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Titel: Das Biotechnologie-Unternehmen BioNTech – eine ökonomische Supernova kurz vor dem Verglühen?

Datum: 21. März 2026 um 14:00 Uhr
Rubrik: Ökonomie, Gesundheitspolitik
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Eine Supernova (Lateinisch: stella nova; neuer Stern) ist das kurzzeitige, extrem helle Aufleuchten eines Sterns am Ende seiner Lebenszeit.[1] Die Leuchtkraft nimmt dabei millionen- bis milliardenfach zu, der Stern wird für kurze Zeit so hell wie eine ganze Galaxie und schleudert Materie sowie schwere Elemente ins Weltall. Dass das Mainzer Biotechnologie-Unternehmen BioNTech eine Supernova ökonomischer Natur sein könnte, dafür mehren sich gerade die Anzeichen. Nachdem das Unternehmen seit seiner Gründung 2008 kaum nennenswerte Erlöse erzielte, begann mit Corona der kometenhafte Aufstieg zu einem Global-Player mit Multimilliarden-Umsätzen. Doch nun prägen Rücktritte, Anteilsverkäufe und Milliardenverluste das Bild. Folgt nun die Implosion des einstigen Shooting-Stars? Von Thomas Trares.

Klar ist, bei BioNTech überschlagen sich gerade die Ereignisse. So haben die beiden Gründer und Vorstandsvorsitzenden, das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci, in der vergangenen Woche ihren Rückzug aus dem operativen Geschäft angekündigt. „BioNTech geht in die nächste Lebensphase und bereitet sich auf ein industrielles Pharmamodell vor. Das ist notwendig und sinnvoll – aber nicht das, wofür unser Herz schlägt. Wir haben BioNTech von einem Start-up bis hierhin aufgebaut und unsere besonderen Stärken in der Forschung eingesetzt. Jetzt müssen andere Kräfte und Expertisen an Bord geholt werden“, sagte Türeci in einem Interview mit dem Handelsblatt. [2] An BioNTech wollen die beiden Gründer aber beteiligt bleiben – gemeinsam halten sie rund 15 Prozent der Anteile.

Milliardenverlust im vergangenen Jahr

Ebenfalls in der vergangenen Woche hat BioNTech den Jahresabschluss 2025 veröffentlicht. Dabei wurde deutlich, dass der anvisierte Übergang von einem Forschungs-Start-up zu einem Pharma-Großunternehmen sich mehr als holprig gestaltet. So weitete sich der Nettoverlust im vergangenen Jahr auf 1,1 Milliarden Euro aus, nach 665 Millionen Euro 2024. Zudem brach im vierten Quartal der Umsatz um knapp 24 Prozent auf gut 907 Millionen Euro ein. Dass es im Gesamtjahr dennoch ein Plus von gut vier Prozent auf 2,9 Milliarden Euro gab, lag allein an der Partnerschaft mit dem US-Pharmakonzern Bristol Myers Squibb. Schwach war dann auch noch der Ausblick auf 2026. So rechnet BioNTech nur noch mit einem Umsatz von 2,0 Milliarden bis 2,3 Milliarden Euro, das wären 20 bis 30 Prozent weniger als 2025. [3]

Nur einen Tag nach Veröffentlichung der Zahlen hat BioNTech-Vorstand Sierk Pötting dann eigene Aktien im Wert von sieben Millionen Dollar verkauft – ein weiteres, ebenfalls nur wenig vertrauenserweckendes Signal. Um zu beschwichtigen, erklärte BioNTech kurz danach, Pötting habe seine Verkaufsabsicht schon im November 2025 bei der Börsenaufsicht eingereicht. Die Entscheidung habe in keinem Zusammenhang mit dem am 10. März bekanntgegebenen geplanten Vorstandswechsel gestanden. [4] Dennoch, die BioNTech-Aktie reagierte auf all diese Nachrichten mit deutlichen Kursverlusten, in der Spitze waren es 20 Prozent. Aktuell notiert das Papier noch etwa zehn Prozent niedriger als vor der Rücktrittsankündigung.

Lebenszyklus einer Supernova

Damit mehren sich die Zeichen, dass der Lebenszyklus von BioNTech dem Entstehen und Vergehen einer Supernova gleicht. Nachdem das Unternehmen nach seiner Gründung im Jahr 2008 zunächst ein Schattendasein fristete, änderte sich dies in der Coronakrise schlagartig. BioNTech hatte zusammen mit seinem US-Partner, dem Pharmakonzern Pfizer, den Impfstoff „Comirnaty“ auf den Markt gebracht, es war das meistverkaufte Medikament überhaupt. Nach Erlösen von 482 Millionen Euro im Jahr 2020 schossen ein Jahr später die Umsätze geradezu durch die Decke. [5] Fast 19 Milliarden Euro waren es 2021, der Gewinn bezifferte sich auf sagenhafte 10,3 Milliarden Euro. Das entspricht einer Umsatzrendite von über 50 Prozent, ein Wert, der sonst nur mit Glücksspiel, Drogenhandel oder Prostitution erzielt wird. 2022 dann ein ähnliches Bild. Bei einem Umsatz von 17,3 Milliarden Euro strich BioNTech einen Gewinn von 9,4 Milliarden Euro ein.

Was diese Zahlen konkret zu bedeuten haben, verdeutlicht die Anekdote rund um Sebastian Dullien. Als wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) analysiert er für gewöhnlich die Entwicklung gesamtwirtschaftlicher Größen wie die Industrieproduktion oder den privaten Verbrauch. Um einzelne Unternehmen kümmert er sich jedoch nicht. Im August 2021 war dies jedoch anders. Dullien war gerade dabei, die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr zu erstellen, da fielen ihm die BioNTech-Zahlen auf. Dullien fand heraus, dass allein der Umsatzsprung bei dem Mainzer Unternehmen ein Achtel des deutschen Wirtschaftswachstums ausmachte. „Ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem ein Unternehmen einen solchen Einfluss auf das deutsche BIP hatte“, sagte er. [6] Es war sozusagen der Supernova-Moment von BioNTech, ein Unternehmen überstrahlte all die anderen um ein Vielfaches.

Aufstieg zu den reichsten Deutschen

Die exorbitant hohen Gewinne waren allerdings nicht die einzige statistische Auffälligkeit rund um BioNTech. So sind Sahin und Türeci 2021 quasi aus dem Stand in die Riege der reichsten Deutschen aufgestiegen. Nach der Kursexplosion der BioNTech-Aktie bezifferte sich ihr Vermögen auf 13,5 Milliarden Euro. [7] Noch steiler war der Aufstieg der Zwillingsbrüder Andreas und Thomas Strüngmann, die zusammen 50 Prozent an BioNTech halten. Die Beiden hatten in den achtziger Jahren den Generika-Hersteller Hexal aufgebaut und 2005 für 5,65 Milliarden Euro an den Schweizer Pharmakonzern Novartis verkauft. Den Erlös investierten sie in Neugründungen im Biotech- und Gesundheitssektor, unter anderem in BioNTech. Im Jahr 2021 kamen sie dann auf ein Vermögen von je 24 Milliarden Euro. In der jährlich vom Manager Magazin herausgegebenen Liste der reichsten Deutschen schossen sie damit auf Platz sechs empor. [8]

Der Aufstieg von BioNTech ist allerdings auch einem besonderen Engagement staatlicher Stellen zu verdanken. Ein Beispiel dafür ist das Sonderprogramm zur Beschleunigung der Entwicklung von Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 vom September 2020. Die Bundesregierung hatte in diesem Rahmen 375 Millionen Euro für BioNTech lockergemacht. Die Gelder wurden als nicht rückzahlbarer Zuschuss gewährt, das heißt de facto verschenkt. Der „NachDenkSeiten“-Chefredakteur Jens Berger wies in seinem Buch „Wem gehört Deutschland“ darauf hin, dass BioNTech damit mehr Zuschüsse vom Bund für die Impfstoffentwicklung bekam, als das Unternehmen in seiner Bilanz als sachbezogene Aufwendungen für die Corona-Impfstoffentwicklung verbuchte. „Man kann anhand dieser Zahlen also schlussfolgern, dass der gesamte BioNTech-Anteil der Forschungs- und Entwicklungskosten durch die Allgemeinheit finanziert wurde“, schrieb Berger. [9]

Der Pfizer-Skandal

Der eigentliche Skandal ist jedoch der Impfstoffvertrag, den BioNTechs früheres Partnerunternehmen, der US-Pharmakonzern Pfizer, mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen 2021 ausgehandelt hatte. Es ging dabei um 1,8 Milliarden Dosen Comirnaty und ein Auftragsvolumen von rund 35 Milliarden Euro. Es war der größte Kaufvertrag, den die EU je mit einem einzelnen Unternehmen abschloss. Das Geschäft galt als vollkommen überteuert und überdimensioniert. [10] Der Belgier Frédéric Baldan warf von der Leyen in dem Zusammenhang Amtsanmaßung, Vernichtung öffentlicher Dokumente und Korruption vor. Seine Klage wurde jedoch im Januar 2025 von einem Berufungsgericht in Lüttich abgewiesen. [11] In einem anderen Verfahren entschied das EU-Gericht in Luxemburg, dass die EU den Zugang zu den SMS-Nachrichten, die von der Leyen mit Pfizer-Chef Albert Bourla ausgetauscht hatte, zu Unrecht verweigert. Konsequenzen hatte dies bis heute jedoch keine. [12]

Welche Konsequenzen das Ausscheiden von Sahin und Türeci für BioNTech hat, ist ebenfalls noch offen. Klar ist, dass die Lage trotz des Milliardenverlusts im vergangenen Jahr (noch) nicht existenzbedrohend ist. Dafür sorgen allein schon die hohen Barreserven von 17 Milliarden Euro, die BioNTech in der Corona-Krise aufgehäuft hat. Das Geld investiert das Unternehmen vor allem in die Erforschung neuer Krebsmedikamente. Doch noch ist keines davon auf dem Markt, der Corona-Impfstoff Comirnaty ist somit nach wie vor das einzige Produkt, mit dem BioNTech jemals Geld verdient hat.

Übernahmekandidat BioNTech?

Gegenwärtig regiert bei BioNTech also vor allem das Prinzip Hoffnung. Deswegen gibt es nach den Ereignissen der vergangenen Woche nun einige Stimmen, die in dem Mainzer Unternehmen einen potenziellen Übernahmekandidaten sehen. Der Analyst Emmanuel Papadakis von Deutsche Bank Research etwa bezeichnete BioNTech kurz nach der Rücktrittsankündigung als „interessanteres Ziel für Pharmakonzerne“. [13] Und auf dem Portal „ESG-Aktien“ war zu lesen: „Was bei BioNTech lange ausgeschlossen schien, wirkt plötzlich nicht mehr völlig abwegig: eine Übernahme.“ [14] Sollte dieser Fall tatsächlich eintreten, wäre die Supernova BioNTech dann wohl endgültig erloschen.

Titelbild: Screenshot Tagesschau



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