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Titel: „Musik statt Krieg“: Ein Festival der Hoffnung auf dem Vier-Winde-Hof

Datum: 29. August 2025 um 15:00 Uhr
Rubrik: Friedenspolitik, Kultur und Kulturpolitik, Veranstaltungshinweise/Veranstaltungen
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Stimmen von „Musik statt Krieg“ – Ein Festival für Menschen im Gegenwind
Der Vier-Winde-Hof im mecklenburgischen Plath ist mehr als nur ein Konzertort – er ist ein lebendiger Treffpunkt, der Hoffnung atmet. Die Reportage von Éva Péli taucht in die einzigartige Atmosphäre und die Stimmen einer Veranstaltung ein, die sich mit Musik und Kunst der gesellschaftlichen Spaltung entgegenstellt.

Zum 23. Mal lud Tino Eisbrenner, der in der DDR mit seiner Band Jessica und dem Song „Ich beobachte dich“ bekannt wurde, zum Hoffest „Musik statt Krieg“ ein. Hunderte strömten auf sein Gelände, um dem entgegenzuwirken, was Musiker Michael Seidel als „kriegstüchtiges Geschwätz“ bezeichnet. Trotz der angespannten politischen Lage zog das Festival ein vielfältiges Publikum aus der Nachbarschaft und aus ganz Deutschland an, von Berlin über Thüringen bis zum fernen Nürnberg. Sogar aus China waren zwei junge Musiker aus Peking als Überraschungsgäste angereist.

Der Friedenstreffpunkt bot ein Kaleidoskop musikalischer, künstlerischer und menschlicher Begegnungen und zeugte von der verbindenden Kraft der Musik über Kontinente hinweg.

Statt eines lauschigen Sommerabends malte der Tag eine raue, windige und kühle Kulisse. Die Wettergötter lieferten sich einen epischen Kampf, der sich in heftigen Schauern mit erbsengroßen Hagelkörnern entlud. Zwar blitzte zwischendurch die Sonne durch die grauen Wolkenfetzen, doch bei gerade einmal 14 Grad blieb es durchgehend kalt. Der Wind pfiff über das Gelände und zerrte an den bunten Regenschirmen der Künstlerin Ute-Bella-Donner, die wie trotzige Farbtupfer gegen das ungemütliche Wetter wirkten. Einige scherzten, das Problem mit Crushed Ice habe sich von selbst gelöst, während andere sich lieber einen Glühwein statt eines kalten Biers gewünscht hatten.

Doch genau diese unwirtliche Stimmung verlieh dem Festival eine besondere, fast dramatische Note. Die unberechenbare Kulisse wurde so selbst zum Teil des musikalischen Spektakels und lieferte die perfekte Bühne für eine Veranstaltung, die sich dem Kampf gegen den Strom verschrieben hat. In dieser Atmosphäre der Gemeinschaft, gestärkt durch die Kraft der Kunst, konnten die Gäste bei Leckereien vom Grill und russischem Zupfkuchen den Alltag vergessen. Sie atmeten auf, tankten neue Energie und erfreuten sich an den Klängen der Musik sowie den Begegnungen mit Gleichgesinnten.

Unterstützt von rund 20 Freiwilligen, die auf dem gesamten Hof im Einsatz waren, behielt Hofherr Tino Eisbrenner die Zügel in der Hand. Die Helfer leisteten dem Wetterspektakel mit eisernem Willen Widerstand, ob am Grill, am Empfang oder auf dem Campingplatz, und zeigten ihr tiefes Engagement, indem sie sogar den vollen Eintrittspreis bezahlten.

Am Samstag trat Eisbrenner selbst mit der „Dresden Bigband“ unter Leitung von Michael Winkler auf und spielte mit dieser den bereits erwähnte DDR-Hit „Ich beobachte Dich“ ebenso wie andere Jessica- und Solosongs sowie Lieder seines Vorbildes Sting, aber auch das Lied von „Mackie Messer“ aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. Für die Bigband wurde extra die Bühne in der Hofscheune vergrößert, unter deren Dach das Festival Schutz vor dem Gewitter fand.

Ein Treffpunkt für Gleichgesinnte

Was treibt die Menschen an, die hierher kommen? Die Antworten der Besucher und Musiker offenbaren eine tiefe Sehnsucht nach Austausch und Frieden.

Für den chilenischen Musiker Alejandro Soto Lacoste ist das Festival seit 15 Jahren ein fester Teil seines Lebens. Er brachte es treffend auf den Punkt: „Ich gehöre quasi zum Inventar.“ Er lobte die besondere Atmosphäre und die Gemeinschaft: „Es ist eine gute Gelegenheit, sich zu treffen.“

Catrin aus Nürnberg, die den weiten Weg auf sich nahm, war zum ersten Mal dabei und zeigte sich „total begeistert“. Sie schwärmte von der „wunderbaren Atmosphäre“ und den „hochinteressanten Musikern“ und betonte, wie toll es sei, „mit diesen Menschen zusammenzukommen“. Catrin sieht das Hoffest als Quelle positiver Energie, die die Besucher in die Welt tragen müssten, „um dem Wahnsinn entgegenzutreten und einen Krieg zu verhindern.“ Sie drückte die kollektive Hoffnung so aus: „Wir müssen mehr werden“, um diese „positive Energie in einem großen Bogen durch die Welt zu schicken“.

Selbst in ländlichen Gebieten Mecklenburg-Vorpommerns ist die Bedeutung des Hoffestes bekannt. Isolde und Uwe Deutschmann, die in einem 100-Einwohner-Dorf leben, wissen das. „Man kennt viele vom Sehen“, sagte Uwe Deutschmann. „Es sind im Prinzip fast immer die gleichen Leute hier, aber es kommen immer ein paar neue Gesichter dazu“, so der Mann. Seine Frau ergänzte: „Die Menschen horchen allmählich auf.“

Musiker Michael Seidel beschrieb die Atmosphäre als „angenehm“. Die Besucher teilten „eine Gemeinsamkeit und kommen bewusst dorthin, um sich für Musik und gegen den Krieg auszusprechen“, beobachtete er.

Hoffnung gegen Kriegshetze und Appell zum Handeln

Die Besucher der Veranstaltung diskutierten die Rolle der Kunst und wie man aktiv für den Frieden eintreten kann.

Catrin aus Nürnberg betonte, man müsse „mehr werden“, um dem „Wahnsinn“ entgegenzutreten, der von der Regierung forciert werde. Sie verwies dabei auf Tino Eisbrenners Lied „Der Welt ein liebes Lied“ und zog eine Parallele zu dem bekannten sowjetischen Lied „Schurawli“ (Kraniche), das Eisbrenner mit der russischen Sängerin Zara im Kremlpalast gesungen hatte. Das Bild der Kraniche als Seelenträger gefallener Soldaten ist ein starkes Symbol in der russischen Kultur. Es ist eine zutiefst bewegende Vorstellung, dass die Seelen der Verstorbenen vom Schlachtfeld aufsteigen, um mit den Kranichen davonzuziehen. Catrin verdeutlichte damit die dringende Hoffnung, dass es gar nicht erst zu einem Krieg kommt, bei dem Menschen sterben müssen.

Michael Seidel, der sich selbst als „Lumpenpazifist“ bezeichnet, trat auf, weil ihn das Thema Frieden persönlich berührt. Er lehnt das „kriegstüchtige Geschwätz“ der Medien ab und kann es kaum ertragen, wenn Kampfflugzeuge über seine Heimat donnern. Für ihn hat Kunst eine klare Aufgabe: Optimismus und Hoffnung zu stiften, um den Mut nicht zu verlieren. Seidel sieht Musik als ein „Angebot“, das Menschen für Themen sensibilisieren kann, da Lieder „direkt in uns eindringen“. Angesichts der „Zeitenwende“ hat das Motto „Musik statt Krieg“ für ihn eine besondere Bedeutung gewonnen, die ihn motiviere, einen „kleinen Beitrag zu leisten, auch wenn drei Lieder allein keinen Frieden schaffen können“.

Auch Sabine Geschke aus Berlin teilt diese Ansicht. Die 78-Jährige hofft, dass Lieder „ein paar Leute zum Nachdenken bringen“ und zu „Gedanken abseits des Mainstreams“ anregen können, auch wenn sie „sicher nicht die Welt umstürzen“ werden.

Soto Lacoste sieht die Musik in einer Zeit, in der die Mächtigen „wollen, dass wir immer nur kaufen und die Augen schließen“, als essenziell an. Musikalische Aktionen seien wichtig, um Menschen zusammenzubringen. Zu Sotos Repertoire am Samstag gehörte auch das Lied „El Derecho de Vivir en Paz“ („Das Recht, in Frieden zu leben“) des chilenischen Sängers Victor Jara.

Die junge Generation der Musiker, wie Xiao Zhang aus Peking, der auf der Fingerstyle-Gitarre eine „One-Man-Band“ imitierte, unterstrich die universelle Kraft der Musik. „Musik verbindet sofort“, sagte er über seine spontane Begegnung mit dem ebenfalls aus Peking stammenden Musiker Ike, mit dem er kurz darauf gemeinsam auftrat.

Tino Eisbrenner, der das Festival mit spirituellen Botschaften seiner Partnerin Sofia Eisbrenner – die den Neumond im Sternbild Jungfrau als „Kampf zwischen hell und dunkel“ deutete – und pragmatischen Hinweisen eröffnete, betonte, dass die Zusammenkunft nicht nur den großen Kriegen entgegenwirken will, sondern auch den „inneren Kriegen“, wie Wut und Depression. Musiker müssten aus seiner Sicht die besten Friedensbotschafter der Welt sein, weil sie „Harmoniebotschafter sind“.

Gegen den Strom: Kritik an der Gesellschaft

Die Gespräche auf dem Hof waren ein lebendiges Spiegelbild der gesellschaftlichen Spannungen.

Holger Kalaus, ein ehemaliger NVA-Offizier, empfindet die „Sessel-Rhetorik“ von Politikern als unerträglich. Er weiß aus erster Hand, was Krieg bedeutet, und betonte, dass „Kriege immer durch Verhandlungen enden“. Er beklagte, dass man in Deutschland kaum noch offen über Frieden sprechen könne, ohne sofort in eine Schublade gesteckt zu werden. Sein Appell: „Immer mehr müssen aufstehen.“ Passend dazu trug Kalaus ein T-Shirt, auf dessen Rückseite ein Zitat von Leo Trotzki stand: „Vielleicht interessierst Du Dich nicht für den Krieg, aber der Krieg interessiert sich für Dich.“

Michael Seidel, der die Folgen der „Cancel Culture“ selbst erlebt hat, kritisierte die schnelle Einordnung von Künstlern. „Ich habe Angst vor so einer humorlosen Gesellschaft“, sagte er. Für ihn sollte es bei Kunst einzig darum gehen, ob sie gefällt oder nicht. Er zog Parallelen zur DDR, betonte aber die Unterschiede: „In der DDR wurdest du aussortiert, selbst wenn du idealistisch für den Staat gekämpft hast. So weit sind wir noch nicht – Wir können immerhin noch singen.“

Eisbrenner stellte auch andere „widerständige Künstler“ wie André Kunze, einen bekannten Produzenten der ostdeutschen Musikszene, und Felix Lauschus, einen Multi-Instrumentalisten mit einem „riesigen Herzen“, vor, die alle das Engagement für die Kunst und den Frieden teilen. Auch die Thüringer Liedermacherin Corinna Gehre trug ihren Teil bei, mit lebensbejahenden Liedern und dem Anti-Kriegslied „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader.

Brücken bauen über Grenzen hinweg

Tino Eisbrenner baut bewusst Brücken über deutsche Grenzen hinweg. Seine Reisen nach Russland sollen zeigen, „dass nicht alle Deutschen so denken, wie es die Politik vorgibt“. Diese Haltung brachte ihm im Ausland höchste Auszeichnungen ein, wie die Puschkin-Medaille oder den Kunst- und Kulturpreis „Master“, die in Deutschland kaum Beachtung fanden – als erster Ausländer überhaupt. Er sieht dies als „große Geste“ der Russen gegenüber einem Deutschen und betont, wie wichtig es sei, Brücken zu bauen und nicht nur Feindbilder zu kultivieren. Im Gegenzug erhielt er die Ehre, drei solcher Medaillen aus Russland an verdiente Friedensaktivisten wie Roswitha Kluver und Helga Hohbohm weiterzugeben – eine „große Geste“ des Vertrauens.

Tobias Morgenstern begleitet den „Friedensberichterstatter“ deutschlandweit im „Pushkin-Programm“ auf dem Akkordeon, um „der von ihnen wahrgenommenen „Russophobie“ und den russlandfeindlichen Gefühlen entgegenzuwirken“. Der Musiker und Mitbegründer des Theaters am Rand berichtete bei dem Fest von einer Verschiebung in der Kulturlandschaft: „Es gibt eine Reihe von Veranstaltern, da spiele ich eigentlich nicht mehr.“ Gleichzeitig bemerkte er jedoch, dass es „eine Reihe von kleinen, neuen Veranstaltungen, Initiativen“ gebe, die gerade deswegen ein Interesse hätten, sie einzuladen“. Auch Isolde Deutschmanns private Russlandreisen zeugen von diesem Bestreben, persönliche Verbindungen aufrechtzuerhalten und Klischees zu durchbrechen.

Morgenstern ist überzeugt, dass Musik die Kluft zwischen Andersdenkenden überbrücken kann. Er führt die enge Beziehung zu seinem Bassisten, der seine politischen Ansichten nicht teilt, als Beweis dafür an. „Wir haben eigentlich genau dasselbe Verhältnis wie immer,“ erklärt er, „weil uns die Musik verbindet, und das ist viel stärker“. Für Morgenstern ist Musik ein Medium, das Spaltungen überwindet: „Wer gemeinsam musiziert, verbindet sich auf einer tieferen, menschlichen Ebene – der wohl menschlichsten, die es überhaupt gibt.“

Alejandro Soto Lacoste bekräftigte diese Brückenbauer-Rolle: Tino sei ein „sehr offener Mensch“, der „Brücken zwischen Kulturen bauen wolle – sei es mit Lateinamerika oder Russland.“ Soto Lacostes Weg nach Deutschland begann vor 20 Jahren durch die Zusammenarbeit mit der spanischen Sängerin Aurora Lacasa in Berlin. Davor begegnete er bereits Tino Eisbrenner in Chile, wo sie „mitten an einem lauen Sommerabend von einer musikalischen Zusammenarbeit in Deutschland träumten“.

Brücken bauen über Grenzen hinweg

Tino Eisbrenner baut bewusst Brücken über deutsche Grenzen hinweg. Seine Reisen nach Russland sollen zeigen, „dass nicht alle Deutschen so denken, wie es die Politik vorgibt“. Diese Haltung brachte ihm im Ausland höchste Auszeichnungen ein, die in Deutschland kaum Beachtung fanden. Im Gegenzug erhielt er die Ehre, drei solcher Medaillen aus Russland an verdiente Friedensaktivisten weiterzugeben – eine „große Geste“ des Vertrauens.

Tobias Morgenstern, der Tino Eisbrenner auf dem Akkordeon im „Puschkin-Programm“ begleitet, bemerkte eine Verschiebung in der Kulturlandschaft: Während einige Veranstalter sie meiden, gebe es zunehmend „kleine, neue Veranstaltungen“, die sie gerade deshalb einladen. Morgenstern ist überzeugt, dass Musik die Kluft zwischen Andersdenkenden überwinden kann. Seine enge Beziehung zu seinem Bassisten, der seine politischen Ansichten nicht teilt, beweist das. „Uns verbindet die Musik, und das ist viel stärker.“

Alejandro Soto Lacoste bekräftigte diese Haltung: Tino sei ein „sehr offener Mensch“, der „Brücken zwischen Kulturen bauen will“. Mit sichtlicher Freude begrüßte der Gastgeber die beiden jungen Musiker aus Peking. Mit einem Augenzwinkern spielte er auf gängige Klischees über China an: „Uns wird immer erzählt, das sei der Feind, aber fast alles, was wir in die Hand nehmen, kommt von dort.“

Frieden, Gemeinschaft, positive Energie – diese Sehnsucht verbindet die Besucher, die aus allen Himmelsrichtungen angereist sind. Diese Veranstaltung präge seit immer eine „Internationalität, also eine Umarmung der Welt mit Musik, die unterschiedlichen Sprachen“. Eisbrenner blickt optimistisch auf die nächsten Jahre: „Die 25 Festivals machen wir auf jeden Fall voll.“ Ihm gehe es darum, „am liebsten über die Musik, über die Kunst denen, die das ganze Jahr über in den politisch dreckigen Winden stehen“, einen Ausgleich, ein Aufatmen zu organisieren“.

Titelbild und weitere Bilder: Éva Péli


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