Startseite - Zurück - Drucken

NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: „Mit Dir sind wir viele“, sagt die Bundeswehr im Aufrüstungsmodus – wie wäre es, viele für Abrüstung und nachhaltigen Frieden zu begeistern?
Datum: 12. Juli 2026 um 12:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech
Verantwortlich: Redaktion
Das Land befindet sich im Ausnahmezustand, auch weil viele Menschen diesen als solchen immer noch nicht wahrnehmen. Dieser Zustand kommt gar unauffällig lässig daher, mit großformatigen Stadt-Postern, auf denen die Bundeswehr für ihren YouTube-Kanal wirbt. „Mit Dir sind wir viele“, sprechen gewiefte Strategen junge Leute an, die womöglich dazugehören wollen – zur Bundeswehr: Karriere, sicherer Arbeitsplatz, Gemeinschaft. Verschwiegen wird, das die Rekrutierungsaktivitäten Teil der fortwährenden, ungebremsten Aufrüstung und Militarisierung unserer Zivilgesellschaft sind. Statt solche Plakate in unsere Stadtbilder zu kleben, ist es längst Zeit, andere Poster zu platzieren. Ein Vorschlag ist am Ende dieses Beitrages zu finden. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.
Menschenfang mit Postern à la Hollywoods „Top Gun“
Da laufe ich kürzlich so die Friedensstraße (!) meiner Heimatstadt Plauen entlang. In Höhe der Friedensbrücke (die Ende des Zweiten Weltkrieges von US-Fliegerbomben schwer getroffen wurde) schaue ich an einer Ampelkreuzung auf eine Werbewand. Das Plakat daran sieht wie ein Filmposter à la „Top Gun“ aus. Doch statt Tom Cruise und Kameraden ist eine Gruppe junger Deutscher im Lichte eines Sonnenuntergangs zu sehen, das durch das noch offene Riesentor eines Hangars scheint. Tatsächlich sind es Bundeswehrsoldaten und welche, die – noch in Zivilkleidung – an dem Abend ihren Dienst antreten. Die Erläuterungen liefert die Überschrift. Statt Generation Z sieht der Passant die Generation Wehrdienst.
Die Ansage „Mit Dir sind wir viele“ ist die Aufforderung, mitzumachen beim Aufrüsten, Personalaufstocken, Ertüchtigen. Gemeinsam sind wir stark. Das Plakat wirbt für eine neue Serie, eine, die man streamen kann – eine, die fetzt. Bei YouTube jetzt statt Musikvideos solche, wo die Bundeswehr mal so nah und vertraut wie möglich dargestellt wird. Lange Jahre gab es derlei Werbung der Bundeswehr nicht, wurde Personalgewinnung auf sachlichen Wegen realisiert. Damals schon war die Armee groß, zu groß, jetzt haben sich dieser Zustand und der Plan der Vergrößerung nicht verbessert. Nirgends höre ich ein Wort, die Armee generell infrage zu stellen. Stattdessen gibt es Videoclips und YouTube-Feeling. Die Anmoderation auf der Seite lautet:
Der neue Wehrdienst, wie ihr ihn sonst kaum zu sehen bekommt: ungefiltert, direkt und nah dran. Zwischen Druck, Teamgeist, Routine und neuen Herausforderungen kriegt ihr in der Serie zu sehen, was Rekrut:innen vom ersten Antreten an wirklich erwartet.
Generation Wehrdienst – was hat sie für eine Zukunft, wenn das so weitergeht?
Der Wehrdienst ist also neu (was ist da eigentlich neu daran?). Die Neuen heißen politisch genderkorrekt Rekrut:innen. Wie bei der Fußballnationalmannschaft wird der Teamgeist beschworen. Ja klar, ist auch gut so, Druck gibt es dort, die Armee ist schließlich kein Zuckerschlecken, da herrschen Ordnung, Disziplin, Befehlskette, das hat noch keinem jungen Menschen geschadet, fallen mir bekannte wie unsägliche Worte alter weißer Männer und Frauen ein. Das Töten und Sterben, das Verletzen mindestens, die Rückkehr und das Trauma nach der Schlacht bleiben außen vor, als wäre Armee ein Spiel, ein Game, wie heute geredet wird, wie im Film geschieht das. Kampagnen, die darauf abzielen, junge Menschen für die Bundeswehr zu gewinnen, gibt es viele, geduldig immer und immer wieder aufgelegt. Und das geschieht nicht nur mit Plakaten und Filmchen. Viel Geld steht bereit, landesweit Postkarten an die Haushalte zu verschicken, in denen heranwachsende Kinder leben – Postwurfsendungen, die jährlich laut Bundeswehr an die 600.000 Jugendliche erreichen.
Und das Bild runden dann durch größere Städte fahrende Straßenbahnen mit fetzigen Bundeswehrmotiven ab. Schließlich erfahren die jungen Leute und ihre Eltern auch tagtäglich durch unsere geschätzten Medien und via Internet, wie das Land fit gemacht wird oder dass der Bundeshaushalt von unserer Bundesregierung ordentlich modifiziert wird. Beim Militär wird dann folglich ordentlich geklotzt, wir sind ja wieder wer – an anderer Stelle muss gespart werden. Und Du, ja Du, junger Mensch kannst dabei sein, verabschiede Dich von der Generation Z und mach´ mit bei der Generation Wehrdienst.
2030. Spätestens dann wird es vielleicht Ernst werden, grübeln jetzt schon manche, die beim großen Game mitmachen, Perspektive erhoffen. Die Bundeswehr bietet schließlich sichere Jobs. Bei Stichworten wie Auslandseinsatz, Ostflanke, Front, Marschbefehl wird einem doch etwas mulmig. Doch keine Sorge, die Bundeswehr bedeutet nur Verteidigung, Abschreckung, Säbelrasseln, Bereitsein, um nie auszurücken. Wirklich? Und so überlegen junge Leute, die vielleicht Soldaten werden wollen, doch, ob wir das mit der Armee so, wie das alles gerade abläuft und befeuert wird, wirklich brauchen. Ob es wirklich Feinde gibt. Okay, einen gibt es: Russland. Und der steht ja bald vor den Toren Berlins. Oder doch nicht?
Plakate für die Armee – Wo sind die Plakate für Frieden, wo sind die Leute, die protestieren?
600.000 Jugendliche (Jahr für Jahr) erhalten Post von der Bundeswehr. Spätestens dann kommt den Heranwachsenden der Ernst des Lebens näher und vielleicht in den Sinn, dass das alles sinnlos ist. Sie werden sich umschauen und vielleicht von Verwandten, Bekannten, Freunden, den Menschen in ihrer Umgebung etwas von Widerspruch hören. Sie werden aber auch registrieren, dass der Wind des Widerstandes gerade immer noch eher lau weht, der Einsatz für Frieden und Abrüstung, die Einsprüche eher leise sind und/oder von den großen Medien ausgesessen und verschwiegen werden.
Wie stellt man das an, Widerstand zu leisten und nein zu sagen? Indem man es macht. Schulen, Universitäten, Rathäuser, Klubhäuser, Kirchen, Vereinsheime, Firmen sind alles Orte, wo Menschen zusammenkommen und tätig sind. Aus diesen ist landesweit bis heute nicht zu hören: Haltet ein, rüstet ab, wir brauchen keine Armee der Hunderttausenden Soldaten und Soldatinnen! Es wäre einfach und so notwendig: Studentenschaften, Schüler, Lehrer, Pfarrer, Gewerkschafter, Kommunalpolitiker, Vereinsmitglieder, Künstler – die Liste ist unvollständig: Sie sollten an ihrem Platz den Mund aufmachen! In meiner Heimatstadt Plauen wurde dieser Tage am Rathaus eine Fahne für den Frieden gehisst. Gut. Vor Wochen fand in vielen Kommunen des Landes eine Aktion unter dem Titel „Kommunen am Limit“ statt. Deutsche Bürgermeister beklagten die desolate, ja katastrophale Lage der Städte und Gemeinden. Sie forderten Veränderung. Richtig. Sie beklagten die Aufrüstung, die dahinter schwelende Kriegssehnsucht nicht.
Wo bleibt die Debatte über eine utopisch scheinende wie geniale Idee?
Wozu sind Kriege da, sangen fragend einst ein kleines Mädchen und ein deutscher Rockmusiker. Die Antwort bleibt die Politik ihnen und den Zuhörern bis heute schuldig. Wozu sind Armeen da, wozu brauchen wir überhaupt eine Armee? Auch diese Fragen werden in keiner TV-Talkshow besprochen. Mir kommt es so vor, dass mit dem lauten Schweigen auf jeden Fall verhindert werden soll, dass Bürger auf die Idee kommen, den Irrsinn um Armeen, Bomben, Soldaten, Rüstungsschmieden, Drohnen, Panzer und dem daraus folgenden Profit (für die, die in keinen Krieg ziehen) infrage zu stellen. Ein kleiner Tipp für die hiesigen Leser: Machen Sie einmal eine Umfrage in ihrem Umfeld, wie ein Deutschland aussehen könnte und würde, das keine Armee (mehr) hat. Womöglich gibt es herzerfrischende, aufbauende, visionäre Gedanken, Konzepte, Ideen, Vorschläge.
Dass es möglich und richtig und realistisch ist, ohne Armee ein Land zu gestalten, beweisen schon einige Länder auf dieser schönen Erde. Beispiele? Andorra, Costa Rica, Island, Lichtenstein, Monaco, Panama, Vatikanstadt.
Länder wie Tschechien, Österreich, Belgien oder die Niederlande haben vergleichsweise kleine Armeen. Tschechien könnte getrost auf Streitkräfte verzichten: Bei einer Armee von nicht mal 30.000 Uniformierten folgt daraus, dass im Ernstfall einzig der Rückzug und die Kapitulation als Tagesbefehl ausgegeben werden sollte. Stellt sich auch die Frage: Wer soll Tschechien angreifen?
Und Deutschland? Auch wir brauchen in Wahrheit keine Armee. Dieser Gedanke ist sicher erschreckend für die, die an dieser Institution kleben, die von Rüstung und Konfrontation profitieren, die eine Zivilgesellschaft umbauen wollen in eine militärische, die den Schweiß und die Tränen der Freude und dem friedlichen Miteinander vorziehen. Ich las kürzlich, dass die Deutsche Friedensgesellschaft bis heute ohne Unterlass die Entmilitarisierung fordert, angesichts unserer deutschen Geschichte (zwei Weltkriege, Kalter Krieg, Konfrontationspolitik, NATO, Aufrüstung, die Ignoranz der Mahnung „Nie wieder Krieg) einzig logisch.
Was für eine Idee: Im Ernstfall ganz anders agieren als militärisch
Gäbe es keine Bundeswehr, dann könnte ja, so die Annahme der Bundeswehrbefürworter, ein fremdes Land mit seiner Armee und seinen nachfolgenden Kräften ungehindert Deutschland besetzen. Zunächst: Wer sollte das sein, bei so vielen Freunden und Partnern und friedlichen Völkern in unserem Umfeld? Sollte es doch dazu kommen, wäre der zivile Widerstand ein Zusammenspiel gesellschaftlicher, sozialer und doch pazifistischer Verteidigung: Ziviler Ungehorsam, Boykotte, Verweigerung von Mitarbeit und Gefolgschaft von vielen gegen die Besatzer. Was soll eine Besatzungsmacht über einen längeren Zeitraum dagegen ausrichten?
Und schließlich wäre da die Prävention, dass es gar nicht zu solch einem Szenario kommt. Die Vorbeugung, das Handreichen, die Diplomatie, aktives friedliches Wirken und Zusammenleben würden dazu beitragen. Konflikte, Auseinandersetzungen, Interessenunterschiede würden ohne Waffen, ohne Gewalt angegangen und geklärt.
Hätte Deutschland keine Armee mehr, bräuchte es auch keine Stationierung anderer Armeen. Die USA könnten ihre Truppen und Waffensysteme getrost nach Hause holen.
Die Realität ist zum Heulen, und doch darf es kein Aufgeben geben
Papperlapapp. Träumer. Bundeswehr abschaffen. Geht’s noch, wie naiv kann man sein? So würde ich sprechen, wäre ich ein eifriger Freund all der Aufrüstungs-, Bundeswehrpersonalrekrutierungs-, Stationierungsprogramme und Vorhaben für ein „Wir sind wieder wer“-Deutschland mit allem Drum und Dran. Statt adieu Bundeswehr und US-Army wird weiter eskaliert.
Gerade las ich unter der Rubrik „Eilmeldung“, dass unser tüchtiger Kanzler bekannt gab, dass wir noch eine Schippe drauflegen werden für mehr Kampfkraft. Unsere „Tagesschau“ jubelt:
Die „Tomahawk”-Marschflugkörper würden von der Bundesregierung erworben und in Deutschland stationiert. „Wir schließen damit eine wichtige strategische Lücke in unserer Verteidigung. Und wir werden gleichzeitig daran arbeiten, eigene europäische Systeme zu entwickeln und in Europa zu stationieren”, sagte Merz.
Und wo der Tomahawk, also der Hammer hängt, unser Feind zu suchen ist, liefert die „Tagesschau“ gleich mit:
Die Marschflugkörper haben eine Reichweite von 2.500 Kilometern – könnten also von Deutschland weit bis in russisches Gebiet fliegen. Moskau ist 1.600 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt.
Trotz allem hoffe ich weiter darauf, dass die Zahl derer Mitbürger im Land zunimmt, die nein sagen, die ein Einhalten des Irrsinns fordern, die sich an ihrer Stelle, in ihren Positionen im Land laut artikulieren. Statt Plakate für eine sogenannte Bundeswehr-Generation zu kleben, wären solche wie das eine hier (siehe Anhang) doch viel besser, finde ich (von mir entworfen und final erstellt mit der unglaublichen Hilfe künstlicher Kompetenzen …). Oder eins mit dem Titel „Lassen Sie die Finger von den Tomahawks, Herr Merz“.
Anhang: Friedensplakat
Anhang: Foto Plakat Generation Bundeswehr
Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/
Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=153586