NachDenkSeiten – Die kritische Website

Titel: Die Ruhe vor dem Krieg, in dem wir uns schon längst befinden

Datum: 16. August 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Friedenspolitik, Kultur und Kulturpolitik
Verantwortlich:

Das Projekt „Friedensnoten“, ein Friedensbündnis von Manova, Radio München, NachDenkSeiten und Protestnoten, verschafft Stimmen des Friedens das dringend gebotene Gehör. Die Initiatoren des Projektes wollen über die Musik Gräben überwinden helfen, die in den letzten Jahren entstanden sind, und den Blick auf das richten, was wirklich zählt: Frieden! Die NachDenkSeiten beteiligen sich mit Liedvorstellungen. Hier ein Beitrag über den Song „Idylle im Krieg“ der Band „Die Zöllner“ und Gedanken über die Idylle, die keine ist. Von Frank Blenz.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Idylle im Krieg, unser Frieden ist schon diese „Idylle“

„Die Zöllner“, im Besonderen Sänger Dirk Zöllner, gehören zu meinen Lieblingsmusikern in diesem Land, und das seit ihren Anfangstagen in den 1980ern in der damaligen DDR. Ja, sie sind „Ostmusiker“, die bis heute ihre Songs mit seltenen Ausnahmen lediglich im Osten aufführen. Die Einheit scheint an der Band vorbeigegangen zu sein, was nicht an ihnen liegt. Dirk Zöllners Engagement geht über die Kunst, seine zahlreichen Konzerte, Wortmeldungen, die Themen der Lieder über popmusikalische Liebesstücke hinaus. Frieden, innige Verbindungen der Menschen, sich die Hände reichen, das sind Dirk Zöllners Anliegen. Ein Spruch von ihm: Das Leben ist schön. Die Umsetzung seiner Gedanken, das Werben für seine friedliche, verbindende Lebensweise auf seine künstlerische, politische Art sind wichtig und wundervoll.

Wie er das unter anderem macht? Lieder wie „Idylle im Krieg“ (von Zöllners unvergessenem Freund und Texter Andreas Hähle) tönen federleicht und unaufdringlich auf überaus stimmigem Harmonieteppich, obwohl die Geschichte bitterernst ist. Zöllners Stimme klingt sonor, klar, leicht und unverwechselbar soulig im Halbton-Ansingen, mal hauchend bis schreiend. Er mahnt: Es herrscht Krieg, es scheint Frieden zu herrschen – bei uns, doch wird jetzt schon von Sieg und Niederlage gesprochen. Wir, die Guten, werden gewinnen. Zu welchem Preis? Wir zahlen jetzt schon zu viel … Der Liedtext ist eine Liebeserklärung und eine in Reime gefasste Befürchtung:

Idylle im Krieg

Dich muss die Sonne geboren haben
Auch wenn du mir ganz nah erscheinst
Wir sprechen beide dieselbe Sprache
Nur dass ich lache, wenn du weinst
Wir haben beide denselben Vater
Der uns verließ vor ‘ner Ewigkeit
Sei das Schlachtfeld meiner Gaben
Wir sind blind, doch wir sind zu zweit

Lass mich nicht los
Ich will nicht wissen, was du fühlst
Lass mich nicht fallen
Ich will nicht hören, dass du mit mir spielst
Lass mich nicht los … lass mich nicht fallen

Schau doch, die Dämmerung ist verschwunden
Sie sucht woanders ihre Zeit
Brich nicht die Stille, schlag keine Wunden
Bevor du unseren Tanz bereust
Komm, lieb mich und meine Leiden
Lass sie doch reden von ihrem Sieg
Wir können das Ende nicht vermeiden
Von der Idylle im Krieg

Lass mich nicht los
Ich will nicht wissen, was du fühlst
Lass mich nicht fallen
Ich will nicht hören, dass du mit mir spielst
Lass mich nicht los … lass mich nicht fallen
Lass mich nicht los … lass mich nicht fallen

Das Lied „Idylle im Krieg“ zu hören, ist eine Freude, der Song für mich ein Hit, ein Ohrwurm, in Struktur, Rhythmus und Präsentation. Eine feine Version in Bild und Ton findet sich im Netz. Tatsächlich traten Die Zöllner mal bei der NDR-Sendung „Inas Nacht“ in Hamburg tief im Westen auf. Immer wieder frage ich mich, warum so ein Song es nicht ins gesamtdeutsche Bewusstsein schafft. An den Künstlern liegt das nicht.

Der Berliner Sänger Dirk Zöllner interpretiert die Zeilen des Texters Andreas Hähle in beunruhigend ruhiger Weise. Die besungene Idylle, sie ist keine. Wenn es auch, wie gerade in diesem unserem heißen Sommer 2026, so scheint, blenden wir das Bedrohliche aus. Dunkle Wolken ziehen seit einiger Zeit auf. Zynisch formulierende, klickzahlengeile Schreiberlinge hatten 2025 schon Überschriften wie diese drauf: „Ist das der letzte Sommer im Frieden?“ Der 2026er-Sommer ist einer eines beschädigten Friedens.

Zöllner stemmt schon seit zig Jahren sich gegen diese Vorstellung und die blanke Realität des Irrsinns Krieg. Im Gespräch mit den NachDenkSeiten sagt er in Richtung Mitbürger und Kollegen: „Ihr einfachen lieben Leute – wir sind nicht der Krieg, wir sind nur sein Fressen! Liebe Künstler: Es ist höchste Zeit für Friedenslieder!“

Mehr noch, Zöllner fordert die Rundfunksender im Land auf, die wichtigen Lieder zu spielen, und meint damit gar nicht seine. Dem vorherrschenden Einerlei gebührt in der Tat ein Gegenüber. Generell tönt in diesen idyllischen Zeiten (Ironie aus) aus den Lautsprechern vielfach Einerlei, Friede, Freude … Das Sprechradio von Deutschlandfunk und Co. verbreitet in zahlreichen Beiträgen und „Nachrichten“ eine seltsame Stimmung, auf dass der Umbau der bundesdeutschen Friedens- in eine profitable, Sieg bringende, wertebasierte Kriegswirtschaft eine grandiose Perspektive darstelle. Und während der Kanzler der Nichtherzen jubelt, dass das Geld nur so sprudelt, um den Sieg zu erringen, hört das Publikum im Sprechradio einen kleinen Beitrag aus einer bayerischen Kleinstadt, in der die Musikschule bald schließen könnte. Von wegen Idylle. Ja, Idylle im Krieg, sage ich. Und das, obwohl alle laut singen und aufspielen müssten: Gib dem Frieden eine Chance.

Nebenbei: Nicht nur, dass so eine im BR besprochene Schließung fatal wäre, auch die fatalistische, unkritische, ganz und gar nicht aufbegehrende Reaktion von betroffenen Lehrern macht mich fassungslos. Die reden blass, dass in diesen Zeiten die Finanzierung halt unsicher sei. Blablabla. Frage: Muss der Gürtel enger geschnallt werden? Kein Wort aus der Musikschule vernahm ich etwa in der Art: Für Rüstung und Krieg habt ihr Geld, für die Musik, für das Lernen nicht? Ich höre Musik, Zöllner zum Beispiel, oder lese Texte wie diesen:

Wer zieht in den Krieg und wer nicht?

Mein geschätzter Kollege, der NachDenkSeiten-Redaktionschef Jens Berger, hat in einem Beitrag zum Thema Projekt „Friedensnoten“ über das Lied „Johnny I Hardly Knew Ye“ darauf aufmerksam gemacht, wer in Wahrheit in den Krieg zieht und wer nicht: „Unsere Geschichtsbücher erzählen gerne von Generälen, Feldherren, Königen und Präsidenten, die Kriege führen, gewinnen und verlieren. Doch sie sind es nicht, die elend in Schützengräben kauern und denen die Gliedmaßen von einer feindlichen Kugel weggerissen werden. Für das Schicksal der „Johnnys“, die mit Trommeln und Versprechungen geködert und dann im Militär gebrochen und in Kriegen verheizt werden … Es erinnert uns daran, dass hinter jeder strategischen Debatte irgendwann ein Johnny steht. Einer, der fortgeht. Und einer, den man – wenn überhaupt – kaum noch wiedererkennt. Das macht das Lied aktueller denn je. Auch heute hören wir die „Drums and Guns“, auch heute werden in Deutschland die Johnnys, die bei uns eher Kevin oder Mohammed heißen, mit Pathos und haltlosen Versprechungen für die Armee rekrutiert. Werden auch sie einst gebrochen und verunstaltet zu ihrer Geliebten zurückkehren?“

Gebrochen und verunstaltet zur Geliebten zurück – oder im Blechsarg?

Wir wähnen uns (noch) in Sicherheit, falls wir an das glauben, was von vielen interessierten Akteuren verkauft wird – als Faktoren Verteidigung, Stärke und Abschreckung. Doch diese Zutaten sind welche, die unsere Geborgenheit billigend hergeben. Schon kehren viele Menschen in Europa, im weiten Osten gebrochen und verunstaltet zur Geliebten zurück oder im Blechsarg; viele, viele junge Menschen, die verachtet werden. Sie dienen nur als – welch schlimmes Wort: Kanonenfutter.

Ich bin froh und dankbar, dass hierzulande viele Künstler in ihren Werken kritisch, fordernd, Augen öffnend sich der Barbarei – es ist nichts anderes – entgegenstellen. Ihren Liedern nicht die gebührende Öffentlichkeit, immer und immer wieder, einzuräumen, gehört jedoch zum gegenwärtigen reaktionären Treiben der Zeitenwende-Macher.

Zöllners Mahnungen gab es schon in den 1980ern

Dirk Zöllner schuf noch vor der Wende 1989 das Lied „Käfer auf‘m Blatt“, das ein ostdeutscher Hit wurde und bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Im Grunde beschreibt er lyrisch, was allgegenwärtig war und ist: die Verachtung der Menschen. Die Abwertung. Der Mensch, bei Zöllners Song ist der ein Käfer. Tja, was ist schon ein Mensch, man macht ihn platt, es geht um ganz andere Preise – gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Textauszug:

‘n Käfer auf ‘m Blatt, was ist das schon?
Das Blatt haut man ab,
den Käfer latscht man platt
‘n Käfer auf ‘m Blatt, was ist das schon?

‘n Blick in ‘ner Stadt, was ist das schon?
Die Stadt ist so satt
und den Blick streift man schnell ab
‘n Blick in ‘ner Stadt, was ist das schon?

‘ne Hand in einer Hand, was ist das schon?
der einen gibt man ein Gewehr
die andre wäscht den Toten hinterher
‘ne Hand in einer Hand, was ist das schon?

Dirk Zöllner äußert sich im NDS-Gespräch über die damalige Motivation, das Lied zu schreiben:

Eines meiner ältesten Lieder heißt „Käfer auf‘m Blatt“, inmitten des Aufrüstungswahns der 1980er-Jahre geschrieben. Auch in der DDR konnte man als Pazifist anecken, denn die Aufrüstung des eigenen Landes war natürlich nur Verteidigung. Fakt ist, dass wir uns vor einem atomaren Inferno fürchteten, egal ob die Raketen der Großmächte Pershing II oder SS-20 hießen. Beidseitig wurden ungeheure Drohkulissen aufgebaut, bis eine einzelne vernünftige Person die Vernunft aufbrachte, den Teufelskreis der Idiotie zu durchbrechen. Michail Gorbatschow setzte eine Bewegung in Gang, die schließlich die Welt veränderte.

Ganz und gar ohne eloquente Politikerformulierungen sagt er seine Meinung zur heutigen Lage:

Die Macht liegt allerdings in Händen weniger Figuren, die sich zunehmend hinter Glas, Beton und Stacheldraht in ihren Sonnenstaaten verschanzen und ihre Schäfchen mit Hilfe der zunehmend ihnen gehörenden Medien mit der jeweiligen Wahrheit versorgen. Wieder gibt es zwei große, miteinander konkurrierende Wirtschaftssysteme, nur diesmal sind beide nicht bereit, ihren Reichtum mit den Ärmsten zu teilen. Mit der Schlagkraft einer einzelnen Figur ist derzeit nicht zu rechnen, denn wir lassen uns vor die Karren der jeweiligen Macht- und Geldmonster spannen und vergeuden die Zeit damit, uns auf unterster Ebene die Köpfe einzuschlagen – in den angezettelten Kriegen und verbal an den Stammtischen im Internet. Die Vernunft kann jetzt nur noch vom Volk ausgehen.

An die Radiostationen des Landes: Lasst die Friedenslieder ins Programm!

Die Texte für Frieden, Verständigung, Liebe, die sie transportierenden Melodien gehören ins Programm der Radios, der TV-Sender. Jetzt um so mehr, Tag für Tag. Der kleinste gemeinsame Nenner bei diesem Projekt ist der Frieden. Ich fasse für mich zusammen, dass das Friedensbündnis von Manova, Radio München, NachDenkSeiten und Protestnoten ebenfalls jede Unterstützung verdient, über die Musik die schon ausgehobenen und stur beibehaltenen Gräben endlich zu überwinden. Nochmal, was wirklich zählt: Frieden!

Titelbild: Wirestock Creators / Shutterstock


Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/

Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=154979