NachDenkSeiten – Die kritische Website

Titel: Indien: Die Generation, die sich weigert, zu kriechen

Datum: 29. Juli 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Bildungspolitik, Hochschulen und Wissenschaft, Länderberichte
Verantwortlich:

Eine große Protestbewegung hat den Rücktritt des Bildungsministers und Reformen des Bildungssystems erreicht. Doch die jungen Menschen fordern nicht nur, in den Rissen eines zerfallenden Systems zu überleben. Sie wollen leben, arbeiten, das Gelernte einsetzen und mit Würde zur Gesellschaft beitragen. Von Vijay Prashad.

Am 20. Juli versuchten Tausende junger Menschen in Delhi, vom Jantar Mantar zum Parlament zu marschieren. Sie trugen Plakate, skandierten Parolen und forderten den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan wegen wiederholter Unregelmäßigkeiten bei Prüfungen, durchgesickerter Prüfungsfragen, abgesagter Prüfungen und der Weigerung der Regierung, Verantwortung für den Schaden zu übernehmen, der den Studierenden zugefügt wurde.

Die Polizei von Delhi antwortete mit Absperrungen, Schlagstöcken und Tränengas. Einige Demonstranten wurden festgenommen, während sich andere in kleineren Gruppen neu organisierten und weiter in Richtung Parlament zogen. Die Bewegung hatte eine wichtige Schwelle überschritten: Was als Satire in den sozialen Medien begonnen hatte, war nun als Konfrontation mit der Staatsmacht auf die Straße gelangt.

Die Demonstranten nennen sich selbst „Cockroach Janta Party“ (CJP). Der Name kam auf, nachdem eine abfällige Bemerkung eines Richters Aktivisten und arbeitslose junge Menschen mit Kakerlaken und Parasiten verglichen hatte. Anstatt sich angesichts dieser Beleidigung zurückzuziehen, machten die jungen Leute sie zu einem Symbol kollektiven Widerstands. Wenn diejenigen, die Indien regieren, seine arbeitslose Jugend als Kakerlaken betrachten, dann werden sich die Kakerlaken zusammentun.

Der Name macht sich über die [regierende] Bharatiya Janata Party lustig, spiegelt aber auch etwas von der Erfahrung einer Generation wider, der immer wieder gesagt wurde, sie sei maßlos, undankbar, nicht vermittelbar und irgendwie persönlich verantwortlich für das Versagen des Wirtschaftssystems. Die Protestierenden betrachten es als ein prekäres System, das ihnen Arbeitsplätze verschaffen sollte, das sie aber – als rücksichtsloses kapitalistisches System – als überflüssig behandelt.

Seit ihrer ersten großen Protestaktion in Delhi am 6. Juni hat sich die Bewegung auch auf die Städte Pune, Mumbai, Bengaluru, Lucknow und Nagpur ausgeweitet. Ihre Mitstreiter errichteten ein Zeltlager am Jantar Mantar in Delhi, wo der Klimaaktivist Sonam Wangchuk aus Solidarität mit ihren Forderungen in den Hungerstreik trat, bevor er gewaltsam ins Krankenhaus gebracht wurde.

Die unmittelbaren Fragen sind ernst genug: die Integrität der Aufnahme- und Einstellungsprüfungen, Entschädigungen für die Familien der Schüler, die sich das Leben genommen haben, die Reform eines von Korruption durchzogenen Prüfungssystems und der Rücktritt des Bildungsministers.

Doch hinter diesen Forderungen verbirgt sich eine viel größere soziale Krise, denn ein Prüfungsbogen ist nicht einfach nur ein Blatt Papier voller Fragen. Für Millionen von Familien aus der Arbeiterklasse steht er für jahrelanges Sparen, Opfer, Lernen und Hoffnung. Wenn diese Prüfungsunterlage geleakt oder die Prüfung abgesagt wird, zerbricht der fragile Plan eines ganzen Familienhaushalts.

Die Medien haben die „Kakerlaken“-Bewegung eifrig als Indiens ersten „Protest der Generation Z“ bezeichnet. Diese Beschreibung enthält etwas Wahres. Ihre Sprache ist aus den sozialen Medien hervorgegangen, und daher setzt sie Memes, Satire, Parodien, Kurzvideos und selbstironischen Humor mit großem Geschick ein. Viele ihrer Teilnehmer kennen keine andere Regierung als die unter Führung von Premierminister Narendra Modi. Ihr politisches Vokabular hat sich unter Bedingungen entwickelt, in denen sich die Fernsehnachrichten weitgehend der Macht unterworfen haben, Dissens kriminalisiert wird und das Internet sowohl zu einem Überwachungsinstrument als auch zu einem der wenigen verbliebenen Räume geworden ist, in denen Wut schnell verbreitet werden kann.

Doch der Begriff „Gen Z“ erklärt weit weniger, als er zu erklären scheint. Es handelt sich um eine Marketingkategorie, die sich als Soziologie tarnt. Sie umfasst die Tochter eines Landarbeiters und den Sohn eines Milliardärs lediglich deshalb, weil sie im selben Zeitraum geboren wurden.

Generationen legen nicht Prüfungen ab, suchen nicht nach Arbeitsplätzen, liefern keine Lebensmittel aus und leihen sich kein Geld für Ausbildungsgebühren, aber soziale Klassen tun dies. Die entscheidende Frage ist nicht, wann diese jungen Menschen geboren wurden, sondern welche Art von Wirtschaftsordnung sie geerbt haben und welchen Platz, wenn überhaupt, diese Ordnung für sie bereithält.

Die jungen Protestierenden rebellieren nicht, weil sie kürzere Aufmerksamkeitsspannen hätten oder eine besondere kulturelle Abneigung gegen Autoritäten. Sie rebellieren, weil der Kapitalismus sie nicht in ein würdiges wirtschaftliches Leben integrieren kann.

Ihnen wurde gesagt, sie sollen studieren, Abschlüsse erwerben, neue Fähigkeiten erlernen, wettbewerbsfähig bleiben und „Unternehmer“ werden. Ihre Familien haben Kredite aufgenommen, Land verkauft, medizinische Behandlungen aufgeschoben und den Haushaltskonsum eingeschränkt, um Bildung und Coaching[1] zu finanzieren.

Am Ende dieser beschwerlichen Reise stellen viele fest, dass der versprochene Arbeitsplatz nicht existiert. Andere finden nur befristete Verträge, unbezahlte Praktika, Dienstleistungen über webbasierte Plattformen oder Jobs, deren Löhne in keinem Verhältnis zu ihren Qualifikationen stehen.

Selbst die offiziellen Zahlen verdeutlichen das Ausmaß des Problems. Die regelmäßige Arbeitskräfteerhebung der Regierung für das Jahr 2025 bezifferte die Arbeitslosenquote bei den 15- bis 29-Jährigen auf 9,9 Prozent; bei den Jugendlichen in städtischen Gebieten stieg sie auf 13,6 Prozent. Außerdem geht daraus hervor, dass ein Viertel der Inder zwischen 15 und 29 Jahren weder erwerbstätig noch in Aus- oder Weiterbildung war.

Hinter diesen Gesamtzahlen verbergen sich jedoch weitreichende Unterbeschäftigung, unbezahlte Familienarbeit und die Verzweiflung, die Menschen dazu zwingt, jede Tätigkeit als Arbeit anzunehmen.

Nur 23,6 Prozent der indischen Erwerbstätigen waren in einem regulären Lohn- oder Gehaltsverhältnis beschäftigt. 56,2 Prozent wurden als „selbstständig“ eingestuft – eine Kategorie, die von wohlhabenden Fachkräften bis hin zu Straßenhändlern und unbezahlten Arbeitskräften in Familienbetrieben reicht.

Der vom Institut für menschliche Entwicklung und der Internationalen Arbeitsorganisation erstellte Indien-Beschäftigungsbericht vermittelt ein noch klareres Bild. Im Jahr 2022 lag die Arbeitslosenquote unter jungen Hochschulabsolventen bei 29,1 Prozent – das Neunfache der Quote unter jungen Menschen, die weder lesen noch schreiben konnten. Nahezu 82 Prozent der Erwerbsbevölkerung waren im informellen Sektor tätig, während fast 90 Prozent ohne schriftliche Arbeitsverträge beschäftigt waren.

Die Reallöhne für festangestellte Arbeitnehmer stagnierten entweder oder gingen zurück, und die Plattformarbeit hatte sich als digital überwachte Erweiterung der informellen Arbeit ausgebreitet, weitgehend ohne soziale Absicherung.

Der Bericht stellte fest, dass die durchschnittliche Wartezeit auf eine erste Anstellung mehr als ein Jahr betrug und dass viele fachlich qualifizierte junge Leute Arbeiten verrichteten, die nicht im Zusammenhang mit ihrer Ausbildung stehen.

Dies ist das bittere Paradoxon im Zentrum der Proteste. Bildung hat die Ansprüche und Fähigkeiten junger Inder erweitert, aber die Wirtschaft hat die Zahl der ihnen zur Verfügung stehenden würdigen Arbeitsplätze nicht erweitert. Je mehr sie studieren, desto deutlicher sehen sie die Kluft zwischen dem, was die Gesellschaft versprochen hat, und dem, was sie tatsächlich aufbieten kann.

Ihr Abschluss ist kein Beweis für ihre eigene Unzulänglichkeit, sondern für die eines ökonomischen Modells, das sich um Kapitalmarktgeschäfte, kapitalintensive Produktion, Privatisierung und die Bereicherung einer kleinen Unternehmenselite herum organisiert.

Die Krise begann nicht mit der Modi-Regierung, doch zwölf Jahre BJP-Regierung haben sie verschärft. Die Demonetisierung und die schlecht konzipierte Waren- und Dienstleistungssteuer haben Kleinunternehmen geschadet, die traditionell eine große Zahl von Arbeitern aufgenommen haben. Einstellungen im öffentlichen Dienst wurden verzögert oder reduziert, offene Stellen bleiben unbesetzt, und sichere Arbeitsplätze wurden durch Leih- und Vertragsarbeit ersetzt.

Das produzierende Gewerbe ist nicht in dem notwendigen Umfang gewachsen, um die Millionen von Menschen zu beschäftigen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt kommen.

Währenddessen wurde die öffentliche Bildung geschwächt, und die Coaching-Industrie hat sich ausgeweitet und aus Angst eine äußerst profitable Ware gemacht.

Die Regierung feiert das BIP-Wachstum, Autobahnen, digitale Zahlungsmethoden, „Unicorns“[2] und den Reichtum indischer Milliardäre, doch keine dieser Statistiken beantwortet die Frage, die in unzähligen Haushalten zu hören ist: Wo ist der Arbeitsplatz?

Das Durchsickern von Prüfungsfragen muss daher als mehr als nur administrative Korruption verstanden werden. Es geht um konzentrierte Ausdrucksformen einer umfassenderen Klassenungerechtigkeit. Millionen konkurrieren um eine geringe Anzahl von Stellen, da sichere Arbeitsplätze bewusst verknappt wurden.

Jeder Studienbewerber muss Gebühren zahlen, weite Strecken zurücklegen, Lernmaterial kaufen und manchmal Jahre in Coaching-Zentren verbringen. Wenn eine Prüfung kompromittiert wird, spricht der Staat von technischen Störungen und Untersuchungsausschüssen. Dem Kandidaten hingegen wurde die Zeit selbst geraubt. Eine Altersobergrenze rückt näher, die Schulden der Familie häufen sich, ein weiteres Jahr ist verloren.

Die Regierung möchte die Proteste als emotionalen Ausbruch einer ungeduldigen Generation abtun. Sie wechselt zwischen Spott, Repression, Versprechen von Konsultationen und Versuchen, die Bewegung zu spalten, hin- und her. Den jungen Menschen wird vorgehalten, dass ihnen die Erfahrung fehlt, dass ausländische Kräfte sie irreführen oder dass ihr Protest dem Ansehen der Nation schadet. Doch es ist keineswegs gegen die Nation gerichtet, zu fordern, dass ein Land seine Jugend mit sinnvoller Arbeit versorgt.

Was Indien schadet, ist eine Ordnung, in der junge Menschen als Konsumenten, messbare Informationseinheiten, Lieferpersonal und Wahlmassen gebraucht werden, aber nicht als Arbeitnehmer mit Rechten, Bürger mit einer Stimme und Menschen, die ein Recht auf eine Zukunft haben.

Die Energie der „Kakerlaken“-Bewegung ist wichtig, doch Spontaneität und digitale Reichweite allein können fest verwurzelte Machtverhältnisse nicht überwinden. Ihre langfristige Stärke wird davon abhängen, ob sie die Reform des Prüfungssystems mit dem Kampf um Beschäftigung, öffentliche Bildung, Arbeitnehmerrechte und wirtschaftliche Umverteilung verknüpft.

Die Studierenden am Jantar Mantar teilen eine Zukunft mit Lehrkräften auf Zeit, Projektbeschäftigten, Lieferpersonal, Auszubildenden in Fabriken, arbeitslosen Hochschulabsolventen und Landarbeitern.

Der Name „Kakerlake“ birgt eine unbeabsichtigte historische Wahrheit. Kakerlaken überleben, weil sie schwer auszurotten sind.

Doch die jungen Menschen auf den Straßen fordern nicht bloß, in den Rissen eines zerfallenden Systems zu überleben. Sie wollen leben, arbeiten, das Gelernte einsetzen und mit Würde zur Gesellschaft beitragen.

(Leicht gekürzt)

Nachtrag: Am 25. Juli hat Bildungsminister Pradhan seinen Rücktritt erklärt. Er reagierte damit auf ein 24-Stunden-Ultimatum der Protestierenden. Vertreter der CJP und der Regierung erzielten eine umfassende Einigung. Regierungschef Modi kündigte eine Reform von Prüfungen im Bildungssystem an. Die „Kakerlaken“-Bewegung hat ihre Proteste ausgesetzt.

Der Beitrag ist im Original bei Breakthrough News erschienen, aus dem Englischen übersetzt von Marta Andujo.

Über den Autor: Vijay Prashad ist ein indischer Historiker, Autor und Leiter des Tricontinental: Institute for Social Research.

Titelbild: Talukdar David / Shutterstock


[«1] „Coaching“ bedeutet in Indien Nachhilfeunterricht in Privatinstituten. Sie bereiten Schüler und Studenten intensiv auf extrem umkämpfte Aufnahmeprüfungen für Elite-Universitäten (wie Ingenieurwesen und Medizin) oder den Staatsdienst vor. Millionen Jugendliche lernen dort unter hohem Leistungsdruck. Siehe Beitrag von Deutschlandfunk Kultur.

[«2] Unicorns (Einhörner) sind nicht börsennotierte Unternehmen, die eine Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar erlangen und meist im Technologiebereich tätig sind. Der Begriff „Unicorn“ verweist auf ihre Seltenheit und ihren besonderen Status in der Unternehmenswelt.


Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/

Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=154279