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Titel: Kriegsvorbereitung statt Zukunftsperspektive in Deutschland, diesmal: Remarques Heimatstadt wird zur Rüstungsschmiede

Datum: 9. September 2026 um 9:05 Uhr
Rubrik: Aufrüstung, Denkfehler Wirtschaftsdebatte, Wirtschaftspolitik und Konjunktur
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Pünktlich nach dem 1. September, dem Weltfriedenstag, erreicht die deutsche Öffentlichkeit eine weitere Nachricht unter vielen, dass der Umbau der Zivilgesellschaft in eine kriegerische Stück für Stück vorankommt. Das VW-Autowerk Osnabrück wird zu einer Rüstungsfabrik umgebaut. Man nennt es zynisch „Rettung durch Rüstung“, das Land Niedersachsen (also wir) übernimmt das Werk zusammen mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael. Statt PKW werden künftig Teile für das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ produziert und so ein paar Arbeitsplätze „gesichert“. Doch Osnabrücks Selbstverständnis als Friedensstadt bröckelt mit diesem Umbau. Was würde ihr berühmter Sohn Erich Maria Remarque sagen? Der Schriftsteller nannte die Profiteure einst beim Namen – und die, welche die Zeche zahlen, auch. Ein Kommentar von Frank Blenz.

Zivil tönende Wortwahl einer Nachricht ist verlogen

Klingt ja beruhigend: Kompetenzzentrum, Sicherheit, Verteidigungslösungen. Wer sollte etwas dagegen sagen? Die Aussichten werden ebenfalls als rosig verkauft, wir leben ja in schweren Wende-Zeiten: Statt Autos, konkret schicke Cabrios rollen halt bald Rüstungsgüter vom Band. Und die Politik redet sich passend dazu den ganzen Jammer auch noch schön: Was künftig in Osnabrück produziert werde, sei ein Beitrag ganz im Sinne der Philosophie der Friedensstadt Osnabrück. Der Norddeutsche Rundfunk winkt das ebenfalls durch:

Zukünftig werde der Standort „zu einem Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen weiterentwickelt”, heißt es schriftlich vom VW-Betriebsrat. Am VW-Standort Osnabrück sollen voraussichtlich Rüstungsgüter für Israel produziert werden. Dafür ist eine Zusammenarbeit mit Rafael Advanced Defense Systems angekündigt. Der Finanzinvestor ist Aurelius Capital – eine internationale Investmentgesellschaft mit Hauptsitz in Israel. Die Produktion des T-Roc Cabriolets wird den Angaben des Betriebsrats zufolge wie vereinbart im Spätsommer 2027 auslaufen. VW zieht sich demnach vollständig vom Standort Osnabrück zurück.

Osnabrücks Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) begrüßte die Einigung ebenfalls. Der Erhalt des Industriestandortes im Stadtteil Fledder habe für Osnabrück oberste Priorität. Die Ausrichtung auf moderne Sicherheits- und Verteidigungslösungen stehe im Einklang mit der Resolution des Rates, so Pötter. Im April habe der Rat mit breiter Mehrheit erklärt, dass ein Beitrag zum Schutz von Demokratie und Freiheit mit der Identität als Friedensstadt vereinbar sei.

Remarque setzte sich für eine friedliche Welt ein – dazu braucht es keine Aufrüstung

Ja, Osnabrück ist Friedensstadt, dank ihres Sohnes Erich Maria Remarque. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg, wurde an der Westfront mehrfach verwundet und begann 1917 zu schreiben. Sein erstes Werk hieß „Über den Krieg“. Später schuf er eindringliche Romane (z.B. „Im Westen nichts Neues“), die seinen grandiosen Weltruhm begründeten. Bis heute lesen sich seine Zeilen als nimmermüde Aufforderung, die Sinnlosigkeit von Militarismus, Fanatismus, Reaktion, Aufrüstung, Krieg und Vernichtung anzuprangern und sich für eine friedliche Welt mit friedlichem Schaffen nicht nur einzusetzen, sondern diese zu hegen und zu pflegen. Was soll das nun also, eine Autofabrik in eine Rüstungsfabrik umzuwandeln? Was soll das, den Arbeitern das auch noch als ‚Perspektive‘ zu verkaufen? Hauptsache Arbeit, Hauptsache Lohn und Brot? Was soll das, dass ein profitabler Konzern VW sich hier zurückzieht, um anderswo noch mehr Rendite einzufahren?

Bei all den ach so harten Verhandlungen der fleißigen Verhandler um das Osnabrücker Werk bis hin zu den Gewerkschaften war Remarque im Geiste nicht zugegen. Es wurde sich nicht dagegengestemmt. Warum erinnerte sich keiner an dessen wunderbaren, klaren, entlarvenden Satz:

Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“

Rüstungsfabriken produzieren keine Werte, die Zeche bezahlen die vielen Menschen

Remarque würde protestieren, er weiß, warum: Das, was künftig in Osnabrück produziert werden wird, kommt auch in einem Krieg, der lange schon im Gang ist, zum Einsatz. Wie die OB Pötter meint, seien das „moderne“ Sicherheits- und Verteidigungslösungen, im Einklang mit der Resolution des Stadtrates stehend, und ein Beitrag zum Schutz von Demokratie und Freiheit. Alles im Verbund wäre mit der Identität als Friedensstadt vereinbar, wird behauptet – und profitabel sowieso, Wachstum und Wohlstand schaffend. Es geht wieder aufwärts? Die teilnehmenden Akteure müssten es besser wissen. Und nein, es ist weder modern noch zukunftsweisend, es ist ein weiterer Schritt ins Verderben.

Übrigens, in der neoliberalen und aus meiner Sicht überaus reaktionären Gazette NZZ las ich zum Thema Rüstung gleich Wachstum usw. kürzlich, dass ahnungslose, verblendete Politiker und Ökonomen davon ausgehen, dass mehr Geld für Rüstung (in allen möglichen Ausprägungen) mehr Wachstum erzeuge. Dann folgte dieser NZZ-Satz: „Doch das stimmt nicht.“ Die NZZ meinte dann weiter, dass der ganze Spaß, der „Hype“ nur ein konjunkturelles Strohfeuer auslösen würde und am Ende einzig höhere Staatsschulden übrig blieben. Um es mit Remarque zu sagen: Es gibt welche, die davon profitieren, und welche, die dafür zahlen.

Der deutsche Konzern, der gerade spart und sich zurückzieht, als gäbe es kein Morgen …

Volkswagen geht es ganz und gar nicht schlecht. Das Zauberwort für die Profiteure lautet: Rendite. Ich las, dass der Konzern 22 Milliarden Euro an seine Anteilseigner ausschüttete und im Geschäftsjahr 2025 trotz eines massiven Gewinneinbruchs immer noch Milliarden an die Aktionäre überwies. Die Logik der ach so sozialverantwortlichen Macher lautet in Wahrheit: Jobabbau und Werkschließungen hier, viel Geld an Aktionäre und Eigentümerfamilien Porsche und Piëch dort. 50.000 Stellen sollen gestrichen werden, die Modellvielfalt halbiert. Damit meinen die Manager, die Umsatzrendite auf neun Prozent zu steigern. Apropos Modellvielfalt: Das Cabrio aus Osnabrück braucht es halt auch nicht mehr, sollen die ruhig Rüstungsgüter bauen. Die Zeche bezahlen wir.

Was für eine Perspektive – Friedensstadt-Transformation

Die Osnabrücker werden sich daran gewöhnen, dass es künftig vielleicht den Slogan des israelischen Rüstungskonzerns Rafael geben wird: „Aus der Friedensstadt für unseren Iron Dome.“

Titelbild: Volkwagen AG


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