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Titel: Hat Russland sich die Fußball-Weltmeisterschaft gekauft?

Datum: 23. Juli 2015 um 10:01 Uhr
Rubrik: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Lobbyismus und politische Korruption
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Wenn man Samstag die Qualifikations-Gruppen der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in St. Petersburg ausgelost werden, bietet sich den deutschen Medien wieder eine „hervorragende“ Möglichkeit, Russland als zutiefst korruptes Land darzustellen. DFB-Präsident Niersbach hat bereits öffentlichkeitswirksam angekündigt, der Veranstaltung fern zu bleiben. Lächelnd und händchenhaltend zusammen mit Sepp Blatter für Fotos zu posieren, ist für Niersbach jedoch kein Problem. Wenn es um Bestechungen bei der WM-Vergabe geht, wird Russland immer wieder in einem Atemzug mit Katar genannt, wo 2022 die WM stattfinden wird. Das ist erstaunlich. Während es zahlreiche sehr überzeugende Hinweise und Beweise für Bestechungen durch Katar gibt, ist dies bei der WM-Vergabe an Russland nicht der Fall. Aber was interessieren denn schon die Fakten, wenn es darum geht, Stimmung zu machen. Von Jens Berger.

Am 10. August erscheint mein neues Buch „Der Kick des Geldes oder wie unser Fußball verkauft wird“ im Westend-Verlag. Im Buch geht es nicht „nur“ um das Thema FIFA/Korruption, sondern auch um Millionengehälter, Milliardenverträge mit Ausrüstern, Sponsoren und TV-Anstalten, Milliardenschulden, um die immer grotesker werdende Kommerzialisierung, um staatliche Subventionen für eine auf Rendite getrimmte Profisportart und um die bedrohte gesellschaftliche Teilhabe und die schwindende Demokratie im Fußball.

Die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wurden zum ersten Mal in der Geschichte parallel vergeben. Für 2018 kamen nach dem Rotationsprinzip der Fifa nur die Europäer, für 2022 nur Asien, Ozeanien und Nordamerika infrage. Über die Vergabe der WM 2022 an Katar wurde viel geschrieben, Einzelheiten der Vergabe der WM 2018 an Russland sind jedoch weitestgehend unbekannt. Neben Russland kandidierten noch das Duo Spanien und Portugal, das Duo Niederlande und Belgien und England. Die Niederlande und Belgien hatten bereits 2000 die Europameisterschaft ausgetragen, die ebenfalls im Jahre 2004 von Portugal ausgetragen wurde. Da die internationalen Fußball-Verbände Wert auf Rotation legen, galten die beiden Duos damit von vorn herein als krasse Außenseiter. Hinzu kam beim Duo Spanien/Portugal, dass die Finanzierung wegen der Eurokrise mehr als zweifelhaft erschien. Der eigentlich aussichtsreichste Konkurrent von Russland war somit England.

Was genau die Engländer falsch gemacht haben, ist unbekannt – hinter den Kulissen ist jedoch von „Arroganz“ und „Hochnäsigkeit“ die Rede. England schied jedenfalls für viele überraschend bereits in der ersten Abstimmungsrunde mit lediglich zwei von 22 möglichen Stimmen aus. In der zweiten Runde entschied dann Russland mit 13 Stimmen die Vergabe erwartungsgemäß für sich – Spanien/Portugal bekam sieben, Niederlande/Belgien zwei Stimmen. Eine große Überraschung war der Sieg Russlands somit nicht, schließlich hatte Russland und vormals die Sowjetunion noch nie ein internationales Fußballturnier ausgetragen und war somit gemäß der Vergabelogik endlich an der Reihe.

Wenn es um die WM-Vergabe geht, wird Russland stets in einem Atemzug mit der skandalösen WM-Vergabe an Katar genannt. Warum? In Russland gibt es kein Wüstenklima, Russland hat anders als Katar eine große Fußballtradition und in Russland sterben auch keine Tausende Arbeiter auf den WM-Baustellen. Sicher, in puncto Menschenrechte ist auch Russland kein Vorbild. Dies hat – um es zynisch auszudrücken – bei der WM-Vergabe jedoch noch nie eine Rolle gespielt. Die erste WM in Europa fand 1934 in Mussolinis Italien statt, 1978 durfte die argentinische Militärjunta die WM veranstalten – dagegen, und auch im Vergleich zu Katar, ist Russland sogar ein Hort der Menschenrechte. Aber darum geht es bei der Kritik ja auch nur am Rande. Russland soll vielmehr – ebenso wie Katar – die Fifa-Funktionäre bestochen haben, um die WM zu bekommen. Stimmt das?

Diese Frage lässt sich natürlich ohne Einblick in die Kontoauszüge sämtlicher Fifa-Funktionäre nicht sicher beantworten. Es gibt jedoch bei der WM-Vergabe an Russland nur kleinere Indizien, die auf Unregelmäßigkeiten hinweisen. Und diese Indizien beziehen sich interessanter- und pikanterweise ausschließlich auf europäische und nicht auf lateinamerikanische, afrikanische oder asiatische Fifa-Funktionäre, die ansonsten immer wieder mit Korruption in Verbindung gebracht werden. So hat der deutsche Funktionär Franz Beckenbauer wenige Monate nach der WM-Vergabe an Russland einen lukrativen Vertrag als „Sportbotschafter“ des Verbands russischer Gasproduzenten ergattern können – Gerhard Schröder lässt grüßen. Das zweite Indiz betrifft den Zyprioten Marios Lefkaritis, dessen Ölkonzern Petrolina kurz vor der WM-Vergabe lukrative Aufträge von einer Gazprom-Tochter bekam. Ob hier Stimmen gekauft wurden, ist aber allenfalls spekulativ. Beckenbauer macht keinen Hehl daraus, Russland seine Stimme gegeben zu haben (während er bis heute zur Stimmabgabe für die WM 2022 schweigt) und Lefkaritis galt seit jeher als Unterstützer einer russischen WM.

Bei der Vergabe der WM 2018 nach Russland gab es jedoch nach jetzigem Wissensstand keine Treffen, bei denen afrikanischen Funktionären Millionenbeträge angeboten wurden und keine fragwürdigen „Nebengeschäfte“ mit asiatischen oder lateinamerikanischen Funktionären, wie es bei der WM-Vergabe an Katar protokolliert der Fall war. Auch die aktuellen Ermittlungen des FBI haben nichts mit der WM-Vergabe an Russland zu tun. Mehr noch – wenn man einmal die Indizienlage vergleicht, ist sogar die WM-Vergabe 2006 an Deutschland korruptionsverdächtiger als die WM-Vergabe 2018 an Russland.

Dies alles stört die deutschen Medien jedoch nicht. Auch am Samstag wird es in den meisten einschlägigen Medienberichten wieder heißen, die WM-Vergabe an Russland sei von „Korruptionsvorwürfen“ begleitet. Solange es die „Richtigen“ trifft, schaut man lieber nicht so genau auf die Fakten.


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