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Titel: In Deutschland kann der dritte Weltkrieg aufgehalten werden
Datum: 9. März 2026 um 15:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik
Verantwortlich: Redaktion
Etwa 50.000 Schüler versammelten sich laut Angaben der Veranstalter am letzten Donnerstag auf den Straßen der Bundesrepublik beim „Schulstreik gegen Wehrpflicht“. Als junge Generation erleben sie eine Mobilmachung, welche vorerst freiwillig genannt wird, die aber – für alle ersichtlich – auf lange Sicht auf eine neue Wehrpflicht hinausläuft. Ein Artikel von Pablo Krappmann.
Seit Januar 2026 besteht das neue Wehrdienstgesetz. Danach werden alle 18-Jährigen einen Fragebogen zur Eignung für den Wehrdienst erhalten. Ab Juli 2027 sollen die verpflichtenden Musterungen ab Jahrgang 2008 beginnen. Sollten sich nicht ausreichend Freiwillige zum Wehrdienst melden, wird die Verpflichtung zum Gang in die Kasernen angestrebt. Nur das Parlament muss dem noch seine Zustimmung geben.
Niemand kann zum Dienst an der Waffe gezwungen werden – so das Grundgesetz. Damit besitzt jeder das Recht, den Wehrdienst zu verweigern, um auch im Kriegsfall vor einer Zwangsrekrutierung beschützt zu bleiben. Die Kriegsdienstverweigerung (KDV) bedarf ab diesem Jahr nur noch eines schriftlichen Antrags, welcher eine ausführliche Begründung über die Gewissensgründe beinhalten soll. Eine persönliche Gewissensprüfung in Präsenz findet nicht mehr statt.
Dieses Gesetz wurde mit der Begründung einer militärischen Bedrohung durch Russland verabschiedet, wobei ein solcher Angriff recht präzise für die Jahre 2028 oder 2029 vorausgesagt wird. Diese These stützt sich allerdings auf keine Quellen direkt aus dem Kreml, sondern auf wilde Interpretationen einiger sich selbstverwirklichender Politiker. Der öffentliche Rundfunk gibt sein Bestes dazu, indem er Stimmen, die diese Bedrohung ebenfalls herbeireden, in Überzahl zu Wort kommen lässt.
Blick von Russland auf Deutschland
Ich schreibe diesen Text auf Reisen in Russland. Gerade befinde ich mich in Moskau und blicke aus dem Fenster eines Wohnblockes über die Moskauer Dächer. Aus Gesprächen mit jungen Männern hier in Russland erfuhr ich, wie man in Russland allmählich Furcht vor der aggressiven deutschen Außenpolitik bekommt. Es besteht teilweise die umgekehrte Befürchtung, dass ein Angriff von Deutschland ausgehen könnte. Die jungen Männer fragten mich, weshalb es in Deutschland denn keinen Widerstand gebe, wenn die deutsche Bevölkerung diesen antirussischen Krieg nicht wolle.
In Russland besteht ein weitsichtigeres Verhältnis zur Vergangenheit. Hier besteht ein klareres Bewusstsein für die eigene Geschichte, als es in Deutschland der Normalfall ist. In Russland wird das Erinnern an die vergangenen Jahrhunderte gepflegt und ein kulturelles Bewusstsein aufrechterhalten. Dabei erinnert man sich in Russland auch an die Verbrechen Nazi-Deutschlands gegenüber der russischen, respektive der sowjetischen Bevölkerung. Entlang der damaligen Kriegsschauplätze an der Ostfront wurden unvorstellbare Verbrechen an Menschen der Sowjetunion begangen.
Wenn in den Nachrichten von einem einzelnen Mord berichtet wird, gibt es einen öffentlichen Aufschrei. Doch dieses Mitgefühl sollte sich auch auf die unvorstellbare Zahl von 27 Millionen ermordeter sowjetischer Menschen im Zweiten Weltkrieg ausweiten, ein Erbe, welches als historische Verantwortung auf den Schultern der deutschen Bevölkerung lastet.*
Umso schwerer fällt mir die Antwort gegenüber russischen jungen Männern auf die Frage, weshalb es in Deutschland keinen entschlossenen Widerstand gegen die russlandfeindliche Außenpolitik gibt.
In Deutschland kann der dritte Weltkrieg aufgehalten werden
Wir sind das Drehkreuz, an dem das amerikanische Vordringen in den Osten operiert wird. Wir in Deutschland können uns aufmachen in eine Zukunft, in der wir uns aus der amerikanischen Vasallenrolle befreien, das eigene europäische Neutralitätsinteresse festigen und Nein sagen zu dem Krieg gegen Russland.
Als wirtschaftlich stärkste Nation im europäischen Raum haben wir in Deutschland die Möglichkeit, diese Entwicklung zu einem neutralen und friedlichen Europa anzustoßen. Der Frieden in Europa hängt auch von den Beziehungen zu Russland ab. Wir sind uns nicht nur kulturell näher, sondern auch aus historischer Sicht tiefer verbunden als mit den USA. Dazu kommt die Vereinigung von technischem Wissen mit preiswerten Rohstoffen, diese Kooperation zwischen Deutschland und Russland würde für die USA das Abtreiben als einsame Insel bedeuten. Die Kooperation zwischen Deutschland und Russland könnte nicht nur zu einem friedlichen europäischen Raum beitragen, sondern auch zu einer versöhnenden Zusammenarbeit mit den Ländern des Globalen Südens, eine Entwicklung, die Russland bereits angefangen hat.
Die Streiks
Die Streiks gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht haben das Potenzial, eine solche Bewegung anzustoßen, die dem Raubtierkapitalismus, der aus einem weiteren europäischen Krieg Profite zu schlagen versucht, ein entschlossenes „Nein“ entgegensetzt. Stattdessen könnte Deutschland den Weg einer multipolaren Weltordnung mitgestalten, eine Perspektive, die kulturelle Vielfalt bewahrt, in der sich wirtschaftlich starke und schwächere Nationen gegenseitig fördern und gemeinsam entwickeln.
Wir können uns in Deutschland auf unser historisches und kulturelles Erbe besinnen und daraus eine verantwortliche Außenpolitik anstreben, welche als unermüdlicher Vermittler den Staaten dieser Erde im Dialog für Frieden begegnet.
Die Streiks gegen die Wehrpflicht haben einen historischen Stellenwert, der nicht unterschätzt werden sollte. Sie sind nicht nur Streiks gegen die Bevormundung durch Politiker, sondern sie sind auch das europäische rumorende „Nein“, welches die Machthaber der USA in ihren geopolitischen Albträumen zu hören fürchten. Es könnte auch das „Nein“ einer jungen Generation sein, die aus 80-jähriger Friedenszeit in Europa hervorgegangen ist. Eine Generation, für die der Begriff „Krieg“ kaum abstrakter sein könnte und der die Härte des militärischen Drills von vornherein als fehlerhafter Umgang erscheint.
Diese Sensibilität der jüngeren Generation in Deutschland kann man auch positiv sehen. Neben der mangelnden Belastbarkeit bei Widerständen und einem nachlassenden Streitvermögen hat sie auch zu Folgendem geführt: Dem Willen das Recht des Stärkeren zu überwinden, hin zu einem gesellschaftlichen Leben das auf Mitgefühl und Rücksicht gründet.
Sind wir die letzte „Jugend von heute“?
Die jungen Leute auf der Straße sind Teil einer Generation, die den materiellen Wohlstand in seinem Höhepunkt erlebt und dennoch seiner großen Sinnlosigkeit ausgeliefert ist. Doch aus dieser Leere entsteht auch das Bestreben, einen Lebenssinn zu finden.
Das Misstrauen der „Jugend von heute“ gegenüber ist ein altes Denkmuster aller vorangehender Generationen. Schon im alten Ägypten um 2000 v. Chr. befürchtete man den Untergang des Menschengeschlechts angesichts einer besorgniserregenden Jugend, welche ungeduldig und zuchtlos sei, die über die Errungenschaften und die Weisheiten ihrer Eltern spotte. Auch Aristoteles verzweifelte an der Jugend und fragte sich, wie die Zukunft des Landes aussehen solle, wenn diese jungen Menschen einmal die Erwachsenen von morgen wären. Er urteilte, die Jugend sei verantwortungslos, unerträglich und sogar entsetzlich anzusehen. Heute, 4000 Jahre später, dürfte das Ende der Menschheit demnach endgültig erreicht sein.
Sind wir eine der letzten „Jugenden von heute“? Oder handelt es sich hierbei um einen uralten Generationenkonflikt, bei dem die jungen Generationen die Errungenschaften ihrer Vorgänger kritisieren und weiterentwickeln wollen? Entscheiden wir uns gegen die seit viertausend Jahren behauptete Rückentwicklung der Menschheit und stattdessen für den Glauben an die positiven Effekte eines ewigen Generationenkonflikts, dann stellt sich heute die Frage, worin die zukünftigen Entwicklungen, die die jungen Leute von heute umzusetzen versuchen, bestehen und in welcher Zukunft sie eigentlich leben wollen.
* 09.03.2026 18 Uhr: Hier wurde zuvor eine andere Opferzahl angegeben. Da es nach wie vor unterschiedliche Zahlenangaben zu den Opfern gibt, wurde nun auf die gebräuchliche Opferzahl zurückgegriffen.
Quelle: hessenschau, https://www.youtube.com/watch?v=kkM5sVVhULY, Timecode: 0:00
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