NachDenkSeiten – Die kritische Website

Titel: Quo vadis, AfD? – Chrupalla-Buch, Friedensbewegung und Mittelschichten

Datum: 28. Juli 2026 um 10:00 Uhr
Rubrik: AfD, Innen- und Gesellschaftspolitik, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech
Verantwortlich:

Seitdem „links” nicht mehr für Frieden steht und „rechts” nicht mehr für Krieg gegen Russland, ist Jahrmarkt im Himmel der Wortverdreher. Wer Raketen auf Moskau fordert, ist „gemäßigte Mitte”. Wer Meinungsfreiheit will, ist „Extremist”. Faschisten, die nationale Sozialisten erschießen ließen, werden zu „nationalen Sozialisten” umgemünzt und Hitler gar zum Kommunisten. Die Babylonier brauchten dazu noch einen hohen Turm, dem Magazin Focus reicht ein mittlerer Immobilienhändler: Rainer Zitelmann. Der altmaoistische FDPler hat dort Tino Chrupallas Biographie „Handwerk-Meister-Politik” als zu „links” verrissen. Von Diether Dehm.

Ein Geheimnis der Popularität von AfD und Tino Chrupalla – aber auch der dortigen Streitigkeiten – liegt im Mythos „Mittelstand” (= KMU), welcher zu 96 Prozent aus Klein- und Kleinstunternehmen besteht, aber kulturell in Angestellte und Arbeiterschaft hineinstrahlt. Linke, aber auch CDU- und FDP-Eliten nannten ihn jahrzehntelang hochnäsig „Spieß- oder Kleinbürgertum” – was die klassenspezifische Zuordnung so kompliziert macht: Diese Mittelschichten sind „soziale Zwitter”, bringen zwar viel Arbeitskraft ein, besitzen aber auch kleines, meist fremdfinanziertes Produktivkapital.

Den linkspopulären Fronten in Spanien, Frankreich und in der italienischen Partisanenbewegung war es über Jahrzehnte gelungen, weite Teile dieser Selbstständigen an die Arbeiterbewegung zu binden – in Deutschland nur selten. Ernst Bloch rief der deutschen Linken zu: Kampflos, Genossen, habt ihr das Kleinbürgertum dem Faschismus überlassen.

Mit dem Zusammenbruch des „realen Sozialismus”, mit KI und dem Rückgang von Fließband und Werkhallen ist die Arbeiterbewegung nicht eben in ihre Blütejahre getreten, kulturell zunächst gar in den Hintergrund. Ehrliche Linkskräfte (nicht die Etikettenschwindler ähnlichen Namens) agierten seit 1989 zunehmend – in Ermangelung eines Besseren – in Bündnisformationen mit friedensorientierten und konzernkritischen Teilen von Kleinunternehmern und mit Führungspersonal aus dem Mittelstand. Zumal Gewerkschaftsführungen von NATO-besessenen, rechten SPDlerinnen und SPDlern okkupiert wurden. Die rosa-grüne Wählerschaft war unter SPD, Grünen und „Links”partei aufgeteilt, aber zusammen zu Raketen gegen Russland verleitet worden. Nachdem das BSW zunächst als Träger übergroßer Hoffnungen eingeknickt war, wuchs die AfD so zur stärksten Partei – auch mit den meisten Arbeiterstimmen.

Tino Chrupallas Biographie spiegelt diesen Aufstieg, glaubhaft und mitunter charismatisch. Weniger im Geiste Ostdeutschlands als dem eines bodenständigen Gewerbetreibenden: wie er als Maler zum Meister und Handwerksunternehmer und schließlich zum Parteivorsitzenden wuchs. Wie er kürzlich gegen den Völkermord der israelischen Armee und gegen den US-Überfall auf den Iran Mehrheitsbeschlüsse in der AfD zustande gebracht hat. Wie er die Schülerbewegung gegen Wehrpflicht unterstützte und als Kreistagsabgeordneter von Görlitz die Bundeswehr von Propagandaveranstaltungen in Schulen fernhielt.

Weshalb sogar SPD-Professor Wolfgang Schröder jüngst konzedieren musste: „Chrupalla ist mindestens so wichtig wie Weidel … er ist ein Asset für diese Partei … Welche Partei hat schon einen Handwerksmeister als Vorsitzenden?”

Aber genau so jemanden versuchen frühere CDU-Kader in westdeutschen AfD-Eliten verächtlich zu machen. Die hatten der menschlichen Arbeitskraft und dem Sozialstaat noch nie sonderlichen Respekt gezollt. Vor und auf dem letzten AfD-Bundesparteitag suchten sie mit unterirdischen Netzwerken Chrupalla loszuwerden – was misslang. Dann stellte Chrupalla seine Biographie vor. Westdeutsche Geschichtsrevisionisten wie Rainer Zitelmann, der Hitler schon als sozialistischen Revolutionär bezeichnet hatte, ging das gehörig auf den Zeiger.

Zitelmann warf im Focus (23. Juli 2026) Chrupalla dessen linke Vorbilder vor: den SPD-Handwerksmeister Friedrich Ebert, den CDU-Kapitalismuskritiker Jakob Kaiser, den Brechtfan und Werkzeugmacher Norbert Blüm und – Gott-sei-bei-uns – Brandts Mitmacher der neuen Ostpolitik: Egon Bahr.

Dann zitiert Zitelmann die Neue Züricher Zeitung vom 17. Juli 2026, welche nun wieder die netanjahufreundliche Junge Freiheit zitiert, die ‚FAZ für Arme‘ im AfD-Umfeld:

„Laut übereinstimmenden Recherchen der ,Jungen Freiheit‘ war es eben diese Offenheit nach links, die Chrupalla in Konflikt mit seiner eigenen Fraktion gebracht hatte. Demzufolge habe Chrupalla versucht, die frühere Bundestagsabgeordnete der Linkspartei und Ex-BSW-Politikerin Zaklin Nastić als Grundsatzreferentin der AfD-Bundestagsfraktion zu installieren. Ihre Skepsis gegenüber den USA und der Nato dürfte ihm imponiert haben. Chrupalla sei aber am Betriebsrat der Fraktion gescheitert, der ein Veto gegen ihre Einstellung eingelegt habe“ (NZZ).

Der NATO-freundliche Fraktionsbetriebsrat war mit dem Veto weit über die Kompetenzen einer Bundestags-Sozial-Vertretung hinausgegangen – und hatte dies dann auch noch innerhalb von Minuten triumphierend an die Junge Freiheit (JF) durchgestochen. Die JF will mit aller Macht die AfD in eine schwarz-blaue Koalition treiben. Stets ärgert sich die JF darum über CDU-Abgrenzer gegen die AfD – und freut sich, wenn der sächsische CDU-MP Kretschmer für brandmauerbefreite Gespräche mit der AfD wirbt. Brandmaurer im BSW hingegen bereiten der JF großen Spaß.

Ganz im Gegensatz zur JF agiert das leserstarke Magazin Compact im AfD-Umfeld: nicht für CDU-Kooperation, sondern für eine Friedensbewegung mit dem BSW. Vor zwei Jahren wünschte sich Jürgen Elsässer auf dem Titelblatt seines Compact Sahra Wagenknecht als Bundeskanzlerin. Das war aber vor den Koalitionen in Thüringen und Brandenburg.

Nun will Compact außerparlamentarisch und im Landtag von Sachsen-Anhalt auch mehr Kooperation von AfD mit dem um die fünf Prozent ringenden BSW. Jürgen Elsässer lobt dessen Spitzenkandidatin, die Historik-Dozentin an der Uni Halle, Dr. Claudia Wittig, als „Ausnahmetalent in bisherigen Linksformationen” – zumal Wittig lange schon mit ihrem BSW-Landesverband gegen sture Brandmaurerei argumentiert.

Aber so, wie Alexander Gauland vor zehn Jahren die AfD „einen gärigen Haufen” genannt hatte (was wohl bis heute zutrifft), gärt es nun auch im BSW. Oskar Lafontaine nannte jüngst die Außenpolitik der AfD sogar „links”, Fabio De Masi bezeichnete die CDU-SPD-Koalitionen des BSW in Thüringen und Brandenburg bei „Lanz“ als „Anfängerfehler”, wollte in Sachsen-Anhalt keinen CDU-Ministerpräsidenten wählen und forderte sogar in einem Offenen Brief die AfD zu einem „Rede-Duell” auf. Flugs bot Compact dafür eine Bühne auf seinem Sommerfest am 22. August: für Claudia Wittig mit dem sachsen-anhaltinischen AfD-Fraktionsvorsitzenden Oliver Kirchner (der in seiner Freizeit Arbeiterlieder singt). Hernach aber prasselten Erpressungen auf Claudia Wittig nieder. Halbprominente BSWler, denen das alles zu plötzlich kam, sollen wohl mit öffentlichem Austritt während des laufenden BSW-Wahlkampfs gedroht haben, also mit schwerstmöglichem Schaden. Mit Rücksicht darauf musste Claudia Wittig schließlich ihre Gesprächsbeteiligung zurückziehen. Ein Rückschlag auch beim Bau einer breiteren Friedensfront!

In all dem Gären geht es nun Tino Chrupalla („Ich bin kein Libertärer, der alles dem Markt überantworten möchte”) nicht nur um Sachsen-Anhalt am 6. September, um eine Perspektive seiner Partei bei westdeutschen Landtagswahlen oder nur um die nächste Bundestagswahl. Es dürfte ihm auch um Deutschlands Zukunft in einer friedlicheren, sozialeren Welt gehen, um eine breitere Friedensbewegung. Nicht umsonst ärgert sich Zitelmann also über Chrupallas Inanspruchnahme von Egon Bahr (der „… kritisierte den Nato-Doppelbeschluss und schwächte den Westen”, Zitelmann). Auch Chrupallas Sympathien für Norbert Blüm mag Zitelmann so gar nicht. Denn Blüm hatte den „Finanzkapitalismus” abgelehnt, weil dieser ein Angriff auf ehrliche Arbeit sei und „die Welt regiert”.

Aber aktuell treten in antikolonialistisch-multipolaren Bevölkerungsbewegungen der BRICS-Staaten auch Mittelschichten aus dem Schatten von Wallstreet und Pentagon. Chinas KP demonstriert dabei einen wohl alternativlosen Ritt auf dem Tiger: Seine Unternehmen agieren weltweit erfolgreich unter Hegemonie einer Partei mit der roten Fahne.

Peter Gauweiler, ähnlich wie Tino Chrupalla ein anderer konservativer Weitblicker (der sich selbst immer noch „einen Rechten” nennt), sagte kürzlich in einem bemerkenswerten Referat peter-gauweiler.de auf Einladung des chinesischen Generalkonsulats in München anlässlich des 105. Gründungstages der KP Chinas: „Die große Aufgabe besteht darin, unterschiedliche Ordnungen und Entwicklungswege nicht zwangsläufig zu feindlichen Antagonismen werden zu lassen … die anderen als Negativ-Gruppe zu diffamieren.”

Will Deutschland nun einen dritten Weltkrieg gegen BRICS – oder wieder „ein Volk der guten Nachbarn” werden? Dazu müsste der unipolar-militaristische US-Würgegriff von BlackRock & Co. und dessen Medien hierzulande erstmal gelockert sein. Aber das bedarf einer derart komplizierten politischen Breite wie die in den BRICS-Staaten – hierzulande!

Genau darum ist Chrupalla zur Zielscheibe transatlantischer Hetzbrigaden geworden – in und außerhalb der AfD. Denn wer Friedenshoffnungen in einem Volk kaputt machen will, muss erstmal deren personelle und organisatorische Stützen stutzen: die populären Hoffnungsträger. Also mal ehrlich: Sollte es unter den führenden drei westlichen Geheimdiensten CIA, Mossad und BND eine Umfrage über den aktuell gefährlichsten „Staatsfeind” im Lande geben, dann müssten wohl Wagenknecht, Lafontaine und wir Autoren der NachDenkSeiten kurz beiseitetreten: The Winner is Tino Chrupalla.


Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/

Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=154236