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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Das Glück im Auge des Hurrikans
Datum: 31. Juli 2026 um 9:00 Uhr
Rubrik: Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Länderberichte
Verantwortlich: Redaktion
Während die Russen sich über steigende Preise ärgern, haben die Deutschen in Russland ihre Spezialprobleme. Wie komme ich an in Deutschland verdientes Geld? Wie komme ich an meine Rente? Von Ulrich Heyden (Moskau).
Am 12. März kündigte die Hamburger Sparkasse mein Konto. Ich hatte das Konto seit 1990. Begründung: „EU-Sanktionen“. Auf dem Konto sammelte ich meine Honorare von deutschen, österreichischen und Schweizer Medien.
Ich eröffnete dann Konten in der Republik Kirgistan, einem unabhängigen Staat mit sieben Millionen Einwohnern. Die für die Überweisung zuständige Korrespondenzbank aus dem deutschen Südwesten wies jedoch alle Überweisungen nach Kirgistan zurück. Begründung: „As contrary to our internal policy“. Ansonsten keine weiteren Begründungen oder Verweise auf Anordnungen aus Brüssel. Auch andere deutsche Korrespondenzbanken (nicht alle) weisen Überweisungen nach Kirgistan zurück, berechnen aber für jede Zurückweisung 50 bis 60 Euro Spesen.
Ich bin da mit meinen Problemen keine Ausnahme. Auch der bekannte Journalist Boris Reitschuster hatte diese Probleme mit deutschen Banken – siehe hier.
Die halbe Rente weg
Doch das ist noch nicht alles an Überraschungen. Die Raiffeisenbank in Wien, die als Korrespondenzbank für Zahlungen der Deutschen Rentenversicherung an deutsche Rentner in Russland fungiert, berechnet für meine kleine Rente seit Juni 2026 200 Euro Kommission für die Überweisung nach Russland. Fast die Hälfte meiner Rente ist also schon mal weg – ohne Begründung, ohne Vorwarnung. Als ich bei anderen deutschen Rentnern, die in Russland leben, nachfragte, ob sie Ähnliches erlebt haben, hörte ich von allen ein Stöhnen. Ja, das sei jetzt die „die neue Praxis“. Manche wollten Beschwerde einlegen. Ich werde jetzt nach der rechtlichen Grundlage fragen.
Der deutschen Botschaft in Moskau, welche seit Monaten über ihren Telegram-Kanal die Russen aufruft, Druck auf ihre Regierung zu machen, damit sie den Krieg in der Ukraine beendet, scheinen die Auswirkungen der Sanktionen auf Deutsche in Russland egal zu sein. Die Botschaft schweigt zum Thema Bankgebühren für deutsche Rentner in Russland.
Ach ja, ich bin Verdi-Mitglied. Seit 1974 wurde der Mitgliedsbeitrag für meine Gewerkschaft monatlich von meinem Konto abgezogen. Meine Bitte, dass ich meinen Mitgliedsbeitrag von jetzt an für ein Jahr im Voraus bezahle, wurde von der Verdi-Verwaltung in Hamburg ohne Begründung abgelehnt. Empathie? Null!
Im März hatte die Verdi-Zentrale in Berlin schon die beantragte Rechtshilfe wegen der Kontokündigung durch die Hamburger Sparkasse verweigert. Die knochentrockene Begründung: „Die Angelegenheit einer Bankverbindung und Kundenbeziehung zu einer Sparkasse ist nicht vom ver.di-Rechtsschutz umfasst.“
Was tun?
Was tun, wenn Dein Leben eine schroffe Wende nimmt und böse Geister in Berlin und Brüssel Dir das Leben schwer machen wollen? Dann suche ich im Internet ein Cello- oder Klavierkonzert, vorzugsweise von Rachmaninow oder Beethoven, dirigiert vorzugsweise von Daniel Barenboim oder Wladimir Fedosejew. Ich genieße die Musik beim Frühstück auf dem Balkon im 15. Stock, mit Blick in die Wolken.
Was tun, wenn alle drei Monate Mails mit einer „Vorladung“ von einem deutschen „Landeskriminalamt, Abteilung Cyber-Kriminalität“ eintrudeln. Diese „Vorladungen“ kommen manchmal an verdächtigen Daten wie dem 2. Mai, dem Tag, an dem im Gewerkschaftshaus von Odessa 42 Menschen zu Tode kamen. In der Absender-Mail tauchen bekannte Buchstabenfolgen auf, wie „SBU“. So heißt der ukrainische Geheimdienst.
Lache darüber, reagiere auf keinen Fall! Überlege lieber, wie Du Deiner Liebe ein schönes Frühstück bereitest. Lade sie zu einer Gymnastik-Stunde im nahe gelegenen Park ein. Erzähle ihr nicht alle Deine Sorgen von A bis Z. Spreche über Schönes, was Du erlebt hast und was Hoffnung macht.
Wenn Dir die Haare zu Berge stehen wegen der Arbeiten und Telefonate, die zu erledigen sind, wenn das ganze Gerüst, welches Dein Leben einfach und abwechslungsreich machte, vom funktionierenden Bankkonto bis zu Reisen in die Heimat ohne Angst, zusammenbricht, dann konzentriere Dich auf das Wesentliche. Versuche nicht, die einstürzende Mauer wieder aufzubauen. Sei stolz, wenn Du wenigstens zwei Steine ruhig aufeinanderlegen kannst.
Greife zur Gitarre und singe ein melancholisches russisches Lied, zum Beispiel „Wohin geht die Kindheit in welche Städte? Und wo finden wir ein Mittel, um wieder dorthin zu gelangen? Sie verschwindet unhörbar, wenn die ganze Stadt schläft. Sie schreibt keinen Brief und ruft wahrscheinlich auch nicht an. Im Winter wie im Sommer, auf ungezählte Wunder wartend, wird die Kindheit irgendwo sein – doch nicht hier. Inmitten weißer Schneewehen und Pfützen am Bach wird jemand laufen – doch nicht ich.“
Sei rücksichtsvoll mit Dir selbst und anderen. Nicht sie sind schuld! Jede menschliche Beziehung ist jetzt Gold wert! Sie ist der Keim für eine neue Welt, ohne Krieg und Aggression. Ob Du ein Mensch in der ganzen Bedeutung dieses Wortes bist, zeigt sich gerade jetzt, wo es Dir schlecht geht, Deine Sinne aber nach Kooperation, Verständnis, Liebe und Zuversicht suchen.
Entspannung am Strand
Man kann von den Russen lernen. Sie werden nicht verrückt, behalten einen klaren Kopf, suchen ihr Glück im windstillen Auge des Hurrikans. Da erzählt mir doch eine russische Künstlerin, sie habe gerade auf der Krim Urlaub gemacht. Der Strand war leer. Die Luftabwehr schoss ständig auf Drohnen. Aber daran hatte sie sich schnell gewöhnt. An ihre Freunde schickte sie ein Video. Darin sah man ihre Füße, die sich im glucksenden Wasser am Rand des Schwarzen Meeres entspannten, spielerisch, meditativ.
Es gibt sogar Deutsche, die in diesen Zeiten nach Russland fahren. Was suchen sie da? Ruhe und Entspannung! Mit ein bisschen Geld in der Tasche kann man in Russland die Seele baumeln lassen. Mal abschalten von den Wichtigtuern in Berlin und Brüssel mit ihren Sanktionspaketen und Netzdurchsuchungsgesetzen.
Von Russland aus sieht Deutschland klein, harmlos, ja fast hilflos aus. Die Russen haben Mitleid mit den normalen Deutschen und begrüßen jeden deutschen Gast mit ausgebreiteten Armen.
Bis bald!
Ulrich Heyden, Moskau, 28. Juli 2026
Titelbild: © Ulrich Heyden
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