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Titel: Diether Dehm: „Aufstieg und Niedertracht II: Katharina“
Datum: 1. März 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Lobbyismus und politische Korruption, Rezensionen, SPD
Verantwortlich: Redaktion
Helmut Kohl benutzte in einer Rede im Deutschen Bundestag 1995 dieses Zitat: „Wer die Geschichte nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“. Ähnliche Aussagen wurden lange vorher auch schon getroffen, zum Beispiel vom spanischen Philosophen George Santayana (1863 – 1952): „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“. Eine Rezension von Claus-Dieter Stille.
Die heutige Zeit macht uns jedoch tagtäglich bitterdeutlich, wie viele herrschende Politiker nahezu im gesamten EU-Bereich samt der ihnen nach dem Munde schreibenden und sendenden Medien offenbar von einer Geschichtsunkenntnis befallen sind, die in ihrer Auswirkung auf die aktuelle Politik hochgefährlich ist. Sehr betrüblich ist es, dass sogar die Zeit in Deutschland nach 1945 für viele Menschen hierzulande eher im Dunkeln zu liegen scheint beziehungsweise verklärt wird.
Diether Dehm ist es zu verdanken, dass er Licht in wichtige Kapitel bundesrepublikanischer Geschichte bringt. Der Politiker und Künstler nimmt uns als Leser seiner jüngsten Romantrilogie mit dem Titel „Aufstieg und Niedertracht“ mit in verronnene BRD-Geschichte zurück und führt sie uns spannend erzählt vor Augen. Das ist nicht nur für jüngere, sozusagen spätgeborene Leser interessant, sondern auch für uns Frühgeborene (ich selbst kam 1956 in der DDR zur Welt) mit bestimmten hängen gebliebenen Erinnerungen von hohem Wert: Der Mensch ist ja bekanntlich oft vergesslich oder auch desinformiert. Trifft beides zusammen, wird es zappenduster.
Dehms Werk beginnt mit einem Kriminalfall, welcher die junge Bundesrepublik erschütterte: „Aufstieg und Niedertracht 1: Rebecca“. In meiner früheren Rezension dazu informierte ich betreffs des Inhalts: „Es geht um den Mord an der Frankfurter Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt, deren ‚Künstlername‘ Rebecca gewesen war.“ Dieser erste Teil der Trilogie erschien im Verlag Das Neue Berlin.
Nun folgte der nächste Band „Aufstieg und Niedertracht 2“ mit dem Titel „Katharina“. Allerdings erschien dieser Band – meiner Information nach auf ausdrücklichen Wunsch des Autors – im Verlag KRASSER GURU.
KRASSER GURU: „‚KATHARINA‘ ist Band II der Trilogie ‚AUFSTIEG UND NIEDERTRACHT‘ aus der Saga einer sozialdemokratischen Familie. ‚KATHARINA‘ folgt auf den Roman ‚REBECCA‘ (Berlin 2025) über den Nitribitt-Mord 1957, als Rudi noch ein Kind war – und über seine Eltern, die unfreiwillig Zeugen im Mordprozess wurden.“
Zum Band 2 sollte der Text von KRASSER GURU zwecks Information potenzieller Leser ausreichend sein:
„Die Oberkellnerin Katharina in Honeckers Jagdschloss ‚Hubertusstock‘ wird für den hessischen SPD-Staatssekretär Rudi Hermann bei einem Weihnachtsausflug an den Werbellinsee in der DDR zu einer Engelsgestalt intimer und gesellschaftlicher Sehnsüchte. Ihre ungekünstelte Art, zu sehen und zu reden, bildet einen extremen Kontrast zum westdeutschen Parteienmorast, in dem Rudi zu versinken droht. Als linker SPD-Star muss er nämlich gerade hart gegen rätselhafte Skandalisierungen aus dem geheimdienstlich-medialen Komplex ankämpfen. Zudem ist Rudi Hermann einem Grundwasserskandal im profitablen Atommülllager ‚Asse‘ auf der Spur.
Obwohl Katharina Rudis Drängen, ihn in Frankfurt am Main zu heiraten, nicht nachgeben will und bei ihrer Tochter Vivienne in Ostberlin bleibt, gibt sie ihm Halt und Hilfe – gemeinsam mit einigen wenigen Freunden in SPD und SED. Gegen den geheimdienstlich-medialen Komplex des ‚großen Geldes‘ und gegen dessen Skandalisierungsanschläge auf Rudi. Aber auch gegen ‚eigene‘ Parteifreunde, die den prominenten Bankengegner weghaben wollen – mit Fallenstellereien des Parlamentarismus, die in diesem Liebeskrimi so detailgetreu wie spannend ausgemalt sind.“
Beim Lesen der erzählten Geschichte wurde mir immer wieder klar, welchen Intrigen Politiker wohl jeder Partei im Laufe ihrer politischen Karriere ausgesetzt sein können. Ich wurde schon bald auch an die bekannte Steigerungsformel „Feind – Todfeind – Parteifreund“, die Konrad Adenauer zugeschrieben wird, erinnert. Beileibe kein Alleinstellungsmerkmal betreffs der einzelnen Parteien. Schon Voltaire bekannte: „Mein Gott, bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich allein fertig“. Und es nimmt nicht wunder, dass ich auch an die Parteienkritik Richard von Weizsäckers denken musste: „Machtversessen und machtvergessen“ nannte der damalige Bundespräsident 1992 die bundesdeutschen Parteien.
Am Rande angemerkt: Heute ist zu konstatieren, dass die Kritik von Weizsäckers nicht fruchtete, denn inzwischen ist alles nur noch viel übler geworden. Ich selbst betrachte die bei uns herrschende Parteiendemokratie eher schadend als unserem Lande nutzend. Und als ich wieder einmal – derlei bedenkend – das Buch absetzte, sah ich einen älteren Mann wieder vor meinem geistigen Auge, welchen wir als junge Leute beim Camping im Riesengebirge in der ČSSR vor unserem Zelt getroffen hatten und der verächtlich postulierte: „Die Politik ist die größte Hure.“ Nun ja, das Postulat des Greises mag gewiss nachvollziehbare Gründe gehabt haben: Inzwischen lege ich aber unbedingt Wert darauf, Huren, die man heute Sexarbeiterinnen zu nennen pflegt, bloß nicht mit bestimmten Politikern zu vergleichen und differenzierend zu betrachten – denn ansonsten täte man den Huren schweres Unrecht an.
Diether Dehm wurde von frühester Jugend an politisiert und war auch in der Politik aktiv. Er war von 1966 bis 1998 SPD-Mitglied und saß auch für die SPD im Deutschen Bundestag. Dann ging er in die PDS und darauf in DIE LINKE, heute ist er parteilos. Dehm kennt sich somit ganz gut aus in den Maschinenräumen von Parteien, bis in deren Kreis- und Bezirksebenen hinein – was seinem Roman sehr zugutekommt und ihn authentisch macht. Es ist spannend, zu erleben, wie es in Parteien und hinter den jeweiligen Kulissen zugeht, und ebenso interessant, im Roman zu lesen, welchen Problemen sich ein SPD-Staatssekretär Rudi Hermann in der hessischen Landesregierung gegenübersieht. Nur wenige Klarnamen wirklich existent gewesener Persönlichkeiten kommen im Roman vor. Andere werden jedoch kenntlich, wenn man bisher mit wachen Augen und Ohren durchs Leben gegangen ist – auch anhand der Namen, welche er ihnen im Buch gegeben hat. Andere im Buch auftauchende Charaktere wiederum sind erfunden, sie entsprechen aber Typen, wie sie in den Parteien, den Medien und der Gesellschaft im Allgemeinen vorkommen. Dehm hat diesen Typus sehr gut gezeichnet.
Der Weihnachtsausflug des hessischen SPD-Staatssekretärs Rudi Hermann in Honeckers Jagdschloss „Hubertusstock“ an den Werbellinsee in der DDR markiert einen für ihn bald schwerwiegenden Einschnitt in sein Leben. Nicht allein, weil er dort auf den DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker trifft, sondern ihm hauptsächlich die dort tätige Oberkellnerin Katharina ins Auge sticht, die ihn als Mann aufgrund ihrer körperlichen Reize sowie ihres Wesens insgesamt heftig elektrisiert. Sobald der Westdeutsche Hermann mit der meist so erfrischend anders als BRD-Frauen, weil auf so natürliche Weise und selbstbewusst auftretenden DDR-Frau näher in Kontakt kommt, ist es fortan um ihn geschehen.
Eine von Diether Dehm spannend und einfühlsam erzählte Geschichte, vom Verlag zutreffend als „Liebeskrimi“ bezeichnet, welche fesselt, nimmt ihren turbulenten Verlauf – und zwar über die sogenannte Wiedervereinigung hinaus bis in die folgende Zeit hinein. Dehm macht den Mantel der Geschichte weit auf mit seiner Trilogie. Das lässt uns vieles verstehen und nachvollziehen. Manches lässt uns auch aufmerken, und wir können dies oder jenes für uns daraus lernen – nicht zuletzt Leserinnen und Leser, welche in der BRD sozialisiert wurden und demzufolge bezüglich der DDR vorwiegend mit Klischees gefüttert worden sind. Als Leser bin ich schon jetzt neugierig auf den noch ausstehenden letzten Teil der Trilogie.
Was die erotischen Träume und beschriebenen Empfindungen der Romanfigur Rudi Hermann gegenüber den im Band vorkommenden Frauen – vornweg Katharina – angeht, dürfte der Autor gewiss reichlich aus sich selbst geschöpft haben; was Verbissene, wie weiland im Falle Martin Walsers geschehen, auf den Plan rufen und veranlassen könnte, über „Altmänner-Erotik“ zu schimpfen. Nun ja. Denen täte ich, selbst bald 70-jährig, entgegnen: Gemach! Bin ich so viel anders? Sonst schreien wiederum andere, über Dehm ihre schützenden Hände ausbreitend: Altersdiskriminierung!
Ich habe auch diesen zweiten Band sehr gerne gelesen – nicht zuletzt deshalb, weil es im Wesentlichen ein deutsch-deutscher Roman ist. Sehr deutlich arbeitet Dehm in der Person Rudi Hermann, dem sie ins Auge springen, auch die Unterschiede von BRD und DDR heraus, nicht zuletzt die der Menschen: die, welche im Kapitalismus leben, zu denen, die in der DDR sozialisiert sind; gegenüber bestimmten Wessis, die zuweilen überheblich und anspruchsvoll sind, oft eloquenter zu reden gelernt haben und meinen, halt die besseren zu sein. Nach der Wende und der sogenannten Wiedervereinigung beschrieb dies der in Ostdeutschland aufgekommene Begriff „Besserwessi“ sehr gut. Und diejenigen Menschen in der DDR, welche in der Regel bescheiden auftreten und eher über Bodenhaftung verfügen; welche sich von Hause aus damit schwertun, sich in irgendeiner Weise zu verkaufen – nicht zuletzt deshalb, weil sie über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen. Nicht zuletzt bewog dieses Selbstbewusstsein Katharina, nicht bei Rudi Hermann in Frankfurt am Main zu bleiben und nach ihrem Westbesuch wieder in die Hauptstadt der DDR, nach Ostberlin zurückzukehren: weil sie sich sozusagen ihren Schneid nicht abkaufen lassen wollte, und zwar vom Beginn der Bekanntschaft mit Rudi Hermann an nicht – was aber Hermann tatsächlich nie im Sinn hatte.
Zugegebenermaßen gab es freilich auch andere Frauen in der DDR, die sich etwa während der Leipziger Messe prostituierten (oft benutzt vom Ministerium für Staatssicherheit, um Messebesucher von Interesse aus dem Westen abzuschöpfen). Wie mir einmal ein Mann aus Dortmund erzählte, war ihm seinerzeit während eines Messebesuchs in Leipzig eine Frau aus der DDR untergekommen, die sich für ein paar Weststrumpfhosen zu ihm ins Bett legte. Wohlgemerkt: Dies war allerdings tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung in der DDR.
Fragen könnte man sich anhand der Darstellung Diether Dehms stellen, wenn er die relativ einfache Genehmigung für Katharinas Westbesuch in der BRD ins Spiel bringt. Hätten die zuständigen „Organe“ der DDR in der Realität einen solchen Besuch – noch dazu bei einem Staatssekretär in Hessen – wirklich so einfach genehmigt, wo doch Oberkellnerin Katharina gewiss als Geheimnisträgerin gegolten hätte? Wahrscheinlich nur, wenn Katharina eine Mitarbeiterin des MfS gewesen wäre.
Ansonsten ist „Katharina“ ein wirklicher „Liebeskrimi“, der den Lesern nachvollziehbar und in einem im Wesentlichen gut lesbaren Stil präsentiert wird. Und ganz „nebenbei“ umweht uns noch ein Stück weit der Mantel der deutsch-deutschen Geschichte. Hervorzuheben ist darüber hinaus noch, dass uns Autor Diether Dehm immer wieder aufzeigt, welche Rolle der geheimdienstlich-mediale Komplex (eine treffende Begriffsschöpfung von Dehm) von Mal zu Mal in unserer Gesellschaft spielt.
Was bleibt mir zu sagen? Ich empfehle, diesen zweiten Band aus Diether Dehms Trilogie unbedingt zu lesen und ebenso den ersten spannenden Teil „Aufstieg und Niedertracht 1: Rebecca“. Und freuen Sie sich auf den dritten, noch ausstehenden Band dieser hochinteressanten Reihe. Bereuen werden Sie es bestimmt nicht. Lassen Sie sich den Hauch der Geschichte um die Ohren wehen, haben Sie Freude an diesem Dreiteiler, der auch eine Familiensaga ist.
Diether Dehm: Aufstieg und Niedertracht II: Katharina, Frankfurt am Main 2025, Verlag KRASSER GURU, 528 Seiten, ISBN 978-3911834070, 24,90 Euro.
Über den Buchautor: Diether Dehm, geb. 1950 in Frankfurt am Main, Autor, Komponist, promovierter Psychosomatiker; 17 Jahre Mitglied des Bundestages für SPD und Linkspartei. 1979 – 1995 Mitarbeiter der Unterhaltungsabteilungen von ARD, ZDF und RTL; Musikverleger, Sänger von 17 Schallplatten und CDs (zuletzt: „Daß ein gutes Deutschland blühe!“, Arbeiterlieder – von damals und jetzt). Er schrieb rund 600 Lieder auf Tonträgern, darunter Hits wie „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“, „Was wollen wir trinken“, „Monopoli“, „Faust auf Faust (Schimanski)“ und „Das weiche Wasser“, u.a. für Klaus Lage, Bots, Joe Cocker, Curtis Stigers, Melanie Thornton, Ute Lemper, Gisela May, Udo Lindenberg, Zupfgeigenhansel, Heinz Rudolf Kunze, Christopher Cross, STOMP, Anne Haigis, Uwe Steimle, Reiner Kröhnert. Für Dieter Hallervorden schrieb er diverse Satiren und Texte (z.B. Gaza Gaza). Daneben: diverse Musicals und Theaterstücke. Er war unter anderem Manager von Katarina Witt und Wolf Biermann. Bisherige Romane: „Die Seilschaft“ (2004), „Bella ciao“ (2007, deutsch, englisch, türkisch), „Aufstieg und Niedertracht 1: REBECCA“ (2025).
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