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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Wo sind die Kinder unserer Politiker – warum sollen wir sterben, während sie im Ausland Partys feiern?
Datum: 24. September 2026 um 10:00 Uhr
Rubrik: Medien und Medienanalyse, Militäreinsätze/Kriege
Verantwortlich: Marcus Klöckner
Journalistin stellt richtige Frage
Eine Journalistin fragt Vitali Klitschko, wo die Kinder der Politiker sind, wenn es um den Kampf an der Kriegsfront geht. Das ist eine Frage, die mehr als angebracht ist. Gut, dass sie gestellt wurde. Dabei geht es aber gar nicht darum, dass man Kinder von Politikern an der Front sehen will – genauso wenig wie dort die Kinder der „einfachen“ Menschen sein sollten. Schließlich will man nicht zu dem Monster werden, das man verdammt. Angebracht ist die Frage deshalb, weil sie auf die Heuchelei der Politik ein Licht wirft. Jeder weiß es: In jedem Krieg beschwören Politiker das „Wir“. Sie reden vom Kampf und von Opfern, die ein Jeder bringen müsse. Allerdings: An der Front sterben die Kinder der normalen Leute. Die Kinder der Politiker müssen dem Kriegstod nicht ins Auge sehen – genauso wenig wie die Politiker selbst. Die Antwort Klitschkos ist entlarvend. Von Marcus Klöckner.
Auch im Journalismus der großen Medien gibt es Lichtblicke. Ein Lichtblick ist dann zu sehen, wenn ein Journalist gegenüber einem Politiker die richtige Frage stellt. Eine Journalistin der Schweizer Zeitung Blick hat ein Interview mit Vitali Klitschko, dem Bürgermeister von Kiew, geführt.
Klitschko sagt darin:
„Unsere Spitäler sind voll mit jungen Menschen, mit unseren Soldaten. Sie sind kaum älter als 30 Jahre und haben keine Arme, keine Beine oder keine Augen mehr. Manchmal brauche ich nach einem Besuch in unseren Spitälern selbst psychologische Betreuung. Es ist schwer zu sehen, durch welche Hölle diese jungen Männer gegangen sind.“
Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Gewiss nicht, weil sie etwas Neues hervorbringt. Schließlich: So ist der Krieg. Aus diesem Grund, um solche „Bilder“, um solche furchtbaren Schicksale zu vermeiden, wird jeder vernünftige Politiker alles tun, damit es erst gar nicht zu einem Krieg kommt – und wenn es zu einem Krieg kommt, wird er alles daransetzen, ihn, so schnell es überhaupt nur geht, zu einem Ende zu bringen. Bemerkenswert ist die Aussage deshalb, weil das Ausmaß des Leides, dem Soldaten ausgesetzt sind, ihre Verstümmelungen, ihre körperlichen und seelischen Schäden, von Politikern gerne ausgeblendet werden.
Auf die Aussage Klitschkos schließt sich die zentrale Frage der Blick-Journalistin an:
Manche Männer fragen: Warum kämpfen wir einfachen Leute? Wo sind die Kinder unserer Politiker – warum sollen wir sterben, während sie im Ausland Partys feiern? Was antworten Sie darauf?
Meinen Sie das wegen meiner Kinder?
Es geht generell um die Kinder der Politiker – aber auch um Ihre.
Meine Kinder haben nie in der Ukraine gelebt. Sie wurden in Amerika geboren und haben in Europa oder Amerika studiert.
Es ist offensichtlich. Klitschko weicht der Frage aus.
Die Journalistin hakt nach:
Dennoch stellen sich viele Menschen diese Frage.
Ich habe selbst im Ausland gelebt. Aber ich bin zurückgekommen, weil meine Wurzeln hier sind. Niemand hat mich gezwungen. Mir gefällt der Satz: «Wollen Sie den Krieg stoppen? Dann schicken Sie die Kinder der Entscheidungsträger an die Front.»
Aber sie sind nicht dort. Eben das wird kritisiert.
Ich erwähne diesen Satz mit den Entscheidungsträgern nicht umsonst. Was mich betrifft: Ich bin jeden Monat an der Front. Ich möchte nicht sterben, aber ich habe keine Angst.
Sie weichen meiner Frage dennoch aus, Herr Klitschko.
Was soll ich Ihnen antworten? Was meine Kinder betrifft, habe ich die Antwort gegeben. Ich kenne viele Geschäftsleute, deren Kinder an der Front kämpfen – und ich kenne viele Gegenbeispiele. Man kann das nicht verallgemeinern.
Heisst das, es müssten mehr Kinder von Entscheidungsträgern an die Front, damit der Krieg endet?
Ihre Frage ist eine Frage für die ganze Gesellschaft. Ich bin für mich und meine Familie verantwortlich. Wir haben diesen Krieg nicht begonnen. Diesen Scheisskrieg kann nur ein Mensch stoppen: Derselbe, der ihn begonnen hat.
Je mehr Klitschko redet, umso deutlicher wird, warum die Kritik am zweierlei Maß der Politik, wenn es um den Einsatz ihrer eigenen Kinder geht, mehr als angebracht ist.
Die Geschichte von den „Fortunate Son“, die einst die Band Creedence Clearwater Revival besungen hat, also: die Geschichte der „glücklichen Söhne“ der Politiker, die nicht an die Front gehen, ist uralt.
Sie ist auch heute real.
Und noch etwas: Wenn Klitschko davon spricht, dass er jeden Monat an der „Front“ sei, dann kann man das so nicht stehenlassen. An der Front „ist“, wer mit einem Gewehr im Schützengraben liegt, nicht weg kann, jeden Tag, Stunde für Stunde in das Mündungsfeuer des Feindes blicken muss – und schlimmstenfalls sogar noch „busifiziert“ wurde, das heißt, gegen seinen Willen unter Gewalt zwangsrekrutiert wurde. Ein Politiker, der unter maximalem Schutz an die „Front“ fährt, um sich temporär ein Bild vor Ort zu machen, der „ist“ nicht an der Front.
Titelbild: European People’s Party – EPP Congress 2025 | Valencia | Day 1, CC BY 2.0, Link
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