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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Denk’ ich an Deutschland in der Nacht
Datum: 12. März 2026 um 18:00 Uhr
Rubrik: Innen- und Gesellschaftspolitik, Parteien und Verbände
Verantwortlich: Redaktion
Beobachtungen, Gedanken und ein Vorschlag von Tino Eisbrenner.
Nein, es sind nicht die klagenden Sehnsuchtsgedanken eines Heinrich Heine, der nach zwölf Jahren im Exil 1843 sein berühmtes Gedicht für seine Mutter schrieb, dessen nur erste zwei Zeilen uns meist in Erinnerung sind und uns Landsleute Heines, um das kritische Verhältnis des Dichters zu seinem Staat wissend, oft ganz andere, ganz eigene schmerzvolle Gedanken weitertreiben lässt.
„Denk’ ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“.
Ich rutsche gedanklich in ein deutsches Volkslied aus etwa der gleichen Zeit und sage: Ich auch, lieber, lieber Heinrich! Wenn der Topf aber nun ein Loch hat?!
Ja, er hat eins und auch hundertdreiundachtzig Jahre nach Heines Gedicht frage ich mich, womit wir es aber zustopfen sollen? Die deutsche Politik weiß es nicht, aber die liebe Liese scheint es inzwischen zu wissen und die Alternative für Deutschland zu kennen.
Wenn die Mädels in Mecklenburg-Vorpommern und wohl auch anderswo mit Klassenkumpels und Kumpelinen über Land in „die Disse“ fahren, wird getanzt bis in die Nacht und die Jungs aus der Abiturklasse sind wieder alle besoffen. Ist trotzdem immer ganz cool dort und die Musik auch. Die Landjugend allerdings begrüßt sich mit Hitlergruß und trägt Landser-T-Shirts mit Reichsadler und sonstigen braunen Symbolen drauf. Strenge Seitenscheitel, Glatze, rasierte Nacken. Aber „die sind nicht aggro oder so“. Und die Betreiber der Diskothek sagen nichts dazu? Nee, die sind ja wahrscheinlich selber so drauf.
Denk’ ich an Deutschland in der Nacht … und ich, ein deutscher armer Poet von heutzutage, denke darüber nach, warum hier der Zeiger so nach rechts ausschlägt. Handwerker, Wachschützer, Busfahrer, Polizisten, Bauern, Feuerwehrleute, Krankenfahrer … überall begegne ich Leuten, die mir ganz normal und anständig vorkommen, die oft sogar wissen, dass ich ein Linksdenker bin, es selber aber gar nicht sind. Die einen denken deutlich rechts und sind überzeugt davon, dass nur die AfD hier endlich diesen „korrupten kriegsgeilen Haufen an Karrieristen der etablierten Parteien“ endlich zum Teufel jagen kann. Eigentlich würden sie auch noch rechter wählen, aber das wäre chancenlos. Die anderen haben zwar mit Rechten nichts am Hut, denken aber in Bezug auf die AfD das Gleiche. Sie wollen „das korrupte alte Parteigesocks“ weghaben und werden unter Vorbehalt zu AfD-Wählern. Na, und die Jugend? Sie folgt der Kraft, den starken Symbolen, der angebotsreichen Jugendarbeit und den Ideen von Heimatliebe und Zusammenhalt.
Und da komme ich zu meinen eigentlichen Fragen: Warum können das die Linken nicht?! Warum ist alles, was links denkt, stets und ständig zersplittert und zerstritten? DKP, KPD, LINKE, BSW und noch einige mehr, die sich nicht einmal auf Friedensdemonstrationen zu vereinen schaffen, geschweige denn sonst irgendwo. Heimatliebe müffelt ihnen zu nationalistisch und Zusammenhalt gar? Das kraftvollste Symbol, das deutsche Linke jemals hatten, waren die gereichten Hände auf dem Parteiabzeichen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. SPD und KPD schienen im Osten Deutschlands, nach der Apokalypse rechter „Politik“, bestehend aus Konzentrationslagern und Weltkrieg, endlich verstanden zu haben und gaben sich die Hand. Dieses Symbol heute irgendwo gezeigt, löst dämliches Gejohle, überlegenes Grinsen oder resigniertes Abwinken aus. 1946 wurde die Freie Deutsche Jugend gegründet, im Osten. Man wusste, dass Jugendarbeit wichtig sein würde, um die neuen Ideen von gesellschaftlichem Miteinander mit der Jugend in die Zukunft zu führen. Heimatliebe und Zusammenhalt, Kollektives Denken wurden durch internationale Solidarität mit den Unterdrückten ergänzt. „Für eine bessere Zukunft …“
Braucht es also immer erst die Apokalypse, bis auch die Linken begreifen, worin sie sich einig sind? Und nach der sogenannten „Wende“? Der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden wurde von einer Art Heuschreckenplage erfasst, sagt man heute vielerorts. Die „Ossis“ wurden von den „Wessis“ einfach entwertet und bevormundet. Das Volkseigentum wurde verschachert und die neu importierten Mächtigen diktierten, wie es künftig gemacht wird in Deutschland, sagt man.
Was selten miterzählt wird, ist, wie schnell und widerstandslos die eben noch Lenker des sozialistischen Staates alles hingaben. Ein großes Desertieren, begründet mit einem angeblichen „Willen des Volkes“, wobei jeder versuchte, schnell zur heiß begehrten Westmark und im vereinigten Deutschland „anzukommen“, wie man das damals nannte. Schon dieser Begriff war ein Betrug, denn um anzukommen, muss man ja erstmal auf Reisen gehen. Wir aber blieben ja zumeist dort, wo wir waren, der Heimat beraubt. Wir brauchten nicht anzukommen, denn es kam über uns. So müssen sich die First Nations of America vorgekommen sein, als der „große Goldrausch“ einsetzte und der weiße Mann über ihre Welt hinwegfegte.
Aber unsere Staatenlenker, Funktionäre, Offiziere, Lehrer … die ja gewusst haben mussten, dass dies die vielbeschrieene Konterrevolution war, leisteten keinen Widerstand, sondern gaben alles auf. Manche von ihnen, die Linksdenker sein und bleiben wollten, organisierten sich in der PDS. Anfänglich organisierten sie sogar noch politische Bildung für die nachrückende Jugend. Aber als die PDS sich 2007 mit der SPD-Abspaltung WASG zur Partei DIE LINKE zusammenschloss, schlief auch das langsam ein, denn man konnte sich in vielen Grundsatzfragen zwischen Ost und West ohnehin nicht einig werden. Was also lehren? Wenn man heute junge Linksparteimitglieder fragt, wer Artur Becker war oder was das Vermächtnis von Werner Seelenbinder sein könnte und ob ihnen Ernst Busch was sagt, sind sie raus.
Die Auffälligsten unter ihnen geben sich vordergründig antifaschistisch, brüllen aber „Slawa Ukraina“, ohne sich, genau wie Grüne, CDU oder SPD, für den Bandera-Kult aus Kiew und die Hakenkreuze und Wolfsangeln zu interessieren, die man auf die von uns finanzierten ukrainischen Panzer druckt. Wer für deutschen Frieden mit Russland wirbt, wird von jenen, bis in die Parteispitze hinein, schnell mal Faschist genannt oder „rechtsoffen“ und mir fällt dann immer Bertolt Brecht ein, der einst schrieb: „Unsichtbar wird die Dummheit, wo sie am größten ist“.
Zusammenhalt? Die gleiche Parteigeneration, die vor ein paar Jahren Gregor Gysi auf dem Parteitag durch Pfeifen und Buhen am Sprechen hinderte, weil seine Rede nicht gegendert war, streicht ihm jetzt in Wahlwerbevideos über den Kopf mit dem Slogan „Die Linke wählen, damit unsere Zukunft noch glänzender wird, als Gregors Glatze“. Ganz großes Kino!
Und ich, der auch Einladungen der DKP, des BSW und konservativer Strömungen der PdL folgt, für Frieden, Antifaschismus, Vernunft und soziale Gerechtigkeit zu singen, und trotzdem vor allem an die Idee einer „Unidad popular“ glaubt, wie es sie einst in Chile unter Salvador Allende gab, werbe immer wieder für eine linke politische Bildung, die meiner Meinung nach sogar parteiübergreifend angelegt werden müsste. Schon weil sie an den Schulen nicht mehr angeboten wird. Die Bundeszentrale für politische Bildung diktiert Folgendes auf ihrem Internetportal: Während in der Bundesrepublik die „Vergangenheitsbewältigung“ ein ständiger Prozess war, erklärte die SED diese mit der „antifaschistischen Umwälzung“ für beendet. Und das ist nur die Überschrift! Beflissene Lehrer geben das unseren Abiturienten zur Ausarbeitung von Vorträgen an die Hand und wie wenige Schüler gibt es, die das zu Hause hinterfragen?
Als ich bei der Landtagswahl 2021 die „Wagenknechtianer“ in der LINKEN mit meiner parteilosen Direktkandidatur zu unterstützen versuchte, lautete der große Wahlslogan der Partei DIE LINKE „1000 Lehrer mehr in MV!“ und meine erste Rückfrage hieß: Tausend Lehrer mehr, die dann das Falsche lehren?? Fünf Jahre sind vergangen, in denen DIE LINKE und SPD hier in MV regieren. Eine rot-rote Landesregierung. Wirklich? Ohne Widerspruch gegen solche Narrative der Bundeszentrale für politische Bildung?
Meine Gedanken springen zurück zu „Slawa Hakenkreuz und Wolfsangel“. Aus Schwerin höre ich solcherlei nicht, aber ich höre auch nichts dagegen. Die Parolen kommen aus Berlin und MV schweigt. Aber es schweigt nicht tatenlos. Meine kritischen Anmerkungen dazu und sicher auch mein hoffnungsgeladenes Engagement für das 2024 gegründete BSW haben bei der PdL-MV zu meiner Wegsortierung geführt und zwar ohne jede Auseinandersetzung. Ein Freund und PdL-Spitzenpolitiker in MV, den ich letztes Jahr bei seiner Bürgermeisterkandidatur unterstützen wollte, wagte mein Angebot nicht anzunehmen, weil ihm sonst „seine Fraktion um die Ohren flöge“. Gewählt wurde er nicht. Dabei hatte ich doch 2024 eine angetragene Mitgliedschaft ins BSW ausdrücklich mit der Begründung ausgeschlagen, die Brücken zu den anderen linken Parteien erhalten bzw. errichten helfen zu wollen. Und dazu stehe ich bis heute!
Ich selbst sähe das Parteiensystem gern abgeschafft – aber solange es existiert, bin ich für die Suche nach einem parteiübergreifend kleinsten gemeinsamen Nenner aller Linksdenker, bin für ein gemeinsames linkes Streiten mit- und füreinander. Ein Vorschlag wäre die Bildung eines parteiunabhängigen linken Rates, runden Tisches, Gremiums, wo Bildungsstrukturen aufgebaut und in Notsituationen sogar Bündnisse geschlossen werden können! Wo sich linke Delegierte mit und ohne Parteiausweis regelmäßig treffen, um verbindende Themen zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu finden, Beschlüsse zu fassen, Kommuniqués zu verabschieden. Macht Euren Wahlkampf, besteht auf die Unterschiede in Euren Haltungen, konkurriert miteinander. Aber gebt, besonders, wenn Ihr Politiker sein wollt, nicht auf, das Verbindende zwischen Euch zu entdecken.
Der Beruf des Politikers wurde dafür erfunden – das Verbindende zu finden. Und ihr wollt obendrein linke Politik machen, also humanistische, den Menschen zugewandte Politik. Darum, ich bitte Euch, wendet Euch nicht zuletzt auch einander zu. Nicht erst in der Not! Nicht erst nach der Apokalypse!
Seht nicht nach der Karriereleiter, seht gemeinsam in die Vergangenheit!
Organisiert gemeinsam Strukturen für linke politische Bildung und für aktionseinheitliche Bündnisse.
Denn denk’ ich an Deutschland in der Nacht, so will es mir scheinen, als würden wir beides schneller brauchen, als uns lieb sein kann.
Tino Eisbrenner, März 2026
Titelbild: Elena Dmitrieva
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