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Titel: Amok im Krieg

Datum: 13. März 2012 um 9:06 Uhr
Rubrik: Militäreinsätze/Kriege, Wertedebatte
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Gegen 3 Uhr in der Nacht von Samstag auf Sonntag hat ein 38-jähriger US-Feldwebel südwestlich von Kandahar seinen Stützpunkt verlassen und ist in nächste Dorf gegangen. Dort brach er in Häuser ein und tötete wahllos schlafende Bewohner, darunter auch Kinder und Frauen. Danach soll er versucht haben, die Leichen anzuzünden. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand kamen 16 Menschen bei dem Amoklauf ums Leben. Der Täter ergab sich anschließend widerstandslos den Behörden. Die US-Armee betont, das Massaker sei die Tat eines Einzelnen, den man zur Rechenschaft ziehen und einer Bestrafung zuführen werde.
Solche Massaker geschehen in Kriegen regelmäßig, sie gehören zum Krieg wie der Unfall zum Straßenverkehr. Von Götz Eisenberg.

Max Horkheimers berühmtes Diktum abwandelnd, könnte man sagen: Wer über den Krieg nicht reden will, sollte auch von den Massakern schweigen. Massaker wie das des Leutnants Calley im März 1968 in Vietnam oder das des Soldaten in Afghanistan am vergangenen Wochenende demonstrieren die Schrecken des Krieges, offenbaren dessen barbarischen Kern. Was die Verantwortlichen als bedauerliche Entgleisung eines Einzelnen und die Tat eines kriminellen oder verrückt gewordenen Soldaten hinstellen, gehört in Wahrheit zur Kriegsroutine. Hätte dieser Soldat während eines regulären Einsatzes 16 Zivilisten getötet, würde er als Held gefeiert, der den Taliban einen schweren Schlag versetzt hat, mordet er in eigener Regie gilt er als durchgeknallter Einzelgänger. Krieg ist von 8 bis 17 Uhr, außerhalb der normalen Dienstzeiten ist es Mord oder Amok.

Immer wieder kommt es vor, dass Soldaten das vom Krieg freigegebene und entfesselte Töten nicht im Zaum halten können. Sie haben das Gefühl, dem anonymen Feind, der überall im Land lauert, zuvorkommen und auf eigene Faust handeln zu müssen. Sie führen gewissermaßen panikinduzierte, individuelle Präventivschläge durch. Ich versuche mich in die Situation hineinzudenken: Ein Soldat liegt nachts im Stützpunkt auf seiner Pritsche. Plötzlich hat er das Gefühl, aus dem Dunkel der Nacht seien zahllose Augenpaare und Gewehrläufe auf ihn gerichtet. Gleich wird etwas passieren, eine Bombe wird detonieren und ihn zerfetzen. Im Unterbau der Psyche fortdauernde archaische Kinderängste steigen wie durch ein Steigrohr an die Oberfläche und schließen sich wie ein Verstärker an die aktuell erlebte Angst an, die sich so zur Panik steigert. Das Differenzierungsvermögen bildet sich zurück, der Feind verliert seine Konturen und verschwimmt zu einem einzigen ‚bösen‘, verfolgenden Objekt, gegen das Kampf mit allen Mitteln geboten ist. Er hat das Gefühl, dass er seiner Vernichtung zuvorkommen muss und schlägt in ‚Notwehr‘ zu.

Die meisten Amokläufe von Soldaten finden allerdings nicht im Land des Kriegseinsatzes statt, sondern in den jeweiligen Heimatländern – nach der Rückkehr oder vor dem Kampfeinsatz. Erinnern wir uns an die Tat des 39-jährigen amerikanischen Militärpsychiaters Nidal Malik Hasan, der am 6. November 2009 auf dem Militärstützpunkt Fort Hood in Texas das Feuer auf seine Kameraden eröffnete und 13 von ihnen erschoss und an die 40 weitere verletzte, bevor er selbst von vier Kugeln getroffen und schwer verletzt wurde. Zu den Aufgaben des Psychiaters, der als scheuer Einzelgänger geschildert wurde, gehörte die Betreuung von Soldaten, die nach Einsätzen in Afghanistan oder im Irak mit den Folgen von Traumatisierungen zu kämpfen hatten. Allein im Jahr 2008 haben sich 128 US-Soldaten das Leben genommen, eine Zahl, die 2009 noch einmal anstieg. Allein auf dem Stützpunkt Fort Hood brachten sich seit Beginn des Afghanistan-Krieges 75 Soldaten um. Hasan wusste also, was ihn erwartete, wenn er zu einem Auslandseinsatz abkommandiert würde, und war laut Aussage eines Cousins über seine bevorstehende Entsendung nach Afghanistan „zu Tode erschrocken“. Wenige Tage vor seiner Versetzung, die ihn als amerikanischen Staatsbürger und gläubigen Muslim seelisch und körperlich vor eine Zerreißprobe gestellt hätte, löste er dieses Dilemma gewaltsam, indem er die Seite wechselte und den Krieg in die Heimat verlagerte. Hätte er vier Wochen später in Afghanistan um sich geschossen, wäre es entweder eine Heldentat oder ein bedauerlicher Fall von „friendly fire“ gewesen, so wurde es ein Amoklauf, der Amerika unter Schock setzte und ratlos machte.

Es gibt Garnisonsstädte in den USA, in denen ganze Familien von aus dem Krieg heimgekehrten Familienvätern umgebracht wurden. Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.11.2009 wird seit 2001 auf Militärstützpunkten ein Anstieg der häuslichen Gewalt um 75 Prozent verzeichnet. Während die Gewaltkriminalität in vergleichbaren Städten zurückgeht, stieg sie in Garnisonsstädten seit 2001 um 22 Prozent an. Schon Kant wusste: „Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr böse Menschen macht, als er davon wegnimmt.“


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