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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Wundervolle Aktion für die Menschenrechte: 1.355 langsam und einzeln ausgesprochene Worte
Datum: 27. September 2026 um 10:00 Uhr
Rubrik: Erosion der Demokratie, Kultur und Kulturpolitik, Wertedebatte
Verantwortlich: Redaktion
Unterdrückung und Ungerechtigkeit sind fortlaufend ungebremst wirksame, zerstörerische Faktoren unserer Gesellschaften. Das Schweigen der Guten zum gierigen Treiben der Bösen ist die eigentlich noch größere Tragödie. Doch las ich gerade, dass diese Stille endlich zunehmend durchbrochen werde – und sei es mit kleinen Aktivitäten. Laut und deutlich, geduldig und Geduld fordernd kam es im Sommer in Österreich zu einer politischen Kunst-Aktion, die ganz und gar nicht schweigend daherkam: „Wort für Wort – totale Rezitation der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“. Von Frank Blenz.
Der Wohlstand schwelgt, und doch gibt es Aktivitäten wider die Sattheit
Die österreichische Hauptstadt Wien und viele Menschen in der Altstadt, in den Parks, Museen, weitläufigen Anlagen erlebte und beobachtete ich in diesem Sommer bei einem Ausflug als eine überaus mondäne, aufgeräumte und zufriedene Gesellschaft. Gut geht’s ihnen und sie zeigen es auch. Was scheren mich die Not der anderen, die Probleme der anderen, die Welt da draußen, las ich geradezu manche Gedanken der feinen Leute. In der schönen, wohlhabenden City rund um den Stephansdom präsentierten sich der Reichtum und die Schönheit ausladend. Die schicken Außenbereiche der Gastronomie waren gut gefüllt. Aus den zahlreichen teuren Edelboutiquen traten zufriedene Kunden mit Einkaufstaschen voller Luxuswaren. So, wie bei mir zu Hause in Deutschland das Parlament Pause machte, schien die Politik auch an der Donau kein Thema zu sein. Wobei mir der Zusammenhang zwischen politischem Handeln und dem Ergebnis, hier großer Reichtum in Wien, treffsicher vor Augen geführt wurde …
Und doch gab es etwas zu erleben fern von Opulenz, fern der Ablenkung durch museale Kunst, feine Architektur, prächtige Kirchensäle und großstädtische, gepflegt ausufernde bourgeoise Lebensart. So hörten Passanten (einer davon war ich) aus dem Vorgarten des Wiener Weltmuseums ungewöhnliche, langsam und stilistisch unterschiedlich ausgesprochene Begriffe, die erst beim Nähertreten einen Zusammenhang ergaben. Wort für Wort bildeten sich Sätze. Wort für Wort von jeweils einem anderen Menschen gesprochen, wurde deren Vortrag die Präsentation der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Erklärung stammt aus dem Jahr 1948, es ist eines der wichtigsten Dokumente der Weltgemeinschaft. An einem Gestell waren Plakate und Lautsprecher montiert, im Hof des Wiener Weltmuseums gab es Sitzgelegenheiten zum Innehalten für Interessenten und Neugierige der Aktion „Wort für Wort – totale Rezitation der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“.
Jede Aktion lohnt, jedes Brechen des Schweigens – richtig und wichtig
Ich betrat den Innenhof vor dem Weltmuseum, nahm mir Zeit und spürte eine anfängliche Irritation. Die Situation war spannend, ich wünschte, es wären mehr Leute vom Burgring aus abgebogen. Ich fragte mich: Wer hört schon mal Sätze in der Form, dass nach jedem Wort ein anderer Mensch das darauffolgende sagt, nach und nach der Text der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, 30 Artikel insgesamt, vor einem liegt? 1.355 Wörter umfassend. Ich las vor Ort, dass diese Aktion sehr politisch motiviert und eindringlich war. Für Menschlichkeit und die Freiheit der Grundrechte hatten schon 2025 mehr als tausend Menschen vor dem Portal des Wiener Volkstheaters auf dem Heldenplatz ihre Stimme erhoben. Einer Idee des Künstlers Gerhard Rühms folgend, Legende der österreichischen Nachkriegsavantgarde, wurde damals einzeln und nacheinander, Wort für Wort, die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ vorgelesen. Die 1.355 gesprochenen Worte der Deklaration wurden bei der mehrstündigen Aktion über zwei große Lautsprecher in den Wiener Stadtraum getragen und parallel aufgezeichnet. In diesem Sommer 2026 nun, im August, wurden die Aufnahmen nochmals präsentiert. Ich hörte eine halbe Stunde zu.
Die Präsentation war das eine, in Teilen stand die Erklärung zum Nachlesen auf festen Transparenten. Verlinkungen zum Informieren fehlten nicht. Nur ein paar Minuten Lektüre reichten selbst für den oberflächlichen Betrachter, die Wucht, die Wichtigkeit, die brennende Aktualität der 1.355 Worte zu spüren.
Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ ist eine besondere Schrift, sie ist eine der großartigsten Schriften der Menschen, sie steht an der Spitze schriftlicher Manifeste unserer Gesellschaften. Und sie hat einen Fehler, sagen Kritiker, trägt sie nun mal deutlich die Handschrift westlich geprägter Initiatoren. Die Vereinten Nationen verkündeten 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, ein Dokument für alle Völker, zukunftsweisend, erschaffen im Rückblick auf den bis dahin schlimmsten Krieg in der Menschheitsgeschichte. Nie wieder soll so ein Krieg geschehen. Dafür braucht es Grundlagen wie so eine Erklärung, die Menschen einander näherbringt statt sie zu entzweien, zu entfremden, zu Feinden zu machen.
30 Artikel versammeln Rechte, Hoffnungen, Wünsche, Möglichkeiten – deren Umsetzung ist immer möglich, wäre der politische Wille dafür Alltag
Ich las die 30 Artikel dann nach und nach und sammelte die vorangestellten Stichwörter. Es dauerte, bis die Liste geschafft war, doch es lohnte sich: Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Verbot von Diskriminierung, Recht auf Leben und Freiheit und Sicherheit, Verbot der Sklaverei und des Menschenhandels, Verbot der Folter, Anerkennung der Rechtsperson, Gleichheit vor dem Gesetz, Anspruch auf Rechtsschutz, Schutz vor Ausweisung und Verhaftung, Anspruch auf faire Gerichtsverfahren, Unschuldsvermutung, Freiheitssphäre des Einzelnen, Freizügigkeit und Auswanderungsfreiheit, Asylrecht, Recht auf Staatsangehörigkeit, Ehe, Familie, Recht auf Eigentum, Gedanken-, Gewissens-, Religionsfreiheit, Meinungs- und Informationsfreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Wahlrecht, Recht auf soziale Sicherheit, Recht auf Arbeit und gleichen Lohn, Recht auf Erholung und Freizeit, Recht auf Wohlfahrt, Recht auf Bildung, Freizeit und Kulturleben, Soziale und internationale Ordnung, Grundpflichten, Auslegungsregel.
Beim Lesen von verschiedenen Kommentaren zur Erklärung wurde mir offenbar, dass die Aufzählung von den Kritikern als ‚Wünsch-Dir-was-Zettel‘ abgetan wird, die meinen, dass Rechte und Forderungen nicht einhaltbar seien, weil man sich die nicht leisten könne. Mir fiel unsere Gesellschaft in Deutschland ein, in der führende Politiker und Akteure an den Schaltstellen der Macht, Entscheidungsträger, einflussreiche Mitbürger ähnlich reden. Wir können uns Rechte und Wohlstand weniger leisten, der Gürtel muss enger geschnallt werden, der Begriff der Freiheit wird mit dem eines fragwürdigen Patriotismus verknüpft. Unsere Ressourcen, unsere Energie, unsere Talente werden umgeleitet und still und leise Inhalte wie die der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zurückgedrängt. Dabei haben schon die Autoren dieses Schriftstücks bedacht, dass es nicht um Schlaraffenland-Fantasien, sondern um die vorhandene Machbarkeit geht:
„Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für die eigene Würde und die freie Entwicklung der eigenen Persönlichkeit unentbehrlich sind.“
Der Alltag ist die Durchsetzung einer Politik – für wenige
Ich hielt inne im Museumshof von Wien. Wir haben zwar das Grundgesetz und die Schriften wie die Deklaration – vonseiten der Entscheidungsträger wird jedoch anders gehandelt, dachte ich. Von wegen Demokratie, da steht ein Wort, damit soll es das gewesen sein. Alles, was danach getan wird, wird als demokratisch definiert, ohne den Nachweis zu erbringen. Ich höre Widerspruch: Was willst Du denn? Wir leben in einer Demokratie. Paradox: Die sei gefährdet, sagen die, die sie grundsätzlich missachten, anders handeln. Sie, die Demokratie, ist nicht gefährdet, sie ist schon demontiert, sie wird kosmetisch aufgehübscht – schön, dass wir darüber geredet haben. Demokratie bedeutet Gerechtigkeit, Sozialverantwortung, Gemeinsinn. Die gegenwärtigen Verhältnisse sind andere. Unter dem Logo Demokratie werden Privateigentum und Macht zum Alleinseeligen durchgesetzt. Monopoly tagein, tagaus, Rüstungsgeilheit, der Krieg wird am Laufen gehalten. Viele Merkmale der Demokratie, z.B. die Meinungsfreiheit, werden plattgemacht. In Gedanken war ich mit dem Künstler Gerhard Rühm im Dialog. Die Demokratie ist grundsätzlich beschädigt, auch weil viele Menschen fortlaufend unter der Beeinflussung ihres Denkens stehen, weil sie Meinungsmache, Weltanschauungsvermittlung in Form von Realitätsumkehr erleben. Warum ist es so, dass ein Arbeiter den politischen Ansatz, der ihn achtet und fördert, schlecht findet, ablehnt, gar bekämpft? Warum folgen die einfachen Leute den Erzählungen der Eliten?
Das Schweigen der Guten zum Treiben der Bösen ist die größte Tragödie
Keine Rede, keinen Satz des amtierenden deutschen Regierungschefs empfinde ich nach, wie ich die Worte der Deklaration empfinde. Das hat einen Grund: Während die Motivation der Autoren der Deklaration tief mit dem Inhalt verbunden ist, fühle ich bei unserem Kanzler keine Empathie, ich vermute andere Motivationen. Warum hat der Bundeskanzler sich noch nie über den Zusammenhang BlackRocks mit dem, was er tut, geäußert? Dass er Worte wählt, die jedem normalen Bürger einer Beleidigung gleichkommen müssen, wird von seinem Umfeld und denen, die immer noch folgen (warum auch immer), durchgewinkt.
Ich denke an NachDenkSeiten-Autorin Maike Gosch. Sie hat in ihrem aktuellen Artikel Martin Luther King Jr. zitiert. Das Schweigen der Mehrheit zu Ungerechtigkeit und Unterdrückung ist immer der beste Schutz derer, die diese begehen oder zulassen. Oder, wie Martin Luther King Jr. es formulierte: „Die größte Tragödie ist nicht die Unterdrückung und Grausamkeit der Bösen, sondern das Schweigen der Guten dazu.“
In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht kein Wort von Krieg, von Feindschaft, von Abwendung, von Boshaftigkeit, von falschem Patriotismus.
Ich kam nach Deutschland, nach Hause zurück und las Aussagen von Militaristen, die fordern, dass wir Bürger uns auf Krieg einstellen müssten. Ich höre jetzt vom Kanzler, dass er trotz allem an seinem Regierungsstil festhalten will. Ich bekomme von der bürgerlichen Edelfederpresse serviert, dass der Verteidigungsminister stolz wie Bolle nach Amerika düst, um dort superteure Kampfflieger in Empfang zu nehmen – Flieger, die dazu noch mit Tarnkappen ausgestattet sind. Mann, die sieht der Feind also gar nicht. Die Dinger kosten Zigmilliarden. Das Geld ist dann mal weg für alles, was wichtiger ist im Leben.
Ich lese mir noch mal den Satz aus der Erklärung vor, den aktuell aggressiv agierende Politiker nicht auf dem Zettel haben:
„Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für die eigene Würde und die freie Entwicklung der eigenen Persönlichkeit unentbehrlich sind.“
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