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Titel: Sachbuch „Surveillance Valley“ – Über die geheime Militärgeschichte des Internets
Datum: 3. Oktober 2026 um 14:00 Uhr
Rubrik: Überwachung, Rezensionen
Verantwortlich: Redaktion
Das Internet ist aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken. Je mehr aber die Technologie das Leben bestimmt, desto stärker verblassen die Erinnerungen an ihren Ursprung. Wer die heutigen Geschichtsbücher aufschlägt, findet dort Erklärungen, die die eigentlichen Ursachen verdecken. Der in Russland geborene US-Journalist Yasha Levine hat nun den wahren Grund herausgefiltert. In seinem bislang nur auf Englisch vorliegenden Buch „Surveillance Valley“ legt er dar, was das Internet heute ist und als was es von Anfang an gedacht war: eine Waffe. Eine Rezension von Eugen Zentner.
Die Darstellungsform, die Levine gewählt hat, ist für US-amerikanische Sachbücher geradezu typisch: geschrieben im Reportagestil und mit Mitteln der Literatur. Dazu gehört es auch, dass der Autor sich selbst als Figur einführt. Im Prolog beschreibt Levine, wie er 2014 im kalifornischen Oakland einer Veranstaltung beiwohnt, auf der über den Aufbau einer Zentrale für städtische Überwachung abgestimmt werden soll. Für den Journalisten ist es der Startschuss für tiefe Recherchen, bei denen er auf das stößt, was er im Untertitel „Die geheime Militärgeschichte des Internets“ nennt. Diese führt zunächst zur 1957 gegründeten Advanced Research Project Agency (ARPA), die nicht nur damals, sondern auch heute noch eine Schlüsselrolle spielt, auch wenn sie mittlerweile mit einem vorangestellten „Defense“ als DARPA firmiert. Die Forschungsbehörde des Pentagons für Militärtechnik vergibt Entwicklungsaufträge an Universitäten und an private Unternehmen des Rüstungs- und IT-Sektors.
Die damalige ARPA entstand mitten im Kalten Krieg, als die USA im Wettkampf mit der Sowjetunion nach einer fortschrittlichen Technologie suchten – nach einer, die nicht nur vor nuklearen Gefahren schützte. So entstand das heute noch bekannte ARPANET, der Vorläufer des Internets. Doch um dieses ranken sich viele Legenden, wie Levine bei seinen Recherchen schnell festgestellt hat. In allen Geschichtsbüchern, die sich mit dem Ursprung des Internets beschäftigen, fand er zwei Haupterzählungen, die oftmals sogar vermischt werden. Eine von ihnen lautet so: Das Internet ist aus dem Bedürfnis des Militärs entstanden, ein Kommunikationsnetzwerk aufzubauen, das im Falle eines nuklearen Angriffs genutzt werden könnte.
Die zweite und – wie Levine betont – mittlerweile sogar dominantere Erzählung beruht auf der Behauptung, dass das Militär von Anfang an nicht involviert war. Stattdessen sollen junge Programmierer und Hacker das ARPANET entwickelt haben, IT-Nerds also, auf die die Gegenkultur der 1960er-Jahre großen Einfluss hatte. Sie träumten von einer medialen Utopie, in der militärische Einrichtungen obsolet sind, so die pathetische Erklärung.
In seinem Buch präsentiert Levine jedoch eine andere Geschichte, eine, in der William Godel als Protagonist auftritt. Der damalige Experte aus dem Verteidigungsministerium reiste 1961 mit einem Team nach Vietnam, um den dortigen Krieg zu analysieren und nach militärischem Potenzial zu suchen. Er wurde fündig. In der Taktik des Guerillakampfs der Vietkong erkannte er eine Gefahr, die auf die USA weltweit zurollte: Aufstände gegen US-unterstützte Regierungen, ob nun in Südostasien, im Nahen Osten oder in Südamerika. Godel begriff, dass das US-Militär nicht die gleiche Art Krieg führen konnte wie noch im Zweiten Weltkrieg. Taktik und Strategie mussten geändert werden.
Das Stichwort lautete „Aufstandsbekämpfung“. Das war die neue Art des Krieges, auf die sich die Technik richten sollte. Sie musste so fortschrittlich sein, dass sich schnell und effektiv herausfinden ließe, wie die jeweilige Bevölkerung „tickte“ und wann Aufruhr drohte. Diese Erkenntnisse präsentierte Godel kurz darauf der ARPA und brachte sie dazu, ein Forschungszentrum für Aufstandsbekämpfung aufzubauen. Das ARPANET war geboren. Dieses wurde dann auch sehr schnell dazu genutzt, mögliche Aufstände früh zu erkennen – zunächst im Ausland, später auch im Inland, als die Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung zu wachsen begann.
Zunächst diente das ARPANET also dazu, Militär und Geheimdienste zu verbinden, damit sie effektiver alle dort vorhandenen Informationen über Individuen und politische Bewegungen zusammenführen und analysieren konnten. Dann wurde es als Internet für alle geöffnet und in den Alltag aller Bürger integriert, so geschickt, dass kaum noch jemandem bewusst ist, welch zentrale Rolle Militär und Geheimdienste von Anfang an spielten – und es immer noch tun.
Der Mehrwert, den das Internet bei der Überwachung im Laufe eines etwas mehr als halben Jahrhunderts gebracht hat, ist gedanklich leicht nachzuvollziehen. Levine füllt diesen zeitlichen Rahmen mit einer kurzen Computer-Geschichte und unter Einführung weiterer Protagonisten, die allesamt zur Verbesserung der technischen Möglichkeiten beigetragen haben. Dann springt der Autor recht zügig in die Gegenwart. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist abgeschlossen, sodass er nun den Blick auf das Geschäft mit der privaten Überwachung wirft. Nun treten nicht mehr Personen als Protagonisten auf, sondern Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley – Amazon, Facebook, Uber, Airbnb.
Insbesondere Google entwickelte sich im neuen Jahrtausend innerhalb weniger Jahre zu einer Plattform, die jeden nachverfolgte und registrierte, der mit einem ihrer Produkte in Berührung kam. War es dem Pentagon mit dem Aufbau des ARPANETS noch darum gegangen, mit den gesammelten Daten mögliche Aufstände zu antizipieren, so nutzten Tech-Unternehmen wie Google sie für die Vorhersage von Kundenbedürfnissen. Das Prinzip ist das gleiche, weshalb es nicht lange dauerte, bis das Pentagon mit ihnen zusammenarbeitete. Der Traum des militär-geheimdienstlichen Komplexes, ein Computersystem aufzubauen, mit dem sich die ganze Welt beobachten und die Zukunft vorhersagen ließe, wurde Realität. 2013 war die Überwachung bereits so umfassend, dass der NSA-Mitarbeiter Edward Snowden nicht mehr schweigen konnte.
Im letzten Drittel seines Buches kommt Levine auch auf diese Episode zu sprechen, lässt den weltberühmten Whistleblower jedoch in keinem guten Licht erscheinen: „Für jemanden, der jahrelang zwischen CIA und NSA gewechselt hatte und Zugang zu den tiefsten Geheimnissen des amerikanischen Überwachungsstaates genoss, waren Snowdens Ansichten seltsam simpel und naiv“, lautet das Urteil. „Er schien sich der tiefen historischen Verbindungen zwischen Technologieunternehmen und dem US-Militär nicht bewusst zu sein. Tatsächlich schien er über wesentliche Aspekte genau jener Dokumente im Unklaren zu sein, die er bei der NSA entwendet hatte.“ Aus diesen sei nämlich hervorgegangen, setzt Levine seine Kritik fort, welch zentrale Rolle bei tödlichen staatlichen Operationen im Ausland Daten gespielt hätten, die von Tech-Unternehmen generiert worden waren.
Snowden ist das Gesicht der Datenschutzbewegung und ein Befürworter des Browsers „Tor“, den Cyberpunks und Kryptographie-Fans nutzen, um ins Darknet zu gelangen. Denn dieses verspricht Anonymität und individuelle Freiheit, es schützt vor Nachverfolgung und Spionage. So zumindest die große Erzählung. Levine zerstört auch diese Illusion. Als er sich eingehender mit „Tor“ beschäftigt habe, schreibt er, sei er wieder auf Google gestoßen. Das Unternehmen trug zur Entwicklung des Browsers bei, indem es unter anderem Studenten finanzierte, die in den Semesterferien daran arbeiteten. Weitere Recherchen ergaben, dass „Tor“ Anfang der 2000er-Jahre aus einem gemeinsamen Militärprojekt der US-Marine und DARPA hervorgegangen war, bevor es in eine private gemeinnützige Organisation ausgegliedert wurde. Aber selbst dann blieb diese auf Regierungsaufträge angewiesen.
Eine Datenschutzbewegung, die nach außen in Opposition zur staatlichen Überwachung steht, ist nur Teil eines Theaterstücks. Levine schildert nicht nur die gemeinsamen Verstrickungen, sondern auch eigene unschöne Erfahrungen, die er machen musste, als er sich bei seinen Recherchen tiefer in dieses Dickicht begab. Sein Buch ist voller Überraschungen und Wendungen, es ist reich an Informationen und Erkenntnissen, es ist schön und spannend geschrieben, aber auch desillusionierend. Nach der Lektüre gibt es kaum noch Hoffnung auf ein Entkommen. Wir alle haben uns im Internet verfangen, wir haben dort unsere Freiheit verloren, genauso wie unsere Privatsphäre. Wir sind zu gläsernen Bürgern geworden, über die Regierungen alles, aber auch wirklich alles wissen. Umso wichtiger ist es, dass Levines Buch größere Bekanntheit erlangt. Der erste Schritt wäre eine Übersetzung ins Deutsche. Dafür müsste sich nur noch ein mutiger Verlag finden.
Yasha Levine: Surveillance Valley: The Secret Military History of the Internet. London 2019, Icon Books (englische Ausgabe), Taschenbuch, 384 Seiten, ISBN 978-1785785719, 12,59 Euro.
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