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Titel: Medial widerspruchslos verbreiteter Irrsinn: Gebt dem Land eine Zukunft – mit Satelliten und Rüstungsgütern

Datum: 24. Juni 2026 um 14:00 Uhr
Rubrik: Aufrüstung, Medienkritik, Wirtschaftspolitik und Konjunktur
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Normal scheint inzwischen zu sein, braven Bürgern die Militarisierung unserer Gesellschaft Tag für Tag ohne Einspruch und Bedenken zu verklickern. Die „Normalität“ erlebt Bürger selbst bei kleinen Alltagsmomenten, beim Kauf einer Tageszeitung zum Beispiel. Die Sächsische Zeitung an einem Kiosk mitnehmen ist das eine, man will ja informiert sein. Die Schlagzeile „Freistaat ruft Space Saxony aus“ lesen ist das andere. Bei der Lektüre unverdächtig sachlich wirkender Zeilen fällt dem Leser womöglich das Schwärmen der Redaktion für den Umbau einer Industrielandschaft in einen Kriegswirtschaftsstandort gar nicht auf. Patriotisch wird er meinen: Endlich geht es aufwärts. Im Ernst? Ein Zwischenruf von Frank Blenz.

Rüstung statt Autos

Mein Zuhause. Mein Thema. Die Sächsische Zeitung (SZ) wirbt mit diesen zwei kurzen Sätzen ganz oben auf ihrer Titelseite für ein Gefühl der Verbundenheit mit der Region und den Menschen. Klingt gut. Weniger gut ist, dass die SZ (Partner des RedaktionsNetzwerks Deutschland) wie viele Publikationen des Medienmainstreams stramm im Gleichschritt der Order Militarisierung ohne Widerspruch folgt. Die SZ-Beiträge sind harmlos wie geschickt geschrieben, sachlich und fest im Standpunkt. Man könnte sagen, sie sind vorab „eingeordnet“, damit der Leser ja nicht auf den Gedanken kommt, etwa Zweifel am eingeschlagenen Kurs zu hegen. Und wer kann schon etwas dagegen haben, wenn die Autorin des Artikels „Weltraum statt Auto …“ schreibt:

Sachsen zielt auf den Weltraum. Die Idee von „Space Saxony“ soll dem Industrieland Zukunft geben, auch weil die Autobranche schwächelt.

Zugegeben, die Autobranche in Sachsen kriselt, das ist aber hausgemacht (die SZ ficht das nicht an), denn großen Konzernen wie VW reicht die Rendite, die im östlichen Freistaat herauszuholen ist, wohl nicht. Dafür klotzt Volkswagen weit weg in Fernost und hat die Marktführerschaft in China zurückerobert. Die ostdeutsche Politik wendet sich halt vom Autobau ab, Satellitentechnik und Rüstungsgüter sollen es richten. Die SZ winkt die Aussage von Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) durch, dass Weltraumtechnologie und Verteidigungsindustrie „Ersatz“ schaffen könnten, der Plan lautet „Space Saxony“.

Klingt cool: „Space Saxony“ – doch die Richtung ist gefährlich und alles andere als visionär

Weil die SZ ja in der Oberüberschrift „Mein Thema“ stehen hat, stellt sie folglich auch fest, dass die Ost-Regierungschefs beim Thema Rüstung wie beim Thema Weltall jetzt auch an einem Strang ziehen. Das ist doch klasse, nicht wahr? Sachsen hat beim Thema „Space Saxony“ vor allem die Bundeswehr im Blick. Dort gibt es ordentlich was zu holen. Die SZ erläutert den Grund:

… die dank Ausnahme von der Schuldenbremse viel Geld in Ausrüstung und neue Fähigkeiten investiert.

Und weiter wird im Osten durchgeatmet. Jetzt geht’s los, der Osten ist nicht mehr Stiefkind, wird der brave Leser jubeln, weil:

Auch für die Bundeswehr führt an Dresden und an Silicon Saxony kein Weg vorbei. Sie geht dort hin, wo die Zukunft von Mikroelektronik und Informationstechnik spielt.

Tatsächlich wird an einem Riesenprojekt mit mindestens 100 Satelliten gearbeitet. Die Bundeswehr will künftig ein eigenes System ins All schießen. Und so könnte Sachsen ein großes Stück vom Aufrüstungskuchen abbekommen.

Die SZ hofft schon in der zweiten Überschrift, dass die Rüstung dem Industrieland Sachsen „eine Zukunft geben soll“. Im sächsischen Vogtland wird auch gehofft, hat doch der Bremer Satellitenhersteller und Rüstungsproduzent OHB dort einen Standort in Schöneck erworben. Im NDS-Artikel vom Oktober 2025 jubelte der Schönecker Bürgermeister, dass OHBs Engagement ein kleiner Schritt für ihn als Bürgermeister sei und ein großer Schritt für die kleine Stadt und sogar das ganze Vogtland. Ein anderer Mitspieler, ein Bundeswehrprofessor, führte noch wichtigtuender aus, dass es gemeinsam gelingen möge, den entscheidenden Schritt für Sachsen hin zu einer neuen Industrie zu gestalten, auf dass dieser Aufbruch beginnen möge.

Da warten ja schöne Zeiten auf uns. Vielleicht brauchen dann die Bürger den Gürtel nicht mehr enger schnallen und es beginnen sogar wieder fette Jahre?

Keine Autos, keine Eisenbahnwaggons – dafür Rüstung: Was für Zukunftsaussichten

Im NDS-Beitrag schrieb ich im Januar:

Wohin das Auge blickt, die zivile Wirtschaft wird in eine Kriegswirtschaft verwandelt. Das Drama wird dem Volk als alternativlos und wirtschaftlich sinnvoll verkauft. Mit Autos, Waggons oder Radiogeräten werde halt viel weniger Geld verdient als mit Panzern und Komponenten für die Rüstung. Arbeitsplätze würden geschaffen – wie im sächsischen Görlitz. Dort beginnt nach Regie bellizistischen Wahnsinns eine neue Zeit. Zeitenwende eben. Nach 175 Jahren schließt der Waggonbau Görlitz. Verkauft an den deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS, wird dieser ein Ort der Panzerproduktion. Erste Rüstungsgüter wurden produziert. Künftig werden statt Eisenbahnwaggons Teile für den Kampfpanzer Leopard 2, den Schützenpanzer Puma, den Radpanzer Boxer hergestellt – was für Zeiten. Zukunftsweisende nicht!

Während die SZ die Leserschaft auf Linie bringt, machen sich SPD-Schreiber Sorgen

Lesen bildet, heißt es immer so schön, Zeitunglesen ist gut dafür, sich zu informieren. Doch gerade in diesen Zeitenwende-Zeiten fühle ich mich als Leser von den Medienleuten oft geradezu verachtet. Warum wird für irrsinnige militärische Projekte geworben? Ja – geworben! Sie sollen unsere Zukunft sein, in sie soll massiv viel Geld gesteckt werden? Die Bundeswehr ist der große Geber, wo doch das ihr zur Verfügung gestellte Geld unser Geld ist. Vor allem schmerzt, was damit nicht gemacht wird und was das für Folgen hat. Was ich in der SZ nicht lesen konnte, fand ich beim Online-Recherchieren im SPD-Parteiorgan Vorwärts:

Rote Zahlen, wohin man schaut: Deutschlands Kommunen stecken in einer tiefen Finanzkrise. Das bedroht nicht nur Schwimmbäder, Buslinien oder Kultur – sondern das Vertrauen in die Demokratie selbst.

Schon stellte sich mir der Zusammenhang ein, das Gegenüberstellen von Vor- und Nachteilen wurde mir offenbar, jedoch durch mein eigenes Stöbern und nicht dank der Sorgfalt und des gesunden Misstrauens journalistischer Akteure. Da wird für Satelliten geschwärmt und Rüstung als Zukunftsverheißung, während die Zivilgesellschaft in die Knie geht. Wir werden einst hochgerüstet sein, die Profiteure werden Tag für Tag feiern und die Demokratie wird Geschichte sein. Und weiter las ich:

Denn um eine gute Idee umzusetzen, braucht es oft Geld – sei es, um ein Stadtfest auf die Beine zu stellen oder um den kaputten Rasen des örtlichen Fußballvereins auszubessern. Genau diese finanziellen Mittel fehlen in den meisten Kommunen. Schlimmer noch: Sie müssen bestehende Angebote zusammenstreichen.

Schließlich sind weitere Sätze nur noch ein Kopfschütteln wert, spricht doch gerade ein Vizekanzler Dinge aus, die er und seine politische Klasse seit Jahr und Tag zu verantworten haben und ändern könnten, gäbe es diesen berühmten politischen Willen.

Sogar Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) weiß, welche Erfahrung die frisch ins Amt gewählten Mandatsträger*innen im Rathaus häufig machen: „Dann gehst du da als junger Mensch rein und die erste Entscheidung, die du treffen kannst, ist, ob du das Schwimmbad oder die Stadtbücherei zumachst.“

Die Demokratie stärke das nicht, meint Klingbeil – und hat recht.

Im Artikel der SZ lernte ich, dass der politische Wille bei der Rüstung wie selbstverständlich überaus aktiv vorhanden ist, im richtigen Leben jedoch nicht, wie Vizekanzler Klingbeil treffend beschreibt. Ist das nicht alles irre?

Titelbild: MeshCube / Shutterstock


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