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Titel: „Na klar sind wir für Frieden – doch erst müssen wir gewinnen, erst müssen wir gewinnen, erst müssen wir gewinnen…“

Datum: 7. März 2024 um 11:05 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Kultur und Kulturpolitik, Militäreinsätze/Kriege
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Einen Song, der den richtigen Ton zur aktuellen Militarisierung trifft, hat die Hip-Hop-Formation K.I.Z. kürzlich veröffentlicht. Mit angemessenem Sarkasmus werden hier die Phrasen der Kriegstreiber enttarnt. In einer zu weiten Teilen über-angepassten Kulturszene sticht das Lied momentan heraus. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Der Song „Frieden“ von K.I.Z. trifft einen Ton, der gegenwärtig fehlt. Das Video ist am Ende dieses Textes verlinkt. Die Rapper bringen in der Produktion von Drunken Masters eine angemessene sprachliche Härte zum Ausdruck – denn das Lied ist kein zartes Friedensgebet, sondern eine über weite Strecken sarkastische Persiflage.

„Bruder, wir retten Europa und du Pussy gehst zur Seite“

Los geht es im Text aber mit ernst gemeinten Zeilen, etwa wenn die Schweigeminute für die 9/11-Opfer umgerechnet wird in die vielen Minuten, die man folgerichtig Opfern westlicher Politik gedenken müsse, wie der „Million tote Irakis nur durch das Embargo – Vielleicht begann’n da meine Mixed Feelings für die NATO“. Das schlägt dann schnell um in eine bittere und treffende Überspitzung der aktuellen, grün lackierten Verherrlichung der Militarisierung:

Jan ist Patriot und Fabian ist woke
Ist egal, denn hier im Schützengraben sind wir alle Bros, ey
(…)
Lena ist die beste Scharfschützin ihrer Einheit
Geballte Frauenpower, Boomer werden weggesnipert

Auch die durch die übermächtige Meinungsmache ausgelöste Arroganz vieler Kriegstreiber findet Ausdruck:

Bruder, wir retten Europa und du Pussy gehst zur Seite
Auf deiner krassen Antikriegsdemo war’n drei Leute

„Wir knöpfen dich auf, wenn du feige Sau verhandelst”

Der Song hat bei YouTube aktuell etwa 1,6 Millionen Aufrufe. Weitere Infos zu K.I.Z., zum hier besprochenen Song und zum kommenden Album „Görlitzer Park“ finden sich auf deren Webseite k-i-z.com/home/.

K.I.Z. sind alte Hasen im Musikgeschäft. Aber das Lied hat trotzdem das Zeug, auch junge Menschen zu erreichen und dabei einige der aktuellen militaristischen Sprachmuster und Heucheleien zu enttarnen – und das eben in einer Form, die auch Jugendliche bewegt. Einige Zeilen treffen den Punkt, z.B. zur grün-militaristischen Selbstausbeutung und zur Diffamierung der Diplomatie:

Los, nehmt meine Steuern, denn wir brauchen neue Kampfjets
Wir knöpfen dich auf, wenn du feige Sau verhandelst
Fick mal nicht mein’n Kopf und versuch, Feinde zu verstehen
Bist du Teil der Lösung oder Teil unsres Problems?

Mit dieser Zeile könnte die westliche Nachsicht für Phänomene wie dem rechtsextremen ukrainischen Asow-Regiment gemeint sein:

Ein paar bei uns sind Nazis, aber lass mal dein Gejammer
Denn jeder Werkzeugkasten braucht ein’n Hammer

Im Refrain wird eine weitere Sprachverdrehung der Kriegsverlängerer aufs Korn genommen:

Na klar sind wir für Frieden – doch erst müssen wir gewinnen, erst müssen wir gewinnen, erst müssen wir gewinnen…

„Ich seh, mein Sohn, du bist ‘n bisschen durcheinander – Von der Lumpenpazifisten-Propaganda“

Die Produktion von Drucken Masters nutzt abrupte musikalische Wechsel zwischen getragener Melodik einerseits und kantigen Synthesizern und Beats andererseits. Das unterstreicht auch den inhaltlichen Wechsel zwischen den „ernsten“ Zeilen und dem Sarkasmus – bzw. im Refrain zwischen der universellen Botschaft der Friedenssehnsucht und deren sofortiger Brechung mit einer Persiflage auf emotionale Kriegspropaganda.

Im Video wird der Gesang Kindern in den Mund gelegt, erst spät treten die Rapper selber in Erscheinung. Das wäre meine einzige Einschränkung: Ich mag es nicht, wenn Erwachsene über Kinder ihre Botschaften transportieren, auch wenn diese Botschaft super ist. Aber das soll hier nicht vertieft werden. Außerdem entwickelt genau dieser Kunstgriff mit den rappenden und kämpfenden Kindern eine große Kraft und einen starken Effekt im Video. Und die sich bekriegenden Kleinen sind möglicherweise eine unheimlich-realistische Vorausschau auf kommende, von der aktuellen Kriegshetze manipulierte und enthemmte Generationen.

Der EU-Abgeordnete Martin Sonneborn hat bei YouTube kommentiert: „Wenn Ihr ‚Frieden‘ im EU-Parlament spielen wollt, sagt Bescheid, ich lade Euch gerne ein.“ Richtet sich der Song auch an die russischen Propagandisten? Meiner Meinung nach ja, selbstverständlich: Auch dort wird die Bevölkerung momentan mit emotionaler Kriegspropaganda und Durchhalteparolen bombardiert, wahrscheinlich noch heftiger als hier. Wenn der Krieg einmal läuft, bleibt keine Seite unbefleckt. Die unverzichtbare Frage für eine „moralische“ Beurteilung ist darum, ob der Krieg von westlicher Seite im Vorfeld hätte verhindert werden können. Bei objektiver Betrachtung der Vorgeschichte des Ukrainekriegs und der geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre muss das bejaht werden.

„Drück endlich den Abzug, Mann, wir haben keine Wahl“

Eine gute Stelle finde ich auch diese hier, weil sie die aktuelle Art der Debattenführung vorführt und zusätzlich das „Argument“, dass „unsere Seite“ wegen der Menschenrechte nun mal leider Kriege anzetteln oder verlängern muss:

Ich seh, mein Sohn, du bist ‘n bisschen durcheinander
Von der Lumpenpazifisten-Propaganda
Drück endlich den Abzug, Mann, wir haben keine Wahl
Oder sind dir Menschenrechte scheißegal?

Die Geschmäcker sind verschieden – mich hat der Song erreicht und auch bewegt. In einer zu weiten Teilen über-angepassten Kulturszene sticht das Lied momentan heraus. Doch hören und sehen Sie selbst:

Titelbild: Screenshot aus dem K.I.Z.-Video „Frieden“


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