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Titel: Zwischen Gesprächen und Besatzung – Libanon vor der israelischen Mauer
Datum: 8. August 2026 um 14:00 Uhr
Rubrik: Länderberichte, Militäreinsätze/Kriege
Verantwortlich: Redaktion
Der Libanon steht unter Druck. Innenpolitisch durchlebt das Land seit 2019 eine schwere Wirtschaftskrise, Korruption und Vetternwirtschaft haben nicht nur das Bankenwesen zum Einsturz gebracht. Die Zentrale der staatlichen Stromversorgung Électricité du Liban (EDL) ist seit der Explosion im Hafen von Beirut (2020) eine Ruine. Strom- und Wasserversorgung, Bildung, Gesundheitsversorgung sind mangels zuverlässiger Funktionstüchtigkeit teilweise privatisiert, was der Bevölkerung zusätzliche Zahlungen abverlangt. Von Karin Leukefeld.
Überweisungen von Familienangehörigen aus aller Welt erreichen nach Angaben der Weltbank jährlich zwischen 5,8 bis zu 6,7 Milliarden US-Dollar und machen teilweise mehr als 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Staates aus. Das Geld wird über private Geldinstitute und Transfers geschickt und ermöglicht, notwendige Krankenhauskosten oder die Schul- oder Studiengebühren für die Kinder zu bezahlen. Das Geld hilft, die hohen Gebühren für Mobiltelefon, Strom aus Generatoren und für zusätzliche Wasserlieferungen zu bezahlen. Oder es hilft, Solarpanels zu kaufen, Reparaturen an den bei israelischen Angriffen zerstörten Wohnhäusern zu bezahlen oder einen Kleinkredit abzubezahlen.
Seit dem 19. Jahrhundert sind Hunderttausende Libanesen wegen Hungersnot, Zwangsrekrutierung (Osmanisches Reich), Kriegen und Arbeitslosigkeit ausgewandert oder geflohen und leben heute auf allen Kontinenten der Welt. Ihre Rücküberweisungen an Familienangehörige im Libanon sind die eigentliche ökonomische Basis der rund fünf Millionen Libanesen, die heute noch im Zedernstaat leben.
Israel verweigert Abzug
Die aktuelle Situation für die Bevölkerung im Libanon hat sich weiter verschlechtert. Fast 20 Prozent im Süden des Landes sind von israelischen Truppen besetzt, die täglich Häuser, Höfe, Schulen, Friedhöfe, Gotteshäuser, Oliven- und Obsthaine in die Luft sprengen, mit Bulldozern plattwalzen oder in Brand setzen. Die libanesische Regierungsspitze, Präsident Joseph Aoun und Ministerpräsident Nawal Salam, haben die Hisbollah, die der israelischen Armee und ihren Besatzungstruppen im Libanon seit den frühen 1980er-Jahren Widerstand leistete, für illegal erklärt und deren Entwaffnung angeordnet.
Unter Vermittlung der US-Administration – genauer gesagt unter der Drohung des US-Sonderbotschafters Tom Barrack, der gesamte Libanon könne zerstört und von Israel überrollt werden – beauftragte der libanesische Präsident die libanesische Botschafterin in den USA, Gespräche mit dem israelischen Botschafter in den USA aufzunehmen. Die Gespräche fanden im Dreier-Format mit dem US-Außenminister zunächst im US-Außenministerium in Washington statt. Ergebnis war ein trilaterales Rahmenabkommen.
Anfang August traf man sich zur mittlerweile siebten Gesprächsrunde in Rom. Die Forderungen des Libanon und Israels liegen weit auseinander. Die US-Vermittler versuchen, die Libanesen von ihrer Kernforderung – der vollständige Rückzug der israelischen Truppen aus dem gesamten libanesischen Territorium – abzubringen. Doch es herrscht Stillstand.
Israel verweigert kategorisch den Vorschlag, über sogenannte „Pilot-Zonen“ mit einem „Rückzug auf Raten“ guten Willen zu zeigen. Nach den ersten drei Orten – von denen die israelische Armee nur am Rande des einen Ortes anwesend war – wollen die Libanesen die Orte Khiam und Bint Jbeil zu zwei weiteren „Pilot-Zonen“ erklären. Beide Orte liegen zwischen der von den Vereinten Nationen markierten Waffenstillstandslinie, der „Blauen Linie“ und dem Litani-Fluss. Israel hält das Gebiet besetzt und denkt nicht daran, sich von dort zurückzuziehen, wie israelische Offizielle täglich betonen. Berichten zufolge werden dort aktuell sogar „Wahlzentren“ eingerichtet, damit sich die israelischen Besatzungssoldaten dort Ende Oktober an den Parlamentswahlen zur Knesset beteiligen können.
Der Plan der „Pilot-Zonen“ sah vor, dass die israelische Armee abzieht, die libanesische Armee dort Stellung bezieht und die Entwaffnung der Hisbollah beginnen kann. Die Hisbollah lehnt den Plan ab, und General Rodolphe Haykal, der Oberkommandierende der libanesischen Armee, weiß ebenso wie der libanesische General a. D. und amtierende Präsident des Libanon, Joseph Aoun, dass die Entwaffnung der Hisbollah nur in Absprache mit ihr möglich sein wird. Voraussetzung dafür ist der vollständige Abzug der israelischen Streitkräfte aus dem Libanon. Da aber gibt es keine Bewegung.
Der Libanon und die libanesische Verhandlungsdelegation stünden in Rom vor einer „israelischen Mauer“, heißt es in der libanesischen Tageszeitung L’Orient Le Jour (englisch). Und im Libanon steht die Bevölkerung vor einer Feuerwand. Denn während in Rom geredet wird, erhöht Israel den militärischen Druck auf das Land.
Spielregeln im Nahen Osten verändern
Israel plant eine lange Besatzung im Libanon, wobei diese weit über die „Sicherheit für Israel und seine Bürger“ hinausgehen soll. Die israelische Tageszeitung Maariv veröffentlichte zu Beginn der Gespräche in Rom am Dienstag einen Bericht über einen „geheimen Anhang“ zu dem trilateralen Rahmenvertrag zwischen USA, Israel und Libanon. Darin sollen langfristige wirtschaftliche und verfassungsrechtliche Aspekte enthalten sein.
Maariv zufolge haben israelische Beamte Teile des Abkommens an die Öffentlichkeit gebracht, während libanesische Berichte die Existenz des Anhangs bestätigt haben sollen, heißt es auf Nachfrage der Autorin aus Beirut. Das Dokument sieht ein vollständiges Ende des Kriegszustands zwischen den beiden Ländern sowie einen direkten Mechanismus zur militärischen und sicherheitspolitischen Koordination zwischen der israelischen und der libanesischen Armee vor.
Sobald dieser Mechanismus aktiviert sei, wäre keine Vermittlung durch ein Drittland mehr erforderlich. Auf jegliche externe Aufsicht und die Überprüfung der Entwaffnung im Südlibanon könne verzichtet werden. Laut „Maariv“ würde dies, sollte es umgesetzt werden, einen Wandel vom traditionellen Modell der internationalen Vermittlung hin zu einer direkten bilateralen Beziehung bedeuten. Angesichts der realen Machtverhältnisse von Libanon und Israel würde Israel damit die Kontrolle über den Libanon übernehmen.
Auf Druck von USA und Israel und deren westlichen EU-Partnern hat der UN-Sicherheitsrat das langjährige Mandat der UN-Friedensmission im Südlibanon zum Jahresende 2026 gestoppt. Alle UNIFIL-Truppen sollen bis Ende 2027 abgezogen sein. Ein Schreiben von 86 der 120 libanesischen Parlamentsabgeordneten, in dem eine Stärkung von UNIFIL und ein Verbleiben der Mission im Südlibanon gefordert wird, wurde Ende Juli dem UN-Vertreter im Libanon überreicht. Medial und politisch wurden das Schreiben und die darin formulierten Forderungen und Warnungen weitgehend ignoriert.
Kern des beschriebenen Anhang-Dokuments ist Maariv zufolge die Ökonomie des Libanon, Gas und Öl. Eine Neuordnung unter Aufsicht der USA und Kontrolle Israels soll demnach die „Spielregeln im Nahen Osten verändern“. Die libanesischen seeseitigen Gas- und Ölvorkommen sollen mit US-Zustimmung gefördert werden. Der Hafen von Haifa (Israel) soll demnach zum wichtigsten Knotenpunkt für den Export von Öl und Erdgas nach Europa ausgebaut werden.
Der „Anhang“, sollte er tatsächlich bestehen, erinnert stark an die kolonial-imperialen Interessen des ehemaligen Großbritannien im Ersten Weltkrieg und bei den Pariser Friedensgesprächen 1919. Damals saßen britische Ölunternehmen mit am Verhandlungstisch, um die Kontrolle des Öls aus Iran, Irak, Saudi-Arabien „von der Quelle bis zum Hafen“ für den Export sicherzustellen. Die Häfen, um die es damals ging, waren Basra (Persischer Golf) und Haifa (nach 1919 britisches Mandatsgebiet).
Die Würde der Menschen
Bei allen beschriebenen Entwicklungen spielt die libanesische Bevölkerung für Medien und Politik keine Rolle. Der Alltag im Libanon ist von großem Leid und Verlusten, von Unsicherheit und vor allem von Unrecht geprägt. Internationale Akteure der westlichen Hemisphäre schweigen über die Kriegsverbrechen der israelischen Armee und Regierung, um ihre eigenen Interessen durchsetzen zu können.
Das Reden über „Frieden“, „Verhandlungen“ und „Übergangsprozesse“ verdeckt nur das, was wirklich geschieht: Israel verwüstet und zerstört den südlichen Libanon mit Geld und Waffen, die seine Partner in der US-Administration, aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien liefern. Israelische Regierungsoffizielle drohen dem südlichen Libanon, es werde aussehen wie Gaza – zerstört.
Die internationalen Haftbefehle gegen Netanjahu und Gallant wegen des Völkermordes in Gaza werden ignoriert und von der US-Administration „mit einer Kampagne zur Zerstörung des Internationalen Strafgerichtshofs“ in Den Haag beantwortet. Das internationale und humanitäre Recht wird gebrochen, die Würde der Menschen in der Region wird mit Füssen getreten. Politik und Medien schauen zu, wie das Leben der Menschen, denen sie nie begegnet sind, die ihnen nie auch nur ein Haar gekrümmt haben, in Schutt und Asche gelegt wird.
„Auch den Friedhof haben sie zerstört“
Es ist Montag, 3. August, als die Autorin die folgende Nachricht erreicht:
„Heute Morgen hat Israel kaltblütig unser letztes der Familie verbliebenes Zuhause zerstört. Sie haben es mit Sprengstoff zerrissen. In wenigen Augenblicken wurde das Zuhause, das meine Familie gebaut hat, in dem wir gelebt haben, wohin wir immer zurückkehren konnten, geschützt und geliebt lebten, in Schutt und Asche gelegt. Und so hat schließlich auch unser Zuhause das gleiche Schicksal ereilt wie unser ganzes Dorf, das schon zerstört wurde.
Wir waren kein politisches Haus, wir waren ein ziviles Haus, ein Zuhause für ganz normale Leute: gebildet, weltoffen und offen für jedermann. Unser Zuhause glaubte an den Frieden und wir sind immer offen für Frieden eingetreten, nicht für eine bestimmte Seite, für alle. Nichts hat uns geschützt. Die Straflosigkeit Israels, die durch die überwältigende amerikanische Macht und Unterstützung ermöglich wird, hat schließlich unsere Tür erreicht. Besonders grausam daran ist, zu wissen, dass es nicht das erste Mal geschieht.
Im Jahr 1982, während der Belagerung von Beirut, waren meine Eltern frisch verheiratet, als Israel sie aus ihrem ersten gemeinsamen Zuhause vertrieb. Sie bauten es wieder auf. Während der Besetzung des Südlibanon, die im Jahr 2000 ihren Höhepunkt erreichte, mussten sie das Gleiche wieder durchleiden. Sie bauten ihr Zuhause wieder auf. Im Jahr 2006 brach erneut Krieg aus. Und wieder bauten sie alles neu auf. Jetzt, im Jahr 2026, hat Israel das, was noch übrig war, kaltblütig zerstört.
Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg musste meine Familie mit ansehen, wie ihr alles, wofür sie gearbeitet hatte, immer wieder genommen wurde. Häuser. Land. Sicherheit. Ein ganzes Leben voller Arbeit. Eigentum im Wert von Millionen von Dollar und all das, was sich nicht in Geld ausdrücken lässt. Räume voller Erinnerungen, Dinge, die von einem Lebensabschnitt in den nächsten mitgenommen wurden, das greifbare Zeugnis der Existenz einer Familie, die einfache Gewissheit, dass es irgendwo auf dieser Welt einen Ort gab, an den wir gehörten. Verschwunden. Es gibt keine Verletzung, die einen Menschen mehr entmenschlicht. Körperlich unversehrt zu sein ohne Menschlichkeit, ohne grundlegende Würde und Gleichberechtigung ist ein Schicksal, das schlimmer ist als der Tod.
Körperliche Unversehrtheit ohne Menschlichkeit, ohne grundlegende Würde und Gleichheit ist ein Schicksal, das schlimmer ist als der Tod. Sie haben uns alles genommen, nichts ist übrig geblieben. Und wir haben nichts getan, um das zu verdienen.“
Der Nachricht beigefügt ist ein Foto des schönen Familienhauses, umgeben von blühender Natur. Über den rotbraunen Ziegeldächern ein strahlend blauer Himmel. Darunter ein aktuelles Satellitenfoto, dass die Familie gesucht und gefunden hat. Die Dächer sind weggesprengt, zu sehen ist ein graues Betongerippe, umgeben von grauen, verbrannten Hügeln. Das Dorf heiße Hadatha und liegt im Bezirk von Bint Jbeil, „die Bombardierungen gehen auch heute immer weiter“.
In einem Gespräch wenige Tage später erfährt die Autorin, dass die Familie, die in alle Himmelsrichtungen verteilt lebt, jeden Sommer dort verbracht habe. Nachdem der Vater vor 15 Jahren pensioniert wurde, lebten die Eltern fest in dem Dorf und in ihrer schönen Villa. „Mein Vater hat das Land von seinem Vater geerbt, unsere Nachbarn waren unsere Onkel und Tanten. Im Ganzen waren es vier Häuser, die dort standen. Alle wurden am gleichen Tag mit Dynamit zerstört”. Sie hatten gedacht und wohl auch gehofft, dass die Kämpfe aufgehört hätten, ihr Dorf sei ja unter israelische Besatzung gekommen. „Wir dachten, dass wenigstens die Zerstörung enden würde. Aber kaltblütig haben sie das ganze Dorf und die ganze Umgebung niedergewalzt, Haus für Haus.“ Er sendet eine Sprachnachricht seiner Cousine. Sie weint, auch ihr Elternhaus wurde zerstört. „Auch den Friedhof haben sie zerstört”, fügt er hinzu.
Als Kind habe er schon einmal die israelischen Besatzungstruppen erlebt, erinnert der Gesprächspartner sich: „Ich bin unter der Besatzung aufgewachsen, das war, bevor wir 1993 nach Katar geflohen sind. Ich werde nie die Kontrollpunkte vergessen, diese riesigen Waffen, die sie trugen. Ich war ja ein Kind”. Aber irgendwie sei es anders gewesen damals: „Sie waren Besatzer, ja, aber sie haben uns damals als Menschen gesehen.” Das habe sich geändert: „Menschlichkeit ist irgendwie völlig im Hintergrund verschwunden.“ Damals hätten seine Großeltern dort im Haus gelebt. Seine Familie habe immer den ganzen Sommer dort verbracht, wenn es keine Schule gab. „Um dorthin zu gelangen, mussten wir vier Kontrollpunkte passieren. Zwei syrische Kontrollpunkte und zwei israelische Kontrollpunkte. Die Israelis haben ihre Basis oben auf dem Hügel errichtet, dem höchsten Punkt des Dorfes. Aber wir konnten damals unser Zuhause erreichen, unser Land, unsere Familien. In der Welt heute gibt es nur die Politik der verbrannten Erde.“
Später kommt noch eine Botschaft von ihm. Er hege keinen versteckten Groll gegen Juden oder Israelis, weder ihnen noch sonst jemandem wünsche er, was ihm und seiner Familie gerade widerfahre. „Ich glaube an Diplomatie, ich glaube an den Frieden. Ich glaube an die Sicherheit von Juden im Mittleren Osten. Ich glaube an die Menschlichkeit und daran, dass meine Mitmenschen Mitgefühl haben.“ Das aber dürfe „nicht auf Kosten des Friedens und der Menschlichkeit anderer“ geschehen. „Wir sind alle gleich und sollten in diesen Ländern in Frieden und Würde zusammenleben. Schluss mit dem Krieg!“
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