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Titel: Neues aus Tschechien: Die Entdeckung einer absurden militärischen Hinterlassenschaft

Datum: 6. September 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Aufrüstung, Länderberichte
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2022 unternahm ich eine Radtour durch Tschechien, um Land und Leute besser kennenzulernen. Dieses Jahr radelte ich erneut durch das schöne Land, diesmal größtenteils durch Mähren bis hin zu dessen Hauptstadt Brno. Ich genoss im Besonderen die Fahrt über Land, durch liebevoll gepflegte Dörfer, vorbei an reich bestellten Feldern, durch dichte Wälder. Erholung pur, mal weg von den Sorgen des Alltags, den heftigen Bedrohungen der Zeit und des Friedens. Mal keine Schlagzeilen, Nachrichten, Politik. Das alles fing mich Radler doch wieder ein. Neben einer abseits gelegenen Landstraße sah ich inmitten dichter Bäume einen alten Bau, der sich als ein Bunker aus den Jahren 1937/38 einer aufwändigen bizarren Verteidigungsmaßnahme der damaligen Regierung herausstellte. Zigtausend Bunker wurden errichtet, um schließlich ohne einen Schuss in die Hände der deutschen Besatzer zu gelangen. Ein weiteres Mal zeigte sich mir damit die Sinnlosigkeit allen Rüstens, die Boshaftigkeit von Eroberungen, Kriegen, das daraus folgende Leid. Der Bunker im Wald – für mich Mahnmal und Aufforderung: „Nie wieder!“. Allein hörten es damals wie heute die Entscheidungsträger nicht, es wurde und wird ohne Unterlass aufgerüstet und eskaliert. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.

Viele viele kleine Bunker namens Řopík

Die Etappe von Jindřichův Hradec (Böhmen) nach Vranov nad Dyjí (Mähren), insgesamt an die hundert Kilometer, war für mich eine zum Genießen, aber auch eine zum Fluchen. Lang gezogene, sanfte Abschnitte machten einerseits wirklich Laune. Wind, Sonne, Sommer, kaum Leute, die Natur, die tschechische Landschaft. Andererseits nahmen einige Anstiege auf Radwegen oder kleinen Straßen kein Ende. Dann aber rollte ich wieder, atmete erleichtert und zufrieden durch, vorbei an rauschenden Wäldern, der blaue Himmel über mir. Ich blickte zwischen die Bäume ins satte Grün. Da stand es, ich hielt an: ein Etwas aus grauem Beton, teils bewachsen mit Moos. Ich lief um den kleinen, unscheinbaren Bunker herum. Nebenan stand ein Schild, auf dem davon die Rede war, dass der Bau ein „Řopík“ (Tschechisch, gesprochen Rschopik) war, ein leichtes Modell 37, eine Stahlbeton-Redoute der tschechoslowakischen Befestigungsanlagen aus den Jahren 1937 bis 1938. Der Bunker stand da, friedlich, verlassen – aber noch nutzbar, der Zugang offen, die Luken für die Gewehre waren intakt. Ich hielt inne und fragte: Wofür wurde so etwas gebraucht, mitten in der Pampa im Wald so ein Bau errichtet? Ich fuhr weiter und entdeckte bis zum Tageszielort weitere Řopíks.

Abends in Vranov nad Dyjí angekommen, ein kleiner Ort zu Füßen einer grandiosen Burg auf einem hohen Felsen, nutzte ich das Internet. Ich war einfach neugierig wegen der „Rschopiks“, und siehe da: Der Bunker im Wald und die anderen gehörten zu einer irrsinnigen historischen Maßnahme aus den 1930ern. Ich vernahm den Ausdruck „Maginot-Linie“, ein französischer Verteidigungswall, der im Zweiten Weltkrieg schließlich ohne Wirkung blieb. Nach diesem Wall als Vorbild wurde in der damaligen Tschechoslowakei entlang der Grenze zum Deutschen Reich vonseiten der Militärführung die sogenannte Beneš-Linie befohlen: Geplant waren 15.463, errichtet wurden bis 1938 schließlich 9.632 Bunker.

Sie sollten eine durchgehende Maschinengewehr-Linie entlang der gesamten Grenze der damaligen Tschechoslowakei bilden.

Münchener Abkommen

Was für ein Aufwand – einer, der in Wahrheit umsonst war, was die Initiatoren auch wissen mussten. Die Beneš-Linie wurde nie fertiggestellt, und die Ausdehnung der Grenzen machte es unmöglich, jeden Abschnitt zu befestigen und sicher vor Umzingelung oder Durchbrüchen zu machen. Finanziert wurde das Ganze trotzdem durch staatliche Mittel und von Geldgebern aus Frankreich, erfuhr ich. Alles, um sich gegen das Deutsche Reich mittels kleiner Infanteriebunker sowie schweren Artilleriefestungen mit tiefem Unterland zu verteidigen. Ich dachte an den Wahnsinn Aufrüstung, wie intensiv Nazi-Deutschland den großen Krieg vorbereitete, sich in Stellung brachte, nach den Nachbarn, nach Ländern, nach Menschen griff. Möglich, dass so eine Linie vielleicht etwas war, einem Angriff für eine gewisse Zeit zu widerstehen. Ich spürte aber dennoch die Ohnmacht wie den Fanatismus der Militärs auf allen Seiten.

Dann kam es schlimmer, als die Tschechoslowakei sich die Entwicklung ausmalte. Vorbei an der Tschechoslowakei beschlossen am 30. September 1938 Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien die Abtretung eines Teils des Landes, hier das sudetendeutsche Gebiet, an das Deutsche Reich (Münchener Abkommen). Mehr noch, binnen zehn Tagen musste das Land übergeben und die Beneš-Linie geräumt werden! Man folgte.

Was Militärplaner planen, das ist sinnlos

Ich stieg wieder auf das Rad und fuhr weiter in Richtung Lednice, ein Ort mit einem wunderschönen Schloss und einem noch schöneren Park. Mir kam ein Satz, den ich über die Motivation zur Beneš-Linie las, in den Sinn: „… bei der Auswertung der Schlachten des Ersten Weltkriegs kamen viele Militärplaner zu dem Schluss, dass man einem zukünftigen Krieg mit einer starken Landesbefestigung nahe den Grenzen begegnen müsse“. Ich dachte sofort an zu Hause, an Deutschland, an die Eifrigkeit der heutigen Militärplaner, derer, die sich gar nicht mehr einkriegen, sich auf zukünftige Kriege vorzubereiten (anstatt sie zu verhindern), indem absurde Maßnahmen auf den Weg gebracht werden. Zu Tschechien schrieb ich schon mehrere Beiträge für die NachDenkSeiten darüber, dass auch die Bellizisten in unserem Nachbarland interessiert sind, statt auf Entspannung, Diplomatie, Verständigung immer weiter und weiter auf Aufrüstung, Feindbildpflege und Militarisierung zu setzen.

Gottesdienst in Brno: Fürbitten für ukrainische Krieger

Ich erreichte Brno, die mährische Hauptstadt. Ich erlebte einen Ort der Lebensfreude, der jungen Leute, der Hoffnung, der Unbeschwertheit eines opulenten Sommers. Ich war fasziniert von den zahlreichen Konzerten, ich schlenderte durch das historische Zentrum, vorbei auch an einem weiteren Bunker, über den ich hier geschrieben hatte. Mitten in der friedvollen Atmosphäre irritierte mich der Besuch in einer Kirche. Einen Sonntagsgottesdienst erlebte ich zunächst als würdevolles, imposantes Fest osteuropäisch-orthodoxer Gläubiger. Doch im Kirchenschiff hingen riesige Poster, Bilder von Kriegern, Symbole der ukrainischen Asow-Brigade. Ich hatte kein gutes Gefühl, ich erlebte, wie symbolisch Waffen gesegnet wurden, wie martialisch Männer mit langen Bärten sich geradezu an der Zeremonie weideten. Weit weg von der Front beteten in Brno junge und alte Frauen, junge und alte Männer aus der Ukraine. Das Ende des Krieges schien weit weg, das Bewusstsein, dass die Männer fern von Brno im Osten an der Front kämpfen und ehrenvoll sterben, schien mir in den Gesichtern bei diesem Gottesdienst zu stehen. Haltet ein, dachte ich.

Reiselektüre

Abends nach dem Radeln und nach den Rundgängen in den schönen tschechischen Etappenziel-Orten öffnete ich das kleine Buch, das ich mir mitgenommen hatte: „Der schwarze Obelisk“ von Erich Maria Remarque. Tatsächlich empfand ich die Lektüre angesichts der Erlebnisse um Bunker, der Lebensfreude einer großen Stadt in (noch) friedlichen Zeiten und eines irritierenden Gottesdienstes so, als wäre der darin auftretende Hauptdarsteller Ludwig Bodmer mein Reisebegleiter und Mahner. Ludwig versucht, seine Jugend nach der sinnlosen Kriegserfahrung nachzuholen, sich ein friedliches Leben aufzubauen, nach vorne zu schauen trotz Weltwirtschaftskrise und galoppierender Inflation. Er sagt selbstbewusst, er sei Philosoph, er pariert in Dialogen mit seinen Mitmenschen deren mitunter menschenverachtendes Ansinnen.

Klar benennt er Ursachen von Kriegen, die gierigen deutschen Interessen an dem Reichtum der anderen. Warum stand beim Deutschen Reich die Ukraine ganz oben auf dem Wunschzettel? Remarques Roman ist ein Feuerwerk friedlicher Gedanken und ebenso eine Sammlung des Spotts gegenüber den Militaristen und Fanatikern. Über deren Uniformen schreibt er, dass man sie den Trägern wegnehmen müsse, dass die Faszination sofort erlöschen würde, die Männer ohne sie nackt dastünden. „Nimm ihnen die Kostüme weg, und es gibt keinen Menschen mehr, der Soldat sein will.“

Ich geriet nochmal in Gedanken in die Kirche in Brno. Sie beteten für die Soldaten, ihre Bilder hingen riesengroß im Gotteshaus. Fragezeichen. Ich las im Buch, dass mein „Philosoph“ Ludwig mahnt, dass das Christentum die Welt in zweitausend Jahren nicht wesentlich weitergebracht habe. „Es ist nicht jedermanns Sache, mit einfachem Glauben an die heilige Dreifaltigkeit darüber hinwegzusehen, dass wir mittendrin sind, einen neuen Krieg vorzubereiten …, den Sie im Namen Gottes und der Liebe zum Nächsten gesegnet und geweiht haben …“ Ich las seine Mahnung und Anklage dagegen: Man habe den Sterbenden im Feld den letzten Trost gespendet. Man hätte es nicht so weit kommen lassen sollen, man hätte streiken sollen. „Warum haben Sie ihren Gläubigen den Krieg nicht verboten?“

Welch schöner Gedanke: Herrschende, Gottesdiener verbieten einfach Kriege.

In Prag schließlich angekommen, las ich ein langes, zähes, überflüssiges, nichtssagendes Interview mit dem tschechischen Präsidenten Petr Pavel, passenderweise ein Falke, ein ehemaliger NATO-General. Von Verboten von Kriegen las ich bei ihm nichts, vielmehr vernahm ich sein Schüren von Vorurteilen gegenüber Russland, seine Leere in den Worten zum Zustand der tschechischen Gesellschaft, deren Mehrheit gar nicht aufrüsten will und tschechische Munitionsinitiativen und den Krieg in der Ukraine satthat.

Titelbild: Frank Blenz


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