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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Der Morgan-McSweeney-Komplex
Datum: 17. Februar 2026 um 10:00 Uhr
Rubrik: Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Lobbyismus und politische Korruption, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft
Verantwortlich: Maike Gosch
Die Epstein-Akten richten einen hellen Scheinwerfer in viele dunkle Ecken – nicht nur in die der Sexskandale, Pädophilie oder der US-amerikanischen Politik. Auch Akteure der europäischen Politik geraten durch die Enthüllungen in den Fokus. In Großbritannien haben die Informationen bereits zum Rücktritt des ehemaligen britischen Botschafters Lord Peter Mandelson (Spitzname „Fürst der Finsternis“) aus dem Oberhaus des britischen Parlaments (House of Lords) geführt. In den letzten Tagen folgten noch weitere prominente Mitglieder aus dem engen Umkreis des Premierministers Keir Starmer, die Mandelson nahestanden. Aber das ist erst der Anfang einer viel größeren Geschichte von politischen Intrigen, Rufmordkampagnen und Korruption auf der britischen Insel, in der ein gewisser Morgan McSweeney eine zentrale Rolle spielt. Ein Artikel von Maike Gosch.
Am 8. Februar 2026 trat Morgan McSweeney als Stabschef des britischen Premierministers Keir Starmer zurück und übernahm dabei die „volle Verantwortung” für seinen Rat an Keir Starmer, Lord Mandelson zum britischen Botschafter in den USA zu ernennen.
Hintergrund waren die Enthüllungen aus den Epstein-Akten, die Hinweise darauf gegeben hatten, dass Lord Peter Mandelson – ein enger Freund von Jeffrey Epstein – Regierungsgeheimnisse an diesen weitergegeben und sogar versucht haben soll, die britische Regierungspolitik zugunsten von Epsteins finanziellen und politischen Interessen zu beeinflussen. So soll Mandelson als Kabinettsminister während der Bankenkrise 2009 seinem Freund Epstein vertrauliche Dokumente gemailt haben, wie Pläne zur Rettung von Banken und Gesetzesentwürfe der britischen Regierung zur Besteuerung von Boni für Banker. Mandelson und sein heutiger Ehemann Reinaldo Avila da Silva hatten zuvor hohe Zahlungen von Epstein erhalten. Inzwischen hat die britische Polizei strafrechtliche Ermittlungen aufgenommen, die sicher noch mehr Licht in die dunklen Geschäfte des ehemaligen Botschafters bringen werden.
Wer ist Morgan McSweeney?
Aber wer ist Morgan McSweeney, der unscheinbare rothaarige Ire, der in der breiten Öffentlichkeit bisher wenig bekannt war, bei Politikinsidern aber schon lange als „Architekt“ hinter Keir Starmers Erfolg und der starken Neuausrichtung der Labourpartei nach Jeremy Corbyn galt?
Und warum haben er und Keir Starmer im Jahr 2024 entschieden, Lord Mandelson als Botschafter in die USA zu entsenden, obwohl damals schon seine engen Beziehungen zu Epstein und dessen kriminellen Tätigkeiten bekannt gewesen waren? Auf Nachfrage der britischen Oppositionsführerin Kemi Badnoch im Unterhaus, ob in der Sicherheitsüberprüfung Mandelsons dessen anhaltende Beziehung zu dem Pädophilen Epstein erwähnt worden sei, antwortete Starmer mit „Ja“.
Um das zu verstehen, muss man in der Geschichte etwas zurückgehen.
Mandelson, der damalige Kommunikationschef der Labourpartei, war einer der Architekten des neoliberalen „New Labour“-Projektes unter Tony Blair und Gordon Brown in den 90er-Jahren. Bis heute hält Mandelson den einzigartigen Rekord, innerhalb von 27 Jahren dreimal aufgrund von Skandalen aus der britischen Regierung zum Rücktritt von Positionen gezwungen worden zu sein. Morgan McSweeney wiederum ist ein politischer Ziehsohn von Mandelson, der in Großbritannien wegen seiner manipulativen Methoden seit Langem als „Prince of Darkness“ (Fürst der Finsternis) bezeichnet wird. Beide waren eng befreundet und sprachen „täglich“ miteinander. Die Nähe zwischen McSweeney, Starmer und Mandelson kann also nicht übertrieben werden. Sie haben lange an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet – dem der Übernahme der Labourpartei. Hierzu bediente sich McSweeney einer Organisation namens Labour Together.
Labour Together
McSweeney begann seine Karriere als Rezeptionist bei der Labourpartei. Nach der Mitarbeit an Wahlkämpfen, stets für neoliberale und Israel-nahe Kandidaten (u.a. Steve Reed und Margaret Hodge) der Labourpartei, gewann McSweeney an Einfluss innerhalb der Partei und wurde mehr und mehr als Stratege, Organisator und Kommunikationsexperte geschätzt. Im Jahr 2017 wurde er dann Direktor der Denkfabrik Labour Together.
Labour Together wurde unter anderem von Trevor Chinn finanziert, der sie auch eine Zeit lang leitete. Trevor Chinn ist ein britischer Geschäftsmann, langjähriger pro-israelischer Lobbyist und einer der wichtigsten Geldgeber der Labourpartei. Seit den 1980er-Jahren unterstützt Chinn auch die pro-israelische Lobbyorganisation Labour Friends of Israel ebenso wie die Conservative Friends of Israel finanziell und hat eine führende Rolle im Britain Israel Communications and Research Centre (BICOM) gespielt, das vom Guardian als „Großbritanniens aktivste pro-israelische Lobbyorganisation” beschrieben wurde. Chinns Motivation für die Finanzierung von Labour Together stand in engem Zusammenhang mit Corbyns Unterstützung für Palästina. Er „hatte große Bedenken hinsichtlich der Wahl eines ausgesprochenen Gegners des jüdischen Staates zum Vorsitzenden der Labourpartei“, so Gabriel Pogrund und Patrick Maguire in ihrem Buch „Get In“.
Chinn und Labour Friends of Israel unterstützten auch Keir Starmer, David Lammy, die stellvertretende Premierministerin Angela Rayner, Gesundheitsminister Wes Streeting und Bildungsministerin Bridget Phillipson mit beträchtlichen Summen.
Die Kampagne gegen Corbyn
Unter McSweeneys Führung arbeitete Labour Together an einer Strategie, um Jeremy Corbyn aus der Parteiführung zu entfernen und zu verhindern, dass der linke Flügel der Partei anschließend jemals wieder die Führung übernehmen konnte. Zu diesem Zweck arbeitete McSweeney „heimlich zwei Jahre lang daran, die sogenannte Antisemitismuskrise anzuheizen, die dann genutzt wurde, als die Labourpartei unter Keir Starmer an die Macht kam, um die Linke effektiv aus der Labourpartei zu entfernen“, wie es Paul Holden, britischer Journalist und Autor des Buches „The Fraud“, beschreibt.
Im bereits erwähnten Buch „Get In: The Inside Story of Labour under Starmer“ beschreiben die Journalisten Gabriel Pogrund und Patrick Maguire die Verschwörungen und Intrigen, mit denen McSweeney und seine Kollegen die politische Karriere von Jeremy Corbyn ab dem Jahr 2017 systematisch zerstörten, die Linke in der Labourpartei entmachteten und aus der Partei trieben. Über die Denkfabrik Labour Together, die nach eigenen Angaben eigentlich die Partei wieder „zusammenführen“ sollte, die aber, so das Fazit der beiden Autoren, tatsächlich das Ziel hatte, „mit allen Mitteln Jeremy Corbyn zu delegitimieren und zu zerstören, (…) um sicherzustellen, dass er eine schwere Niederlage erleidet“ und die neoliberale Rechte innerhalb der Partei wieder an die Macht zu bringen. Ihr wichtigstes Instrument waren dabei die Antisemitismus-Vorwürfe gegen den beliebten Parteiführer.
Es geht also in dem Skandal nicht nur um Mandelson, Epstein, Pädophilie und Korruption. Nach und nach kommen immer mehr Information an die Oberfläche über Intrigen, Korruption und gezielte Kampagnen einer engen Gruppe rund um McSweeney und Mandelson, die sich sowohl gegen sogenannte „Corbynisten“ innerhalb der Partei richteten als auch gegen kritische Medien und Journalisten, die versuchten, diese Aktivitäten aufzudecken.
Kill the Canary
Eine der Aktivitäten von McSweeney war die Gründung der Kampagnenorganisation Stop Funding Fake News (SFFN) („Stoppt die Finanzierung von Fake News“) und der Organisation Centre for Countering Digital Hate („Zentrum zur Bekämpfung von digitalem Hass“). Beide Organisationen wurde ebenfalls von Labour Together finanziert und betrieben. Unter dem Vorwand, „Fake News“ und „Hassrede“ zu bekämpfen, wurden hiermit Unterstützer der politischen Gegner innerhalb der Labourpartei (die Pro-Corbyn-Fraktion), aber auch außerhalb der Partei bekämpft.
Eines der Opfer einer Kampagne dieser Organisation war die sehr erfolgreiche journalistische Website The Canary (monatlich 8,5 Millionen Zugriffe), die eine Pro-Corbyn-Linie verfolgte.
„Vernichtet The Canary, sonst vernichtet The Canary uns“, wie McSweeney es gegenüber seinen Mitstreitern damals ausdrückte. In enger Zusammenarbeit mit der Anti-Corbyn-Bewegung Jewish Labour Movement führte McSweeney zusammen mit der Journalistin Rachel Riley eine Kampagne, deren Ziel es war, die Anzeigenkunden von The Canary davon zu überzeugen, das Medium sei antisemitisch.
Im Rahmen ihrer Kampagne machten sie Screenshots von The-Canary-Artikeln, die ihrer Meinung nach rassistische oder falsche Inhalte enthielten, und veröffentlichten dann auf Twitter Nachrichten, die sich an Marken richteten, die auf den Seiten dieser Websites Werbung schalteten. Die Journalisten von The Canary erklärten, dass es sich bei den Inhalten um Kritik an Israel gehandelt habe, die sich nicht gegen jüdische Menschen richtete. Aber die Anzeigenkunden sprangen dennoch ab.
Die Presseregulierungsbehörde Impress stellte zwar später nach einer Untersuchung wegen möglicher antisemitischer Tendenzen fest, dass The Canary keinen „Hass schüren“ würde – da war es für die Nachrichtenseite aber bereits zu spät. Die Zahl ihrer Mitarbeiter war aufgrund von McSweeneys Kampagne von 22 auf einen einzigen geschrumpft. Im Jahr 2019 brüstete sich SFFN mit dem Erfolg ihrer Kampagne, die zu einer massiven Verringerung des Einflusses von The Canary und einer anderen kritischen Website namens Evolve Politics während der britischen Parlamentswahlen in jenem Jahr geführt hatte.
Die angebliche Hassfabrik
Zur gleichen Zeit, als die Kampagne gegen The Canary lief, führte McSweeney eine weitere Kampagne gegen die „Corbyninsten“. Dazu nutzte er Nachrichten aus Facebook-Gruppen, die Corbyn unterstützen, die er aus dem Kontext riss, dramatisierte und an die Zeitung The Sunday Times weiterleitete, wo sie am 1. April 2018 unter der Überschrift „Aufgedeckt: Jeremy Corbyns Hassfabrik“ veröffentlicht wurden. Es handelte sich um ein Dossier, in dem 2.000 sogenannte „Hassbotschaften“ aus verschiedenen Facebook-Gruppen gesammelt wurden. In einer Erwiderung der Administratorin einer dieser Gruppen, Wendy Patterson, die einige Tage später erschien, aber deutlich weniger Medienaufmerksamkeit erhielt als die ursprüngliche Skandalisierung, sagte diese, dass diese Kommentare in ca. 20 Facebook-Gruppen mit insgesamt etwa vier Millionen Nutzerbeiträgen im entsprechenden Zeitraum gefunden wurden. Sie erklärte, dass diese nur einen winzigen Bruchteil der gesamten Aktivitäten ausmachten. Außerdem handelte es sich bei den meisten Gruppen um offene Gruppen, sodass die Administratoren keine Kontrolle darüber hatten, wer von außen auf die Seiten komme und dort poste. Sie beschrieb ferner ihre umfangreichen Bemühungen, zusammen mit anderen Mitarbeitern Verhaltensregeln aufzustellen für null Toleranz gegenüber Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, jeglicher diskriminierenden Sprache oder persönlichen Beleidigungen und widersprach so der Andeutung, die Administratoren hätten die Hasskommentare in irgendeiner Weise unterstützt oder die Meinungen der Kommentatoren geteilt. Aber der Schaden war entstanden und ein weiterer Baustein in der Erzählung von Corbyn und Corbyn-Anhängern in der Labourpartei als „antisemitisch“ war erstellt.
Der Sunday Times Skandal
Kommen wir aber jetzt wieder in die Gegenwart.
Es gab noch einen weiteren Skandal um Labour Together. Wie die Sunday Times herausfand und im November 2023 berichtete, hatte Morgan McSweeney es versäumt, zwischen 2017 und 2020 Spenden in Höhe von 730.000 Pfund Sterling an Labour Together anzugeben, die von millionenschweren Risikokapitalgebern und Geschäftsleuten getätigt wurden, und andere Zahlungen falsch oder unvollständig angegeben, obwohl er rechtlich dazu verpflichtet gewesen wäre. Im Parlament dazu befragt, log McSweeney darüber. Er selbst entschuldigte sich später damit, dass es sich um ein rein „administratives Versehen“ gehandelt habe.
Das Geld verwendete Labour Together, um die Labourpartei von Corbyn zu „befreien“, die neoliberale Rechte in der Partei zu stärken und Keir Starmer als Parteiführer zu etablieren. Inzwischen ist bekannt, dass es sich bei den geheim gehaltenen Spendern unter anderem um den Hedgefonds-Manager Martin Taylor und den bereits oben erwähnten Millionär und Pro-Israel-Lobbyisten Trevor Chinn handelte.
Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Am Wochenende berichtete die Sunday Times, dass Labour Together nach diesen Enthüllungen aus dem Jahr 2023 durch Sunday-Times-Journalisten die US-amerikanische Public-Affairs-Firma (Agentur für Medienarbeit und Politikbeeinflussung) Apco beauftragt hatte, den persönlichen, politischen und religiösen Hintergrund eines der Journalisten, der die Geschichte um die nicht deklarierten Spenden an Labour Together geschrieben hatte, zu untersuchen. Diese Firma erstellte daraufhin einen 58-seitigen Bericht voller Vermutungen über und falschen Anschuldigungen gegen den Journalisten Gabriel Pogrund von der Sunday Times, aber auch über andere Journalisten, die kritisch über Labour Together berichteten, wie Matt Taibbi und Paul Holden, und unterstellten ihnen unter anderem, Teil einer russischen Verschwörung zu sein und Quellenmaterial verwendet zu haben, das vom „Kreml“ gehackt worden sei.
Dieser Bericht wurde dann durch Labour Together mit Labour-Politikern, darunter auch Mitgliedern des Kabinetts, geteilt und eine kürzere Version sogar an eine Unterabteilung des Britischen Geheimdiensts GCHQ weitergeleitet, um die Journalisten zu diskreditieren. Der Vorwurf im Bericht lautete unter anderem, dass die Berichterstattung der Journalisten zu diesen und anderen Themen als Destabilisierung Großbritanniens gesehen werden könne und damit auch als im Interesse der außenpolitischen Interessen Russlands erschien.
Die gesamte Argumentation erinnert dabei ziemlich stark sowohl an die „Russiagate“-Vorwürfe als auch an die Begründung der EU für ihre extrem harschen Sanktionen gegen den deutschen Journalisten Hüseyin Doğru.
Der Aufruhr unter britischen Journalisten und Kommentatoren ist jetzt groß, sicher auch, weil diese Kampagne sich diesmal gegen einen „Mainstream“-Journalisten wie Gabriel Pogrund und eine Zeitung wie die etablierte Sunday Times gerichtet hat und nicht gegen alternative Medien wie The Canary oder kritische unabhängige Journalisten wie Kit Klarenberg. Nick Timothy, der Schattenjustizminister, bezeichnete den Bericht der Agentur als „empörend“ und als eine Form der „Belästigung und Einschüchterung“ einer freien Presse.
Wie geht es weiter?
Spannend ist es jetzt, ob in der Folge all dieser Enthüllungen noch mehr Dominosteine fallen und weitere Informationen über die geheime Zusammenarbeit zwischen Organisationen, Politikern, PR-Agenturen und Geheimdiensten in Großbritannien herauskommen werden.
Nach Morgan McSweeney, traten bereits Tim Allan, Keir Starmers Kommunikationschef, und kürzlich auch noch sein Kabinettssekretär Christopher Wormald zurück. Wie lange wird Keir Starmer sich vor diesem Hintergrund noch im Amt halten können? Er war auch vorher schon der unbeliebteste Premierminister, den Großbritannien je hatte. Der Druck wächst auf jeden Fall.
Titelbild: Steve Travelguide / Shutterstock
„In einer E-Mail bittet Epstein einen Freund, ihm ein Foto seines neugeborenen Kindes zu schicken“
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