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Titel: Inside CDU – die Amthor-Partei zeigt Vergreisungserscheinungen
Datum: 30. September 2026 um 9:00 Uhr
Rubrik: CDU/CSU, Generationenkonflikt, Wahlen
Verantwortlich: Jens Berger
Die ZDF-Doku „Inside CDU“ hat für Schlagzeilen gesorgt. Wie üblich arbeiten sich sowohl „das Netz“ als auch die traditionellen Medien jedoch an Lappalien wie dem Strandkorb ab, den der CDU-Nachwuchspolitiker Philipp Amthor sich auf den geräumigen Balkon seines noch geräumigeren Büros im Bundeskanzleramt hat stellen lassen. Kinderkrams. Viel interessanter ist, was die in der Tat unfreiwillig sehenswerte Produktion ohne Kommentar zwischen den Bildern zeigt – eine siechende ehemalige Volkspartei mit Vergreisungserscheinungen. Dafür ist Amthor als Greis im Körper eines als Greis verkleideten Kindes vielleicht sogar das passende Bild. Von Jens Berger.
Warum Philipp Amthor überhaupt zu nationaler Berühmtheit gelangte, ist ein offenes Rätsel, das wohl mit einer Art von Humor zu tun hat, die ich nicht verstehe. Seine „politischen Positionen“ sind altbacken, spießig und abgestanden. Sein onkelhaftes Verhalten ist eigentlich nur peinlich. Klar, irgendwie ist es schon „witzig“, wenn ein so „drollig“ aussehender junger Mann in der Verkleidung eines Politikers derart altbacken, spießig und abgestanden daherredet. So geht wohl die Art Humor, die beispielsweise bei der „Heute-Show“ im ZDF gefeiert wird. Heintje meets Meister Joda, und fertig ist die „Nachwuchshoffnung“ der CDU. Früher hätte man wohl gesagt, Amthor sei ein „Schwiegermutter-Typ“. Doch auch das ist eher Humor aus den 1970ern. Würde heute meine hypothetische Tochter (ich habe nur einen Sohn, und der ist fast in Amthors Alter) mit so einem Typen auftauchen, würde ich ihn mit Androhung von körperlicher Gewalt vom Hof jagen und mich fragen, was in der Erziehung meiner Tochter falsch gelaufen ist. Wenn überhaupt, wirkt Amthor eher wie ein Erbschleicher, der demente Damen im Pflegeheim um Haus und Hof bringen will. Und genau das passt ja auch irgendwie wieder ganz ausgezeichnet zur CDU. Sich über Amthor aufzuregen, ist aber weder originell noch zielführend.
Interessanter als die erwartbar peinlichen Amthor-Szenen und die offenbar unvermeidbaren Einordnungen des Gesehenen durch Großjournalisten sind bei der ZDF-Doku die szenischen Bilder und die Schnittfolge. Da sieht man beispielsweise den sachsen-anhaltinischen CDU-Spitzenkandidaten Schulze bei Wahlkampfveranstaltungen. Außer den Damen vom Catering ist wohl kein Anwesender unter 60, und das gesamte Sujet erinnert eher an eine klischeehafte Verkaufsveranstaltung für Heizdecken im Altersheim. In einer anderen Szene tritt Carsten Linnemann in Paderborn auf – zu Gast der 70er-Jahre-Schlagerstar Vicky Leandros und ein Publikum, das sicher in seinen besten Jahren die Langspielplatten von Frau Leandros kaufte.
Ähnlich bei den Bildern vom CDU-Wahlkampf auf der Straße – noch nie habe ich in einer politischen TV-Dokumentation so viele Rollatoren gesehen. Die CDU-Slogans vom „Anpacken“ und vom „Fortschritt“ werden durch diese Bilder meisterlich konterkariert. Und sogar die gezeigten Hochbetagten sind unzufrieden und zeigen der CDU meist die kalte Schulter. Auf eine seltsame Art könnte einem die CDU ja fast leidtun.
Schnitt. Philipp Amthor grienend unter Greisen bei Blasmusik. Schnitt. Sven Schulze fährt im Fonds seiner Limousine durchs menschenleere Sachsen-Anhalt. Schnitt. Eine AfD-Wahlkampfveranstaltung mit einem dynamisch wirkenden Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund inmitten einer vergleichsweise jungen Menschenmenge. Man steht an, um ein Selfie mit Siegmund zu machen. Schnitt. Sven Schulze allein am Elbstrand, macht ein Selfie mit einer älteren Dame mit Rollator und erzählt etwas von der Zukunft. Unabhängig von Inhalten oder politischen Positionen: Diese Bilder sind eine recht gute Zustandsbeschreibung für die derzeitige geistige Verfasstheit des Landes. In der Provinz schlägt der Zeitgeist rechts, in den Metropolen schlägt er links. Und es gibt wohl keine Partei, der der Zeitgeist derart entglitten ist wie der CDU. Sie wirkt wie ein Kännchen Kaffee HAG in der Szene-Kaffeemanufaktur oder wie ein Fax-Gerät im Smartphone-Laden.
Die Zahlen untermauern diesen Eindruck. Nehmen wir die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz als Beispiel für ein ländlich geprägtes westdeutsches Flächenland. Dort holte die CDU bei den Erstwählern (18 bis 24 Jahre) 15 Prozent der Stimmen, bei den über 70-Jährigen hingegen 45 Prozent. Die AfD konnte bei den Erstwählern 21 Prozent und bei den Ü70-Wählern elf Prozent für sich verbuchen. Die Linke kam bei den Erstwählern auf 16 Prozent und bei den Ü70-Wählern auf gerade einmal ein Prozent der Stimmen. In Sachsen-Anhalt erreichte die CDU bei den Erstwählern fünf Prozent, die AfD kam hier auf 41 Prozent. Bei den Ü70-Wählern kam die CDU indes mit 30 Prozent sehr nahe an die AfD mit 31 Prozent heran. Auf der anderen Seite holte die CDU in der Großstadt Berlin bei den Erstwählern acht Prozent, während die Linke hier 43 Prozent erzielen konnte. Bei den Ü70-Wählern kam die CDU hingegen auf 34 Prozent, während die Linke nur 14 Prozent der Stimmen erlangen konnte.
Diese Ergebnisse lassen wenig Interpretationsspielraum zu. Schaut man sich nur die Ergebnisse der Wähler an, die älter als 70 Jahre sind, kommt die CDU immer noch auf die „alten“ Ergebnisse und ist – mit Ausnahme von Sachsen-Anhalt, wo sie einen Prozentpunkt hinter der AfD liegt – immer noch die stärkste Partei. Bei den Jungwählern ist die CDU hingegen komplett abgeschlagen und kommt nur im westdeutschen, ländlich geprägten Rheinland-Pfalz überhaupt auf mehr als zehn Prozent. Bei Jungwählern sind – je nach Region und Struktur – AfD und Linkspartei die großen Gewinner.
Dieser Trend ist übrigens relativ neu. Bei den Bundestagswahlen 2005, also vor etwas mehr als 20 Jahren, war die SPD noch bei den Erstwählern die mit 37 Prozent mit Abstand stärkste Partei, und selbst die CDU konnte damals noch mit 26 Prozent ein ordentliches Ergebnis erzielen, während die Linke (die AfD gab es ja damals noch nicht) mit nur 7,8 Prozent auch bei den Erstwählern eher eine Randerscheinung war. Bis 2021 konnten vor allem die Grünen die Stimmen der SPD und der CDU bei den Erstwählern übernehmen; nach 2021 verloren die Grünen bei dieser Altersgruppe jedoch dramatisch, und seitdem gewinnen AfD und Linkspartei bei den jungen Wählern immer mehr Zustimmung.
Es ist also nicht „nur“ der demographische Wandel, der die CDU abstraft. Es ist eher so, dass die besonders alten Wähler – als einzige demographische Gruppe – der CDU noch die Stange halten. Warum das so ist, ist Interpretationssache. Nimmt die Treue zu „seiner“ Partei im Alter zu? Bietet die CDU vor allem jüngeren Menschen keine glaubwürdige Vision? Oder ist es gar Philipp Amthor, der mit seinem Heintje-Charme die Alten umgarnt? Letzteres schließe zumindest ich aus. Und auch die häufig geäußerten Erklärungen, nach denen Parteien wie die AfD und die Linke halt die Kanäle des jüngeren Publikums bei TikTok und Co. besser „bespielen“, halte ich für ziemlichen Unsinn und eine Beleidigung der Jüngeren. Ja, AfD und Linke verkaufen sich dort in der Tat besser – aber was hätte die CDU auch bei TikTok anzubieten? Einen rappenden Philipp Amthor? Oder einen Friedrich Merz, der den Zuschauern erzählt, wie faul sie sind? Und ja, schaut man sich die Einkommensstatistiken an, erkennt man auch, dass es natürlich vor allem die Jungen sind, die unter den Preissteigerungen, der Wohnungsnot und den ganzen neoliberalen Reformen leiden. Nicht nur die Verpackung, auch die Inhalte der CDU kommen vor allem bei den jüngeren Wählern nicht mehr an.
Die Zahlen und Wahrnehmungen zeigen auch etwas anderes: Die viel zitierte Erosion der Mitte und das Erstarken der Ränder ist weniger eine Frage von Bildung, Herkunft und Sozialisation, sondern auch und vor allem eine Frage des Alters. Wahrscheinlich war die CDU lange der größte politische Profiteur des demografischen Wandels – so langsam sterben ihr, so zynisch dies klingt, die Wähler weg.
Und damit ich bloß nicht falsch verstanden werde: Selbstverständlich gibt es keinen qualitativen Unterschied zwischen „jungen“ und „alten“ Stimmen, und natürlich sind nicht alle Wähler über 70 demente Heimbewohner, die sich von den Amthors eine Heizdecke verkaufen lassen. Ganz im Gegenteil. Es ist nicht erstaunlich, dass die CDU von den „Jungen“ nicht mehr gewählt wird; erstaunlich ist vielmehr, dass sie von den „Alten“ offenbar noch gewählt wird. Ein anderer Teil der Wahrheit ist jedoch auch, dass eine Partei wie die CDU, deren Wählerschaft sich vor allem aus den oberen und obersten Alterskohorten zusammensetzt, keine glaubwürdigen Visionen und Zukunftsversprechen machen muss. Das wiederum wird sicher einer der Gründe sein, warum die Partei von den Jungwählern gemieden wird und Vergreisungserscheinungen zeigt.
Titelbild: Screencap ZDF.de
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