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Titel: Neuer Trend in Russland: Eine ganz persönliche Geschichte aus dem Hier und Jetzt auf der Bühne
Datum: 3. Januar 2026 um 11:00 Uhr
Rubrik: Kultur und Kulturpolitik, Länderberichte
Verantwortlich: Redaktion
In diesem Jahr machen in Russland gleich zwei bekannte Schauspielerinnen ihr eigenes Leben zum Thema von Theaterstücken: die Ballerina Anastasija Vinokur [1] und die Schauspielerin Irina Gorbatschowa. Das ist für Russland neu. Mancher wird es nicht glauben, aber die russische Kultur ist offen für Experimente. Sie entwickelt sich weiter. Wenn Schauspielerinnen auf der Bühne über ihren ganz persönlichen Werdegang, über ihre Probleme und Ängste sprechen, könnte man denken, das interessiert die Zuschauer nicht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Irina Gorbatschowa zeigt ihr Stück „Warum ich?“ [2] nicht nur in Moskauer Theatern, sondern auch in der russischen Provinz. Von Ulrich Heyden.
Der Saal in der Konzerthalle von Tula, einer Stadt 300 Kilometer südlich von Moskau, war am 4. Dezember ausverkauft. Die 37 Jahre alte Schauspielerin Irina Gorbatschowa ist unter jüngeren Menschen in Russland bekannt. Die Schauspielerin stand allein auf der Bühne. Sie erzählte – untermalt von Musik – Episoden aus ihrem Leben. Es ging Schlag auf Schlag, fast zwei Stunden, und das ohne Pause. Ein Höhepunkt der Vorstellung war, als Gorbatschowa, eingepackt in eine große Wareniki-Teigtasche mit Kirschen, ein Stück aus einer italienischen Oper sang. Diese Teigtasche strahlte pure Lebensfreude aus. Die Handys wurden gezückt. Es fehlte nur die saure Sahne, mit der die Teigtaschen verspeist werden.
Irina Gorbatschowa ist eine hochgewachsene, schlanke Frau mit Kurzhaarschnitt. Sie hat einen jungenhaften, sportlichen Drive. Ich wartete vergeblich, dass die Schauspielerin mal tief durchatmet und sich sammelt. Aber nein. Es ging im Galopp. Nur, wenn sie sich auf der Bühne mit Hilfe einer Assistentin ein neues Kostüm überstreifte, blieben ein paar Sekunden, um einen Schluck aus einer Wasserflasche zu nehmen. Dieser schnelle Rhythmus, diese Fülle von verschiedenen Lebenssituationen aneinandergereiht, das passt zum Leben der jungen Russen, das sich zwischen Geldverdienen, der Lösung von Problemen und dem Geplapper in sozialen Netzwerken bewegt.
Niemand verließ den Saal. Das Thema „Angst“ und die Erinnerung an die schwierigen 1990er-Jahre gingen unter die Haut. Die Sprache der Schauspielerin war einfach. Es gab keine Anspielungen und keine Doppeldeutigkeiten. Alles wurde direkt beim Namen genannt.
Geboren am Schwarzen Meer, in Mariupol
Schon bei den ersten Worten der Schauspielerin erstarrte ich. Gorbatschowa erzählte, sie sei in Mariupol in einer ganz normalen Plattenbausiedlung aufgewachsen. Mariupol, dieser Name steht nicht nur für eine Hafenstadt am Schwarzen Meer. Man denkt bei dem Namen dieser südlichen Stadt nicht nur an Möwen, Akazien und Aprikosen. Das Wort Mariupol steht auch für eine der schlimmsten Schlachten im Ukraine-Krieg. Dass die junge Frau, die in dieser Stadt geboren wurde, auf der Bühne steht und einen ganzen Saal in Atem hält, war wie ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.
Die erste Szene handelte von der Geburt der Schauspielerin. Diese wurde wie ein Spektakel inszeniert. Unter einem langen Tüllrock zog die Schauspielerin ein rotes Knäuel hervor. Die kleine Irina war geboren! Man hört kein „oh wie süß“ oder „ganz der Mutter ähnlich“, sondern laute Musik.
Als Irina Gorbatschowa 1988 geboren wurde, waren die Zeiten chaotisch. Die Perestroika (Umbau der Gesellschaft) von Michael Gorbatschow hatte leere Regale zur Folge. Die Menschen kämpften ums Überleben. Irinas Vater arbeitete im Stahlwerk Ilitsch. Löhne wurden damals ein halbes Jahr lang nicht gezahlt. Einmal sagte Irinas Mutter zu ihrer Tochter und den beiden Brüdern: „Kinder, ich habe heut nichts zu essen für Euch.“ Darauf sagte Irina, so als wollte sie allen Mut machen: „Wir sind gar nicht hungrig.“ Die Kinder gingen dann zum Spielen auf den Hof. Währenddessen klingelte die Mutter bei verschiedenen Nachbarn und bat um Eier, Mehl, Zucker und Öl. Sie werde das Erbetene bei Gelegenheit zurückgeben, sagte sie. Irgendwann hatte die Mutter dann genug zusammen. Und als die Kinder abends nach Haus kamen, stand auf dem Küchentisch ein großer Teller mit duftenden, in Öl gebackenen Ponschikis, Kringeln aus Teig.
Die erste Bühne war der Hof zwischen den Häusern
Der Hof zwischen den Plattenbauten, in denen sie und ihre Familie wohnten, war die erste Bühne für Irina Gorbatschowa. Hier tanzte und schauspielerte sie spontan vor Kindern und Jugendlichen. Sie erzählte, „die Omas forderten Zugaben“. Das glaubt man Gorbatschowa gerne, denn in der Konzerthalle von Tula sah man, wie die Schauspielerin einen perfekten Breakdance auf die Bühne legte und dabei auch noch sang. Die Worte „motherfucker, motherfucker“ waren zu hören.
Dass sie Schauspielerin wurde, verdanke sie einer Pädagogin in einem Sommerlager, erzählte Gorbatschowa. Die habe ihr gesagt, sie solle fünf Tätigkeiten nennen, die sie mag und mit denen man Geld verdienen kann. Gorbatschowa sagte Tanzen, Komik, Singen, Verkleiden. Darauf sagte die Pädagogin: „Du bist ein Clown!“ Als sie dann später eine Ausbildung als Clown machte, sagte ihr eine Kollegin: „Clown, das ist ein Zustand, als ob jemand einen Mehlsack auf dich geworfen hat.“
Als Schauspielerin muss man auf alles gefasst sein und improvisieren können. Als sie an der Moskauer Schukin-Schauspielschule bei einer Aufnahmeprüfung vortanzen sollte, kam Gorbatschowa in einem roten Adidas-Anzug und tanzte zu klassischer Musik in einer Mischung aus Breakdance und Ballett. Die Prüfungskommission stellte merkwürdige Fragen wie: „Können sie diesen Tanz auch im Rock vorführen?“ „Warum“, fragte Gorbatschowa. „Weil wir dann ihre Beine sehen können“. „Aber sie können doch meine Beine sehen“, sagte Gorbatschowa und zog ihre Hosenbeine stramm.
Als sie dann einen Text vortragen sollte, war sie so im Stress, dass sie den Text vergaß. Schließlich trug sie ihren Lieblingstext vor. Er stammte aus dem Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Da heißt es: ‚Wenn Du einem Erwachsenen sagst, du hast einen neuen Freund, dann interessieren ihn nur Zahlen. Wie alt ist der Freund, wie viele Brüder hat er, was verdient sein Vater? Sie fragen nie, was hat er für eine Stimme, welche Spiele spielt er gerne und mag er gerne Schmetterlinge fangen?‘
Schmiere stehen bei einem Klau
Kann man das russische Publikum mit solchen Alltagsgeschichten, die 30 Jahre zurückliegen, unterhalten? Ja, das kann man. Die Schrecken der Übergangszeit in den wilden Kapitalismus liegen lange genug zurück. Aber diese Zeit hat bei allen Russen Spuren hinterlassen. Jeder kann auf seine Weise stolz sein, dass er die schwierigen 1990er-Jahre überstanden hat. Und jeder denkt heute an diese Zeit zurück.
Wie die meisten russischen Kinder spielten Irina und ihre Brüder auf dem Hof mit anderen Kindern. Die Eltern arbeiteten. Es war eine gefährliche Zeit. Der Geldmangel brachte nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder auf „krumme Gedanken“. Die Brüder planten, in einem Nachbarhaus aus einer Privatwohnung in einem oberen Stockwerk Spielzeug zu klauen. Irina sollte sich vor dem Haus postieren und das Spielzeug einsammeln, welches die Brüder aus dem Fenster werfen wollten.
Die Aktion schlug fehl. Die Räuber wurden von Erwachsenen gestellt. Irinas Vater verpasste seinen unartigen Kindern Schläge mit dem Ledergürtel. Es tat sehr weh, erinnerte sich Gorbatschowa. Weitere Raubzüge veranstalteten die Brüder nicht.
Ergreifend war, wie die Schauspielerin von ihrer ersten Liebe erzählt. Als ein gutaussehender junger Armenier, auf den Irina ein Auge geworfen hatte, ihr sagte, dass er sie gut findet, blieb Irina gefasst. Auf der Bühne spielt sie ihre Stimmung in einer Pantomime nach. Sie krümmt und windet sich, als ob eine Krankheit sie quält. Der Grund: Sie kann es fast nicht glauben, dass dieser Armenier sie gut findet, wurden ihr doch schon viele Jungen, die sie mochte, von anderen Mädchen weggeschnappt.
Der junge Armenier berührte sie dann auf einer Bank das erste Mal mit einem Finger. Auf der Bühne sah man, wie die Schauspielerin den Kampf ihrer Gefühle bei dieser Berührung wortlos in Bewegungen ausdrückte. Gorbatschowa windet sich wie eine Schlange, die von einem Stromschlag getroffen wurde. Auf männliche Zuneigung reagierte sie mit Ungläubigkeit und Scham. Nach dem ersten Kuss – es war gleich ein Zungenkuss – bekam Irina eine Warnung von ihrem Vater. Wenn es vor dem 18. Lebensjahr etwas mit einem Mann gibt, dann werde er sie bestrafen.
Schmerz, der nicht vergeht
Was war der Grund für die Gefühlskämpfe von Irina Gorbatschowa? Im ersten Teil des Stückes taucht an einer Wand unvermittelt das Wort „Bol“ (Schmerz) in großen Buchstaben auf. „Ich habe damals einen sehr großen Schmerz gehabt“, erzählte die Schauspielerin, ohne das Thema weiter auszuführen. Damals war Irina neun Jahre alt. Erst gegen Ende des Stückes kam die Auflösung zum Thema Schmerz.
Gorbatschowa erzählt. Einmal kam die Mutter besoffen nach Hause und sagte besorgt: „Irina, du kannst ja noch nicht mal Kartoffeln schälen.“ Einige Zeit später begleitete Irina – damals neun Jahre alt – ihre Mutter zusammen mit ihren Brüdern zum Zug. Danach hat sie die Mutter nie wieder gesehen. Keiner ihrer Briefe wurde beantwortet.
Nach einigen Monaten kam die Nachricht, dass die Mutter gestorben ist, offenbar an einer Krankheit. Das Grab der Mutter besuchte Gorbatschowa erst, als sie erwachsen war. Vorher hatte die Familie kein Geld für die Reise.
Der Schmerz über den Tod der Mutter steckt der Schauspielerin bis heute in den Knochen. Sie erzählte von einer Masseurin auf der Insel Bali. Die fragte, warum Irina nicht schreit, wenn bei der Massage Schmerzpunkte berührt werden. Auf der Bühne sah man die Schauspielerin, die sich am Boden krümmte und versuchte, zu schreien, was nur mit Mühe gelang.
Irina erzählte, nach dem Tod der Mutter habe sie den Schmerz regelrecht gesucht. Als Jugendliche habe sie sich mit einer Nadel Löcher ins Ohr, die Nase und die Lippen gestochen. Wollte sie ihren Schmerz für alle sichtbar machen, um sich so Erleichterung zu verschaffen? Diese Frage bleibt unbeantwortet.
Geteiltes Leid
Zum Schluss Schauspiels kommt Gorbatschowa auf Jesus zu sprechen. Der habe am Kreuz Schmerzen erlitten, sei gestorben, aber dann wiederauferstanden. Sie resümiert: „Geteiltes Leid lässt sich leichter ertragen, geteilte Freude ist noch schöner.“ Diese Worte wirken wie eine Erleichterung.
Von nun an wurde die Stimme der Schauspielerin ganz normal, so als ob sie einer Freundin etwas erzählt. Sie sagte, dieses Stück habe sie einfach machen müssen. Leben sei die Bühne, die Kollegen und die Freunde. Das sei der Teppich, auf dem sie stehe.
Das Publikum war ergriffen. Es applaudierte stehend und der Schauspielerin wurden viele Blumen überreicht, so wie es in russischen Theatern Sitte ist.
Mit einem Trick hatte die Schauspielerin das Publikum gleich zu Beginn des Stückes auf ihre Seite gezogen. Sie fragte, ob jemand aus dem Parkett auf die Bühne kommen könne. Dann zeigte sie auf eine Dame mittleren Alters in einem lila Pullover. „Wo arbeiten sie“, fragte die Schauspielerin die Dame. „In der ‚Tula-Waffenfabrik‘“, lautete die Antwort. Gorbatschowa bat um Applaus für die Dame. Der Saal antwortete prompt mit rhythmischem, fast begeistertem Klatschen.
Man muss wissen: In der Stadt Tula werden seit der Zarenzeit Waffen hergestellt. Der Sitz der „Tula-Waffenfabrik“ befindet sich direkt gegenüber dem Konzertsaal. Die Ehrung der Zuschauerin auf der Bühne war wie ein gemeinsames Bekenntnis zur Tradition der Stadt.
Irina Gorbatschowa hat in den letzten neun Jahren zahlreiche russische Auszeichnungen für ihre Leistungen als Schauspielerin erhalten, ihre erste bekam sie 2016. Die Aufführung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, aufgeführt von dem Ensemble des Moskauer Theaters Fomenko, wurde als „bestes Schauspiel“ prämiert. Gorbatschowa spielte in dem Stück eine Hauptrolle.
Noch eine Schlussbemerkung: Ich kann mir vorstellen, dass viele Zuschauer den Auftritt von Gorbatschowa als Ermutigung empfanden. Eine Frau aus einer Arbeiterfamilie hat es geschafft, berühmt zu werden, ohne sich dabei an den Massengeschmack anzupassen und Klischees über Frauen zu bedienen.
Titelbild: Irina Gorbatschowa
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