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Titel: Krankschreibung ab Tag 1 – ein Schuss ins eigene Knie
Datum: 3. Juli 2026 um 11:30 Uhr
Rubrik: Gesundheitspolitik
Verantwortlich: Jens Berger
Friedrich Merz hält die Deutschen bekanntlich für faule Blaumacher. Nun will er den angeblich explodierenden Krankenstand senken, indem die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden soll und Arbeitnehmer künftig bereits für den ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von ihrem Arzt einreichen müssen. Selbst wenn man einmal die echten Krankheitsfälle herauslässt und sich nur auf die „Blaumacher“ konzentriert, ist dies eine kontraproduktive Schnapsidee. Ein Kommentar von Jens Berger.
Nachdem die neue Regelung gestern bereits in zahlreichen Medienberichten von Vertretern der Ärzteschaft bis hin zu Ricarda Lang scharf kritisiert wurde, möchte ich auf die bereits genannten, offensichtlichen Kritikpunkte gar nicht mehr eingehen. Nur so viel: Telefonische Krankschreibungen machen in Deutschland rund ein Prozent der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus. Wir haben es also mit einem Randphänomen zu tun, das eher geeignet ist, um auf emotionaler Ebene zu wirken. Klar, wer kennt ihn nicht, den notorischen Blaumacher, der keine Lust aufs Büro hat und sich lieber am Telefon krankmeldet und Siesta macht? Nun gut, auch wenn Sie diese fleischgewordene Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral nicht persönlich kennen – da ja so viel über ihn gesprochen und geschrieben wird, muss es ihn ja geben.
Da es schon lange her und strafrechtlich sicher längst verjährt ist, kann ich es ja zugeben: Als ich noch jung war, gab es auch – wenn auch selten – Tage, an denen ich mir – freundlich formuliert – meine vorhandenen Zipperlein ein wenig größer eingeredet habe, als sie waren und den Vormittag dann doch lieber im Bett als im Büro verbracht habe; und ja, meist war ein feuchtfröhliches Treffen mit Freunden und nicht ein böses Virus der eigentliche Grund dafür. Mea culpa. Ich hoffe, das Bruttosozialprodukt kann mir vergeben. Hatte ich ein schlechtes Gewissen? Jein. Ob es dem Arbeitgeber so viel weiterhilft, wenn ich nun verkatert und demotiviert im Büro meine Zeit absitze? Am nächsten Tag ging’s ja wieder bestens gelaunt ins Büro und meine Motivation war wie neu geboren. Ratschlag an alle Kinder: Bitte nicht nachmachen, der Herr Berger ist kein Vorbild für Euch.
Wäre es für die Volkswirtschaft besser gewesen, wenn ich mir damals einen gelben Schein vom Arzt hätte besorgen müssen? Meines Erachtens nicht. Rein anekdotisch habe ich da nämlich ganz andere Erfahrungen. Immer wenn ich – was zum Glück sehr selten vorkam – mal wirklich erkrankt war, mir zum Beispiel einen grippalen Infekt oder eine lästige Magenverstimmung eingefangen habe, und mir tatsächlich eine Krankschreibung vom Arzt holen musste, wurde ich deutlich länger krankgeschrieben, als es eigentlich nötig war.
Wer kennt es nicht? Man fühlt sich schlapp, die Nase trieft, der Verstand arbeitet auf Sparflamme. Man hört in sich rein und ahnt, dass es besser wäre, den Tag auf der Couch zu verbringen und sich erst einmal auszukurieren. Vielleicht geht es einem morgen besser; ganz sicher aber übermorgen. Schlaf ist die beste Medizin. Und in einem gut aufgestellten Betrieb wird die Welt schon nicht untergehen, wenn man sich mal ein oder zwei Tage auskuriert. Man will die lieben Kollegen ja auch nicht anstecken.
Doch diese Eigendiagnose grenzt wohl schon fast an Selbstausbeutung. Immer wenn ich wegen solcher eher leichten Maläsen bei meinem Arzt war, wurde ich dann erst mal mehrere Tage, meist eine ganze Woche, krankgeschrieben. Medizinisch ist das sicher gar nicht mal zu kritisieren. Aber es war nie so, dass ich diese längere Auszeit auch wirklich benötigte. Und bitte nicht falsch verstehen: Mir geht es hier nicht um schwere Erkrankungen, sondern um die kleineren Erkältungen und Zipperleins, die zumindest nach meinem Eindruck einen Großteil der Krankschreibungen ausmachen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Mit der Möglichkeit, sich selbst mal einen Tag Auszeit zu nehmen und sich auszukurieren, sinkt der Krankenstand nicht, sondern er steigt. Warum? Weil man gezwungen ist, zum Arzt zu gehen, der einen dann nicht einen Tag, sondern gleich mehrere Tage krankschreibt. Das sagt zumindest die empirische Evidenz.
Und wie sieht es mit den Blaumachern aus? Wird ihnen dadurch das schäbige Handwerk gelegt? Ach was. Ich kenne die Geschichten doch von früher. Da hat man sich unter der Hand Tipps gegeben, zu welchem Arzt man gehen soll. Geh mal lieber nicht zu Dr. X, der schreibt einen immer nur drei Tage krank. Dr. Y. ist besser, bei dem gibt’s immer eine Woche, wenn man sagt, man hätte Kopfschmerzen und Durchfall.
Fassen wir zusammen: Die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag bringt nichts gegen Blaumacher, verlängert den Krankenstand bei der großen Mehrheit der Gesunden, die hin und wieder mal eine kleinere Krankheit auskurieren müssen, und schädigt ganz besonders diejenigen, die wirklich gesundheitlich angeschlagen oder gar chronisch krank sind, weil sie nun noch länger im Wartezimmer sitzen müssen, da die Ärzte ja nun voll damit ausgelastet sind, eigentlich unnötige Krankmeldungen für Menschen auszustellen, die sich viel lieber selbst kurieren würden. Ein Schuss ins eigene Knie, der nur Friedrich Merz dabei hilft, seinen Dämon vom faulen Deutschen zu bekämpfen. Vielleicht sollte man besser ihn erst mal für längere Zeit krankschreiben.
Titelbild: Chaikom/shutterstock.com
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