-Beobachtern. Die sagten uns, die Granate sei aus Marijnka gekommen, wo die Ukrainer französische Haubitzen in Stellung gebracht hätten, und die Richtschützen hätten unseren Internet- und Mobilfunkverkehr angepeilt. Tatsächlich habe ich – entgegen allen Sicherheitsregeln – sehr viel gemailt und telefoniert. Denn nach den Angriffen in der deutschen Presse brauchte ich dringend einen Anwalt. Eigentlich hat man in einem Kriegsgebiet ja andere Sorgen. Nach Meinung unseres Begleiters hat mein Leichtsinn dazu geführt, dass wir beschossen wurden.

Wie bewerten Sie diesen Krieg? Worum geht es?

Dieser Krieg ist eine Tragödie. Denn die Menschen in der Ukraine sind die ersten Opfer, auf beiden Seiten, ob als Gefallene, Verstümmelte, Vertriebene, Gefolterte, Flüchtlinge. Das Land wird verarmen und wird am Ende geteilt. Das weiß man auch in Washington. Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador sagte zu Beginn des Krieges mit Blick auf die NATO: „Wir liefern die Waffen, ihr liefert die Leichen. Das ist unmoralisch.“

Wie sehen Sie das?

Er hat recht. Hier handelt es sich um einen Stellvertreterkrieg, der von Russland begonnen, aber von der NATO herbeiprovoziert wurde.

„Stellvertreterkrieg“ – ein Begriff, der in deutschen Medien, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum vorkommt.

Die NATO-Osterweiterung und der Versuch der USA, die Ukraine in die NATO zu befördern, sind die wichtigsten Gründe für diesen Krieg. Man muss sich nur einmal vorstellen, Kuba, Mexiko oder Kanada wollten einem den USA feindlich gesonnenen Militärbündnis beitreten. So etwas haben die Vereinigten Staaten in der Kuba-Krise 1962 mit einer Kriegsdrohung beantwortet – aus guten Gründen. Denn sie haben vor ihrer Haustür strategische Interessen. Nach der Monroe-Doktrin von 1823 betrachten die Vereinigten Staaten insbesondere Lateinamerika als ihr Interessengebiet und drohen jedem, der sich dort einmischt, mit militärischen Schritten. Umgekehrt hat Moskau in der Ukraine strategische Interessen: Der Kreml will nach dem Putsch auf dem Maidan 2014 die russischstämmige Bevölkerung im Donbass und auf der Krim vor den Übergriffen ukrainischer Militärs und Ultranationalisten schützen. Damit befindet sich Moskau im Einklang mit der UN-Charta und macht das, was die NATO beispielsweise im Kosovo für sich reklamiert hat. Dann will man den Zugang zum Schwarzen Meer und zum Mittelmeer über die Marinebasis Sewastopol sichern und verhindern, dass das Schwarze Meer ein Binnenmeer der NATO wird. Außerdem ist man interessiert an einer neutralen Ukraine, damit keine US-Atomraketen im Donbass aufgestellt werden. Darüber hinaus wollte der Kreml bis Kriegsbeginn auch die Gasdurchleitung nach Westen und die Verbindung zu den ukrainischen Betrieben der Rüstungsindustrie sicherstellen. Diese Gründe sind inzwischen entfallen. Eine Absicht, die Ukraine zu erobern, besteht nicht. Putin hat vor einiger Zeit gesagt, wenn polnische und litauische Verbände in die Westukraine einmarschieren wollten, dann sei ihm das egal. Den Subtext lese ich so: Dann nimmt sich Russland den Osten.

Aber es geht um viel mehr. Die USA wollen China in der Ukraine einen Denkzettel verpassen, sozusagen ein Signal setzen, wie es auch im Konflikt um Taiwan laufen könnte. Das zeigt, dass es hier um ein weltpolitisches Kräftemessen geht, einen Stellvertreterkrieg auf ukrainischem Boden. Eine wankende Supermacht, die USA, wollen an ihrem Anspruch auf „Full Spectrum Dominance“ festhalten, das heißt, sie wollen an jedem Ort der Welt militärisch überlegen sein. Dem dient der mit 880 Milliarden Dollar mit Abstand größte Militärhaushalt der Welt, dem dienen die mehr als 900 Militärstützpunkte weltweit, dem dienen die 251 militärischen Interventionen der USA seit 1991. Es ist ja nicht so, dass nur die Russen völkerrechtswidrige Angriffskriege führen, Washington hat ihnen vorgemacht, wie das geht. Moskau, Peking und viele andere Staatsführungen wollen diesen Anspruch der USA nicht hinnehmen. Washington folgen im Wesentlichen die EU-Satrapenstaaten, Japan und Südkorea. Deshalb formulierte der European Council on Foreign Relations: „United in the West, divided from the rest.”

Wo bleibt Europa?

Europa hat das Nachsehen in diesem Spiel. Schon 2016 hat der Historiker Richard Sakwa mit Blick auf die Ukraine-Krise vom „Selbstmord Europas“ gesprochen. Für die USA ist dies ein perfekter Krieg: Er ist weit weg, und die Rüstungsindustrie verdient Milliarden. Für Europa dagegen bringt dies einen historischen Niedergang. Die Sanktionen erweisen sich als Boomerang, die Abtrennung vom günstigen russischen Gas zerstört die Wettbewerbsfähigkeit v.a. Deutschlands, ein Prozess der Deindustrialisierung und Verarmung weiter Bevölkerungskreise hat begonnen, der erheblichen sozialen Sprengstoff birgt. Die Kosten des Ukraine-Krieges werden die USA den Europäern aufbürden. Eine Aufnahme der Ukraine in die EU würde die meisten anderen Staaten zu Nettozahlern machen. Massiver Sozialabbau wäre die Folge. Die Europäische Union, die einmal als Friedensprojekt gedacht war, zerstört Europa, weil sie aus der EU eine Unterabteilung der NATO gemacht hat.

Mit der deutschen Wirtschaft sieht es ohnehin bereits bescheiden aus.

Ja, glaubt man dem IWF, so schrumpft die deutsche Wirtschaft, aber die russische Wirtschaft wächst. Die EU wird dadurch nicht nur zu einem verarmten Hinterhof der USA, sondern auch zu einem Hinterhof Russlands, einem energie-autarken Land. Das Tandem Paris-Berlin ist an den Rand gedrängt, in der EU bestimmt die Achse Washington-Vilnius-Warschau-Kiew. Der Krieg in der Ukraine ist zu einem Abnutzungskrieg geworden. Er wird noch sehr lange dauern. Die Kriegstreiber haben es geschafft, Europa in einen neuen 30-jährigen Krieg hineinzumanövrieren, der meines Erachtens mit dem sozialen und kulturellen Zerfall der europäischen Kulturregion enden wird. Den amerikanischen Neo-Konservativen im Weißen Haus um Jake Sullivan, Victoria Nuland und Anthony Blinken ist das gleichgültig, sie wünschen sich wirtschaftlich schwache und militärisch abhängige Satrapen in Europa.

Und dann wäre da noch der Begriff Atombombe.

Der Kontinent taumelt am Rande eines Nuklearkrieges. In der Kubakrise haben Chruschtschow und Kennedy miteinander geredet. Es galt das gesprochene Wort, man vertraute einander, so gelang ein Deal: Die Russen ziehen ihre Raketen von Kuba ab, ein paar Monate später bauten die USA ihre Raketen in der Türkei ab. Heute reden die Regierungsspitzen gar nicht mehr miteinander, was bei einem vergreisten US-Präsidenten wohl auch nicht möglich wäre. Den Kontakt halten inzwischen die Geheimdienst-Chefs, also Subalterne, die im Grunde nichts entscheiden können. Genau deshalb ist die Gefahr eines Atomkrieges auch so hoch: Die Russen sehen sich mit dem Rücken zur Wand, die USA kämpfen um ihren weltweiten Führungsanspruch. So etwas geht nicht gut. Aber auch dies wollen Wissenschaft und Presse nicht sehen. Man kann hier wirklich auch von einer Apokalypse-Blindheit der Sitzredakteure sprechen, nach dem Motto: Ich habe gestern hinterm Schreibtisch in der Kaffeetasse gerührt, ich werde auch morgen in der Kaffeetasse rühren. Der amerikanische Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer von der Universität Chicago spricht davon, Deutschland habe „strunzdumme“ Politiker. Er nennt auch Namen. Ersparen Sie mir das. Ich füge hinzu: Deutschland hat auch strunzdumme Journalisten. Es ist wie bei Stanley Kubrick: „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben.“ – nur diesmal nicht im Kino. Politik und Medien haben vollständig versagt. Wer bitte soll diesen lächerlichen Figuren noch etwas glauben?

Lesetipp: Patrik Baab: Auf beiden Seiten der Front: Meine Reisen in die Ukraine. Westend. 9. Oktober 2023. 256 Seiten, 24 Euro.

Patrik Baab: Recherchieren – Ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung. Westend. 28. Februar 2022. 272 Seiten. 20 Euro

Titelbild: wellphoto/shutterstock und Westend Verlag


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