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Titel: Von „Raketenfamilien“ und „Fähigkeitslücken“: Wie eine Zeitung über die Beschaffung von Hyperschallraketen für Deutschland „berichtet“
Datum: 13. Februar 2026 um 13:58 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Aufrüstung, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache
Verantwortlich: Marcus Klöckner
Hyperschallraketen für Deutschland? Darüber berichtet gerade Die Welt. Der französische Konzern Ariane Group sei mit Deutschland zu den Angriffswaffen im Gespräch. Sollte die deutsche Regierung sich zu diesem Schritt entscheiden: Die Aufrüstung des Landes würde immer bedrohlicher. Kritische Stimmen kommen indes in dem Artikel nicht zu Wort. Dafür ist die Rede vom Schließen einer „Fähigkeitslücke“ und einer „Raketenfamilie“. Es gilt sich vor Augen zu führen: Das politische Großvorhaben Kriegstüchtigkeit wäre ohne eine Presse, die publizistisch den Weg mitbereitet, nicht umsetzbar. Die Sprache, die zum Einsatz kommt, verrät viel. Eine Kurzanalyse von Marcus Klöckner.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Wozu soll Deutschland Angriffswaffen benötigen, die mit Hyperschallgeschwindigkeit tausende von Kilometer fliegen können? Diese Frage sollten Journalisten gerade laut stellen – unter kritischer Berücksichtigung von Propaganda, Machtverhältnissen und geostrategischen Interessen. Denn wie es aussieht, laufen im Hintergrund Gespräche zur Beschaffung der entsprechenden Raketen. Darüber berichtet Die Welt – wobei „berichten“ ein Begriff ist, der in Bezug auf den besagten Artikel mit Vorsicht anzuwenden ist.
Kritisch einordnende Stimmen kommen in dem Beitrag nicht zu Wort. Stattdessen gebraucht der Autor mehrmals den Begriff „Fähigkeitslücke“. Wer die Diskussion verfolgt, weiß, was gemeint ist: Die Bundeswehr habe – so sagen es Militärexperten – eine „Lücke“ im Hinblick auf die „Fähigkeit“, mit weitreichenden Angriffswaffen zu agieren. Sprich: Sollte die Bundeswehr in einer „Situation“ solche Waffen mit hoher Reichweite benötigen, wären sie nicht vorhanden. Kurzum: Es gibt eine „Fähigkeitslücke“.
Auch wenn das Wort, so hergeleitet, Sinn ergeben mag – irgendwie klingt es eigenartig technokratisch, bürokratisch gestelzt. Schließlich: Wir reden hier über Waffen mit verheerender Wirkung. Wir reden hier unterm Strich von einem angeblich möglichen Krieg. Und im Sinnzusammenhang der Gesamtdiskussion: von einem Krieg mit Russland.
Dass ein Politiker ein solches Wort gebraucht, lässt sich nachvollziehen – sofern er beschönigen und verschleiern will. Dass ein Vertreter eines Rüstungskonzern eine solche Sprache veranschlagt: nachvollziehbar. Dass ein Militär, der anstelle von „töten“ und „erschießen“ von „Neutralisierung“ spricht, den Begriff „Fähigkeitslücke“ gebraucht: Ja, er erfüllt eben die Erwartungen seines Umfelds. Dass aber ein Journalist immer wieder distanzlos, ohne kritische Perspektivierung den Ausdruck gebraucht, lässt tief blicken.
„Fähigkeitslücke“ – der Begriff ist sicherlich kein urdeutsches Wort. Vielmehr lässt er sich als „Lehnwort“ – oder nein, genauer: als „Lehnübersetzung“ erkennen.
Wir erinnern uns: Ein Lehnwort ist Begriff, der aus einer anderen Sprache übernommen wird und in die eigene Sprache einfließt. Aus dem eigentlichen „Fremdwort“ wird mit der Zeit ein Begriff, der einem so vertraut ist, wie ein Wort, dass direkt der Muttersprache entstammt.
Bei der Lehnübersetzung nimmt man hingegen einen Begriff aus einer anderen Sprache auf, allerdings: Es erfolgt eine Übersetzung mit Wörtern aus der eigenen Sprache.
Der Begriff „Fähigkeitslücke“ geht auf den englischsprachigen Ausdruck „capability gap“ zurück. Wer hätte es gedacht: Es ist ein Ausdruck aus dem Bereich der NATO. Nach und nach ist er in den späteren 2000er-Jahren auch in den Planungsbereich der Bundeswehr eingeflossen und im Laufe der Jahre entstand aus dem englischen Begriff der deutsche Ausdruck „Fähigkeitslücke“.
Ob es nun um Drohnen, die Diskussion um das Gewehr G-36, Beschaffung von Hubschraubern usw. ging: Immer wieder war die Rede von Fähigkeitslücken. Allerdings taucht der Ausdruck seit Beginn der Ukraine-Krise mit viel Nachdruck auch in der breiteren Diskussion auf.
Auch wenn sich der Begriff anbietet, ein scheinbares Problem sprachlich kurzgefasst auszudrücken: Was sagt es über einen Journalismus aus, der ohne Abstand einen solchen tief im Militärischen verwurzelten Begriff gebraucht?
Bemerkenswert: Die Distanzlosigkeit gegenüber dem Begriff steht im Einklang mit der fehlenden Kritik zum Thema im Allgemeinen. Nüchtern zitiert der Autor den für „die Rüstungssparte der Ariane Group verantwortliche Manager Vincent Pery“ und spricht über „die politischen Planungen für sogenannte Deep-Strike-Waffen“.
Doch gerade bei einem solchen Thema wäre auch in einem scheinbar neutralen journalistischen Beitrag die Wiedergabe von kritischen Stimmen angebracht. Ein Problem kommt zum Vorschein: So „neutral“ berichterstattend, wie der Artikel es vordergründig vorgibt zu sein, ist er nicht.
Nicht nur, dass der Autor immer wieder von „Fähigkeitslücke“ spricht, ganz so, als handelte es sich dabei um eine PR-Mitteilung der Bundeswehr. Nicht nur, dass in dem Beitrag kritische Stimmen ausgeschlossen sind. Er zitiert auch noch Pery mit einer Aussage, wonach Deutschland eine neue „Raketenfamilie“ vorgeschlagen werde.
Spätestens an dieser Stelle müssten nicht nur bei jedem Journalisten, sondern auch innerhalb einer Redaktion, die einen solchen Text zur Veröffentlichung freigibt, die Warnsysteme angehen. Nur weil der Manager eines Raketenherstellers von „Raketenfamilie“ spricht, muss eine Zeitung einen solch beschönigenden Ausdruck nicht wiedergeben.
Was Die Welt der Leserschaft hier vorsetzt, hat eine schwere journalistische Schlagseite. Ein Beitrag wie dieser ist im größeren Gesamtzusammenhang zu sehen. Mit jedem von Kritiklosigkeit geprägten Artikel dieser Art ebnen Medien dem politischen Großvorhaben Kriegstüchtigkeit mit den Weg. Im Grunde genommen Ungeheuerliches wird Stück für Stück normalisiert.
Titelbild: Sergey Kohl / shutterstock.com
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