NachDenkSeiten – Die kritische Website

Titel: Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (3)

Datum: 17. Mai 2026 um 10:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Militäreinsätze/Kriege
Verantwortlich:

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an [email protected] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken.


Hier können Sie den ersten Teil sowie den zweiten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.“

Sehr geehrte Redaktion der Nachdenkseiten,

im Nachlass meiner verstorbenen Mutter (Geburtsjahrgang 1933) fand ich einige kurze handschriftliche Textpassagen mit Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die sie im Oktober 2000 verfasst hatte. Aus Anlass Ihres Aufrufes möchte ich Ihnen drei dieser Erinnerungen, die keinen zusammenhängenden Text bilden, übermitteln. Ich bin mir sehr sicher, dass meine Mutter völlig schockiert wäre, wenn sie erlebt hätte, dass deutsche Politiker heutzutage wieder von „Kriegstüchtigkeit“ faseln.

Eine kurze Erläuterung noch zu den Aufzeichnungen: Meine Großeltern führten eine große Dorfgastwirtschaft, die unmittelbar neben dem Bahnhof meines Heimatortes an der Bahnstrecke zwischen Köln und Minden lag. Nach Kriegsbeginn wurde dort ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, in dem Franzosen und später auch Russen untergebracht waren.

Ich hoffe, Ihre Aktion findet große Resonanz und kann etwas bewirken. Halten Sie weiter stand gegen diese entsetzliche Kriegstreiberei!

Mit freundlichen Grüßen

Carola Zechert

„Im Mai 1940 erlebte ich mit Eltern, Geschwistern und Oma die erste Bombennacht. In dieser schrecklichen Nacht hielt sich unsere Familie, meine Oma, meine Eltern und Geschwister schon eine ganze Weile im Keller auf, als plötzlich ein dumpfer Einschlag uns aus der Unterhaltung hochschreckte. Wir stellten uns alle im Kreis auf, die Eltern und Oma umschlangen uns Kinder, und wir klammerten uns an die Eltern und schrien vor Angst. Bald war alles ganz still, und nach einer Weile gab es Entwarnung, und wir konnten nach oben gehen und fragten uns noch: ‚Wo das wohl war?‘

Das sollten wir erst morgens erfahren, als meine Großmutter ins Zimmer kam und uns die Hiobsbotschaft von unseren Verwandten brachte: ‚Bei Trudel und Reinhard ist eine Bombe aufs Haus gefallen, sie selbst sind mit den Kindern und der Oma im Keller gewesen und haben überlebt.‘

Nachmittags durften wir Kinder mit unserer Mutter auch gucken, was sich in der Nacht ereignet hatte. Ich sehe meine Tante noch vor mir mit einer Wolldecke über den Schultern und ihrem fünf Monate alten Säugling auf dem Arm. Sie stand wohl unter Schock, aber davon wußten wir damals noch nichts, und man erklärte es uns Kindern auch nicht.

Dann vergesse ich auch nicht, dass die Straßen rings um das total zerstörte Haus voller neugieriger Menschen waren, die sich drängelten, um alles in Augenschein zu nehmen.

Dass Krieg mehr heißt als nur siegen, wie wir es damals täglich im Radio hörten, bekamen wir im Laufe der Kriegsjahre deutlich zu spüren.

Mein kleiner Cousin (der fünf Monate alte Säugling) starb einen Monat später an einem Lungenriß, den er in der Bombennacht erlitten hatte. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis, da ich bisher glaubte, nur alte Menschen müssten sterben und kämen in einen Sarg. Nun sah ich zum ersten Mal einen aufgebahrten Säugling im weißen Sarg liegen. Im selben Monat musste mein Vater in den Krieg.“

„Anfangs waren wir drei Kinder noch begeistert vom nächtlichen ‚Kellergang‘. Als wir aber ab 1940 zwei Jahre lang Nacht für Nacht geweckt wurden oder selber wach wurden, waren wir oft hundemüde am Morgen, wenn es zur Schule ging, und wir waren wütend auf unsere Feinde, dass sie ausgerechnet immer nachts kamen und uns im Tiefschlaf weckten.

Die Alarmtöne von Vor- und Vollalarm und danach Entwarnung sollte man auch als Schulkind schon erkennen können. Diese Heultöne erzeugten bei mir später immer Magenkrämpfe, die bis zum Erbrechen führten.“

„Ein Wachsoldat (des Kriegsgefangenenlagers) musste etwas bei uns erledigen in Begleitung eines jungen Russen, den ich noch auf den Steinstufen sitzen sehe. Für mich war das allerdings ein alter Mann mit seiner ‚Glatze‘ und seinem schmutzigen Stoppelbart. Meine Mutter brachte ihm schnell eine Schale Milch, und er schlürfte sie gierig aus, während der Soldat wegschaute. Meine Mutter meinte zu mir: ‚Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.‘ Denn er war seit Juni 1944 in Russland vermisst, und wir bekamen erst Silvester 1945 das erste Lebenszeichen von ihm.“


“Ja, Reinhard, wir leben.”

Ein herzliches Dankeschön an das Team der Nachdenkseiten!

Diese Aktion kann helfen, den peu à peu versiegenden Erzählstrom der Alten für die Jüngeren zugänglich zu halten. In der Gegenwart haben sich die Lebensverhältnisse ja stark verändert und selbst engste Familienmitglieder leben oft weit entfernt voneinander. Ich glaube allerdings, dass es wohl eher die “Mittelalterlichen” sind, die auf diesem Weg erreicht werden. Trotzdem – sei´s drum: Hier also mein Text:

Meine Großeltern haben bei einem Bombenangriff ihre Wohnung verloren und Zuflucht im Geburtsort der Großmutter gesucht. Aus einem Garten am Rande der Kleinstadt wurden sie von einem Mann gefragt: “Kommt Ihr von Hannover? Ich habe da ´ne Schwägerin mit Mann.” Er hatte sie nicht erkannt! Es geht mir noch immer nahe, wenn ich an die Antwort meiner Großmutter denke: “Ja, Friedrich, uns geht es gut.” Es dauerte im Übrigen fast 10 Jahre, ehe wir (Großeltern und Eltern nach Flucht aus der DDR) mit einer Zuzugsgenehmigung für Hannover und teilweise verlorenem Baukostenzuschuss eine 3-Zimmerwohnung bekommen konnten!

Mein Vater erzählte, dass sein Vater (Schreiner von Beruf) – beunruhigt durch Radiomeldungen über Angriffe auf Ida Cäsar 4 – von weither angereist war, um wenn nötig zu helfen. Bei seiner Ankunft in Halberstadt kamen ihm viele, viele Menschen entgegen. Einer von ihnen fragte, wohin er denn wolle, und meinte dann: “Guter Mann, kehren Sie um! Da lebt keiner mehr!” “Wenn das so ist, dann will ich es mit eigenen Augen sehen!”, habe mein Großvater gesagt – und das war gut so. Denn tatsächlich lag im Viertel rings um unser Hinterhaus herum alles in Schutt und Asche. Als erste traf er meine (hannoversche) Großmutter mit mir an der Hand und hörte die erlösende Botschaft: “Ja, Reinhard, wir leben.” Ich habe zwischen Trümmern das Laufen gelernt und bin mit der Gräuelgeschichte von Herrn und Frau Bullermann großgeworden, die in den Kellern der Trümmergrundstücke wohnen und vorwitzige Kinder bei den Beinen packen und in den Keller ziehen, wo es ihnen schlimm ergeht – ein verzweifelter (und bedenklicher), überdies nur bedingt erfolgreicher Versuch von Erwachsenen, dem kindlichen Entdeckerdrang in einem gefährlichen Umfeld Einhalt zu gebieten.

Ich selbst (Jahrgang 1944) habe als sieben- oder achtjähriges Schulkind an einer “Steineklopfen”-Aktion meiner Schule teilgenommen. Plötzlich hieß es: “Alle Frauen und Kinder zurück!” Ich hörte, man habe wohl “etwas gefunden” und stellte mir vor, dass es sich wohl um tote Menschen handeln würde. An Blindgänger habe ich damals nicht gedacht – und tatsächlich ging es auch bald wieder weiter. Am Ende durften wir uns ein Stück aus dem im Trümmergrundstück gefundenen Hausrat aussuchen. Ich wählte eine kleine Vase. Aber meine Mutter reagierte ganz anders als erwartet: “Die Vase gehört uns nicht”, sagte sie und bestand darauf, dass ich sie zurückbrachte.


Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie.

Ich bin zwar erst 1957 geboren, kann mich aber noch gut an die ausführliche Erzählung meiner Mutter und Großmutter erinnern. Meine Großmutter war Deutsche und heiratete 1925 einen Niederländer und erhielt durch die Hochzeit die niederländische Staatsangehörigkeit und wanderte in die Niederlande aus und lebte in Rotterdam.

Am 14.Mai 1940 bombardierten die Nazis Rotterdam. Das Zentrum wurde völlig zerstört. Vier Familienmitglieder und Freunde starben. Meine Großmutter verstand die Welt nicht mehr. Immer und immer wieder erzählte sie von diesem Tag und was folgte: die Besetzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland.

Meine Mutter war 1940 acht Jahre alt und war Niederländerin. Meine Mutter und alle ihre fünf Geschwister und mein Großvater sprachen perfekt Deutsch. Aber niemals habe ich einen Hass gegen Deutschland und Deutsche nach 1945 durch die niederländischen Verwandten erlebt.

Meine Mutter heiratete 1955 meinen deutschen Vater. Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie. Meine Mutter hatte einen großen Wunsch an mich – dass ich nicht zur Bundeswehr gehe. Diesen Wunsch habe ich ihr erfüllt. Ich bin Kriegsdienstverweigerer.

Dieter Klaucke


Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert

Sehr geehrte Damen und Herren,

gerne folge ich Ihrem Aufruf, meine Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg mit anderen zu teilen.

Ich bin zwar erst 1954 geboren, aber habe noch heute einige Bilder aus meiner Kindheit im Kopf:

Mein Großvater kam erst 1952 aus russischer Gefangenschaft zurück. Er war Gott sei Dank nicht in Sibirien, sondern hat am schwarzen Meer beim Hafenbau mitgewirkt. Nach seinen Worten kein Zuckerschlecken, aber ich habe nie von ihm Klagen über schlechte Behandlung oder Folter gehört. Den Hunger haben sich Wärter und Gefangene brüderlich geteilt.

Nach wenigen Wochen im lokalen Krankenhaus zum Aufpäppeln kam er nach Hause. Psychologische Behandlung bzw. Betreuung gab es damals auch noch nicht.

Trotzdem habe ich heute mit Abstand das Gefühl, dass diese Zeit nicht spurlos an ihm vorüberging. Einer seiner Leitsätze war klar und deutlich: „Mir sagt keiner mehr etwas“, was natürlich zu einem sehr dominanten Auftreten der Familie und dem Umfeld führte. Auffällig habe ich auch in Erinnerung, dass er Frauen gegenüber sehr dominant auftrat. Für meine Mutter kein leichtes Dasein.

Auch kann ich mich sehr gut an die zum Teil schwer verletzten Kriegsheimkehrer erinnern. Da gab es unseren Poststellenhalter und Briefträger mit zwei Holzbeinen. Die Post fuhr er mit seinem Auto aus, der Weg zur Haustür war ganz offensichtlich jedes Mal schmerzhaft. Aber er engagierte sich als Chorleiter im örtlichen Gesangverein. Ich habe von ihm nie ein Wort der Klage gehört.

In guter Erinnerung blieben mir auch etliche Landwirte, die mit nur einem Arm oder einem Holzbein „ihren Mann“ bei der Bewirtschaftung ihrer Höfe „standen“.

Über die psychischen Schäden wurde in dieser Zeit nicht geredet. Ich bin sicher, dass es viele Menschen gab, die ihr Leben lang von Erinnerungen geplagt wurden.

Mein anderer Großvater hat diese Zeit im vollen Programm erlebt, vom Reichsarbeitsdienst bis hin zum Geschützführer im großen Krieg und nur kurzer amerikanischer Gefangenschaft. Er war für mich das Sinnbild eines zufriedenen Menschen.

Interessant war für mich als Kind auch, wenn die beiden bei Familienfeiern zusammensaßen. Ja, sie haben sich über ihre Kriegserlebnisse ausgetauscht, aber nicht als Helden, sondern ziemlich nüchtern und besonnen, zuweilen auch kritisch.

Mit den Jahren und meinem Erwachsenwerden kam bei mir der Gedanke, dass sie diese Zeit nicht einfach zu den Akten legen konnten. Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert.

Wie gehe ich heute mit dem Thema Krieg und Frieden um?

Ich erinnere mich sehr genau an den Tag, als ich zur Bundeswehr „einrückte“ und mein Großvater mich zum Zug fuhr. Ihn hat das sehr mitgenommen. Wahrscheinlich hatte er ganz andere Erinnerungen an seine Einberufung und die kommenden 13 Jahre seines Lebens. Ich habe das erst viel später in Gesprächen mit ihm erkannt.

Mein späteres Berufsleben hat mich, ich gestehe es, in die Rüstungsindustrie geführt. Diese 10 Jahre haben mich fachlich, aber auch menschlich sehr geprägt. Ich weiß sehr genau, was der „Oppenheimer-Effekt“ bedeutet.

Das Wichtigste aber, ich habe in diesen Jahren gelernt, was Krieg wirklich bedeutet, auch wenn wir bei unserer Tätigkeit ja nur geforscht, entwickelt und Probeschüsse abgefeuert haben.

Heute beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Krieg und Frieden und wundere mich, mit welcher Begeisterung man kriegstüchtig werden will.

Die lautesten Schreier haben nicht verstanden, was Krieg aus einem Menschen macht. Der Mensch wird einerseits zum puren Verfügungsobjekt, quasi entmenschlicht, und zum anderen lernt er zwangsläufig, aus reinem Überlebenstrieb, dass man „zuerst schießen“ muss. Dazu kommt noch „Befehl und Gehorsam“; alleine dies zeigt, wie unmenschlich Krieg ist, denn ohne diese strenge Disziplin, ohne den Druck der Gewalt würde sich wohl kaum ein Mensch dafür hergeben, auf andere Menschen zu schießen.

Das ist für mich menschenverachtend, ja fast schon pervers.

Ich hoffe, dass es in naher Zukunft vernünftige Menschen und Politiker gibt, die den aktuellen Kurs ändern wollen und können. Folgt man der Geschichte, stehen die Zeichen aber nicht gut. Ganz offensichtlich gibt es nicht mehr genug Menschen an entsprechender Position, für die Frieden das höchste und wichtigste Gut ist.

Volker Obel


Noch ein Wort zu den Müttern…

Es war zeitiges Frühjahr 1945, ich war 8 Jahre alt, meine Schwester 5, mein Vater als Soldat an der Front in der Sowjetunion und Breslau zur Festung erklärte Großstadt. Wir wohnten in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt in der Nähe des Flugplatzes.

Die Front kam immer näher, Befehl! Alle Zivilisten sollten die Stadt verlassen. Im April aber nicht mehr möglich, da Breslau durch die Rote Armee eingeschlossen war. Davor weigerten sich viele Mütter mit ihren Kindern. Wo sollten sie so schnell auch hin! Unsere Häuser hatten Keller, die gegen Bomben und Beschuss keinen Schutz boten. Bei Alarm mussten wir einen Bunker aufsuchen.

Beim letzten Mal: Das Trommelfeuer grollte, alle Leute waren ganz still und hofften, dass der Bunker standhält. Leider hielt während der Zeit im Bunker unser Haus nicht stand. Es wurde durch eine Granate getroffen und nicht mehr bewohnbar. Wir zogen nun in die Innenstadt in eine fremde Wohnung. Nicht lange währte der neue Wohnsitz. Wieder eine Granate! Sie zerstörte das Treppenhaus und wir hausten einige Zeit im Keller mit Schmutz, Finsternis und Hunger. Während einer Feuerpause zogen wir weiter in der Stadt, um eine neue Unterkunft zu suchen. Wieder eine fremde Wohnung!

Hier war endlich Schluss mit Furcht und Finsternis in Kellern. Kapitulation!!

Der Krieg war zu Ende, die Rote Armee zog ein. Wir beguckten ängstlich und neugierig die Panzer, die Lkw und die Panjewagen und vor allem die fremden Soldaten. Als wir von ihnen ein Stück Brot bekamen, war die Scheu vor ihnen vorbei. Wir waren glücklich: Endlich frei von Angst zu sein, nicht mehr in Kellern hausen zu müssen und auf der Straße spielen zu können. Die aufregende Zeit war allerdings damit nicht vorbei.

Eines Abends kam unsere Mutter vom Enttrümmern und berichtete, dass wir wegziehen müssten, dass Breslau eine polnische Stadt wird. Wir sollten die Ersten sein. Unsere Eltern erzählten später, dass vormals illegale Antifaschisten das organisiert hatten, da sie erfahren hatten, was die Alliierten endgültig in Potsdam beschließen wollten.

Im Juli ging es los: Zu Fuß, mit Pferdewagen, mit Verpflegung und dem Schutz der Roten Armee. Das war notwendig, denn am dritten Tag knallte es. Wir verkrochen uns im Straßengraben und unsere Beschützer mussten irgendwelche Banditen abwehren. Wir Kinder fanden das recht abenteuerlich, war aber leider eine lebensgefährliche Situation.

Nach fast zwei Wochen kamen wir an unserem Ziel, in Dresden an. Unterkunft in Baracken, die vorher als Unterkunft für Zwangsarbeiter dienten. Unsere Mutter arbeitete dann als Betreuerin in einer Unterkunft für obdachlose und Waisenkinder, in der meine Schwester und ich auch untergebracht waren. Ich ging im September in Dresden/Neustadt zur Schule und alles war vorerst in Ordnung.

Aber an ein ruhiges Leben in diesen Umbruchzeiten war nicht zu denken. Unsere Mutter wurde angeworben und überzeugt, Neulehrerin zu werden. Wir mussten also während der Zeit des Lehrgangs für ein Jahr in einem Kinderheim leben. Dort ging es uns gut, aber unsere Mutter fehlte uns sehr. Leider waren Besuche zu dieser Zeit schwierig. Verkehrsmittel waren kaum vorhanden.

Nach dieser langen Zeit ohne Mutter endlich eine Wohnung in Freital! Wir waren wieder zusammen. Dann kam auch unser Vater aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Wir waren als Familie wieder komplett, hatten eine Wohnung, Schule, Beruf und Arbeit.

Unbedingt und mit großer Dankbarkeit noch ein Wort zu den Müttern mit ihren großen und kleinen Kindern: Sie meisterten selbstlos diese schweren Zeiten. Sie trotzten Tod, Verletzungen, Krankheiten und Hunger! Halfen sich gegenseitig, wenn nötig.

Unsere „Zeitenwender“ vergessen oder negieren die Auswirkungen der Vorbereitung eines Krieges, geschweige denn die eines Krieges. Die Demonstrationen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht machen ein wenig Hoffnung im Kampf für eine friedliche Welt, aber es muss noch mehr Widerstand gegen die „Kriegstüchtig“- Maßnahmen geben.

Udo Heinzel

Titelbild: wikicommons


Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/

Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=150486