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Titel: Anthologie „Mut zum Widerspruch“ – Erfahrungsberichte, die schaudern lassen

Datum: 1. August 2026 um 14:00 Uhr
Rubrik: Erosion der Demokratie, Rezensionen, Strategien der Meinungsmache
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Seit einigen Jahren sind wieder autoritäre Tendenzen zu beobachten. Sie gehen nicht nur von staatlichen Institutionen aus, sondern auch von Leitmedien und der sogenannten Zivilgesellschaft, hinter der sich meist ideologisch verhärtete Aktivisten verbergen. Diese Instanzen geben vor, wie man zu sprechen, zu denken und zu handeln hat. Wer diese Gebote nicht befolgt, wird bekämpft, bisweilen mit rabiaten Mitteln. Der Konformitätsdruck ist groß geworden, und immer weniger Menschen wollen oder können ihm standhalten. Breitflächige Anpassung birgt jedoch Gefahren, für Individuum und Gesellschaft. Widerspruch muss sein, damit Demokratie gedeihen kann. Dafür plädiert eine Anthologie aus dem Hause discorso. Eine Rezension von Eugen Zentner.

Das Buch, herausgegeben von Wolfgang Stölzle und Günter Roth, markiert einen historischen Kipppunkt westlicher Gesellschaften im neuen Jahrtausend, indem es Erfahrungsberichte versammelt, in denen der autoritäre Geist der Gegenwart in seiner lebendigen Gestalt erkennbar wird. Der Titel ist Programm: „Mut zum Widerspruch“. Einerseits ein Appell an alle, die mit der gesellschaftspolitischen Entwicklung hadern, andererseits die Akzentuierung einer Charaktereigenschaft aller Autoren, die in dieser Anthologie jeweils ihre persönliche Geschichte erzählen.

Unter ihnen befinden sich prominente Namen, deren Fälle bereits in den Leitmedien für Aufmerksamkeit sorgten – Christian Dettmar zum Beispiel. Der ehemalige Richter am Amtsgericht Weimar hatte während der Corona-Krise in einem Urteil zum staatlichen Maskenzwang zugunsten der Eltern entschieden und wurde dafür später selbst verurteilt, wegen angeblicher Rechtsbeugung. Die Folgen waren katastrophal: Dettmar verlor seinen Beamtenstatus sowie seinen Pensionsanspruch. Der Gerichtsstreit war langwierig und kraftraubend. Der ehemalige Richter schildert ihn entlang markanter Stationen und geht dabei auf mehrere Hausdurchsuchungen ein, die ein besonders grelles Licht auf den heutigen Polizeistaat werfen.

Diese drohen mittlerweile allen Dissidenten, selbst einfachen Bürgern, die in den sozialen Medien satirische Memes posten. Wer im öffentlichen Dienst oder in gesellschaftlich angesehenen Berufen arbeitet, muss mit ihnen sogar rechnen, insbesondere Ärzte und Mediziner. Wenn sie der herrschenden Meinung widersprechen, kommt es zu Diffamierung, Mobbing, Schikane oder gar Strafverfolgung. Der ehemalige Professor für Allgemeinmedizin Andreas Sönnichsen, der Psychologe Harald Walach und die Ärztin Carola Javid-Kistel können davon ein Lied singen. Alle drei kritisierten die Corona-Politik und mussten dafür bezahlen, mit psychischen Qualen.

In ihren Beiträgen schildern sie zwar so objektiv wie möglich, wie sie ins Kreuzfeuer gerieten, doch zwischen den Zeilen schimmert durch, dass die Vorfälle emotionale Spuren hinterlassen haben. Wie sollte es auch anders sein, wenn, wie im Fall Javid-Kistels, Leitmedien-Journalisten faire Berichterstattung vorheucheln und dann die Tatsachen doch verdrehen; wenn Beamte in der eigenen Praxis eine Razzia durchführen; wenn berufsrechtliche Ermittlungsverfahren eingeleitet werden; wenn man inhaftiert wird; wenn, wie Walach und Sönnichsen erleben mussten, die Universität unter fadenscheinigen Gründen das Arbeitsverhältnis beendet.

Der akademische Betrieb scheint heute ohnehin ein ganz heißes Pflaster zu sein. Einst Hort freien Denkens und Redens, entwickelt sich die Universität zum Schlachtfeld, auf dem die Cancel Culture tobt. Das gleiche Schicksal wie Walach und Sönnichsen hat den Medienwissenschaftler Michael Meyen, die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und die Juristin Alessandra Asteriti ereilt. Der Fall der Letzteren zeigt, dass sich das Problem der Cancel Culture nicht nur auf Themen wie Corona oder Ukraine-Krieg beschränkt. Asteriti wagte es, die „Ideologie der Gender-Identität“ zu kritisieren, musste dann aber feststellen, dass diese die akademische Welt fest im Griff hat. Schnell wurde sie zum Ziel von Drohmails und Beleidigungen, die vor allem in den sozialen Medien auf sie einprasselten. Asteriti wurde aus der akademischen Welt herausgeekelt und ist dort heute, wie sie in ihrem Beitrag schreibt, verbrannt und „unvermittelbar“.

Von ähnlichen Erfahrungen berichten die Herausgeber Wolfgang Stölzle und Günter Roth. Beide Professoren bekamen an ihren Universitäten Probleme, nachdem sie Bedenken gegen die Corona-Politik geäußert hatten – und schieden schließlich aus. Der Historiker Daniele Ganser hatte diese Erfahrungen bereits vor knapp 20 Jahren machen müssen, wegen Zweifeln an der offiziellen Darstellung des 9/11-Anschlags. „Es läuft immer gleich ab“, schreibt er in seinem Beitrag: „Abweichende Meinungen werden nicht toleriert. Wenn sich trotzdem jemand traut, den vorgegebenen Diskursraum zu verlassen, wird er diffamiert und riskiert, die Stelle zu verlieren.“

Allerdings kann es für „Querdenker“ auch abseits von Universität und Medizin unangenehm werden. Die Herausgeber haben unterschiedliche Fälle gesammelt und diese in drei große Gruppen gegliedert. Einer davon heißt „Widerspruch in Staat und Kirche“. Hier erzählen der Soldat Alexander Bittner und der Pfarrer Martin Michaelis ihre Geschichten. Während Letzterer zunächst durch Kritik an der Corona-Politik und Kandidatur auf der Stadtratsliste der AfD in Quedlinburg in Ungnade fiel, wurde Bittner seine Impfverweigerung zum Verhängnis. Der Preis war hoch: Bittner musste vier Monate im Gefängnis verbringen, Michaelis verlor seine Beauftragung als Pfarrer.

Es sind schauderhafte Geschichten, 17 an der Zahl, erzählt von Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. So unterschiedlich wie ihre Fälle ist auch der Stil, in dem sie diese wiedergeben, mal mit gegenderten Verrenkungen, mal mit Rückblenden, mal ausführlich und detailliert, mal essayistisch. Teilweise lesen sie sich wie ein Thriller, in dem die Protagonisten zu Gejagten werden und eine Horrorreise durchmachen, aber ihren Mut bis zum Schluss nicht verlieren. Dafür gebührt ihnen Respekt. Während andere bei weitaus schwächerem Gegenwind umfallen, beweisen sie bis heute Rückgrat.

Ihre Schicksale sind aufrüttelnd, sie führen vor Augen, was in den westlichen Gesellschaften seit geraumer Zeit schiefläuft und dass diese zunehmend Gefahr laufen, ihre demokratischen Grundprinzipien zu verraten. Obwohl die Autoren über ihre Erfahrungen im Kreuzfeuer staatlicher und öffentlicher Institutionen berichten, skizzieren sie zugleich Mechanismen, in denen zum Vorschein kommt, inwiefern Politik, Lobbygruppen und Pharmaunternehmen Macht auf Bereiche ausüben, aus denen sie sich eigentlich heraushalten müssten. Dass sie dabei Erfolg haben, liegt auch an der Bereitschaft vieler, sich nicht gegen deren Einfluss zu wehren, sondern von ihm zu profitieren. Die Anthologie zeigt aber, dass es auch anders geht, vor allem, dass es wichtig ist, damit Staatsgewalt tatsächlich vom Volk ausgeht und nicht von Parteien, Pharmaunternehmen oder Ideologen.

Vermutlich wird dieses Buch erst in zehn oder zwanzig Jahren die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient. Noch sind die Ereignisse zu frisch, als dass die große Masse Interesse dafür zeigt. Mut zum Widerspruch muss man aber schon jetzt zeigen, zumindest aber üben. Dafür ist die Anthologie eine geeignete Handreichung, eine Inspirationsquelle, die reichlich Impulse gibt. „Der bevormundende Staat“, lautet einer aus dem Mund des Wissenschaftsphilosophen Michael Esfeld, „ist auf Angst-Narrative angewiesen, um die Menschen zu gängeln und von Selbstbestimmung abzuhalten.“ Aber nicht Herrschaft bilde den Stoff, aus dem die Erfolgsgeschichte unserer Zivilisation gestrickt sei, sondern die spontane Ordnung, „die aus den freiwilligen Interaktionen der Menschen und ihren sozialen Bindungen hervorgeht, wenn alle Menschen ihre Fähigkeiten frei entfalten können“.

Dr. Wolfgang Stölzle & Prof. Dr. rer. soc. Günter Roth (Hrsg.): Mut zum Widerspruch – Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten. Basel 2025, discorso Verlagsgenossenschaft, gebundenes Buch, 400 Seiten, ISBN 978-3999700007, 29,80 Euro.


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