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Titel: Kriegerischer Kadavergehorsam: Wie Onoda Hiroo „seinen“ Weltkrieg beendete

Datum: 30. August 2025 um 15:00 Uhr
Rubrik: einzelne Politiker/Personen der Zeitgeschichte, Militäreinsätze/Kriege
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Acht Jahrzehnte sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verflossen. Und es gibt (Kriegs-)Geschichten, die müssten erfunden werden, hätten sie sich nicht realiter zugetragen. Eine dieser Geschichten endete geschlagene 29 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als der japanische Offizier Onoda Hiroo auf der philippinischen Insel Lubang für immer seine Waffen streckte – aber erst, nachdem ihn Verwandte und sein einstiger Vorgesetzter dazu überredeten und ihm versicherten, dass der Krieg längst beendet war. Von Rainer Werning.

Abtauchen, untertauchen, auftauchen – dazwischen lagen knapp drei Jahrzehnte. So lange dauerte es, bis sich der einst in Diensten der Kaiserlich Japanischen Armee stehende Leutnant und Nachrichtenoffizier Onoda Hiroo auf Lubang ergab. Das aber erst, nachdem man seinen früheren Kommandeur ausfindig gemacht hatte. Dieser gute Mann namens Taniguchi Yoshimi hatte den Rang eines Majors längst abgelegt und war im heimatlichen Japan Buchhändler geworden. Am 9. März 1974 machte sich Herr Taniguchi auf den Weg nach Lubang und löste dort ein Versprechen ein, dass er Onoda und anderen Soldaten 1944 gegeben hatte:

Was immer auch passiert, wir werden zu Ihnen zurückkommen.“

Als Onoda seinen früheren Vorgesetzten wiedererkannte, nahm er von ihm die förmliche Order entgegen, die Waffen zu strecken, und begab sich in seine Obhut. Er trug noch immer seine Uniform und sein Schwert, führte auch Munition mit sich.

Da ich zu jener Zeit in den Philippinen weilte, erinnere ich mich noch lebhaft an das Medienecho, das diese „Kapitulation“ der ganz besonderen Art hervorrief. Es war ein Riesenhype, der da veranstaltet wurde, die „Entdeckung“ des Exleutnants kam sozusagen der Sichtung eines Yetis gleich. Philippinische Polizisten und Militärs balgten sich förmlich darum, mit diesem sonderbaren Herrn abgelichtet zu werden. Höhepunkt war Onodas Auftritt beim damaligen Präsidenten Ferdinand E. Marcos, der zwei Jahre zuvor landesweit das Kriegsrecht über den Inselstaat verhängt hatte. Onoda überreichte ihm zeremoniell sein Schwert. Diese Geste rührte den Diktator dermaßen an, dass er den lang Vermissten, ja zwischenzeitlich Totgeglaubten umgehend begnadigte. Die New York Times hingegen berichtete in ihrer Ausgabe vom 11. März 1974, Leutnant Onoda habe sein Samuraischwert zeremoniell Generalmajor Jose L. Rancudo übergeben, dem damaligen Oberkommandierenden der philippinischen Luftwaffe.

Laut Presseberichten hatte Onoda in seiner Zeit auf Lubang mindestens 20 Menschen getötet und weitaus mehr bei Schießereien verwundet. Zu seinen Opfern zählten sowohl Polizisten, gegen die er sich zur Wehr gesetzt hatte, als auch Bauern und Fischer, an deren Hab und Gut er sich um des schieren Überlebens willen vergriffen hatte.

Verloren im Dschungel

Als US-Truppen im Februar 1945 Lubang eingenommen und die dort stationierten japanischen Soldaten im Gefecht getötet oder gefangen genommen hatten, war Onoda mit den drei Kameraden Kozuka Kinshichi, Shimada Shoichi und Akatsu Yuichi die Flucht gelungen. Von einer zwischenzeitlich erfolgten Kapitulation wussten sie nichts. Sie entschlossen sich deshalb, dort zu bleiben, wo sie waren, und ernährten sich von Früchten und Tieren, die sie im Wald fanden. Sie „beschlagnahmten“ auch Kühe, deren Fleisch sie trockneten und rationierten, damit sie mehrere Monate lang reichten, sowie Reis, Salz, Dachmaterialien, Kleidung, Nadeln, Schuhe und andere Gegenstände, die von Bauern zurückgelassen worden waren, die ihre Felder bewirtschafteten.

Onodas Kameraden gerieten in den kommenden Jahren in Gefangenschaft oder wurden bei Schusswechseln mit der örtlichen Polizei getötet. 1959 wurde Onoda offiziell für tot erklärt. Dass er schließlich ausfindig gemacht wurde, war Zufall. Ein im Lande herumreisender japanischer Studienabbrecher und Abenteurer namens Suzuki Norio entdeckte ihn, freundete sich mit ihm an und konnte Anfang 1974 in Japan glaubhaft versichern, dass Onoda noch lebte. Erst diese Nachricht führte dazu, ihn im Dschungel von Lubang aufzuspüren – in Begleitung von Verwandten und eben Onodas früherem Vorgesetzten.

Nach seiner Rückkehr musste Onoda neuerlichen Rummel um seine Person erdulden. Er avancierte über Nacht zum Star und zur Galionsfigur all jener, die der militaristischen Vergangenheit nachtrauerten. Bald darauf folgte er dem Beispiel seines älteren Bruders und setzte sich nach Brasilien ab, um dort Viehzüchter zu werden. Als er 1980 zufällig einen Bericht über einen japanischen Jugendlichen las, der seine Eltern umgebracht hatte, entschloss er sich, in seine Heimat zurückzukehren, um dem „Werteverfall“ mit der Gründung eigener Schulen zu begegnen. Bevor er Anfang 2014 in Tokio 91-jährig verstarb, hatte er noch Lubang besucht und einer dortigen Schule umgerechnet 10.000 US-Dollar geschenkt.

Verfilmung

Im Jahre 2021 entstand schließlich der französische Kinofilm „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel” (Originaltitel: „Onoda, 10 000 nuits dans la jungle”) unter der Regie von Arthur Harari, der u.a. ein Jahr später anlässlich des renommierten südamerikanischen Mostra Internacional de Cinema de São Paulo als bester ausländischer Film ausgezeichnet wurde.

Titelbild: Wikicommons CC-BY-SA-4.0


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