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Titel: Deutsche Militärstrategie für einen Krieg gegen Russland

Datum: 29. April 2026 um 10:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Aufrüstung
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Während Bundeskanzler Friedrich Merz den USA eine fehlende Strategie im Angriffskrieg gegen den Iran vorwirft und sich dafür Spott von Trump einfängt, legt seine Regierung selbst eine Militärstrategie vor – mit Hybris, Geheimhaltung und dem erklärten Ziel, bis 2039 die stärkste konventionelle Armee Europas aufzubauen. Ein riskantes Spiel auf Kosten der Bevölkerung. Von Sevim Dagdelen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte den USA im Hinblick auf den Krieg gegen den Iran eine fehlende Strategie vorgeworfen. „Da wird eine ganze Nation gedemütigt durch die iranische Staatsführung“, so der Kanzler. Wie seine eigene Strategie gegenüber dem Iran aussehen würde, ließ Merz jedoch offen und erklärte lediglich apodiktisch: „Das militärische Nuklearprogramm sowie das Raketenprogramm Irans müssen überprüfbar beendet werden.“ Daraufhin zog er sich den Spott von US-Präsident Trump zu: „Er weiß nicht, wovon er redet.“ Merz’ Bemerkungen werfen ein Schlaglicht darauf, dass er nun alles ist, aber kein Stratege – schon gar kein Militärstratege.

Tönerne Füße der neuen Militärstrategie

Die Hybris Merzens spiegelt sich in der deutschen Militärstrategie wider, die Verteidigungsminister Pistorius gemeinsam mit Generalinspekteur Carsten Breuer am 22. April 2026 vorgelegt hat. Diese Strategie steht auf tönernen Füßen – insbesondere, wenn man fragt, wie lange die deutsche Wirtschaft die langfristig angelegte Hochrüstung durchhalten kann, ohne selbst zusammenzubrechen oder durch massive Verarmung der Bevölkerung auf einen gesellschaftlichen Zusammenbruch zuzusteuern. Dieser Kollateralschaden der Kriegsvorbereitung gegen Russland zeichnet sich bereits am Horizont ab.

Schon die Behauptung von Verteidigungsminister Pistorius bei der Vorstellung, es handele sich um die erste Militärstrategie ihrer Art, entspricht nicht der Wahrheit. Militärstrategien gab es sowohl in der Nazizeit, in der Weimarer Republik als auch im Kaiserreich. Bemerkenswert ist, dass unter dem Argument, Putin dürfe sie sonst lesen, wesentliche Teile der neuen Strategie geheim bleiben und sich damit auch öffentlicher Kritik entziehen. Diese Geheimhaltung weckt beunruhigende Parallelen zur Kriegsvorbereitung im Dritten Reich zwischen 1933 und 1939.

Einhundert Jahre später hat sich die neue deutsche Militärstrategie zum Ziel gesetzt, bis 2039 die „stärkste Armee Europas“ aufzubauen – allerdings die konventionell stärkste. Und genau hier beginnt das Dilemma: Diese Strategie soll die Bundeswehr ertüchtigen, es mit Russland aufzunehmen. Wie jedoch eine konventionelle Armee eine Atommacht in letzter Konsequenz herausfordern soll, bleibt unbenannt – abgesehen von verstreuten Bemerkungen zur nuklearen Teilhabe der NATO.

Vasallentum mit Führungsanspruch

Es ist eine Militärstrategie, die – wie Patrick Keller und Max Becker von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) es formuliert haben – „Verantwortung für, aber nicht mit Europa“ übernehmen soll. Eine nationale Strategie, die nicht mit den anderen europäischen Ländern abgestimmt ist, sondern eine Führungsrolle Deutschlands in Europa anstrebt und sich zugleich eng an die Vorgaben aus Washington hält. Die neue deutsche Militärstrategie ist nichts anderes als die Erfüllung der Rolle, die Deutschland von den USA zugedacht bekommen hat: Es mit Russland aufzunehmen, während sich die USA dem Indopazifik und der westlichen Hemisphäre zuwenden. Merz und Pistorius erweisen sich auch hier als Musterschüler Trumps und treiben das Vasallentum auf die Spitze.

Die eigene Unterordnung unter die NATO wird im Dokument wortreich beschworen. Einer der Kernsätze lautet: „Die NATO muss europäischer werden, um transatlantisch zu bleiben.“ Das erinnert an die berühmte Botschaft aus dem Roman „Der Leopard“: „Es muss sich alles ändern, damit es so bleibt, wie es ist.“ Um die US-Hegemonie zu erhalten, soll Deutschland ins Feuer geschickt werden.

Technologisch soll die Bundeswehr „kurzfristig orientiert an einer schnellen Maximierung der Verteidigungs- und Durchhaltefähigkeit, mittelfristig mit einem deutlichen Fähigkeitszuwachs in allen Dimensionen und langfristig hin zu technologisch überlegenen, innovativen Streitkräften aufgebaut und in einem Zeitraum bis 2039 weiterentwickelt“ werden. Der Plan läuft also darauf hinaus, sich binnen zwölf Jahren eine Art Blitzkriegsfähigkeit zuzulegen – gerichtet gegen einen Gegner, der dann technologisch unterlegen sein soll. Doch ob Deutschland die nötigen Investitionen in Satellitentechnik und eigene KI-Kriegsführung überhaupt leisten kann, bleibt offen.

Das Ganze liest sich wie eine modernisierte Version einer Strategie für den Bewegungskrieg: Statt wie vor hundert Jahren auf Panzerwaffe und Flugzeuge setzt man nun auf Deep-Strike-Fähigkeiten im Hinterland des Feindes – allerdings ohne die materiellen Mittel und unter Ausblendung der Tatsache, dass der erklärte Feind über Atomwaffen verfügt.

Mit der Militärstrategie geht die Bundesregierung volles Risiko

Beunruhigend ist zudem, dass der eigene Schutzanspruch keineswegs auf die europäischen NATO-Verbündeten beschränkt bleibt. Die gerade beschlossene bilaterale deutsch-ukrainische strategische Partnerschaft wirft die Frage auf, ob die künftig stärkste Armee Europas auch in der Ukraine aktiv werden soll.

Die Militärstrategie sieht Deutschland als „Anlehnungspartner“ und beansprucht eine „neue europäische Führungsrolle“. Mit diesem Dokument geht die Bundesregierung volles Risiko. Wie Roulettespieler im Auftrag Washingtons sind Merz und Pistorius bereit, alles zu riskieren – und wollen der Bevölkerung in Deutschland einreden, ihre Sicherheit liege in der Vorbereitung eines Krieges gegen die Atommacht Russland. Die Geschichte lehrt, dass solche Hybris selten gut endet.

Titelbild: Runawayphill / Shutterstock


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