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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: SchnurzPISAegal – Wenn Profit allemal wichtiger ist als Zukunft …
Datum: 11. September 2026 um 9:00 Uhr
Rubrik: Bildungspolitik, Neoliberalismus und Monetarismus, Schulden - Sparen
Verantwortlich: Redaktion
Nie lagen Deutschlands Schüler mehr daneben als bei der neuesten PISA-Studie. Allen „Reformen“ zum Trotz verstehen viele nur noch Bahnhof. Auch in der Politik: „Da kürzt man jahrzehntelang die Bildung kaputt – und dann so was!?“ Ein Kommentar von Ralf Wurzbacher.
Das, was jetzt folgt, ist verkürzt dargestellt und überspitzt formuliert. Aber in der Sache trifft es den Kern. Also: Irgendwann in den 1990er-Jahren hat die zu Macht und Kontrolle gelangte neoliberale Clique in Deutschland verfügt, der Wirtschaft den Vorrang über alles zu geben. Sämtliche politischen Entscheidungen, sämtliche Sphären der Gesellschaft betreffend, hatten sich fortan an der Frage zu messen, ob sie sich ökonomisch rechnen, ob sie der Unternehmerschaft Nutzen bescheren, schlussendlich, ob sie den Profit und den Reichtum der Eliten mehren. Was dem Erfordernis nicht genügte, hatten sich Land und Leute buchstäblich zu sparen.
Ihren Ausdruck fand die Ideologie in Steuergeschenken für Konzerne und Wohlhabende, Deregulierungen, Flexibilisierungen, Privatisierungen, in Hartz-IV, später in „Schwarzer Null“, „Schuldenbremse“, „Zeitenwende“ – kurzum, in der brutalstmöglichen Umverteilung von unten nach oben sowie einer ins Exzessive ausgereizten Spaltung in Reich und Arm. Zurückgeblieben – im doppelten Wortsinn – ist ein personell und materiell ausgebluteter Staat, der seine Aufgaben nurmehr unzureichend erfüllen kann. Wo man hinsieht, zeigen sich Verfall und Nöte: Städte und Gemeinden pleite, die Bahn ruiniert, Straßen und Brücken kaputt, öffentlicher Wohnungsbau am Boden, die Verwaltung erlahmt, Justiz überlastet, dazu immer mehr Verrohung, Hass und Gewalt. Das alles ist der Preis, den einfache Menschen für den Reichtum der Reichen zahlen.
Schon wieder Schock
Heruntergewirtschaftet ist natürlich auch das staatliche Bildungs- und Schulsystem. Die Bausubstanz bröckelt, es herrscht historischer Lehrermangel, es gibt zu große Klassen, zu wenig individuelle Förderung, zu wenige Schulpsychologen und Sozialarbeiter. Es fehlt praktisch an allem, zuvorderst am Geld. Aber den politisch Verantwortlichen fährt ein Schreck in die Glieder, wenn sie hören, dass Deutschland bei PISA durchgefallen ist – und das mit Pauken und Trompeten. Die internationale Schulleistungsstudie gibt es inzwischen in der neunten Auflage. Seit Dienstag ist es amtlich. So schlecht wie bei der 2025er-Ausgabe haben hiesige Schülerinnen und Schüler noch nie abgeschnitten.
Also noch einmal mieser als bei Version eins. Bekanntlich hatte deren Veröffentlichung vor 25 Jahren den legendären „PISA-Schock“ ausgelöst und zu einer Reihe aktionistischer „Reformen“ geführt, die immerhin bis in die Mitte der 2010er-Jahre in Gestalt leichter Verbesserungen bei den Folgestudien zu fruchten schienen. Dann aber stagnierten die Leistungen zunächst, um schließlich wieder abzufallen. Die 2018er-Studie verhieß schon nichts Gutes, mit der von 2022 verfestigte sich der Abwärtstrend und nun das: In allen im Vorjahr geprüften Feldern – Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften, neuerdings computergestütztes Problemlösen – liegen hiesige 15-Jährige mit großem Abstand zu den Siegern – China, Singapur, Taiwan, Japan – nur noch knapp über dem Mittelwert aller 38 OECD-Mitgliedstaaten, in Mathematik sogar darunter.
Epochale Verdummung
Dabei ist PISA Teil des Problems. Die federführende Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vermisst Bildung entlang der Leitlinien Standardisierung und Ökonomisierung. Kinder und Jugendliche sollen nicht für sich, das Leben und ein gedeihliches Miteinander lernen. Man will sie in Selbstverwertung unterweisen, damit sie später gute Lohnarbeiter oder Unternehmer werden. Die Testeritis ist damit selbst nur die Ausgeburt des neoliberalen Effizienz- und Wachstumsdogmas, das Mensch zum Homo oeconomicus degradiert und auf das veritable Kindeswohl keinen Wert legt, der sich nicht in Euro oder Dollar beziffern lässt.
2013 hatte der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin mit Blick auf PISA von einer „epochalen Verdummung“ gesprochen. Es habe sich eine „Kultur der Scheinlegitimierung von Beliebigem durch Wissenschaft etabliert“, hatte vor vier Jahren der Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer gegenüber den NachDenkSeiten geäußert. „Eine immer tiefere Kluft von Wissenschaft und pädagogischer Praxis ist die Folge.“ In einem Offenen Brief an PISA-Mastermind Andreas Schleicher warnten schon 2014 über Hundert Wissenschaftler und Pädagogen aus Deutschland und aller Welt, dass die Autonomie „unserer Lehrer weiter verringert“, „unsere Klassenzimmer bildungsärmer“ und Schulen und Schülern „irreparabler Schaden“ zugefügt würden.
Staat ganz zuletzt
Doppelt tragisch fällt die deutsche Bilanz aus. Hierzulande werden riesige Summen in die Vermessung von Bildung gesteckt, Studien über Studien lanciert – um am Ende doch immer nur festzustellen: Deutschlands Schüler haben es nicht drauf. Man unternimmt alles, um Bildung auf das Ziel Beschäftigungsfähigkeit (Employability) einzudampfen, aber der „Ertrag“ will sich nicht einstellen. Kein Wunder! Unter Bedingungen eines in Jahrzehnten kaputtgekürzten Schulwesens kann der Plan einfach nicht aufgehen. Ganz plakativ: Ohne echte, professionelle Lehrkräfte sind ABC und Einmaleins schwer vermittelbar. In Berlin zum Beispiel stellen ausgebildete Pädagogen seit Jahren eine kleiner werdende Minderheit unter den Neueingestellten. In nicht mehr ferner Zukunft werden Quer- und Seiteneinsteiger das Gros der Kollegien bilden.
Die Prämisse „Wirtschaft über alles“ – und „Staat ganz zuletzt“ – schlägt sich selbst da nieder, wo es nach Fortschritt riecht. Der Ganztagsschulausbau, einst von der Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) mit einer Vier-Milliarden-Euro-Spritze initiiert, ist selbst in neoliberaler Lesart nicht einmal eine halbe Sache. Auch hier geht es nicht originär ums Kindeswohl, sondern darum, Mama und Papa beim Geldverdienen den Rücken frei zu halten. Passend tritt das Modell weitüberwiegend als Verwahranstalt in Erscheinung, eben wegen des Geld- und grassierenden Personalmangels, was indes die Attraktivität schmälert. Weshalb es dann auch nicht so genutzt wird, wie sich die Unternehmerverbände das wünschten. Am Ende muss die Alleinerzieherin doch zu Hause bleiben, fällt als billige Arbeitskraft aus und liegt dem Staat auf der Tasche, der ihr zur Strafe mit noch mehr Gängelung und gekürztem Wohngeld droht (Stichwort Umverteilung). Dumm gelaufen – für alle Beteiligten.
Notnägel
Was heute unter „Bildungsreformen“ verhandelt wird, sind in Wahrheit Notnägel, damit der der Betrieb nicht vollends zusammenbricht. Da werden dann punktuell „Brennpunktschulen“ finanziell unterstützt oder lernschwache Kinder „gezielt“ gefördert, um so die extremsten Auswüchse eines auf Spaltung angelegten, streng gegliederten Schulsystems irgendwie abzumildern. Ohnehin sind die Chancen auf Bildungserfolg wie bei keiner anderen der führenden Wirtschaftsnationen so ungleich verteilt wie in der einst von Angela Merkel (CDU) ausgerufenen „Bildungsrepublik“. Die neuesten PISA-Ergebnisse belegen das einmal mehr. Wer arm und „bildungsfern“ geboren wird, bleibt das in der Regel ein Leben lang. Anderen Staaten gelingt es durchaus, solche sozialen Unwuchten tendenziell zu entschärfen. In Deutschland dagegen verschärft sich die Lage.
Was auch sonst? Bei lahmender Konjunktur zeigt der Wachstumspfeil in puncto Armut seit Jahren steil nach oben. Die bildungspolitischen Verrenkungen ähneln insofern denen in der Wohnungspolitik. Man baut nach Jahrzehnten der Untätigkeit ein paar Sozialwohnungen mehr. Aber nebenbei fällt ein viel größerer Bestand aus der Sozialbindung. Alles Flickschusterei! Oder Augen zu und durch. Praktisch überall in der Welt hat sich inzwischen herumgesprochen, dass die Beschulung mit digitalen Medien den Lernertrag von Heranwachsenden schmälert, neben vielfältigen anderen sozialen und seelischen Schäden, die der übermäßige Konsum von Smartphone und Tablets anrichtet. Mehrere Länder wollen deshalb die Geräte aus dem Unterricht wieder verbannen beziehungsweise sind schon dabei, darunter der ehemalige PISA-Überflieger Schweden.
Wann fällt der Groschen?
Anders in Deutschland: Hier werden die Klassenzimmer nach Ende des ersten Digitalpakts qua Digitalpakt 2.0 mit noch mehr Technik geflutet. Dahinter steht einerseits die irrwitzige Hoffnung, so auf längere Sicht mittels „Digital Learning“ dem Pädagogenschwund zu begegnen („Unser Lehrer Dr. Google“). Handlungsweisend war aber mehr noch die Lobbymacht der hiesigen IT-Industrie, die ihre Produkte loswerden will und darauf pfeift, welches Chaos ihr Gebrauch in Kinderköpfen hinterlässt. Immerhin dem Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU), dämmert das. Unter dem Eindruck des nächsten PISA-Schocks verlangte er am Dienstag, die Nutzung von Social Media für Kinder und Jugendliche einzuschränken. „Wie viel wissenschaftliche Evidenz brauchen wir eigentlich noch, bevor wir handeln?“
Oder anders: Wie viele Beweise brauchen wir eigentlich noch, um zu begreifen, dass der Neoliberalismus der großen Mehrheit der Menschen Nöte, Ängste und Elend bringt – und Verblödung. „Was heute die 15-Jährigen können, konnten früher 13-Jährige“, beklagt Samuel Greiff, der hierzulande die PISA-Untersuchung leitet.
Fragt der Lehrer: „Wo liegt Pisa?“ Antwort: „Wieso? Ist der Turm jetzt umgefallen?“ Hauptsache, die Bundesregierung behält den Durchblick … Die schickt sich an, den Bildungs- und Familienetat für 2027 um knapp 1,2 Milliarden Euro zu kürzen.
Titelbild: FrankHH / Shutterstock
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