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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Der Krieg am Persischen Golf – eine iranische Perspektive (1)
Datum: 27. Juni 2026 um 12:00 Uhr
Rubrik: Interviews, Militäreinsätze/Kriege
Verantwortlich: Redaktion
Ein Interview mit dem iranischen Analysten Dr. Sajjad Safaei über die Eskalation, die verschiedenen Interessen der Akteure und das neue Abkommen mit den USA – eine andere Perspektive auf die Ereignisse als die westlicher Experten und im Westen lebender iranischer Dissidenten. Dr. Sajjad Safaei ist multidisziplinärer Forscher, Dozent und Analyst mit Sitz in Deutschland. Er war Postdoktorand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und lehrte unter anderem an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an der Universität Zürich. Seine Analysen zu iranischer Innen- und Außenpolitik, zur Geopolitik des Nahen Ostens, zur US-Außenpolitik sowie zu Fragen internationaler Sicherheit erschienen unter anderem in Foreign Policy, Responsible Statecraft, Al Jazeera, DAWN und The National Interest. Das Gespräch führte Alexander Neu.
Teil 1
Alexander Neu: Dem Krieg zwischen den USA/Israel und dem Iran ging eine lange Geschichte von Anschuldigungen, Unterstellungen, Sanktionen und Isolationsversuchen des Iran voraus. Im Sommer letzten Jahres kam es zum Zwölf-Tage-Krieg zwischen den USA/Israel und dem Iran. Ende Februar dieses Jahres griffen diese beiden Staaten erneut den Iran an. Erklären Sie den Lesern den aus Ihrer Sicht wirklichen Grund für den erneuten Waffengang der USA und Israels – was sind die Motive?
Dr. Sajjad Safaei: Wenn wir über die Gründe für diesen Krieg sprechen, ist es wichtig, zwischen Absichten – oder Motiven, wie Sie es nennen – auf der einen Seite und Bedingungen auf der anderen zu unterscheiden. Motive beziehen sich darauf, was die einzelnen Akteure erreichen wollten.
Im Fall Israels war die Absicht mehr oder weniger klar. Es ist viel darüber gesagt worden, dass das iranische Atomprogramm der Hauptgrund für Israels Krieg gegen den Iran gewesen sei. Wenn es den israelischen Entscheidungsträgern jedoch wirklich darum gegangen wäre, das iranische Atomprogramm einzudämmen, hätte es einen weit weniger kostspieligen, schnelleren und verlässlicheren Weg gegeben, um sicherzustellen, dass der Iran so weit wie möglich von einer Atombombe entfernt bleibt: Diplomatie.
Wie Ihre Leser wissen, hat die Regierung von Benjamin Netanjahu jedoch nichts unversucht gelassen, um die Nukleardiplomatie zwischen Iran und den USA scheitern zu lassen – insbesondere das bekannte JCPOA oder Iran-Abkommen, das wohl umfassendste und strengste Inspektionsregime, das je einem Staat auferlegt wurde. Damit ist keineswegs gemeint, dass das iranische Atomprogramm in Israels Kalkül keine Rolle gespielt hätte. Der Punkt ist vielmehr, dass dies nicht die zentrale, übergeordnete Sorge der israelischen Führung war. Das übergeordnete Ziel Israels war die dauerhafte Ausschaltung der Fähigkeit Irans, die regionale Dominanz Israels ernsthaft in Frage zu stellen. Aus israelischer Sicht konnten ganz unterschiedliche Szenarien dieses Ziel erfüllen: eine dauerhafte militärische Schwächung Irans; die Verwandlung Irans in einen „failed state“ wie Libyen oder Syrien; der Sturz der derzeitigen iranischen Führung und ihre Ersetzung durch ein Regime, das Israel gegenüber gleichgültig oder wohlgesonnen ist; oder sogar die vollständige Aufteilung des iranischen Nationalstaats in kleinere Einheiten.
Natürlich war der israelischen Führung klar, dass keines dieser Szenarien ohne direkte wie indirekte militärische Unterstützung der USA in einem Krieg gegen den Iran realistisch war. Indirekte Unterstützung meint die Hilfe der USA beim Auftanken israelischer Kampfjets, die den Iran bombardieren, unschätzbare nachrichtendienstliche Unterstützung sowie die Lieferung wichtiger militärischer Güter wie Munition und Ersatzteile. Direkte US-Unterstützung bezieht sich auf den offenen Einsatz amerikanischer Soldaten gegen und auf iranischem Territorium, den wir zum Teil bereits während des letzten Krieges im Juni 2025 gesehen haben (die Bombardierung iranischer Nuklearanlagen in der Operation „Midnight Hammer“) sowie in der groß angelegten Bombardierung Irans durch die USA von Kriegsbeginn Ende Februar 2026 bis zum Ende der großen US-israelischen Operationen im April.
Während Israels Strategie gegenüber dem Iran relativ leicht zu erkennen war und ist, ist der amerikanische Ansatz deutlich weniger klar. Einiges wissen wir jedoch. Ich bin nicht überzeugt, dass die USA tatsächlich die Auflösung oder Zerschlagung des iranischen Staates anstrebten oder solche Szenarien ernsthaft für erreichbar hielten – hier unterscheidet sich die amerikanische Sicht klar von derjenigen Israels, wo solche Entwicklungen eher als wünschenswert betrachtet würden. Vertreter der Trump-Regierung haben von dem Ziel gesprochen, die iranische Raketen- und Drohneninfrastruktur zu zerstören oder zumindest schwer zu beschädigen – was nicht eingetreten ist. Wir haben außerdem Figuren wie Pete Hegseth sagen hören, das Ziel sei, sicherzustellen, dass Iran niemals Nuklearwaffen entwickelt, was insofern merkwürdig ist, als Trump selbst im Juni 2025 erklärte, die Operation „Midnight Hammer“ habe das iranische Atomprogramm vollständig „ausgelöscht“. Und wie bereits angedeutet: Wenn die Zerstörung des iranischen Atomprogramms tatsächlich das zentrale Ziel dieses Krieges gewesen wäre, dann wäre der diplomatische Weg für die USA sicherer, schneller, verlässlicher und weit weniger kostspielig gewesen. Unabhängig davon, welches konkrete Ziel Washington verfolgte, lässt sich aber mit einiger Sicherheit sagen:
Die USA wollten dieses Ziel schnell und spektakulär erreichen – und sind daran gescheitert. Ironischerweise war das einzige klar erkennbare US-Kriegsziel die Wiedereröffnung der Straße von Hormus – einer Wasserstraße, die bis zum Beginn des US-israelischen Krieges gegen den Iran ohnehin offen war.
Die iranische Perspektive wiederum, die sich weitgehend als Reaktion auf die Aktionen Israels und der USA in den zwei Kriegen auf iranischem Territorium herausgebildet hat, war von einem übergeordneten Ziel geprägt. Anstatt um jeden Preis einen raschen Sieg oder ein schnelles Kriegsende anzustreben, verfolgte Teheran ein vor allem strukturelles Ziel: den wiederkehrenden Zyklus „handhabbarer“ US- und Israel-Kriege auf iranischem Boden und gegen das weitverzweigte Bündnisnetzwerk Irans in der Region zu durchbrechen. Eine zentrale Säule dieser Strategie bestand darin, jene weitreichende Infrastruktur zu zerstören oder funktionsunfähig zu machen, die die US-Militärpräsenz und -operationen im Nahen Osten trägt: Flugplätze, Logistikknoten, Radarstationen, Raketenabwehrsysteme sowie Führungs- und Kommandoeinrichtungen. Die Angriffe Teherans auf diese Infrastruktur waren mehr als bloße Vergeltung; sie zielten darauf, jene Fähigkeiten irreversibel zu schwächen, die seit Jahrzehnten die Fähigkeit der USA stützen, Kriege zu führen, Macht zu projizieren und regionale Verbündete wie Israel zu schützen.
Untrennbar mit dieser materiellen Dimension verbunden war eine ganz bewusst psychologische – man könnte sagen pädagogische – Komponente. Fast so, als orientiere sich Teheran an Friedrich Nietzsches Einsicht, dass „Schmerz das wirkungsvollste Hilfsmittel des Gedächtnisses“ sei, verfolgte der Iran eine Art geopolitische Ökonomie des Schmerzes mit dem Ziel, die strategischen Reflexe in Washington und Tel Aviv neu zu programmieren. In dem Wissen, dass die USA und Israel trotz ihrer militärischen Überlegenheit eine deutlich geringere Leidensfähigkeit besitzen, trat der Iran in diesen Konflikt ein in dem Bewusstsein, die enormen menschlichen, wirtschaftlichen und militärischen Kosten eines langen, zermürbenden Krieges eher tragen zu können als seine Gegner – und das globale Wirtschaftsgefüge, dessen Teil sie sind. Genau deshalb lehnte Teheran – im scharfen Kontrast zum Zwölf-Tage-Krieg im Juni 2025, als Iran rasch auf israelische Bitten um eine Waffenruhe einging – diesmal derartige Vorstöße ab, bis man einigermaßen sicher sein konnte, dass allein der Gedanke an einen Krieg mit dem Iran in Zukunft eher lähmende Furcht als nüchterne Kalkulation auslösen würde.
Sie haben nach den Ursachen des Krieges gefragt, zu denen selbstverständlich die bereits angesprochenen Absichten und Motive gehören. Aber Motive allein erklären nicht, warum Kriege tatsächlich ausbrechen. Es müssen auch bestimmte Bedingungen vorliegen; ohne sie wären die beiden Kriege höchst unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich gewesen. Eine solche Bedingung war die erhebliche Erosion der Normen, die bewaffnete Konflikte regulieren. Genauer gesagt geht es um die nachlassende Bereitschaft, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten – einschließlich der Grundsätze der Unterscheidung, der Verhältnismäßigkeit und der Vorsorge. Diese Erosion ist kein neues Phänomen, sie vollzieht sich seit Jahrzehnten.
Israels Militäroperationen in Gaza – von großen Teilen der internationalen Gemeinschaft als Völkermord bezeichnet – und im Libanon haben jedoch wesentlich dazu beigetragen, diesen Prozess zu beschleunigen und Gewaltformen zu normalisieren, die früher als unvorstellbar und selbstverständlich inakzeptabel galten. Man denke nur an das schiere Ausmaß der Feuerkraft, die seit 2023 in Gaza eingesetzt wurde, mit Schätzungen, wonach die kumulative Sprengkraft der eingesetzten Waffen derjenigen der Atombombe auf Hiroshima nahekommt – wenn auch durch konventionelle Munition. Noch bedeutsamer aus völkerrechtlicher Sicht ist, dass Israel von zahlreichen Experten und Institutionen wiederholt beschuldigt wurde, etablierte IHL-Grenzen zu überschreiten, ohne dass dies spürbare Konsequenzen für den Staat oder seine Führung hatte.
Eine naheliegende Folge dieser empfundenen Straflosigkeit ist eine Verschiebung dessen, was politisch und strategisch als „akzeptabel“ gilt – bis hin zu groß angelegten Angriffen auf den Iran, bei denen gezielt hochrangige militärische und politische Entscheidungsträger ins Visier genommen werden, und das sogar während laufender Nuklearverhandlungen. Israelische Entscheidungsträger scheinen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass sie so gut wie jede grundlegende Norm des Völkerrechts verletzen können, ohne dass die Welt – oder zumindest die meisten Regierungen – ernsthaft dagegen einschreiten.
Dies war jedoch nicht die einzige Bedingung, die die Kriege gegen den Iran möglich machte. Bedeutende Verschiebungen in der geopolitischen Landschaft spielten ebenfalls eine entscheidende Rolle. Ende 2024 erlitt die Hisbollah – Irans fähigster und verlässlichster regionaler Verbündeter – schwere Rückschläge, darunter die Tötung eines großen Teils ihrer Führungskader durch israelische Attentate sowie die berüchtigte Präparierung ihrer Funkmeldegeräte. Damit wurde der äußere Ring der iranischen Abschreckungsarchitektur geschwächt: die Fähigkeit, Israel durch Verbündete an dessen Grenzen zu vergelten. In der Folge sah sich Israel einem deutlich geringeren Risiko massiver Vergeltung aus dem Libanon ausgesetzt, wenn es direkte Schläge gegen Iran erwog.
Verstärkt wurde diese Verschiebung durch den anschließenden Sturz Baschar al-Assads in Syrien. Der Zusammenbruch des syrischen Staates unterbrach die zentrale logistische Versorgungs- und Koordinationsachse, über die der Iran seit Jahren die Hisbollah unterstützt hatte. Zudem nutzte Israel kurz nach Assads Sturz die Gelegenheit, die syrische Luftabwehr weitgehend zu zerstören, was es israelischen Jets natürlich erheblich erleichterte, nahezu risikofrei über Syrien und dem Irak zu operieren. Zusammengenommen senkten die Schwächung der Hisbollah und der Verlust Syriens als verlässlicher Transit- und Pufferstaat die militärischen wie strategischen Kosten eines israelischen Angriffs auf den Iran und machten einen solchen Krieg für Israel weitaus weniger unvorstellbar als zuvor.
Ein weiterer entscheidender Faktor war die Wahl Donald Trumps im Jahr 2024. Präsident Biden hatte Israels Militäreinsätze in Gaza und im Libanon nur sehr begrenzt eingeschränkt, setzte gegenüber dem Iran jedoch deutlichere Grenzen – aus einem einfachen Grund: Er wollte weder einen direkten US-Krieg gegen den Iran noch einen israelischen Krieg, der die USA in eine solche Auseinandersetzung hineinziehen würde. So gibt es etwa starke Hinweise darauf, dass die Tatsache, dass Israel im Oktober 2024 keine iranischen Nuklearanlagen angriff, maßgeblich auf rote Linien zurückging, die die Biden-Administration gezogen hatte. Trump wiederum weitete diesen permissiven Ansatz aus und vertiefte ihn. Er beseitigte verbleibende Restriktionen bei Waffenlieferungen und hob vor allem Beschränkungen für israelische Angriffe auf den Iran auf. Kurz gesagt: Der „Trump-Faktor“ war ein wesentlicher Ermöglicher beider Kriege gegen den Iran – im Juni 2025 und dann erneut 2026.
Schließlich gab es noch einen weiteren wichtigen Faktor, der diesen Krieg möglich gemacht hat: eine konzertierte Anstrengung israelischer Führungspersonen und ihrer Unterstützer in Washington, den Iran als schwach darzustellen. Zwar ist es richtig, dass der Iran und seine Verbündeten 2024 Rückschläge erlitten, aber von völliger Schwäche konnte keine Rede sein. Dennoch setzte in westlichen Politik- und Medienkreisen – insbesondere nach den israelischen Angriffen auf iranische Militärinfrastruktur im Oktober 2024 – eine dauerhafte Erzählung ein, wonach der Iran und die breitere „Achse des Widerstands“ so schwer geschwächt seien, dass bereits begrenzte militärische Schläge genügen würden, um einen strategischen Zusammenbruch des Irans herbeizuführen.
Dieses Bild eines Iran am Rand des Zusammenbruchs war übertrieben, erfüllte aber eine klare Funktion: Die Aussicht auf eine militärische Konfrontation sollte als kostengünstig, schnell und beherrschbar erscheinen. In einem Land wie den USA, das durch die Desaster im Irak und in Afghanistan traumatisiert ist, machte die Darstellung Irans als geschwächter Gegner die Idee eines direkten oder indirekten Engagements politisch leichter vermittelbar. Diese Bemühungen, den Iran als militärisch schwach zu zeichnen, wurden durch innenpolitische Entwicklungen im Iran zusätzlich befeuert. Als im Spätjahr 2025 und Anfang 2026 iranische Demonstrierende auf die Straße gingen, nutzte Netanjahu dies, um in Washington zu argumentieren, Iran sei innerlich fragil und könne durch äußeren Druck in den Zusammenbruch gedrängt werden.
Wie wir gesehen haben, trat dieser Zusammenbruch nicht ein. Im Gegenteil: Trotz aller bestehenden Beschwerden über den eigenen Staat schlossen sich Iranerinnen und Iraner angesichts der militärischen Aggression gegen ihr Land zusammen. Inzwischen deutet einiges darauf hin, dass der Krieg, der im Februar 2026 begann, ursprünglich erst für später im Jahr vorgesehen war, aber vorgezogen wurde, nachdem Netanjahu die Trump-Regierung überzeugt hatte, die Proteste signalisierten ein Fenster maximaler Verwundbarkeit des iranischen Staates – und dass jetzt der richtige Zeitpunkt zum Angriff sei.
Wie ist das gegenwärtige Stimmungsbild im Iran – einen Regime Change (eines der Ziele) konnten die USA nicht erreichen? Wie viele Menschen wurden durch den US-israelischen Angriff getötet, wie viele haben ihre Wohnungen und Häuser verloren? Wurde durch den Angriff die Legitimität des herrschenden Systems geschwächt oder gestärkt? Haben die Revolutionsgarden durch den Krieg ihre Position stärken können?
Der von zwei atomar bewaffneten Militärmächten geführte Krieg hat im Iran erwartbare gesellschaftliche und politische Dynamiken ausgelöst, darunter eine verstärkte gesellschaftliche Geschlossenheit und eine Konsolidierung der öffentlichen Unterstützung für die militärische Verteidigungshaltung des Landes. Das bedeutet nicht, dass iranischer Nationalismus vor dem Krieg schwach oder nicht vorhanden gewesen wäre. Vielmehr ist ein latenter Nationalismus infolge dieses nicht provozierten Krieges auf iranischem Boden wieder aufgebrochen.
Diese nationale Einheit zeigt sich sichtbar in weitgehend spontanen Straßenkundgebungen zur Unterstützung der Verteidigungsanstrengungen des Landes. Wir sehen eine wachsende Wertschätzung für die Streitkräfte, einschließlich der Revolutionsgarden (IRGC), und ihre militärischen Fähigkeiten. Man erinnere sich an die Menschenketten, die einfache Iranerinnen und Iraner um kritische Infrastrukturen bildeten, nachdem Trump mit der Zerstörung der iranischen Zivilisation und von Infrastruktur – etwa Brücken und Kraftwerken – gedroht hatte.
All dies bedeutet keineswegs, dass die sehr realen und ernsthaften Beschwerden breiter Bevölkerungsschichten gegenüber der politischen Führung verschwunden wären – etwa über den desolaten Zustand der Wirtschaft, der maßgeblich durch US-Sanktionen verschärft wurde, oder über die wachsende Entfremdung zwischen Gesellschaft und Staat. Selbst die überzeugtesten Anhänger des Systems würden wohl nicht bestreiten, dass es verbreitete Unzufriedenheit gibt. Aber sowohl im Krieg im Juni 2025 als auch im jüngsten Krieg hat sich gezeigt: Unabhängig vom Ausmaß der Unzufriedenheit mit den Eliten führt jeder Angriff einer ausländischen Macht auf zentrale Symbole iranischer Staatlichkeit – die Grenzen und die Soldaten des Landes – dazu, dass sich die Menschen gegen diesen Angriff zusammenschließen.
Der Krieg hat der iranischen Gesellschaft erneut die Bedeutung von Souveränität, Grenzen, nationaler Sicherheit und militärischer Stärke vor Augen geführt. Ich glaube außerdem, dass die Zahl der Iranerinnen und Iraner, die strikt gegen einen eigenen Besitz von Atomwaffen sind, abgenommen hat. Die Tatsache, dass Iran nicht nur einmal, sondern zweimal angegriffen wurde – und das jeweils während Nukleardiplomatie – hat mehr Menschen davon überzeugt, dass ihr Land nukleare Abschreckung benötigt, ähnlich wie Israel, Nordkorea oder Pakistan. Das bedeutet nicht, dass der Iran nun im Eiltempo zur Bombe greift, aber der Widerstand gegen den Besitz von Nuklearwaffen hat sich vermutlich abgeschwächt.
Sie fragen nach den Opferzahlen und den Angriffen auf zivile Infrastruktur. Meines Erachtens hat der hohe zivile Blutzoll des US-israelischen Krieges gegen den Iran entscheidend dazu beigetragen, die Propagandabehauptung zu entlarven, es handle sich um einen Krieg ausschließlich gegen das sogenannte „Regime“ und nicht gegen das iranische Volk – als ließe sich diese Trennlinie in der Praxis sauber ziehen. Offiziellen Angaben zufolge wurden landesweit rund 3.400 bis 3.500 Menschen getötet und etwa 40.000 verletzt. Das Gesundheitsministerium teilte Mitte Mai mit, das medizinische Personal habe etwa 40.000 kriegsbedingte Verletzungen behandelt, weniger als 40 Personen seien zu diesem Zeitpunkt noch im Krankenhaus gewesen. Was die Zahl ziviler Opfer angeht, erklärte ein ranghoher Beamter Ende April, dass 1.460 der Getöteten Zivilisten gewesen seien, der Rest Militär- oder Sicherheitskräfte. In der dicht besiedelten Hauptstadt Teheran meldeten Rettungsdienste 8.700 Verletzte, von denen 93 Prozent Zivilisten waren. Mitte Mai erklärte ein Vertreter der staatlichen Wohnungsbauorganisation, dass im Verlauf des Krieges landesweit rund 122.000 Wohn- und Geschäftseinheiten beschädigt worden seien, davon 2.300 vollständig zerstört.
Ende Teil 1
Teil 2 folgt morgen.
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