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Titel: “Dieses eine Leben – Aufrecht durch dunkle Zeiten“

Datum: 20. Dezember 2006 um 10:24 Uhr
Rubrik: Neoliberalismus und Monetarismus, Rezensionen
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Auf dieses fesselnde Buch von Gunter Haug über einen von den Nazis ermordeten Flaschnermeister bin ich von den „Anstiftern“ in Stuttgart aufmerksam gemacht worden. Bei der Lektüre ging mir bedrückend nahe, wie schrecklich viele Parallelen es zwischen der Nazibewegung und der neoliberalen Bewegung und der in ihrem Geist geprägten Realität von heute gibt: ungerecht, mit einer weiteren Spaltung von oben und unten, arbeitnehmer- und gewerkschaftsfeindlich, mittelmäßig in der Sache aber perfekt in der Propaganda, einflussreiche Netzwerke, zerstörerisch, korrupt … . Die Begründung für diese Beobachtung folgt in den nächsten Tagen.
Gestern habe ich mich mit dem Autor getroffen. Wir haben uns darauf verständigt, gemeinsame Lesungen zu seinem Buch und zu meinem Buch „Machtwahn“ zu machen, zunächst in der Heimat des 1942 Ermordeten, die auch meine ist. Von Gunter Haug habe ich eine kleine Skizze zu seinem Buch erbeten. Sie folgt und am Ende auch noch ein Bericht zu einer Winterreise.

„Ich hätte auch gerne einen Großvater gehabt!“ Diese Feststellung seiner Frau Karin war für den Autor Gunter Haug nicht nur der Anstoss für seine Recherchen zu dem Buch „Dieses eine Leben“, sondern zeigt seiner Ansicht nach auch deutlich, dass die „alten Geschichten“, die angeblich keinen mehr interessieren, immer noch ihre Auswirkung in die Gegenwart hinein haben. Mehr noch: sie sind aktueller denn je. Haug beschreibt in seinem Buch, wie scheinbar harmlos alles begann: Der Flaschnermeister August Voll aus Nordbaden, überzeugter Sozialdemokrat und strikter Gegner des NS-Regimes, kam 1942 im Alter von nur 36 Jahren im Wehrmachtslazarett Winnenden angeblich durch Selbstmord ums Leben. Mittlerweile steht fest: es war kein Selbstmord. Den Totenschein hatte ein Arzt unterschrieben, nach dessen Namen an der Universität Heidelberg noch heute eine Klinikabteilung benannt wird. In Kirchardt, dem Heimatdorf des Opfers, weigerte sich der Bürgermeister, eine Buchvorstellung in öffentlichen Räumen zuzulassen. Erst jetzt, nachdem die Umstände des Todesfalls in einem neuen Licht erscheinen, hat sich sein Sohn getraut, den vor 64 Jahren geschriebenen Abschiedsbrief seines Vaters zu lesen. Der Begriff von der „traurigen Aktualität“ hat für den Autor in den vergangenen Wochen eine völlig neue Bedeutung bekommen, für das nur ein Fazit bleibt: „Wehret den neuerlichen Anfängen – die schon viel zu weit gediehen sind!“

„Dieses eine Leben – Aufrecht durch dunkle Zeiten“
Erschienen im „rotabene“ –Verlag, Rothenburg ob der Tauber
Von Gunter Haug, geboren im Jahr 1955 in Stuttgart.
Der frühere Zeitungs-, Radio- und Fernsehredakteur lebt als freier Autor
in der Region Franken.
www.gunter-haug.de

Anhang:

Winterreise durch Deutschland 2006 / 2007

„Es ist mir, als reiste ich durch ein völlig fremdes Land“
Gunter Haug, Autor des Buches „Dieses eine Leben – Aufrecht durch dunkle Zeiten“

Lesereise durch Süddeutschland. Mehr als 40 Vorträge aus diesem Buch, das eine Familientragödie in der Zeit des Nationalsozialismus beschreibt, hat Haug bislang gehalten und dabei nach seiner Aussage immer wieder schockierende Erfahrungen machen müssen. „Niemals hätte ich für möglich gehalten, wie viel Angst, Feigheit, Ignoranz und oft geradezu aggressiver Tabuisierung über 60 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur in Deutschland immer noch den Umgang mit dieser Zeit prägen.“

Eine Randbeobachtung bei seiner Lesung im Staatsarchiv in Ludwigsburg, in der Zentralstelle für die Erfassung der nationalsozialistischen Verbrechen, hat Haug schockiert: „Während ich drinnen meinen Vortrag gehalten habe, da ist der Pförtner mit seinem Schäferhund vor der Eingangstür Patrouille gelaufen. Für alle Fälle eben, wie es hieß.“

Bei jedem seiner Vorträge, so der Historiker, käme er anschließend mit Menschen ins Gespräch, die in ihren Dörfern immer wieder auf eine Mauer des Schweigens gestoßen sind und die auch heute noch von ihren Mitbürgern, von Behörden und Bürgermeistern daran gehindert wurden, Geschichten aus der Zeit des Dritten Reiches nachzuspüren und zu veröffentlichen.

Beispielsweise hatte sich eine Kulturschaffende in einer württembergischen Gemeinde nicht getraut, die Veranstaltung mit Gunter Haug offiziell im Veranstaltungskalender ihrer Stadt zu melden, um dadurch „Schwierigkeiten mit der Rathausspitze aus dem Weg zu gehen“.

Auch ein positives Erlebnis kann Haug immerhin schildern: dass man am Zentrum für Psychiatrie in Winnenden, an dem Ort also, an dem auch August Voll ums Leben gekommen ist, einen Gedenkstein für die 400 Patienten der Anstalt errichten will, die Opfer der NS-Diktatur geworden sind. Zahlreiche Widerstände von verschiedensten Seiten hatten dies bislang verhindert. Aufgrund der kritischen Randbemerkung im Buch „Dieses eine Leben“, dass es auf dem Gelände lediglich ein Denkmal für den Mops des Herzogs von Württemberg gebe, aber keines für die Opfer der NS-Zeit, will man das Vorhaben engagiert angehen.

Außerdem plant das Stadtarchiv Winnenden, nun die Geschichte des Reserve-Militärlazaretts Winnenden zwischen 1939 und 1945 im Rahmen eines Forschungsprojektes zu untersuchen. Eine Einrichtung, über deren Insassen, Pfleger, Wächter und Ärzte man bislang nicht einmal in Winnenden näheres wusste. Und schon gar nicht über die Geschehnisse innerhalb des hermetisch abgeriegelten Geländes. Keinerlei Unterlagen sind hierzu in Winnenden nach Kriegsende zurück geblieben. Bis heute traf man hier nur auf eine einzige Mauer des Schweigens.

„Gerade Lokalhistoriker bekommen regelmäßig gewaltige Probleme, wenn sie Publikationen zu diesem Thema angehen. In anwaltlichen Schriftsätzen werden ihnen rechtliche Konsequenzen in Aussicht gestellt, wenn sie konkrete Namen nennen, Stadtverwaltungen ziehen ihre Förderzusagen für solche „Heimatbücher“ zurück, nächtliche Drohanrufe finden statt oder sogar, wie auch im Fall meines Buches, wird man als Lügner beschimpft, meiner Schwiegermutter wurden sogar Prügel angedroht, einen Tag vor dem Volkstrauertag wurde in ihre Gartenhütte eingebrochen, am Volkstrauertag selbst lag ein anonymes Schreiben auf dem Grab des August Voll, dessen wahre Todesumstände ich geschildert habe“, so Haug weiter.

„In Kirchardt, dem Heimatdorf des August Voll, denkt man nicht im Traum daran, Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft formal abzuerkennen, obwohl ich auf diese bestehende Ehrenbürgerschaft hingewiesen habe. In Berwangen, dessen Synagoge einst von Kirchardter Nationalsozialisten abgebrannt worden ist, will man noch nicht einmal eine Gedenktafel an der Stelle anbringen, an der die Synagoge gestanden hat.“

Und schlimmer noch: anlässlich von Haugs Lesung in der Alten Synagoge in Ehrstädt berichtete eine Zuhörerin davon, dass bei der 1200 Jahrfeier von Berwangen die Geschichte der jüdischen Bevölkerung bewusst ausgeblendet wurde, und das, obwohl sie sich über Wochen hinweg nachdrücklich dafür eingesetzt hatte, auch das ehemalige jüdische Leben in ihrem Dorf zu dokumentieren.

In Kirchardt weigerten sich Geschäftsleute, das Plakat für die Buchvorstellung aufzuhängen, oder gar die Bücher bei sich zu verkaufen. „Hinterher dann haben sie wiederum behauptet, sie hätten das nie gesagt. Damals wie heute: dieselben Verhaltensmuster!“

In Eppingen weigerte sich der Elternbeirat der Realschule, die auch von Kirchardter Schülern besucht wird, eine Lesung aus Haugs Buch zu veranstalten. „Zu brisant“, hieß es dazu. Doch das ist noch längst nicht alles: „Im Nachbarort Schwaigern scheut man sich nach wie vor, die Geschichte der Zwangsarbeiter in dieser Stadt aufzuarbeiten, obwohl ich bei meinem Vortrag ganz konkrete Hinweise auf die Existenz dieser Zwangsarbeiter gegeben habe. Anschließend hieß es, man wolle sich da nicht die Finger verbrennen, das sei schon immer ein heikles Thema in dieser Stadt gewesen. Inoffiziell hat man mir dann einige Geschichten über diese Zwangsarbeiter und ihr manchmal hartes Los erzählt – aber in der Öffentlichkeit selbst will sich keiner zu sehr aus dem Fenster lehnen.“

Eine weitere, nie für möglich gehaltene Erfahrung hat Haug bei der Universität Heidelberg gemacht. „Obwohl wir dem Pressesprecher der Universität und der Leitung des Psychiatrischen Instituts unsere Erkenntnisse im Hinblick auf den Heidelberger Psychiatrieprofessor Hans W. Gruhle und dessen teilweise fragwürdige Rolle in der NS-Zeit übermittelt haben, ist darauf noch nicht einmal eine Reaktion erfolgt. Die Angelegenheit ist von der Universität genauso wie von der örtlichen Presse regelrecht totgeschwiegen worden.“ Obwohl nach dem Erscheinen von Haugs Buch auch vom Stadtarchiv in Winnenden neue Erkenntnisse über die wahre Einstellung von Hans W. Gruhle des angeblichen „Verfolgten des Naziregimes“ recherchiert wurden, hat sich an der Tatsache, dass eine Station des Klinikums an der Universität Heidelberg immer noch „Station Gruhle“ benannt wird, nicht das geringste geändert. Wie aber, so fragt Haug weiter, lässt sich dies mit einer in der „Winnender Zeitung“ vom 24.3.1943 abgedruckten Rede vereinbaren, in der Gruhle (damals Chefarzt des Reservelazaretts Winnenden) anlässlich des „Heldengedenktages“ zitiert wird, in dem er ein altes Landsknechtslied zum besten gibt: „Kein schönerer Tod ist in der Welt, als wer vom Feind erschlagen auf grüner Heid im freien Feld“. Und dazu Gruhle wörtlich weiter: „In diesen Versen lebt die Poesie und Romantik der Landsknechte, dieser Berufssoldaten. Hier steckt bei aller Romantik echte deutsche Kraft.“ Müssen die Namen solcher Leute wirklich noch heutzutage über Klinikportalen stehen?

„Es ist eine paradoxe Situation: da wird in München im Rahmen eines großen Festaktes und im Beisein der gesamten staatlichen und kirchlichen Prominenz die neue Synagoge feierlich eingeweiht. Presse, Radio und Fernsehen berichteten ausführlichst von diesem erfreulichen Ereignis. Und dies alles, während sie es in Berwangen noch nicht einmal schaffen, dort eine kleine Erinnerungstafel für die niedergebrannte Synagoge anzubringen. Wenn es uns aber eben im Kleinen nicht gelingt, solche notwendigen Handlungen vorzunehmen, dann bleibt auch das große festliche Ereignis in München leider nur Fassade. Denn unter der scheinbar ruhigen Decke bräunelt es ungestört weiter! Das ist die bittere Erfahrung aus meiner Vortragstour. Ein Resümee, das ich vor wenigen Wochen noch für völlig unmöglich gehalten hätte. Im Johannes-Evangelium wird gesagt: „Nur die Wahrheit macht frei“. In der Tat kann es uns nur so gelingen, den Anfängen zu wehren, die doch längst nicht mehr zu übersehen sind!“


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