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Titel: Deutsche Friedensfreunde mit Tolstoi-Schauspiel auf Russland-Tour

Datum: 12. September 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Friedenspolitik, Kultur und Kulturpolitik, Länderberichte
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Trotz der von der Bundesregierung angekündigten Schließung des Russischen Hauses in Berlin und der darauffolgenden Ankündigung von russischer Seite, das Goethe-Institut in Russland zu schließen: Der kulturelle Austausch zwischen Russland und Deutschland lässt sich mit administrativen Maßnahmen nicht beenden. Das zeigt die Reise von drei deutschen Friedensaktivisten, die auf eigene Faust nach Russland fuhren, um mit lebensgroßen Puppen die Erzählung des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi „Was braucht der Mensch zum Leben“ aufzuführen. Die Puppen wurden anschließend dem Tolstoi-Zentrum in Tula als Geschenk übergeben. Mit den Russland-Reisenden hat Ulrich Heyden (Moskau) gesprochen.

Das „Haus der deutschen Wirtschaft” [1] in Moskau ist nicht gerade ein Ort, an dem man die Aufführung eines Puppentheaters erwartet. Das moderne Haus liegt im Zentrum von Moskau nahe der U-Bahn-Station Poljanka in der Ersten Kosaken-Gasse. In einem Saal des Hauses führten drei Deutsche am 26. August ein Puppentheaterstück auf. Dabei saßen sie meistens, denn eine lebensgroße Puppe zu führen braucht Stabilität und Kraft. Aufgeführt wurde ein Auszug aus der Erzählung „Wovon der Mensch lebt“, welche der russische Schriftsteller Lew Tolstoi 1881 zu Papier brachte.

Organisator der Veranstaltung war der Moskauer Rotary Club. Etwa 50 Deutsche und Russen waren zu der Vorstellung gekommen. Es waren Studenten, Wissenschaftler, deutsche Unternehmer und Mitarbeiter deutscher Firmen in Russland. Unter den Zuschauern war auch der ehemalige Moskau-Korrespondent des WDR, Hermann Krause, der jetzt das Moskauer Büro der Deutschen Kriegsgräberfürsorge leitet.

Wer waren die drei Reisenden aus Deutschland?

Die drei Deutschen, die mit lebensgroßen Puppen vor das Publikum traten, waren Natali Wenzel aus München, Simon Tobias Marner aus dem Ruhrgebiet und die Schauspielstudentin Alina aus Berlin. Die drei hatten sich über die Netzwerke der deutschen Friedensbewegung kennengelernt. Ende August reisten sie zehn Tage mit lebensgroßen Puppen, die sie aus Deutschland mitgebracht hatten, durch den nordwestlichen Teil Russlands.

Die drei Reisenden aus Deutschland erklärten dem Publikum, ihre Reise habe – so wie die Tolstoi-Erzählung – etwas mit Liebe zu tun: „Wenn die Organisationen ausfallen, dann müssen die Menschen selbst aktiv werden.“ Mit diesen Worten beschrieben sie die schwierige Lage, in denen sich die deutsch-russischen Beziehungen seit 2022 durch Sanktionen und einseitige Medienberichterstattung befinden.

Die von den drei Deutschen aufgeführte Erzählung „Wovon der Mensch lebt“ handelt von dem Schuster Semion, der, obwohl er selbst in ärmlichen Verhältnissen lebt, den Obdachlosen Michailo bei sich aufnimmt. Später stellte sich heraus, dass der Obdachlose ein von Gott geschickter Engel ist, der herausfinden soll, wovon die Menschen leben. Nach dem, was Michailo auf der Erde erlebt, folgert er: „Den Menschen scheint es nur so, als lebten sie von der Sorge um sich selbst; in Wahrheit leben sie nur von der Liebe“.

Warum sollten die Puppen nach Russland?

Im Rahmen ihres Auftrittes in Moskau berichteten die drei Friedensfreunde aus Deutschland in Wort und Bild, wie es zu der Idee gekommen war, mit lebensgroßen Puppen nach Russland zu reisen und dort etwas aufzuführen. Die Idee für die Reise stammt von dem Künstler Rolf Arnold Landen [2] (Jahrgang 1938). Er hatte bei Joseph Beuys Kunst studiert und in Wolfsburg ein eigenes Puppentheater geleitet. Landen führte auch – mit von ihm selbst geschaffenen Puppen – die Erzählung von Tolstoi, „Wovon der Mensch lebt“ auf, das erste Mal 1984. Als Landen das Tolstoi-Stück später in Rumänien aufführen wollte, schuf der rumänische Bildhauer Costache Gavril Șiriteanu eine zweite Garnitur Puppen für Aufführungen in Rumänien.

In hohem Alter erklärte Arnold Landen dann seinem Neffen Tobias Marner, er möge bitte die für das Tolstoi-Stück in Rumänien geschaffenen Puppen einer kulturellen Einrichtung in Russland übergeben, damit sie in Russland genutzt werden können. Die zweite Garnitur der Puppen bleibe in Deutschland.

Die drei Friedensfreunde erklärten während ihrer Vorstellung, warum der Künstler Arnold Landen ein besonderes Interesse an Russland hatte. Landen war eng mit dem Maler Richard Engels (Jahrgang 1914) befreundet. Engels wurde als Soldat im Zweiten Weltkrieg schwer verletzt. Drei Geschosse steckten in seiner Lunge. Doch eine russische Ärztin und ein russischer Soldat retteten ihm das Leben. „Menschen, die er töten sollte, töteten ihn nicht. Sie hatten Mitleid mit ihm.“ Darauf beschloss Richard Engels, sein Leben der Kunst und der Verständigung zwischen den Völkern zu widmen. 1960 fuhr Engels nach Russland. Er malte zahlreiche Bilder mit russischen Motiven und Bildern [3] zu den Erzählungen von Tolstoi.

Die Aufführung in Moskau

Die Zuschauer in Moskau waren von der Vorstellung sehr angetan, das zeigten die zahlreichen Wortmeldungen nach der Vorstellung. Auch wenn es bei der Aufführung manchmal stockte, weil für die Bedienung der multimedialen Technik jemand auf die Schnelle eingewiesen werden musste. Der Gedanke, dass Liebe eine große Kraft ist, hatte den Raum erfüllt und war auf die Zuschauer übergesprungen. Noch lange nach der Vorführung standen die Zuschauer beisammen und tauschten sich aus.

Dass die drei Friedensfreunde aus Deutschland sich auf den Weg nach Russland gemacht hatten, das hatte auch biografische Gründe.

Tobias Marner ist Wasseringenieur und aktiv in der deutschen Friedensbewegung. Er besuchte Moskau bereits 2013, als eine Bekannte dort bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft teilnahm. Die Studentin Alina hat russische Eltern. Sie studiert an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch” in Berlin. Natali Wenzel ist eine Russlanddeutsche aus Nowosibirsk. Sie lebt und arbeitet seit 1995 in Deutschland. Natali hatte bis 2018 eine Firma, welche Geschäftsanbahnungen zwischen deutschen und russischen Unternehmern begleitete. Aufgewühlt durch die Ereignisse im Jahr 2014, startete sie bei Radio Free FM Ulm die Sendung „Russki Express“, die es bis heute gibt. 2023 zog Natali Wenzel nach München. Dort bekam sie eine Arbeit als Schneiderin an der Staatsoper, denn sie hat eine Ausbildung als Textilfachfrau. Inzwischen betreut Natali Wenzel in der Staatsoper den Community-Bereich.

Auftritte in mehreren russischen Städten

Die Reisenden aus Deutschland traten im Rahmen ihrer selbstorganisierten Reise mit ihren Puppen in mehreren Städten auf: in St. Petersburg in der Tolstoi-Bibliothek, in Weliki Nowgorod im Kulturzentrum „Dialog“ und in Tula im Tolstoi-Zentrum. Auf der Veranstaltung in Tula wurden die Puppen aus Deutschland der Leiterin des Tolstoi-Museums in Jasnaja Polana, Jekaterina Tolstaja, feierlich als Geschenk übergeben. Auf allen Veranstaltungen wurden die drei Deutschen sehr herzlich empfangen, erzählte Natali Wenzel.

„Vielleicht kommen wir aus Russland nicht mehr raus …“

Eigentlich wollten an der Russland-Tour mit Puppen acht Personen aus der deutschen Friedensbewegung teilnehmen. Doch fünf Interessenten sprangen ab, erzählte Natali Wenzel. „Sie hatten Angst bekommen. Sie fürchteten, dass, wenn russische Raffinerien bombardiert werden, die ganze russische Wirtschaft zusammenbricht und man dann aus Russland nicht mehr rauskommt.“ Aber man habe die Reise wegen der Absagen nicht abbrechen wollen. „Wir hatten die Reise lange vorbereitet. Unsere Gastgeber hatten sich sehr bemüht. Wir wollten unser Projekt nicht abbrechen.“ Von Benzinmangel sei die Dreiergruppe auf ihrer Reise nicht betroffen gewesen.

Natali Wenzel berichtete, die Reise sei von den Teilnehmern selbst organisiert und finanziert worden. Sponsoren gab es nicht. Eintrittsgelder wurden nicht genommen. Ziel der Reise war der kulturelle Kontakt zur russischen Gesellschaft. Kommerzielle Interessen gab es nicht.

Die Begegnung am Grab von Tolstoi

Auf der Reise gab es ein besonderes Erlebnis. Nach der Besichtigung des Wohnhauses von Lew Tolstoi in Jasnaja Polana besuchten die drei aus Deutschland auch das Grab des Schriftstellers in einem Park unweit des Tolstoi-Wohnhauses.

Am Grab sahen sie zwei Männer. Ihr sei gleich aufgefallen, dass dem einen ein Bein und dem anderen ein Arm fehlte. „Die Männer trugen Prothesen. Es war ein merkwürdiger Zufall. Wir waren in einer so friedlichen Stimmung. Das gute Wetter, die Vögel zwitscherten. Und plötzlich sagten diese Männer zu uns, können Sie uns fotografieren?“ Natalia erzählt weiter: „Das war eine rührende Überschneidung, denn unsere Tolstoi-Geschichte handelt von Liebe und Barmherzigkeit. Wir sind dann ein Stück zusammen gelaufen. Diese Begegnung hat uns sehr bewegt.“

Wie sich im Gespräch herausstellte, waren die beiden Männer kriegsversehrte Sportler, die in der nahegelegenen Stadt Tula gerade an einer Sportveranstaltung für Kriegsversehrte teilnahmen und einen Abstecher zum Grab des Schriftstellers gemacht hatten.

„Mütter gebären Kinder nicht für Kriege“

Ich fragte Natalia Wenzel, wie ihr Leben nach ihrer Rückkehr nach Deutschland aussieht. Natalia erzählte, dass sie einen 30 Jahre alten Sohn hat. Und dann sagte sie mit trauriger Stimme: „Mütter gebären Kinder nicht für Kriege“. Einmal haben sie in Deutschland zu diesem Thema eine kurze Rede gehalten. „Die Zuhörer haben geweint. Mütter bringen ihre Kinder unter Schmerzen zur Welt, egal, ob sie Ukrainer oder Russen sind.“ Manchmal hat Natalia den Wunsch, eine Frauenbewegung für den Frieden zu organisieren.

In Deutschland habe sie von vielen Menschen gehört: „Solange der Krieg läuft, fahre ich nicht nach Russland.“ Wie kommt es zu so einer Haltung? Frau Wenzel meint, dass „in Deutschland falsche Vorstellungen über Russland kursieren“. So sei in Deutschland unbekannt, dass die Russen zwischen dem deutschen Volk und der deutschen Elite unterscheiden. Es gäbe in Russland keinen Hass gegen „die Deutschen“.

Der Autor dieser Zeilen hat den Eindruck, dass viele große deutsche Medien sich Russland aus deutscher Sicht vorstellen. Wenn es in Deutschland eine Russophobie gibt, dann müsse es – aus Sicht dieser Medien – in Russland zwangsläufig Hass auf Deutsche geben. Aber diese Sichtweise blendet aus, dass die russische Führung und die russischen Medien zwar die deutsche Politik verurteilen, aber dass sie keinen Hass auf alles Deutsche verbreiten.

„In meiner Brust schlagen zwei Herzen“, sagte Frau Wenzel. „Ich lebe seit 31 Jahren in Deutschland und trage immer noch die selbst auferlegte ‚moralische‘ Verantwortung für Russland. Und wenn ich in Russland ein Gespräch über Deutschland führe, dann trage ich ‚Verantwortung‘ für Deutschland.“ Mit diesen Worten beschreibt Natali Wenzel vermutlich ein Gefühl, welches viele Russlanddeutsche, die in Deutschland leben, kennen.

Titelbild: Ulrich Heyden


[«1] Das Haus der Deutschen Wirtschaft wurde 1997 von deutschen Politikern, Unternehmern und Bankern eingeweiht. Das Haus ist heute kein offizieller Ort der deutschen Wirtschaft mehr. Eine russische Firma vermietet in dem Gebäude Räume an Firmen, u.a. auch deutsche Firmen.

[«2] Website von Arnold Landen maler-arnold-landen

[«3] Rolf Arnold Landen beschreibt das Gemälde von Richard Engels, „Wovon der Mensch lebt“ Gregor Hesse Directing Professor Arnold Landen discussing artwork By Horus Engels


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