Der Fall Epstein schlägt hohe Wellen. Tahir Chaudhry recherchiert seit vielen Jahren zu dem Fall. Im aktuellen NachDenkSeiten-Interview fokussiert der Autor des Buches „Wem diente Jeffrey Epstein?“ auf die jüngst vom US-Justizministerium veröffentlichten Dateien. Darin, so sagt Chaudhry, „finden sich verstörende Bilder und E-Mails“. Und: „Wir Bürger müssen politische und mediale Verantwortung einfordern – sachlich, konsequent und ohne Lagerlogik. Entscheidend ist, den Blick von Einzelfiguren auf die Systeme zu richten“, sagt der Journalist. Von Marcus Klöckner.
Herr Chaudhry, in unserem letzten Interview sagten Sie: Epstein war ein wichtiges Zahnrad in einem globalen Machtapparat“. Gerade wurden Millionen von Dateien vom US-Justizministerium freigegeben. Was ist Ihr Eindruck? Wie aufschlussreich sind die Dateien?
Wenn man hört, drei Millionen Dokumente, denkt man erstmal – jetzt wird endlich wirklich alles offengelegt. Nach mehr als sechs Jahren Hadern, Zögern, Sabotieren. Und genau da fange ich an, stutzig zu werden. Warum passiert das jetzt? Warum stellt uns das US-Justizministerium plötzlich so etwas wie eine „Epstein-Bibliothek“ hin, in der jeder suchen, interpretieren und für sich etwas finden darf? Da muss man sich schon fragen, wem das nützt.
Bevor wir näher darauf eingehen: Würden Sie für uns die Dateien einordnen? Vor allem auch: Welche Qualität haben diese Dateien?
Zu viele Bilder sind geschwärzt, Namen fehlen, zentrale E-Mails und Anlagen tauchen nicht auf. Entscheidend belastbares Material fehlt. Man hat fast den Eindruck, es geht mehr darum, Voyeurismus, Klatsch und Tratsch zu fördern und weniger um Aufklärung.
Die Masse an Material hat in den letzten Tagen nur Verwirrung, Polarisierung und endlose Diskussionen geschaffen. Und gleichzeitig Ekel und Wut auf eine „alte Elite“, die jetzt symbolisch vorgeführt wird. Diese Elite steht für eine „alte Ordnung“, die offenbar kontrolliert gesprengt werden soll, um Platz zu machen für eine neue, angeblich moralisch integere Ordnung. Das System wird damit gezwungen, sich neu zu sortieren. Was aber auf keinen Fall passieren darf, ist, dass die Menschen ihr Vertrauen in die Herrschenden verlieren – und zur Erkenntnis kommen, dass diese Eliten moralisch korrupt, erpressbar und letztlich steuerbar sind.
Unmittelbar nach den Veröffentlichungen sind Akteure zurückgetreten. Können Sie uns dazu Näheres sagen?
Auffällig ist, dass die jüngsten Enthüllungen vor allem europäische Akteure zu Fall bringen. In Schweden trat die UN-Vertreterin Joanna Rubinstein zurück, nachdem ein Besuch auf Epsteins Insel bekannt wurde. In der Slowakei legte Miroslav Lajčák, Sicherheitsberater von Ministerpräsident Robert Fico, sein Amt nieder, nachdem ein Austausch mit Epstein publik wurde, in dem von „wunderschönen“ Mädchen die Rede war. In Frankreich reichte der frühere Kulturminister Jack Lang seinen Rücktritt als Leiter eines Pariser Kulturinstituts ein, nachdem sein Name mehr als 600-mal in den Dokumenten auftauchte. In Norwegen trat die Botschafterin Mona Juul zurück, weil Epsteins Testament ihre Kinder mit zehn Millionen Dollar bedachte.
Am bizarrsten wirkt jedoch der britische Fall: Der frühere Wirtschaftsminister Peter Mandelson verließ wegen seiner engen Freundschaft zu Epstein die Labour-Partei. Kurz darauf trat auch Morgan McSweeney, der Stabschef von Premierminister Keir Starmer, zurück – weil er Mandelson zuvor als US-Botschafter empfohlen hatte. Das wirft unweigerlich die Frage auf, was die britische Regierung in dieser Affäre noch zu verbergen versucht.
Die Dateien sind interessant – aus verschiedenen Perspektiven. Es geht um Politisches, aber auch um schlimmste Verbrechen. Was ist realistisch? Was Interpretation? Was Fakt? Wie gehen Sie mit diesem riesigen Datensatz um? Sie haben sich lange mit dem Fall Epstein auseinandergesetzt, sind mit der Thematik vertraut.
Ich wage zu behaupten, nahezu jeden Namen, jede Funktion und fast jede Verbindung im Epstein-Kosmos zu kennen. Entsprechend erkenne ich in den Dokumenten weit mehr als ein unvorbereiteter Leser, der sich erstmals durch diese Materialsammlung arbeitet. Seit Tagen vergeht kein Abend, an dem ich nicht erneut einen Blick in diese Akten werfe. Was dabei schockiert, sind die moralischen Abgründe: die Verrohung der Sprache gegenüber Kindern und Frauen, die widerwärtige, teils codierte sexualisierte Kommunikation, das offene Zurschaustellen von Machtfantasien, ethnischem Überlegenheitsdenken und der Selbstgewissheit, sich jenseits jeder juristischen Verantwortung zu bewegen.
Ein großes Thema, das sich durch den Fall Epstein zieht, ist der Missbrauch – auch von Minderjährigen. Manches, was sich in den Dateien findet, wirkt verstörend, ist schwer zu erfassen. Helfen Sie uns dabei.
Absolut. Bisher gab es in den Dokumenten nur den einen klaren Hinweis darauf, dass der Missbrauch ab 12 Jahren begann. Eine Frau unter dem Pseudonym „Katie Johnson“ reichte 2016 vor einem Bundesgericht in New York eine Klage gegen Donald Trump und Jeffrey Epstein ein. Sie behauptete, im Jahr 1994 im Alter von 13 Jahren in Epsteins New Yorker Villa gemeinsam mit einem zwölfjährigen Mädchen mehrfach von beiden Männern sexuell missbraucht und vergewaltigt worden zu sein. Die Klage wurde schließlich fünf Tage vor der US-Wahl 2016 durch eine „freiwillige Einstellung“ der Anwälte des Mädchens abgewiesen. Katie Johnson gab an, dass ihr und ihrer Familie von beiden Männern gedroht worden sei, falls sie über die Geschehnisse spreche.
Die neuen Dokumente enthalten nun aber zahlreiche Hinweise darauf, dass der Missbrauch an Kindern deutlich früher begann. Es finden sich verstörende Bilder und E-Mails, die dieses Muster andeuten: etwa eine Szene, in der Epstein mit Freunden an einem Tisch arbeitet, während über ihnen ein übergroßes Bild eines nackten Säuglings hängt. In einer E-Mail bittet Epstein einen Freund, ihm ein Foto seines neugeborenen Kindes zu schicken, um ihn „zum Lächeln zu bringen“. Zudem bin ich auf eine Nachricht gestoßen, in der ein Neurologieprofessor Epstein einen ungewöhnlichen Forschungsbericht zusendet – über die Frage, wie sich der Saugreflex bei Säuglingen verstärkt, wenn sie beim Nuckeln die Stimme ihrer leiblichen Mutter hören.
Nun gibt es in den Dateien Zeugenaussagen und Hinweisgeber. Mit Zeugenaussagen ist es aber so eine Sache. Zeugenaussagen können stimmen, sie können einen wahren Kern beinhalten, sie können aber auch teilweise oder ganz falsch sein. Wie betrachten Sie die Aussagen im Allgemeinen?
Genau so ist es. Zeugenaussagen betrachte ich nie als absolute Wahrheit an sich, sondern als Puzzleteile. Für sich genommen sind sie unsicher – sie können stimmen, einen wahren Kern enthalten oder auch verzerrt sein. Belastbar werden sie erst im Kontext: durch den Abgleich mit physischen Beweisen wie Fotos, Flugprotokollen, Zahlungsbelegen oder E-Mails und durch die Gegenprüfung mit anderen, voneinander unabhängigen Aussagen. Darüber werden wir bisher aber nicht vollständig informiert.
Im Epstein-Komplex ist auffällig, dass viele Zeugnisse ähnliche Strukturen, Orte und Abläufe beschreiben. Wenn sich solche Aussagen gegenseitig bestätigen und zugleich mit dokumentarischem Material überlagern, entsteht ein verlässliches Gesamtbild. Fehlt diese Einbettung, bleiben sie Hinweise – relevant, aber nicht beweiskräftig. Entscheidend ist daher nicht die einzelne Aussage, sondern die Verdichtung der Indizien.
Der ganze Komplex Epstein ist umgeben von vielen Spekulationen, von Horrormeldungen, aber auch von einer ideologischen und politischen Instrumentalisierung. Die eine Seite sieht die Dateien als klaren Beweis für die Unmoral des liberal-linken-woken Lagers; die andere will darin das Böse der Rechten sehen – und neuerdings wird sogar Putin und Russland von Medien im Zusammenhang mit dem Fall Epstein in den Vordergrund gestellt. Mit anderen Worten: Das Thema ist ideologisch und politisch kontaminiert. Was heißt das für diejenigen, die an einer sauberen Betrachtung des Falles ein Interesse haben?
Wer den Fall seriös verstehen will, muss sich konsequent von ideologischen Deutungsrahmen lösen. Der Epstein-Komplex taugt weder als Beweisstück für die moralische Verderbtheit eines bestimmten politischen Lagers noch als Projektionsfläche für geopolitische Feindbilder.
Ich beobachte aufmerksam, wie deutsche Mainstream-Medien versuchen, von Epsteins klar erkennbaren Israel-Bezügen abzulenken. Seine Biografie weist zahlreiche Kontakte zur CIA und zum Mossad auf; zudem sind enge Freundschaften mit prominenten israelischen Akteuren sowie Spenden für die zionistische Sache gut dokumentiert.
Dennoch wird zunehmend versucht, Epstein als Agenten von Wladimir Putin zu framen. Es scheint tatsächlich eine gewisse Form von Beziehung zu Putin gegeben zu haben. Was dabei jedoch weitgehend ignoriert wird, ist Folgendes: Epsteins enger Freund Boris Nikolic, ehemaliger Berater von Bill Gates, tauschte sich per E-Mail mit Epstein über die Unterstützung des russischen Oppositionellen Ilja Ponomarjow zum Sturz Putins aus. Ponomarjow lebt heute im ukrainischen Exil und ist in Terroranschläge gegen russische Regimebefürworter verwickelt.
Epstein bezeichnet Ponomarjow in einer E-Mail ausdrücklich als Freund und schreibt, dieser verfüge über „Unterstützer aus der LGBT-Community in Russland“, deren Aktivitäten dort verboten sind.
Nachrichten von hochrangigen Eliten, die angeblich in grausame Machenschaften verstrickt sind, gibt es seit langem. Wir erinnern uns an den Sachsensumpf, an Höllenleben, an die 27 toten Zeugen im Fall Dutroux, an Casa Pia, an den Bohemian Grove, den „Franklin Cover-up“, Jimmy Saville, an den Film „Jagdgesellschaft“, die aktuellen Aussagen des US-Schauspielers Corey Feldmann usw. usf.: Verschiedene Länder, unterschiedlich gelagerte Fälle – dennoch gibt es Überschneidungen in vielen Fällen dieser Art. Wie sehen Sie das? Gibt es eine Art Grundsatzwissen, dessen man sich als kritischer Bürger im Hinblick auf solche Fälle im Klaren sein sollte?
All diese Fälle zeigen: Missbrauch fungiert hier als Instrument zur Auslebung angeblich absoluter Macht – über ein willenlos gemachtes Objekt. „Echte Macht“ wird in diesen Kreisen oft als die Fähigkeit verstanden, selbst schwerste gesellschaftliche Tabus zu brechen und dabei faktisch straffrei zu bleiben. Die Teilnahme an solchen Handlungen dient als Loyalitätsbeweis und als Signal der Zugehörigkeit zu einer vermeintlich unantastbaren Herrenklasse. Entsprechend folgen diese Fälle wiederkehrenden Mustern: Macht und Mittel schützen Täter, Ermittlungen werden verzögert oder fragmentiert, Beweise verschwinden, Zuständigkeiten werden zerstreut.
Wir Bürger müssen politische und mediale Verantwortung einfordern – sachlich, konsequent und ohne Lagerlogik. Entscheidend ist, den Blick von Einzelfiguren auf die Systeme zu richten, die Machtmissbrauch ermöglichen und absichern. Eine Gesellschaft, die Frauen und Kinder nicht schützen kann, verdient diesen Namen nicht. Alles andere ist Barbarei – genau jene Barbarei, die man bei anderen Ländern lautstark anprangert, während man sie im eigenen Machtbereich verdrängt. Das sind keine Werte, das sind leere Worte und Heuchelei.
Der Investigativ-Chef von Die Welt verfasste auf der Plattform X in Anbetracht der Veröffentlichungen zum Fall Epstein die Tage die folgenden Zeilen: „Die #EpsteinFiles sind so ziemlich das verstörendeste und brutalste, das ich an Dokumenten gesehen habe. Schlimmste Verschwörungstheorien werden wahr, viele der mächtigsten und reichsten Männer der Welt scheinen involviert. Und die wichtigsten Dokumente hält das DOJ weiter zurück.“ Und: „Verdacht beim Durchgehen der Unterlagen: War „Pizza“ in verschiedenen Variationen der Code für die Opfer der Verbrechen der #Epstein-Kriminellen? Begriff taucht in den Files Tausende Male auf.“ Wie nehmen Sie diese Zeilen wahr?
Der Investigativ-Chef von Die Welt kann viel sagen – doch solange die nicht zu leugnenden Bezüge zu Israel und zum Zionismus ausgeblendet oder relativiert werden, bleibt das reine Phrasendrescherei. Dann soll er erklären, warum mehr als 90 Prozent der im Epstein-System auftauchenden Akteure aus genau diesem Zirkel stammen. Hier will sich jemand offenbar nur einen Anstrich von Widerstand verleihen.
Ein großer Datensatz wurde freigegeben. Aber noch immer sind Millionen weiterer Daten unter Verschluss. Was bedeutet all das?
Die Öffentlichkeit erhält Fragmente statt Übersicht. Genug Material, um Debatten, Spekulationen und politische Deutungen anzustoßen – aber zu wenig, um belastbare Schlüsse zu ziehen. Aufklärung wird damit nicht verhindert, sondern kontrolliert: zeitlich verzögert, in Portionen verabreicht und narrativ gerahmt. Es muss also die Forderung bestehen bleiben: Release the Epstein-Files!
Aus dem, was Sie bisher in den neu veröffentlichten Dateien gesehen haben: Was ist für Sie das Interessanteste?
Dass immer belegbarer und deutlicher wird: Jeffrey Epstein war kein Einzelgänger. Er war eingebettet in größere, tragfähige Strukturen. Und an diesem Punkt stößt man unweigerlich auf Hinweise zur Rolle Israels und israelischer Geheimdienstkreise in seinem Umfeld – ein Aspekt, der immer noch von den deutschen Mainstream-Medien gemieden wird.
Man könnte natürlich fragen: Warum wird das jetzt so öffentlich gemacht? Israel steht international unter massivem Druck, sein Image ist angeschlagen. Mehr öffentliche Empörung, mehr Hass, mehr Polarisierung funktionieren dabei fast wie eine politische Währung: Sie sollen ihnen Zeit und Sonderrechte auf der Weltbühne verschaffen.
Vor wenigen Tagen hat sich Benjamin Netanyahu zum Fall Epstein geäußert und dabei dessen enge Freundschaft mit dem ehemaligen israelischen Premierminister und früheren Geheimdienstchef Ehud Barak hervorgehoben. Barak wird in diesem Zusammenhang als „antizionistisch“ und „radikal links“ gerahmt. Für jeden, der die letzten drei Kapitel meines Buches gelesen hat, ist klar: Das ist nichts anderes als ein billiges Ablenkungsmanöver.
Lesetipp: Tahir Chaudhry: Wem diente Jeffrey Epstein? Vorwort von Florian Homm, Fifty-Fifty, Frankfurt am Main 2024, Softcover, 300 Seiten, ISBN 978-3946778394, 25 Euro.
Am 5. März 2026 erscheint das neue Buch von Chaudhry: „Peter Thiel – Palantir, der KI-Gott und das Ende des Menschen“.





