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Titel: Buchrezension „Großmachtsucht“ – Deutschland rüstet für die Führung Europas
Datum: 6. Februar 2026 um 15:12 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Europapolitik, Rezensionen
Verantwortlich: Redaktion
Seit geraumer Zeit ist in Deutschland von „Kriegstüchtigkeit“ die Rede. Das ganze Land soll – nein muss aufrüsten, sowohl militärisch als auch mental. Das ist die Forderung, mit der Politik und Mainstream-Medien die Bürger tagein, tagaus beschallen. Begründet wird dies mit einer angeblichen Gefahr durch Russland. Wenn die Bundeswehr und deren Waffenarsenal nicht wächst, stehen Moskaus Truppen schon bald vor Berlin – so die Erzählung. Der Historiker Jens van Scherpenberg vermutet hingegen andere Motive und legt sie in seinem neuen Buch „Großmachtsucht“ dar. Von Eugen Zentner.
Im Titel steckt bereits die These: Deutschland nutzt den Ukrainekrieg, um nicht nur wirtschaftliche Führungsmacht Europas zu sein, sondern auch, um die stärkste Militärmacht innerhalb der EU zu werden. Van Scherpenberg geht davon aus, dass dieser Wunsch bereits während der Nazi-Zeit bestand und auch die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Bundesrepublik nie verlassen hat. Um das zu zeigen, widmet er sich auf gut einem Drittel der Seiten der Adenauer-Ära.
Für ihn ist bereits dort ein Leitmotiv zu erkennen, dass noch immer Deutschlands Außenpolitik bestimmt: Die Bundesrepublik will sich und die EU, als deren Führungsmacht sie sich versteht, von der weltpolitischen Dominanz der USA befreien, kann aber gerade dafür auf das transatlantische Bündnis nicht verzichten. Denn ohne „die fortdauernde Rückendeckung durch die amerikanische Nuklearmacht ist es um den deutschen Führungsanspruch in der EU so schlecht bestellt wie um die angestrebte europäische strategische Souveränität“. Das ist das Dilemma, in dem Deutschland steckt. Van Scherpenberg sieht aber noch ein anderes: die Rivalität mit Frankreich. Diese besteht seiner Meinung nach noch heute, und Deutschland will sich in diesem Konkurrenzkampf innerhalb der EU durchsetzen, braucht Paris aber, damit sich die EU von den USA emanzipieren kann.
Diese Aspekte arbeitet der Autor in einem Schnelldurchlauf durch die bundesrepublikanische Geschichte heraus, indem er wichtige Ereignisse beleuchtet, insbesondere Adenauers Westintegration. Das Ziel damals bestand darin, die neu gegründete Bundesrepublik fest in das politische, wirtschaftliche und militärische Gefüge des Westens einzubinden. Sie sollte Souveränität erlangen und sich sicher vor der Sowjetunion fühlen. In diesem Zuge entstand schließlich die heutige EU. Van Scherpenberg geht wichtige Stationen durch, allerdings in einer spröden Darstellungsweise, sodass die Lektüre gerade im ersten Drittel etwas ermüdend wirkt. Interessent wird es lediglich dort, wo sich Parallelen zur Gegenwart zeigen.
Dazu zählt der Umgang mit Parteien, vor allem mit solchen, die sich für ein besseres Verhältnis mit Moskau einsetzen. Zu jenem Zeitpunkt war das die KPD, heute das BSW oder die AfD. Während man diese mit Etiketten wie „Putinversteher“ oder „Russlands Einflussagenten“ versieht, war in der Adenauer-Ära der Begriff „fünfte Kolonne Moskaus“ in Mode. Andere Verpackung, gleicher Inhalt. Wie heute behandelte die damalige Bundesregierung – auch jenseits von Parteien – „jede Opposition gegen die Wiederbewaffnung und Westintegration als Manifestation kommunistischer Unterwanderung“.
Im zweiten Drittel widmet sich van Scherpenberg dann vordergründig der Merkel-Ära, in der Deutschland insbesondere während der Finanz- und Euro-Krise seine Wirtschaftsmacht innerhalb der Europäischen Union ausbaute. Das Ungleichgewicht, merkt der Historiker an, habe sich vor allem in Griechenland gezeigt, wo noch in der kleinsten Provinzstadt Lidl-Supermärkte aus dem Boden geschossen seien, in denen „deutscher Joghurt und Tomaten aus Holland angeboten würden, preisgünstiger als die entsprechenden griechischen Angebote“. Zugleich sei auf Merkels Druck hin unter dem Titel „Strukturreformen“ ein beispielloser Schrumpfkurs vorordnet worden, mit massenhafter Verarmung der Bevölkerung.
Diese Wirtschaftsmacht resultierte, wie van Scherpenberg erinnert, aus der Politik Adenauers, der bestrebt war, ein enges Bündnis mit den USA zu pflegen. Doch das zeitigte einige unschöne Nebeneffekte, als Deutschland die energiewirtschaftlichen Beziehungen mit Moskau intensivierte. Dass das den USA auch heute ein Dorn im Auge ist, beweist das Schicksal der Nord-Stream-Pipelines. Van Scherpenbergs Verdienst in diesem Buch liegt darin, zu zeigen, dass es in diesem Konflikt eine Kontinuität von Adenauer bis zur Gegenwart gibt, weil die USA bereits zur Zeit der Westintegration die energiewirtschaftliche Beziehung zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion zu torpedieren versuchten: „Die damalige amerikanische Kampagne gegen die geplanten deutschen und europäischen Erdgasimporte aus der Sowjetunion glich bereits in allen Zügen der Kampagne gegen die Nordstream-2-Pipeline: Die US-Regierung sah in der intensivierten Handelsbeziehung eine inakzeptable Abhängigkeit von der UdSSR sowie eine Finanzierung des Feindes und seiner Rüstung.“
Van Scherpenberg spricht hier Punkte an, die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind. Gleiches gilt für Aspekte, die das militärische Machtstreben Deutschlands betreffen: Die Bundesrepublik, so der Historiker, sei das Land mit den höchsten Militärausgaben in Europa. Zudem habe sie sich eine eigene rüstungsindustrielle Führungsrolle verschafft, was sich bereits an dem sogenannten Rahmennationenkonzept im Rahmen der NATO zeige, an dem sie teilnehme, Frankreich aber nicht. „Denn nicht nur mit der Kampfstärke seiner Streitkräfte, sondern auch mit seiner Rüstungsindustrie soll der Führungsanspruch Deutschlands unterlegt werden.“
Im letzten Drittel nimmt das Buch Fahrt auf, weil der Autor nicht mehr wie zuvor in trockener Sprache bloß geschichtliche Ereignisse aneinanderreiht, sondern mit eigenen Einschätzungen aufwartet – bisweilen scharfsinnig und mit spitzer Feder. Diese richtet sich unter anderem gegen die politische Rechte. Was van Scherpenberg stört, ist das Streben nach einer uneingeschränkten nationalen Souveränität und die daraus resultierende Ablehnung der europäischen Integration, vor allem der Währungsunion und des Ziels einer immer engeren europäischen Union. „Deutschlands Fähigkeit, konsequent seine eigenen Interessen gegenüber anderen Staaten zu verfolgen, werde durch die ‚Fesseln der Brüsseler Bürokratie‘ gelähmt“, fasst er deren Argument zusammen, um dann gewaltig auszuholen:
„An der europäischen Integration stört sie die formale Beschränkung nationaler Handlungsfreiheit Deutschlands durch die EU-Organe und ihre supranationalen Entscheidungsprozesse. Dass genau darin die Erweiterung der deutschen Souveränität als der europäischen Führungsmacht besteht und zugleich der EU-Rahmen die Führungsrivalität mit Frankreich einhegt, mag ihr bornierter Nationalismus nicht sehen.“
Van Scherpenberg baut hier sein Argument auf der eigenen These auf, die er im Buch ausbreitet, und setzt sie zugleich als wahr voraus. Allerdings muss sie sich erst noch bewähren. Unbestritten ist zunächst einmal, dass die Brüsseler Bürokratie tatsächlich ein großes Problem darstellt. Hier gibt es durchaus Schnittmengen zwischen der politischen Linken und der politischen Rechten. Martin Sonneborn, rechter Gesinnung unverdächtig, berichtet beinahe täglich aus Brüssel über Korruption und Gesetze, die demokratische Prinzipien untergraben. Forderungen nach einem Austritt aus der EU werden nicht nur von rechts laut.
Dass Deutschland innerhalb dieses politischen Gebildes in Zukunft auftrumpfen kann, ist auch eher fraglich. Die Strahlkraft der einstigen Wirtschaftsmacht schwächt sich kontinuierlich ab, was unter anderem an jener Brüsseler Bürokratie liegt, die beispielsweise mit ihren Klimavorgaben und -zielen viele Unternehmen vergrault und dafür sorgt, dass diese ihre Produktion in Länder außerhalb der EU verlagern. Und von der Rüstungsindustrie profitiert in erster Linie nicht der Staat – zumal Waffen und Ausrüstung zunächst an die Ukraine geliefert werden –, sondern institutionelle Anleger wie BlackRock, denen Rheinmetall und Co. größtenteils gehören.
Ein Geschmäckle haben van Scherpenbergs Ausführungen auch dort, wo er offizielle Erzählungen stabilisiert und Begriffe verwendet, die die wahren Ereignisse verdecken. Das gilt für den „Arabischen Frühling“ genauso wie für die angebliche Corona-„Pandemie“, zu deren „Eindämmung“ die Lockdowns verfügt wurden. Weite Teile des Dienstleistungssektors in den EU-Südstaaten waren damals laut van Scherpenberg unter anderem durch „hohe Infektionszahlen“ hart getroffen worden. So, so! Waren diese Zahlen nicht eher künstlich erzeugt worden, mit Testverfahren, die reihenweise falsche Ergebnisse zeitigten und so erst eine Pandemie schufen, die sich lediglich in der Vorstellungswelt abspielte, aber nicht in der Realität?
Wenn van Scherpenberg schon in solchen Punkten kritischen Geist vermissen lässt und zumindest stellenweise Mainstream-Narrative wiederholt, ergeben sich Zweifel, ob seine Analysen auch in anderen Sachfragen stichhaltig sind.
Lesetipp: Jens van Scherpenberg: Großmachtsucht: Deutschland rüstet für die Führung Europas. Neu-Isenburg 2026, Westend Verlag, Taschenbuch, 288 Seiten, ISBN 978-3987913426, 28 Euro.
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