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Titel: Wolfgang Zarnack: „Die große Mehrheit ist gegen Krieg, wir sollten das auch deutlich mitteilen“
Datum: 28. September 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Friedenspolitik, Interviews, Kultur und Kulturpolitik
Verantwortlich: Marcus Klöckner
„Embedded“ – Unter diesem Titel hat der Schauspieler Wolfgang Zarnack im Alleingang eine Miniserie mit 53 Teilen gegen den Krieg produziert. Wie kam es dazu? Was hat ihn motiviert? Im Interview mit den NachDenkSeiten erzählt er, wie es dazu kam, dass er die Schauspielkunst dazu verwendet, seine Stimme gegen den Krieg zu erheben. „Es ging nie gut aus, wenn Deutschland aufgerüstet hat. Dazu wollte ich nicht schweigen“, sagt Zarnack. Sein Vorname „Wolfgang“, sagt der Schauspieler, sei auch der Name des Bruders von seinem Vater gewesen. Sein Vater habe die Bombennächte von Dresden erlebt – und überlebt. Zwei seiner Geschwister seien allerdings bei der Bombardierung Dresdens gestorben. „Meinen Namen trage ich von diesem toten Kind.“ Von Marcus Klöckner.
Sie waren als Journalist „embedded“, also „eingebettet“ in Polen – bei einem Krieg gegen Russland. Wobei, um es richtig auszudrücken: Nicht Sie selbst, sondern der Charakter war „embedded“, den Sie als Schauspieler gespielt haben. Was war das für eine Erfahrung?
Für einen Drehblock bin ich in polnische Wälder gefahren und habe dort etwa die Hälfte meiner Serie gedreht, die von einem fiktiven Krieg in der nahen Zukunft handelt. Die Polenreise war auf jeden Fall eines der Highlights beim Drehen. Spannend, herausfordernd, sehr anstrengend und zugleich sehr befriedigend und sehr frei.
Am besten mal der Reihe nach. Sie haben im Alleingang eine Serie mit bis jetzt insgesamt 53 sehr kurzen Teilen produziert, in der nur Sie als Schauspieler vorkommen. Eine Serie, die den Krieg kritisiert. Wie kam es dazu? Was war Ihre Motivation?
Wir diskutieren zu Hause viel über neue Formate und Filmideen, und oft bleibt es beim Rumspinnen. Aber das Thema hat mich nicht losgelassen. Mich entsetzt die Aufrüstung. Mein Vater ist 1938 in Berlin geboren. Er hat Bombennächte im Berliner Luftschutzkeller erlebt, Flucht, Internierungslager, bei einer Zugfahrt sagte seine Mutter zu ihm: „Schau, da hinten am Horizont – das brennende Dresden.“ Zwei seiner Geschwister haben Flucht und Hunger nicht überlebt. Sein Bruder hieß Wolfgang – meinen Namen trage ich von diesem toten Kind.
Wenn jetzt wie selbstverständlich wieder von „Kriegstüchtigkeit“ geredet wird, während wir uns für Aufrüstung im großen Stil verschulden, bekomme ich es mit der Angst zu tun – auch für meine beiden eigenen Kinder. In der breiten Öffentlichkeit wird völlig unwidersprochen zu den Waffen gerufen, in einem Maße, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Es ging nie gut aus, wenn Deutschland aufgerüstet hat. Dazu wollte ich nicht schweigen. Eine Geschichte zu erzählen, ist meine Art, sich einzubringen. Das Handyformat und die kurzen Folgen erschienen mir ein gutes Mittel dafür. Niedrigschwellig, jeder hat es zur Hand und kann auf dem Weg zur Arbeit oder in einer kurzen Pause eine Folge sehen und die Gedanken dazu sacken lassen. Dazu kam, dass ich ein freies Zeitfenster hatte und dieses sinnvoll nutzen wollte. Also hab ich mich entschlossen, es wirklich anzugehen. Frei nach dem Motto: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Fehlt es Ihnen an kriegskritischen Stimmen in der Öffentlichkeit?
Ja. Natürlich gibt es sie, aber sie kommen in den großen Medien, meiner Ansicht nach, zu wenig vor. Es sind mir also deutlich zu wenige. Insgesamt wundere ich mich, dass das Thema offenbar in der Bevölkerung bisher so wenig angekommen ist. Verglichen mit dem, was uns droht, sollte es wirklich zum heißen Krieg kommen, ist das erschreckend leise. Die große Mehrheit ist gegen Krieg, wir sollten das auch deutlich mitteilen.
Nun zu der Serie und dem Hauptdarsteller. Ihre Filmfigur ist ein Journalist. Bitte erzählen Sie uns mehr über diese Figur und davon, wie die Handlung aussieht.
Die Geschichte spielt 2029, basierend auf realen Kriegsszenarien. Meine Figur ist Sportjournalist aus Hannover und ich habe mich bemüht, einen typischen Bürger unserer Zeit abzubilden. Er ist erschöpft von dem, was er macht, und sucht Sinn in seiner Tätigkeit. Deswegen meldet er sich als Embedded-Journalist, um die Truppe zu begleiten. Um sich zu erklären und seinen Weg zu dokumentieren, nimmt er ein Videotagebuch für seine kleine Tochter auf. Und in diesem Setting erleben wir die Geschichte. Wie er mit Themen konfrontiert wird, die er nicht auf dem Schirm hatte, und so Stück für Stück seine Weltsicht ins Wanken kommt; quasi einem Realitätscheck unterworfen wird. Jede der 53 Folgen hat ein eigenes kleines Thema, sei es Eltern-Kind-Beziehung, sei es Medienkritik oder das eigene Selbstbild in einer Krisensituation. Und gleichzeitig geht die äußere Handlung, also das Kriegsgeschehen, stetig weiter.
Warum haben Sie die Figur so angelegt? Was ist die Absicht der Serie? Welche Botschaft steht im Raum?
Ich habe Markus bewusst als nachdenklichen, liberalen Durchschnittsmenschen angelegt. Dadurch, dass er so „normal“ ist, habe ich die Hoffnung, dass sich viele mit ihm identifizieren können. Ich will viele Menschen mit der Serie erreichen. Und gleichzeitig will ich einen Diskurs anregen. Ich glaube, es gibt keinen Menschen, der nicht einmal an einer Stelle laut aufschreien und der Figur widersprechen möchte. Das finde ich wichtig, weil wir, aus meiner Sicht, wirklich wieder lernen müssen, mit gegensätzlichen Positionen gesund klarzukommen.
Darüber hinaus war es mir wichtig, den Krieg zu zeigen. Ich bin eben mit den Geschichten über Krieg aufgewachsen, von klein auf. Jetzt kann man natürlich fragen, ob das so sinnvoll ist (lacht), aber ich habe schon den Eindruck, dass die Schrecken des Krieges in der breiten Öffentlichkeit ziemlich in Vergessenheit geraten sind. Welche Botschaft jeder am Ende mitnimmt, würde ich gerne den Zuschauern überlassen. Ich glaube, das ist diverser, als ich es mir erträumen kann.
Wie war das für Sie, diese Figur zu spielen, aber auch überhaupt, dieses Projekt zu bewerkstelligen? Erzählen Sie uns bitte noch mehr von Ihren Erfahrungen. Und: Was waren die Herausforderungen?
Das Spielen hat mir großen Spaß gemacht. Ich finde, es gibt durchaus auch einige Stellen, die ganz lustig geworden sind. Wieder eine Figur auf so einem langen und durchaus intensiven Weg zu begleiten, war sehr schön und sehr erfüllend. Aber das Drehen selber ist ja bei so einem Projekt der kleinste Teil. Normalerweise bereite ich mich vor, begreife die Figur, arbeite ihr Ziel heraus und lerne meinen Text. Dann fahre ich irgendwohin, wir drehen und ich fahre wieder heim.
Diesmal fing die Arbeit schon lange vor der ersten Drehbuchfassung an. Dann die ganze Drehvorbereitung: Kostüm, Requisiten und Ausstattung mussten besorgt werden. Und nach dem Dreh ging es an den Schnitt. Das war die größte Arbeit. Nebenbei habe ich versucht, eine öffentliche Wahrnehmung herzustellen. Das ist wahrlich nicht mein Steckenpferd. Jede dieser Aufgaben ist ein eigener Job für sich und die größte Herausforderung war, dass ich alles alleine gemacht habe. Auch in Bereichen, in denen ich kaum Erfahrungen hatte und dort also immer wieder aus meiner Komfortzone raus musste.
Wie sieht es in der Filmbranche aus beim Thema Kritik an Aufrüstung, Krieg, Konfrontationspolitik gegenüber Russland? Wie denken Ihre Kollegen? Haben Sie da Einblicke?
Unsere Branche ist ja eine, die ungern aneckt. Bei Themen, die auch medial weitverbreitet sind, sind viele sehr engagiert und zeigen sehr gern laut und stolz ihre Haltung. Sehr selten aber, wenn sie von der breiten Masse abweicht. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Aber meistens erlebe ich sie überwiegend angepasst. Beim Thema Krieg nehme ich jedoch eine deutliche Zurückhaltung wahr. Klar, so ein paar Ukrainefahnen, aber wenig öffentliche Forderungen zum Beispiel nach Aufrüstung. Vielleicht kommt das noch, wenn das Thema noch heißer wird. Vielleicht überraschen sie mich aber auch und sie erkennen die Notwendigkeit, hier mal klar und unmissverständlich Farbe zum Frieden zu bekennen. Auf der Leinwand lieben wir ja mutige Figuren. Vielleicht färbt das ja mal ab. Privat rede ich eigentlich kaum noch über Politik mit Kollegen.
Nun haben Sie als Schauspieler Ihre Stimme gegen den Krieg erhoben. Was meinen Sie: Was können all die anderen Bürger tun?
Jeder kann sich auf seine Art für Frieden engagieren. Laut werden, klar Farbe bekennen, auch wenn es Gegenwind gibt. Ich glaube, wir dürfen aber nicht den Fehler machen und uns mit anderen vergleichen: „Der hat sich 6 Monate rausgenommen und eine eigene Serie gemacht. Das kann ich gar nicht, weder finanziell noch handwerklich. Dann kann ich ja gar nichts machen.“ Das ist natürlich Unfug. Jeder kleine Schritt in die richtige Richtung zählt. Jede Hand, die man einem vermeintlichen Gegner reicht, zählt. Jeder auf seine Weise in seinem Tempo, nach seinen Möglichkeiten, nach seinem Mut. Sehr hilfreich dabei ist es, wenn man nicht alleine agiert, sondern sich mit Gleichgesinnten zusammentut. Es also nicht so zu machen wie ich (lacht). Es also nicht alleine zu machen. Was ich vor allem nicht alleine kann, ist, die Serie breit bekanntzumachen. Dafür braucht es viele Menschen, die mich dabei mit kleinen Schritten unterstützen. Wer sie gut findet, wen sie berührt, der kann das ganz einfach weitersagen.
Anmerk. Red.: Die Serie von Wolfgang Zarnack findet sich auf Youtube: Playlist und alle weiteren Informationen auf: wolfgangzarnack.de/embedded.html
Titelbild: Wolfgang Zarnack
Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/
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