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Titel: Indonesien 1965/66: Bonns Buchhaltung eines Blutbads

Datum: 10. Oktober 2026 um 12:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Länderberichte
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61 Jahre nach dem Beginn des Völkermords in Indonesien gerät Bonns Mitwisser- und Komplizenschaft angesichts neuer Enthüllungen ins Zwielicht und immer stärker in Erklärungsnot. Notizen zu einem in Jakarta wie Berlin gleichermaßen lieber tabuisierten Thema von unserem Südostasienexperten Rainer Werning.

Vorabnotiz

Der Journalist und preisgekrönte Dokumentarfilmproduzent Hüseyin Doğru und sein Kollege Emrah Cilasun haben am 30. September eine umfassende investigative Recherche veröffentlicht, die es im wahrsten Wortsinn in sich hat. Unter dem Titel „Indonesien 1965: Wie Deutschland einen Völkermord finanzierte” publizierten sie einen 45-minütigen Dokumentarfilm sowie ein akribisch zusammengestelltes Quellenmaterial, das sich auf umfangreiche Archivarbeiten und die Aktenauswertung von über 1.000 Seiten freigegebener Dokumente stützt. Konkret handelt es sich um 80 Dokumente (Fernschreiben, Berichte, Vermerke und Protokolle), die die Anmerkungen zitieren und insgesamt 238 Seiten umfassen. 70 Dokumente stammen aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin, zwei aus dem Bundesarchiv in Koblenz, Akten aus Washington sowie die Kleine Anfrage der Partei Die Linke im Bundestag von 2014 mit der Antwort der Bundesregierung. Rekonstruiert wird darin samt Scans, wie die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Bundesnachrichtendienst (BND) die indonesische Militärjunta unter General Suharto in ihren Plänen unterstützte, sukzessiv die politische Macht in dem südostasiatischen Inselreich an sich zu reißen und – mehr noch – dort die „Übel des Kommunismus gänzlich auszumerzen“.

„Vor dem Kommunismus zu schützen“

Mitte der 1960er-Jahre zählte die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) nach eigenen Angaben über drei Millionen Mitglieder und war somit die weltweit drittstärkste kommunistische Partei nach der Volksrepublik China und der Sowjetunion. Darüber hinaus konnte sich die PKI auf eine Massenbasis von etwa 20 Millionen Menschen stützen, die in Gewerkschaften sowie Jugend-, Frauen- und Bauernverbänden organisiert waren oder sich als Intellektuelle, Schriftsteller und Kulturschaffende ideologisch oder politisch der PKI verbunden fühlten.

Mitte der 1960er-Jahre markierte gleichzeitig den Höhepunkt des Kalten Krieges, da sich im Zuge schroffer West-Ost-Blockkonfrontation die USA anschickten, in der Region Südostasien als Nachfolger der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich die Völker Vietnams, Laos und Kambodschas „vor dem Kommunismus zu schützen“. In Washington beseelte und benebelte gleichermaßen die „Dominotheorie“ die Geister konservativer Politiker und Hirne hartgesottener Militärstrategen, die nicht hinnehmen mochten, dass ganz Vietnam „dem Kommunismus“ anheimfalle. Dort nämlich hatte Hồ Chí Minh bereits am 2. September 1945 im Norden des Landes die Demokratische Republik Vietnam proklamiert.

Mit Blick auf Indonesien schrillten Mitte der 1960er-Jahre im Westen die Alarmglocken, als dessen Gründervater und erster Präsident Sukarno keinen Hehl daraus machte, sich künftig außenpolitisch gen China zu orientieren und eine Achse Jakarta-Peking zu begründen. Aus ideologischen, politischen, wirtschaftlichen sowie geostrategischen Erwägungen unternahmen die Regierungen in Canberra, Washington, London und Bonn alles in ihrer Macht Stehende, um ein solches Szenario im größten und bevölkerungsreichsten Land Südostasiens zu vereiteln. Als „natürlicher“ Verbündeter empfahl sich auf indonesischer Seite das Militär, dem die PKI seit eh und je ein Dorn im Auge war.

„Wir führten doch einen heiligen Krieg gegen den Kommunismus“

Zu den sich seit dem 30. September 1965 in Indonesiens Hauptstadt Jakarta und Umgebung überschlagenden politischen und militärischen Ereignissen schreiben die Autoren Doğru und Cilasun:

„Am 1. Oktober 1965 riss die indonesische Armee das Land an sich. In der Nacht des 30. September hatte eine Gruppe von Offizieren, die sich Bewegung 30. September nannte, unter Führung von Oberstleutnant Untung von der Präsidentengarde sechs Generäle des Armeeoberkommandos entführt und getötet. Binnen Stunden hatte Generalmajor Suharto, Befehlshaber der strategischen Reserve der Armee, Kostrad, die Bewegung niedergeschlagen; binnen Tagen gab die Armee der Kommunistischen Partei die Schuld an allem. Suharto (1921–2008) übernahm das Kommando, und der damalige Präsident, Sukarno (1901–1970), sah es nicht kommen. Sukarno behielt seinen Titel. Sonst behielt er nichts, und im März 1967 nahm man ihm auch diesen. Binnen Wochen begann die Armee, die Kommunistische Partei Indonesiens, die PKI, Provinz für Provinz zu verbieten; im März 1966 wurde sie im ganzen Land verboten. Sie war damals die drittgrößte kommunistische Partei der Welt. Jede Organisation, die mit ihr in Verbindung stand, wurde in der Folge verboten.“

Mehr noch: Verdächtigungen reichten aus, um Menschen in die Nähe der PKI zu rücken und sie zum Freiwild zu erklären. Den Verboten folgten Pogromszenen, wo scharenweise unbewaffnete Zivilisten buchstäblich wie Lämmer zur Schlachtbank geführt wurden. Meist wurden die Opfer von Soldaten auf Militärfahrzeuge gepfercht und an Orte „abgeliefert“, wo ein von den Generälen antikommunistisch aufgepeitschter Mob bereits darauf wartete, seinen Blutorgien freien Lauf zu lassen. In dem Dokumentarfilm tauchen neben Überlebenden, die über das tödliche Schicksal von Verwandten, Bekannten und Freunden berichten, auch Personen auf, die freimütig schilderten, welch bestialischer Mittel sie sich bedienten, um zu töten und morden. Burhan Kampak, ein Milizionär und Täter in frühen Jahren und heute ein fidel lächelnder, fast zahnloser Mann mit weißem Haar, zuckte bei der Frage, ob er Reue zeige, kurz zusammen, als verstünde er die Frage nicht. „Nein, nein“, antwortete er dann gefasst und mit vergnügtem Lächeln: „Wir führten doch einen heiligen Krieg gegen den Kommunismus. Dafür haben wir drei Jahre gebraucht, um die Säuberung abzuschließen.“ Sodann zeigte er stolz ein Foto von Suharto, als handele es sich um ein Heiligenbild.

Kernpunkte der historischen Verflechtungen und Doğrus/Cilasuns Enthüllungen umfassen Aspekte der Mitwisserschaft und Billigung des Tötens, finanzielle und logistische Bitten der Putschisten, Rüstungsexporte und Ausrüstung, personelle Kontinuitäten (NS-Vergangenheit) sowie die offizielle Haltung der Bundesregierung.

„Regelrechtes Abschlachten von Kommunisten“

Aus den BND- und Regierungsakten geht hervor, dass deutsche Diplomaten und Geheimdienstler das Ausmaß des Massenmords genauestens dokumentierten. Bereits im November 1965 beschrieb ein interner BND-Bericht mit dem Betreff „Föhrenwald“ ein „regelrechtes Abschlachten von Kommunisten“. Bis Februar 1966 bezifferten Akten aus Bonn die Zahl der Toten bereits auf fast 800.000 Menschen. Trotz dieses Wissens bezeichneten deutsche Stellen die Säuberungen intern als eine „Bereinigung ganz in unserem Interesse“.

Am 4. Oktober 1965 schickte die Botschaft in Jakarta ein verschlüsseltes Fernschreiben mit dem Vermerk „citissime“ (damals die übliche Telegrafie-Dienstmarkierung für „schleunigst“ – RW) an das Auswärtige Amt, bestimmt für den Bundesminister der Verteidigung. Ein „linksorientierter Umsturzversuch“ sei gescheitert, meldete es; Sukarno und General Abdul Haris Nasution, der Koordinierende Minister für Verteidigung und Sicherheit, der den Entführern entkommen war, hätten mit Regierungstruppen die Lage im Griff. Sechs Generäle seien von den Rebellen entführt worden, und nach einer noch unbestätigten Meldung sei General Donald Isaac Pandjaitan (posthum zum Generalmajor befördert) bei seiner Gegenwehr erschossen, die übrigen danach ermordet worden. Unterzeichnet hatte das Fernschreiben der Militärattaché Meyer. Neben seinen Namen schrieb ein Beamter in Bonn von Hand ein einziges Wort, auf Französisch: „ENFIN!“ Zu Deutsch: endlich.

Dazu merkt das Autorenteam Doğru/Cilasun an:

„Was da endlich gekommen war, war nicht der Tod von sechs Offizieren. Es war die Gelegenheit, gegen die Kommunisten vorzugehen, und der Mann in Bonn hatte darauf gewartet.“

Am 19. Oktober 1965, knapp drei Wochen nach dem Putsch, meldete Botschafter Luitpold Werz (1907–1973) nach Bonn, alle Demonstrationen gegen die PKI würden von der Armeeführung gesteuert. Auch die Parole gegen die chinesische Minderheit komme von der Armee, die das Provozieren von Zwischenfällen ermuntert habe. Was nach außen als spontaner Volkszorn erschien, war nach Bonns eigenem Wissen eine gelenkte Kampagne. Bonn änderte nichts an seiner Haltung; auf der nächsten Seite desselben Telegramms beschrieb Werz die „Militärwalze“, die nun die Provinzen „säubern“ soll.

Am 26. Oktober 1965, am selben Tag, an dem das Indonesienreferat des Auswärtigen Amts empfohlen hatte, die Ausfuhr von Pistolengriffen an die indonesische Armee zu genehmigen, schrieb Alexander Böker, Ministerialdirigent in der politischen Abteilung des Auswärtigen Amts, an Botschafter Werz in Jakarta:

„Wir verfolgen die dortige Entwicklung selbstverständlich mit größtem Interesse und freuen uns über die Fortschritte in der Festigung des Armee-Regimes. Wir sind uns völlig darüber klar, welch große Chancen für die westliche Welt insgesamt und für Deutschland im Besonderen in dieser Entwicklung liegen und welch großen Gefahren wir ausgesetzt wären, wenn das Experiment scheitern sollte.“

Am 15. November 1965 schickte die Botschaft in Jakarta Charakterskizzen des neuen indonesischen Armeestabs nach Bonn. Über Brigadegeneral Sumitro berichtete sie:

„Sumitro verdiente sich seine Sporen, als er seit dem Januar ds. Js. als frischgebackener Brigadegeneral in der Provinz Ostkalimantan in wenigen Monaten geräuschlos mit den von seinem Vorgänger Suharjo hochgezüchteten und geförderten Kommunisten aufräumte. Sumitro absolvierte ein Jahr an der Führungsakademie der Bundeswehr (in Hamburg-Blankenese – RW). Er ist eine der politischen Hoffnungen der Armee.“

Ende November 1965 – der Massenmord in Indonesien war in vollem Gange – empfing Karl Carstens, damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt und späterer Bundespräsident, Jakartas Staatsminister Brigadegeneral Dr. Ahmad Sukendro. Dieser plädierte offen für weiteres deutsches Kapital und Know-how, um „die Fortsetzung der antikommunistischen Entwicklung zu sichern”.

„Die Gefahr”, so präzisierte der General sein Anliegen, „ist nicht nur die PKI, sondern der Kommunismus als solcher.”

Carstens antwortete, Bonn werde „das in seinen Kräften Stehende tun”, um Indonesien angesichts der „gegenwärtigen Richtung seiner politischen Entwicklung“ zu unterstützen. Die Gelder, um die es fortan ging, dienten mithin ausdrücklich dem antikommunistischen Kurs der indonesischen Armee.

Lieferung militärischen Geräts und Gelder für „Sonderaktionen gegen KP-Funktionäre“

Laut den Dokumenten trat das indonesische Militär im November 1965 mit einer konkreten Bitte um finanzielle Hilfe an die Bundesrepublik heran. Gefordert wurden unter anderem 1,2 Millionen D-Mark. Offiziell vermerkten deutsche Akten zwar das Prinzip der „Nichteinmischung“, im Hintergrund wurden die Gelder laut Recherchen jedoch für „Sonderaktionen gegen KP-Funktionäre“ in Aussicht gestellt oder kanalisiert, um das neue Regime zu stabilisieren.

Obwohl Bonn von den Massakern wusste, wurden in den Folgejahren nebst Gewehren, Munition und Militärfahrzeugen auch U-Boote und Kriegsschiffe an das Suharto-Regime geliefert, die später bei weiteren schweren Menschenrechtsverletzungen (wie in Osttimor oder Westpapua) eingesetzt wurden.

Zusammengerechnet belegen allein die deutschen Akten für die Jahre 1960 bis 1968 folgende Lieferungen, Genehmigungen und Anträge für das indonesische Militär: mindestens 40.250 Gewehre (10.000 von Rheinmetall 1960/61, 30.000 G3 von Heckler & Koch und 250 BM 59 im Jahr 1968), dazu 9.750 Gewehrverschlüsse, 5.000 Läufe und 42.000 Ersatzteile; 20.000.000 Patronen Kaliber 7,62 mm; 255.800 Kilogramm Nitroglycerinpulver; ein Sprengstoffprojekt für die Armee, allem Anschein nach ein und dasselbe, betrieben über Ferrostaal und Fritz Werner und mit 40 bis 80 Millionen DM bewertet; sowie Verträge über 63 Millionen DM für Indonesiens Rüstungs- und Munitionsfabriken vor dem Putsch.

Vor dem Putsch bürgte Bonn auch für Kredite, die nach den Worten seines Botschafters „die uns wohlgesinnten Kreise (wie z. B. die Armee u. a.)“ stärken würden. Während die PKI zerschlagen wurde, leistete der BND nach der späteren Darstellung seines eigenen Chefs „Unterstützung (Berater, Geräte, Geld)“. Als das Morden vorbei war, kamen Umschuldung, neue Kredite und Kapitalhilfe hinzu – bis 1969 in Höhe von 100 Millionen DM.

Ex-Nazis in Amt und Würden

Doğru/Cilasun heben zudem hervor, dass in der Zeit von 1952 bis 1970 sechs der ersten sieben westdeutschen Botschafter in Jakarta eine NS-Vergangenheit aufwiesen – sie waren ehemalige NSDAP-Mitglieder oder arbeiteten in der NS-Propagandamaschinerie. Diese ideologische Prägung begünstigte den radikalen Antikommunismus der damaligen deutschen Außenpolitik, die den Sturz von Präsident Sukarno und die physische Vernichtung der PKI begrüßte.

Konkret listet das Autorenteam folgende Personen auf:

„Werner Otto von Hentig ab 1952 – keine Parteimitgliedschaft belegt
Helmut Allardt 1954–58 – NSDAP-Nr. 7.055.168 · aufgenommen 1939
Dietrich von Mirbach 1959–63 – NSDAP-Nr. 2.781.465 · eingetreten 1. Mai 1933
Gerhart Weiz 1963–64 – SA ab 1933 · NSDAP ab 1937
Luitpold Werz 1964–66 – NSDAP-Nr. 2.873.248 · eingetreten 1. Okt. 1934
Kurt Luedde-Neurath 1966–68 – NSDAP-Nr. 4.745.122 · eingetreten 1. Mai 1937
Hilmar Bassler 1968–70 – NS-Propaganda für Ostasien · keine Parteimitgliedschaft belegt.“

Luitpold Werz war von 1964 bis 1966 der BRD-Botschafter in Jakarta, in dessen Amtszeit die Massenmorde fielen. Historisch bekannt ist eine Notiz von Werz aus dem Februar 1966, in der er die Opferzahlen der antikommunistischen Säuberungen mit denen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima verglich und sich überrascht zeigte, wie wenig internationale Beachtung diese im Vergleich fanden. Nach seiner Zeit in Jakarta leitete er die Ost-West-Abteilung des Auswärtigen Amtes und war von 1969 bis 1972 BRD-Botschafter in Argentinien.

Wegducken, abwiegeln, beschweigen

Die Debatte über die deutsche Mitverantwortung beschäftigt auch die Bundespolitik. Die Bundesregierung betonte in parlamentarischen Antworten (etwa auf Anfragen der Partei Die Linke), dass sich aus den archivierten BND-Akten keine direkten Belege für eine gezielte operative Kooperation zur Unterstützung von Gewalttaten ergäben. Kritiker und Historiker verweisen jedoch darauf, dass wichtige Dokumente und Beschaffungsbitten vom BND bis heute unter dem Deckmantel des „Methodenschutzes“ zurückgehalten werden.

Im Juli 2016 stellte das Internationale Volkstribunal zu 1965 in Den Haag, ein Tribunal aus Richtern und Juristen ohne Strafgewalt, fest, dass die Tötungen durch die indonesische Armee und die von ihr ausgebildeten und unterstützten Milizen Völkermord waren, die teilweise Vernichtung einer nationalen Gruppe, und es benannte die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Australien als mitschuldig. Vier Jahre zuvor hatte Indonesiens Nationale Menschenrechtskommission Verbrechen gegen die Menschlichkeit festgestellt und von einer staatlichen Politik gesprochen, die Mitglieder und Sympathisanten der PKI auszurotten. 2023 gefragt, ob sie ein Völkermord gewesen seien, antwortete die Bundesregierung, es obliege nicht ihr, der Aufarbeitung durch Wissenschaft, Zivilgesellschaft, internationale Gremien und vor allem durch Indonesien selbst vorzugreifen. Hätten dem Tribunal in Den Haag die neuesten Enthüllungen in puncto Bonner Verstrickung in die blutigen Geschehnisse in Indonesien vorgelegen, wäre auch die Bundesrepublik als mitschuldig erklärt worden.

Postscript

Als Hauptantriebskraft und politisch-ideologische Leitplanke eines Staatsterrorismus solchen Ausmaßes diente ein bis dahin nicht gekannter martialisch-fanatischer Antikommunismus, der in der Hochphase des Kalten Krieges im Westen uneingeschränkt Bewunderung erntete. Nicht in Vietnam, sondern in Indonesien gewannen die USA „den Krieg gegen den Kommunismus“. Und als engster Verbündeter Washingtons wollte das damals beschauliche Bonn nicht abseitsstehen. Alle drei Parteien – die Regierungen in Jakarta, Washington und Bonn – einte ein geschlossen antikommunistisches Weltbild. Was Bonn betraf, so war eine halbherzig durchgeführte „Entnazifizierung“ immerhin von einem vollherzig durchgezogenen Justizverfahren begleitet worden, das nach fünfjähriger Dauer im Sommer 1956 zum KPD-Verbot führte. In diesem Kontext sei das Opus des Freiburger Historikers Josef Foschepoth Verfassungswidrig! Das KPD-Verbot im Kalten Bürgerkrieg (Göttingen 2017) empfohlen.

Wer sich die Mühe macht, das von Doğru/Cilasun verdienstvoll zusammengetragene und aufbereitete Konvolut durchzuforsten, ist gleichzeitig verblüfft und sprachlos, mit welch krasser Kaltschnäuzigkeit das Gebaren der indonesischen Armee und ihrer Schergen kommentiert wurde. Da offenbarten nebst BRD-Botschafter Werz gänzlich unbekümmerte und durchgängig auf dem rechten Auge erblindete westdeutsche Bürokraten im Auswärtigen Amt und Geheimdienstler schwärmerische Freude ob der „Fortschritte“ der staatlichen „Sicherheits“kräfte im fernen Jakarta. Mit „Fortschritten“ waren all jene „planmäßig“ und „erfolgreich“ durchgeführten Maßnahmen gemeint, mit denen die „indonesischen Freunde im Militär“ ihre blutrünstige Herrschaft zementierten. Von offizieller Seite scheint angeordnete Amnesie das Gebot der Stunde zu bleiben.

In Indonesien selbst hat das bis heute tabuisierte Thema „1965 ff.“ bizarre Ausmaße erreicht. Nicht nur müssen sich die Überlebenden und Opfer von einst in der Öffentlichkeit verstecken. Sie bleiben sozial geächtet, während für die Architekten des Staatsterrors Monumente errichtet und sie posthum geachtet, gar geehrt werden. So geschehen am 10. November 2025, als Indonesiens achter Präsident Prabowo Subianto (seit Oktober 2024 im Amt), auch er ein wegen massiver Menschenrechtsverletzungen vor allem in Osttimor arg in die Kritik geratener Ex-General und früherer Schwiegersohn Suhartos, ebendiesen sowie Sarwo Edhie Wibowo (1925–1989) zu Nationalhelden (Pahlawan Nasional) ernannte.

Letzterer befehligte einst die Fallschirmkommandotruppe RPKAD (Kopassus) der Armee und galt als einer der treuesten Gefolgsleute Suhartos. Er machte von sich reden, als er kurz vor seinem Tod vor Mitgliedern des indonesischen Parlaments (DPR) erklärte, bei den Massakern 1965 bis 1966 seien „zwei oder drei Millionen“ Menschen hingerichtet worden! Diese Zahl bezog sich auf die systematische Vernichtung von Mitgliedern und vermeintlichen Sympathisanten der PKI sowie ethnischer Chinesen. Die Schätzung von drei Millionen Toten gilt historisch als die absolute Obergrenze, besitzt freilich enormes politisches Gewicht, da sie direkt aus dem Munde eines der Haupttäter stammt.

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Titelbild: Screenshot Hüssyin Dogru via YouTube


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