Startseite - Zurück - Drucken

NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Spahn kauft sich ein Kind und Deutschland versinkt im Neofeudalismus
Datum: 17. Juli 2026 um 11:57 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, einzelne Politiker/Personen der Zeitgeschichte, Familienpolitik, Wertedebatte
Verantwortlich: Jens Berger
Ein UN-Bericht fordert eindringlich das weltweite Verbot von Leihmutterschaften, die katholische Kirche spricht von Ausbeutung, in Deutschland und vielen anderen Ländern ist Leihmutterschaft als sittenwidrige Form des Menschenhandels verboten – dies alles scheint jedoch den CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn nicht sonderlich zu stören. Stolz verkündeten er und sein Ehemann Daniel Funke in diese Woche via BILD, sie seien „Papa geworden“. So kann man es formulieren. Man könnte aber auch sagen, die beiden wohlhabenden Herren haben sich ganz profan ein Kind gekauft. Das Signal ist klar: Gesetze und ethische Normen sind für das gemeine Volk. Die Elite lebt und handelt nach ihren eigenen Regeln. Das ist nichts anderes als Neofeudalismus. Ein Kommentar von Jens Berger.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Podcast: Play in new window | Download
Erst vor wenigen Wochen schaute ich mir auf Netflix die verstörende Serie „The Handmaid’s Tail“ an, die sich an Margaret Atwoods dystopischen Roman „Der Report der Magd“ orientiert. Hauptfigur ist June Osborne, die zu den wenigen Frauen gehört, die in einem von Umweltzerstörung geprägten futuristischen Sujet noch fruchtbar sind. Frauen wie June werden im Roman von der politischen religiös-fundamentalistischen Elite, den „Kommandanten“, als „Mägde“ gehalten und geschwängert, um die Reproduktion der Eliten zu gewährleisten. Sehr eindringlich werden die psychischen Qualen dieser Frauen beschrieben. Auch wenn es bei real existierenden Leihmutterschaften nicht um Vergewaltigung im eigentlichen Sinne und auch nicht um Versklavung geht. Im Kern erinnert das dystopische Szenario von „The Handmaid’s Tail“ sehr wohl an Leihmutterschaften. Niemand kann mir erzählen, dass eine Frau freiwillig ein fremdes Kind austrägt und es dann abgibt. Meist sind es finanzielle Nöte, die hier auf moralisch höchst verwerfliche Art und Weise ausgenutzt werden. Auch das ist Gewalt.
Um es klar zu sagen: Es soll hier nicht um Homosexualität, Elternschaft oder den Kinderwunsch als solchen gehen. Ich kann den Kinderwunsch von homosexuellen Paaren und heterosexuellen Paaren, die auf biologischem Weg keinen Nachwuchs bekommen können, absolut nachvollziehen. Genau dafür gibt es ja auch in Deutschland den legalen Weg einer herkömmlichen Adoption, der auch Jens Spahn offenstehen würde. Umgekehrt ist die Homosexualität von Spahn, mit der er selbst im konkreten Kontext ja kokettiert, aber auch kein Grund, die Kritik abzuschwächen. Ethische und moralische Normen sind universal und gelten für alle – egal wen man liebt oder in welcher Beziehung man lebt.
Nein, es geht hier um die Praxis der Leihmutterschaft, bei der Frauen und Kinder zu einer Ware degradiert werden. Es geht darum, dass marginalisierten Frauen Gewalt angetan wird. Würde Jens Spahn sich auch eine Spenderniere aus Brasilien kaufen? Wahrscheinlich. Die moralischen und ethischen Probleme der Leihmutterschaft werden in einem Interview, das die EMMA geführt hat, sehr eindringlich beschrieben. Dem ist an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.
Es ist auch nicht so, dass Jens Spahn nun nicht öffentlich kritisiert würde. Ganz im Gegenteil. Bis auf die – wie stets – in ethischen Fragen labile BILD und die Berliner Zeitung haben die allermeisten Medien den Fall scharf kritisiert. Die Kritik bleibt jedoch meist an der Oberfläche. Wobei es schon richtig ist, nun zu fragen, wie es denn sein kann, dass der Fraktionsvorsitzende einer Partei, die sich auf christliche Werte beruft, selbst diese Werte mit Füßen tritt. Man muss auch fragen, warum ein einflussreicher deutscher Politiker sich öffentlich für Dinge rühmt, die in Deutschland per Gesetz verboten sind und gegen die er selbst in seiner politischen Funktion immer wieder Stellung bezogen hat. Doppelmoral? Natürlich ist das Doppelmoral. Einzig und allein überraschen sollte das doch wirklich niemanden; schon gar nicht bei Jens Spahn.
Und da schließt sich der Kreis. Jens Spahn ist wie kein anderer namhafter Politiker in Deutschland verbunden mit den rechtslibertären Ideologien der US-Tech-Milliardäre aus dem Umfeld der MAGA-Bewegung. Er ist regelmäßiger Gast bei den Treffen von Peter Thiels (der selbst zwei Kinder von Leihmüttern gekauft hat) geheimer und antidemokratischer „Dialog Society“ und ein guter Freund von Richard Grenell.
In diesen Kreisen wird gerne dem Transhumanismus gefrönt, offen Homosexualität gelebt und dennoch vertritt man ansonsten in gesellschaftspolitischen Fragen reaktionäre und religiös-fundamentalistische Positionen. Ja, vieles erinnert an die „Kommandanten“ aus „The Handmaid’s Tail“ – eine bigotte Elite, die Wasser predigt, aber selbst Wein säuft. Man will die Gesellschaft durch ein reaktionäres Rollback vor „liberalem Nihilismus“ und „Werteverfall“ retten, lebt aber selbst nach Werten und Normen, die nichts, aber auch gar nichts mit den tradierten Werten und Normen unserer Gesellschaft zu tun haben. Regeln sind für das gemeine Volk. Man selbst steht nicht nur über den moralischen Regeln, sondern auch über den Gesetzen. Das kennen wir aus den Zeiten des Feudalismus.
Es ist an der Zeit, sich dagegen aufzulehnen. Und hier liegt der Ball im konkreten Fall bei der CDU. Will die CDU sich selbst und ihre „christlichen Werte“ nicht vollends lächerlich machen, sollte sie Jens Spahn tunlichst möglichst bald vom Hofe jagen. Wie viele Steilvorlagen braucht es denn noch?
Titelbild: Daniel Funke via Instagram
Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/
Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=153830