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Titel: Bezahlt euren Krieg selber!

Datum: 3. März 2026 um 9:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Militäreinsätze/Kriege, Ressourcen
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Europa muss wieder eigenständig denken, wenn es sich behaupten will. Von Oskar Lafontaine.

Dass die US-Politiker in den europäischen Staaten tributpflichtige Vasallen sehen, hatte in den Neunzigerjahren der ehemalige Sicherheitsberater des US-Präsidenten Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ in Erinnerung gerufen. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das eine Konstante der US-Politik, und daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Die offizielle Erzählung, die USA seien in Europa, um unsere Freiheit gegen die Sowjetunion und heute gegen Russland zu verteidigen, hat nie gestimmt. Die USA wollten und wollen die Welt beherrschen. Dazu brauchen sie, um ihre Konkurrenten Russland und China einzudämmen, Militärstützpunkte in ganz Europa und willfährige europäische Vasallen.

Der ehemalige Außenminister Henry Kissinger sagte einst: „Wer die Energieströme beherrscht, beherrscht die Welt.“ Deshalb versuchten die USA seit Jahrzehnten, russische Energielieferungen nach Europa zu stoppen und durch eigene Energielieferungen zu ersetzen. Als die Europäer nicht spurten, zerstörten sie mit Hilfe der Ukraine die Energieleitungen Nord Stream 1 und 2. Donald Trump verhandelt im Moment mit Russland darüber, diese Leitungen wieder in Betrieb zu nehmen und sie einem amerikanischen Unternehmen zu geben. Die USA könnten den Europäern in Zukunft nicht nur drohen, kein Flüssiggas mehr zu liefern, sondern auch, je nach ihrem geostrategischen Interesse, die Nord-Stream-Leitung auf- und zudrehen. Man kann nur hoffen, dass Putin sich darauf nicht einlässt, weil, längerfristig betrachtet, ein solcher Deal nicht im geostrategischen Interesse Russlands liegt.

Weiter wie bisher

Unabhängig davon kann man Jens Berger nur zustimmen, wenn er auf Nachdenkseiten.de schreibt: Nord Stream unter amerikanischer Kontrolle wäre ein „Mahnmal der Demütigung und des europäischen Versagens“. Die unterwürfigen deutschen Vasallen bezahlen, während sie von europäischer Unabhängigkeit reden, Milliarden für einen von den USA verursachten Krieg. „Seit 20 Jahren habe ich gehört, dass es für Russland ein echtes Problem wäre, wenn die Ukraine in die NATO kommt. Und ich denke, dass genau das der Grund ist, warum dieser Krieg begonnen hat“, sagte US-Präsident Donald Trump im Juni 2024. Die deutschen Kriegstreiber in Politik und Journalismus wollen das nicht wahrhaben und halten weiter an ihren Lügen fest.

Den Höhepunkt dieser beschämenden Unterwürfigkeit erlebten wir, als der Bundesgerichtshof feststellte, dass „dringende Gründe dafür sprechen, dass der ukrainische Staat den Sabotageakt initiiert und gesteuert hat“. Statt sofort alle Finanzhilfen und Waffenlieferungen einzustellen, machen Merz, Klingbeil und Co. weiter wie bisher. Kein Land auf der Welt hat Politiker, die sich so hündisch verhalten. Erklärbar wäre dieses erbärmliche Verhalten nur, wenn die US-Geheimdienste Material hätten, um diese Marionetten zu erpressen.

Die Propagandapresse jubelte

Dass die US-Politiker, um ihre Vasallen gefügig zu machen, gerne zur Erpressung greifen, hat der langjährige Amerika-Koordinator der Bundesrepublik, Professor Werner Weidenfeld, vor Jahren in der ARD-Sendung „Beckmann“ zu Protokoll gegeben: Wenn wir mit den USA einer Meinung sind, dann sind wir beste Freunde. Wenn wir in zweitrangigen Fragen nicht einer Meinung sind, fragen sie: „Wo bleibt eure Dankbarkeit? Wir haben euch Freiheit und Demokratie gebracht.“ Und wenn wir in ernsten Fragen unterschiedliche Meinungen haben, dann kommen Geheimdienstinformationen auf den Tisch. Die Finanzierung des Ukraine-Krieges ist für die USA sicherlich eine ernste Frage. In Zukunft genügt die Drohung: Wir drehen euch den Gashahn zu.

Wer glaubt, Erpressung sei eine Spezialität Trumps und man brauchte ihn nur auszusitzen, täuscht sich. Diejenigen, die der US-Politik eine solche Skrupellosigkeit nicht zutrauen, sollten sich an das berühmte Zitat des späteren US-Präsidenten Harry Truman erinnern, das am 24. Juni 1941 in der New York Times zu lesen war: „Wenn wir sehen, dass Deutschland gewinnt, sollten wir Russland helfen, und wenn wir sehen, dass Russland gewinnt, sollten wir Deutschland helfen, und so können sie so viele wie möglich untereinander töten.“ US-Präsident Jimmy Carter nannte die USA auch wegen dieser Skrupellosigkeit die kriegerischste Nation der Weltgeschichte, und Martin Luther King erinnerte die Welt mit Blick auf die Ausrottung der Ureinwohner Amerikas daran, dass die USA „in einem Genozid geboren wurden“.

Die USA stellen vier Prozent der Weltbevölkerung. Eine größenwahnsinnige Führungsclique, die vielleicht mehrere Hundert Leute umfasst, will die ganze Welt beherrschen. Sie denkt nicht daran, den Vasallen eine strategische Autonomie zu gewähren. Als in jüngster Zeit weniger wichtige Kommandoposten innerhalb der NATO mit Europäern besetzt wurden, jubelte unsere Propagandapresse. Aber das ist alles nur vordergründiges Theater. An den wahren Machtstrukturen ändert das nichts. Der wichtigste Posten der NATO in Europa ist der Saceur (Supreme Allied Commander Europe). Er wurde und wird stets mit einem US-General besetzt. Dieser ist dann der Oberbefehlshaber aller NATO-Streitkräfte in Europa. Der Hegemon denkt nicht daran, diese Position jemals einem Europäer zu überlassen.

Sprengstoffgürtel statt Kugelweste

Wenn das Imperium sagt, ihr müsst fünf Prozent eurer Wirtschaftsleistung für das Militär ausgeben, dann stehen die Vasallen stramm, und die amerikanische Rüstungsindustrie freut sich über Milliardenaufträge. Wenn die Vereinigten Staaten beschließen, Russland und China mit Hyperschallraketen einzukreisen und einige davon in Deutschland aufzustellen, dann nicken deutsche Politiker wie Olaf Scholz und Boris Pistorius das ab, und der ehemalige BlackRock-Lobbyist Friedrich Merz stimmt freudig zu. Die Aufstellung dieser die Sicherheit der deutschen Bevölkerung in extremer Form gefährdenden Angriffswaffen mit kurzen Flugzeiten nach Moskau ist ein Lackmustest für die Glaubwürdigkeit derjenigen Politiker, die eine strategische Autonomie Europas fordern. Da diese Raketen unter alleinigem Befehl der USA stehen und das vorrangige Ziel eines russischen Erst- oder Zweitschlages wären, ist es so, als würde man Soldaten zum Schutz gegen Gewehrkugeln statt einer Kugelweste einen Sprengstoffgürtel umschnallen.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant nannte die Aufklärung einen Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Selbstständiges Denken ist die Voraussetzung für die Selbstbehauptung Europas. Sie begänne damit, dass ein europäischer Politiker von Format den USA sagen würde: „Euren Krieg müsst ihr selbst bezahlen und so schnell wie möglich beenden.“

Oskar Lafontaine ist Finanzminister Deutschlands a. D. und ehemaliger Vorsitzender der SPD.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Weltwoche Deutschland Nr. 09.26.

Titelbild: Andrew Angelov/shutterstock.com


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