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Titel: Moralisierung und Macht

Datum: 11. Oktober 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Rezensionen, Strategien der Meinungsmache
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Ob Militarisierung, Mediengezänk oder Zerstrittenheit im Privaten, auf anregende Weise ist Stephan Erdmann in seinem neuen Buch „Moral: Die Mär von Gut und Böse“ Zusammenhängen auf der Spur. Denn immer wieder geht es um „Moral“, welche unreflektiert Gültigkeit beansprucht, „obwohl sie immer nur auf regionalen, sozialen, zeitlich und räumlich begrenzten Vereinbarungen beruht“ und je nach Konstellation veränderbar ist. Der daraus entstehende Gruppenzwang ist im Interesse der Macht. Ein imaginäres „Wir“ wappnet sich gegen die „Anderen“. Emotionen schießen hoch. Nicht nur jede Differenzierung wird an den Rand gedrückt, sondern überhaupt ein rationales Herangehen, welches nach Lösungen sucht. Eine Rezension von Irmtraud Gutschke.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Zu Beginn scheint die Argumentation eher theoretisch: „Moralgefühl vs. Ethische Rationalität“. Der Autor möchte seinen Erwägungen eine Grundlage geben, und es ist einem schnell klar: Hier spricht ein nachdenklicher Mensch, geübt in klugem Abwägen und im Sinne dieses Bestrebens nicht selten genervt von all den hohlen Aufgeregtheiten, die uns umschwirren.

Dr. Stephan Erdmann, Jahrgang 1966, ist studierter Philosoph, Soziologe und Erziehungswissenschaftler. Er erklärt, schlussfolgert und sucht Zusammenhänge, sodass er in seinem Text viel weiter ausgreift und im Konkreten viel tiefgründiger ist, als man es nach den ersten paar Seiten vielleicht erwartete. Vom Grundsätzlichen verzweigt sich die Analyse in verschiedene Bereiche der Gesellschaft. Da gelingt es dem Autor, beim Lesen eine Nachdenklichkeit zu wecken, die weiterwirkt, lange nachdem man sein Buch zu Ende gelesen hat. Wobei die Lektüre immer spannender wird, je weiter man vorgedrungen ist – einfach dadurch, dass sie eigene Erfahrungen mobilisiert. Was einen da alles umschwirrt in der Öffentlichkeit, tritt auf erhellende Weise in Verbindung. Ein ideologisches Lügengewebe zerreißt.

Zum Beispiel der Wahlkampf in Berlin: Allenthalben blicken einem von Plakaten kosmetisch retuschierte Gesichter entgegen, und unwillkürlich fragt man sich, ob sie einem sympathisch sind oder nicht. Als ob die Wahl davon abhängen würde, wie jemand aussieht. Wer gewinnt und wer verliert bei derlei „Gesichtskontrolle“, wird vom Eindruck bestimmt. Echte Versprechungen werden nicht gemacht, eher sind es Forderungen, die man vielleicht sogar selbst hat – jeweils mit einem imaginären Ausrufezeichen. Wie sie zu verwirklichen wären, bleibt oft rätselhaft. Parteienfinanzierte Werbeagenturen konkurrieren. Um „Sympathie- oder Beliebtheitswerte“ geht es, wie Stephan Erdmann feststellt. „Die gesamte mediale Begleitung solcher Entscheidungsprozesse fokussiert nicht etwa auf Handlungsoptionen, Möglichkeiten oder auch nur die Erfahrungen mit Ankündigungen aus dem Kreise politischer Parteien der jüngsten Vergangenheit, anhand derer man den Prozess einer Art Realitätsprüfung unterziehen könnte.“ Stattdessen werden „rationale Betrachtungen, Analysen, wissenschaftliche Befunde durch einen Kultus verdrängt, der die Illusion menschlicher Macht zelebriert. Ein Kabinett gerät derart zu einer Art Heiligenersatz; der Regierungschef ist eine Art Gottheit.“ [1]

Dass eine solche „Gottheit“ erst bejubelt und dann gestürzt werden kann, ist hinzuzufügen. Wo die Illusion von Allmacht herrscht, ist leicht ein Schuldiger gefunden. Dessen Entfernung von der Macht dient dann deren Festigung, weil innere Strukturen unangetastet bleiben. Erzwungene Rücktritte von hervorgehobenen Positionen: Jemand muss für etwas die moralische Verantwortung übernehmen, wofür er konkret vielleicht gar nichts kann. Damit wird einer allgemeinen Empörung Genüge getan – auf diesen Begriff ist noch zurückzukommen –, ohne dass sich grundsätzlich etwas ändern muss. Denn darum geht es: Systemerhaltung im Profitinteresse.

Absurdes Theater, das von Emotionen lebt

„Dass Kapitalismus soziale Ungleichheit bis in obszöne Dimensionen etabliert und diese mithilfe der absurdesten moralischen Kapriolen gerechtfertigt wird, ist nur ein Aspekt des Befundes. Schon die Organisation von ‚Demokratie‘ als Hierarchiencluster von Stellvertretern verhindert jeden Ausgleich und jeden wirksamen ethischen Diskurs“, stellt Erdmann fest. Hinter der derzeitigen repräsentativen Demokratie verberge sich ein Verfahren, in dem „eine Minderheit ihre Interessen gegen eine Mehrheit durchsetzt oder die ausdrücklichen Interessen einer Mehrheit einfach übergangen werden“. Um von derlei Ungerechtigkeiten abzulenken, bedürfe es dann „einer Moral, die das ganze absurde Theater sanktioniert und Kritik mithilfe moralischer Kategorien und orchestrierter Emotionen zum Schweigen bringt“. [2]

Im Gegensatz zur Moral wird hier immer wieder die Ethik ins Spiel gebracht. Wiewohl sich diese nicht ganz von Moral freimachen kann, zählt sie auf mündige Menschen, die sich über Zusammenhänge, über die Abfolgen von Ereignissen und Handlungsoptionen orientieren wollen. Auf diese Weise wird Demokratie sogar in aller Regel verkauft, „in den Stellvertretungshierarchien bleibt davon aber beinahe nichts übrig“. Also bedient sich die „politische Stellvertretung“ der medialen Verbreitung und Verdichtung derjenigen Inhalte, die ihr vermeintlich nützen. „Diese Inhalte sind entsprechend manipulativ.“ [3]

Wobei „Massenmedien“ in einer „Massengesellschaft“ von Adressaten ausgehen müssen, die sich als Individuen verstehen. Von deren Befindlichkeiten sind sie abhängig, um gut verkäuflich zu sein. Und gerade dies gelingt durch Emotionalisierung am besten. Die ist zudem wohlfeil, denn tiefgründige journalistische Analysen gründen auf entsprechende Fähigkeiten, verlangen Kraft und Zeit, woran es oft mangelt im Tagesgeschäft. Hinzu kommt, dass dies auch vom Publikum etwas fordern würde: die Bereitschaft, komplexe Zusammenhänge zu durchdenken, statt auf schnelle Urteile zu setzen.

Nichts gegen das journalistische Genre „Meinung“, wenn es durchdacht ist, aber solche persönliche Leistung gerät unter Zeit- und Konformitätsdruck ins Hintertreffen. Das Internet tut ein Übriges, dass einer vom anderen abschreiben kann. Zudem setzt sich zunehmend das vermeintlich „Richtige“ durch, ebenjenes plumpe Gut-Böse-Schema, mit dem sich dieses Buch durchaus sprachkräftig auseinandersetzt.

„Durch ihre grundsätzlich irrationale Struktur verhält sich Moral antagonistisch zu Vernunft. Zwischen Moral und Vernunft herrscht Krieg um die Diskursherrschaft“, stellt Stephan Ermann fest. [4] „In einer Parlamentarischen Demokratie, die das Reden schon im Namen trägt“, komme es indes immer mehr darauf an, „was von wem mit welcher Wirkung gesagt wird, als darauf, was ist. Realität spielt dann keine Rolle mehr, sondern nur mehr der vermeintliche Konsens, der beliebig von ihr abweichen kann. Das übelste Format, in dem relevante Themen verhandelt werden, ist daher die sogenannte „Talk Show“. [5] Wie deren Teilnehmer dafür nach Rollen ausgewählt werden, mutet wie ein absurdes Theater an, und dennoch sorgen derlei Schaukämpfe für Einschaltquoten.

Das kann man beklagen. Aber wie soll sich daran etwas ändern, wenn der rationale, faktenbasierte Disput, welcher zweifellos geistigen Nutzen verspräche, abgesehen davon, dass er nicht erwünscht ist, mit dieser Publikumswirksamkeit nicht mithalten kann?

Und noch etwas kommt hinzu: Rationalität und Emotionalität sind bei uns Menschen unterschiedlich verteilt, was sich an der Aktivität einzelner Hirnareale ablesen lässt. [6] Da wird seitens der Hirnforschung bestätigt, was die Psychologie schon längst herausgefunden hat: Die Wahrnehmungsweisen, mit deren Hilfe wir uns in der Welt orientieren – Denken, Fühlen, Empfinden, Intuition – sind in jeweils verschiedenen Kombinationen verbreitet. Auf anregende Weise hat der Schweizer Psychiater Wolf von Siebenthal beschrieben, wie ein und dasselbe Erlebnis ganz unterschiedlich erlebt werden kann und wie daraus Konflikte in Partnerschaften entstehen. Auch wenn Frauen häufig gefühlsbetonter sind als Männer, lässt sich diese Konstellation nicht generell auf die Geschlechterverhältnisse übertragen. Hinzu kommt, dass Emotionalität und Rationalität vornehmlich extravertiert oder intravertiert sein können. Und immer spielen auch die irrationalen Komponenten Empfinden und Intuition mit hinein. [7]

Geschulte Psychologen würden das nationale wie internationale Führungspersonal durchaus diesbezüglich klassifizieren können. Doch was ließe sich damit erreichen? Dass mehr Rationalität ans Ruder kommt? Würde deutlicher Pragmatismus wirklich goutiert oder von manchen nicht doch mit Gefühlskälte in Verbindung gebracht? Weil Politik zudem immer wieder kaschieren muss, dass sie es mit schwer lösbaren Problemen zu tun hat, scheint die „Schiene“ des Moralisch-Emotionalen jedenfalls erfolgversprechender für gewünschte Zustimmung.

Moral ist spannend, geil und attraktiv

„Emotionen bringen Einschaltquoten und Klickzahlen, und selbst völlig fiktionale Formate wie Liebesgeschichten werden mit moralischen Verstärkern ausgestattet. Man findet diese schon in den Kitschromanen vergangener Jahrhunderte, in denen der ehrbare Geliebte sich gegen den Schurken an der Seite der Liebsten bewähren muss, aber ebenso in mit vermeintlichen Tabus ausgeschmückten Geschichten ‚verbotener‘ Liebe in Serien oder Filmen bis hin zur Pornographie. Moral ist spannend, geil und attraktiv.“ [8]

Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe: Zwar gibt es Kriminalromane, die es mit dem Gedankenspiel genug sein lassen, einen Missetäter enttarnen, uns aber ersparen, dessen Verurteilung beizuwohnen. Doch in der Masse kommt das Genre nicht ohne Vergeltung aus. Beliebtes Muster gerade in Krimiserien: Jemand, der einen geliebten Menschen verloren hat, läuft Amok, um Rache zu üben oder ein aus seiner Sicht zu mildes Urteil anzufechten. Ich schaue mir sowas prinzipiell nicht an, aber dass es massenhaft existiert, zeigt doch, dass es auf gesellschaftlich fruchtbaren Boden fällt. Oder gehört das gar zu einer Konditionierung für Kriegszeiten?

„Das Böse ist identifiziert, also muss es zur Rechenschaft gezogen werden – das ist die moralische Grundforderung. Ethik analysiert die Situation und sucht nach der besten Handlungsweise, um künftige Schäden zu vermeiden.“ Das könne „emotional sehr enttäuschend sein“, gibt Stephan Erdmann zu. Bevor ich etwas über ihn wusste, hätte ich ihn beim Lesen fast für einen Juristen halten wollen. Denn es geht im Buch immer wieder um Gesetzlichkeit, das Strafrecht, die Todesstrafe. „Moral will die Untat sühnen. Ethik will ihre Wahrscheinlichkeit reduzieren.“ [9] Das sind grundsätzlich verschiedene Herangehensweisen. Prävention von Verbrechen müsste darauf abzielen, „den allgemeinen Entstehungsbedingungen von Kriminalität in der Gesellschaft entgegenzuwirken“, wie es in einer Verlautbarung des Innenministeriums heißt. Bezeichnenderweise ist da zwar von Maßnahmen wie Wertevermittlung und Einübung gewaltfreier Konfliktlösung, von Alarmanlagen und Berufsausbildung im Strafvollzug die Rede, nicht aber von jenen sozialökonomischen Ungerechtigkeiten, auf deren Boden Kriminalität gedeiht. [10]

Denn die lassen sich nicht so einfach abstellen. Da ist Moral in ihrer leichten Anwendbarkeit der Ethik überlegen. „Moral ist ein Narrativ, eine gültige Erzählung, die flexibel genug ist, um sie bei Bedarf neuen Bedürfnissen oder Fakten anzupassen, aber regelhaft genug, dass die gemeinsame soziale Basis anerkannt wird. Schon, dass es etwas Gutes und etwas Böses gibt, markiert Moral als Erzählung. Es gibt darüber hinaus Rollen, die besetzt werden müssen: Held, Schurke, Täter, Opfer, Engel, Teufel. Moral hat stets eine Moral. Ihre Geschichten gehen auf und belehren die Zuhörer. Die Moral der Moral bestätigt sie stets. Alles ist gut, Ausnahmen werden mit ihrer Hilfe und nach ihren Regeln entsprechend behandelt. Sie stellt sie selbst her, indem man ihr folgt. Schuld wird gesühnt, Sünden bestraft und damit Moral und ihre Ordnung wiederhergestellt. Grundsätzlich ist jeder an seinem Platz. Abweichungen werden von der herrschenden Moral stets sanktioniert.“ [11]

Die Vorstellung, „das Eliminieren der Schuldigen trüge automatisch zu einer Verbesserung des Zustands bei“, lässt sich, so blödsinnig sie ist, ja tatsächlich als Erleichterung verkaufen. [12] „Dass Zivilisation von Hexenprozessen und peinlichen Strafen Abstand genommen hat, scheint für viele eher ein Verlust zu sein als eine zivilisatorische Errungenschaft. In der Strafe haben sich Rache, Trauma und Autoaggression kultiviert. Der Pöbel, der gern lynchen würde, erkennt sich selbst im Opfer wie im Täter. Jeder hat irgendwie immer Strafe verdient. Wer zudem noch Erfahrungen als Gewaltopfer gemacht hat, identifiziert sich gern umso eifriger mit dem Täter. Wer die größte Angst hat, schreit am lautesten nach Grausamkeit. Durch die Decke der Zivilisation, in der Vernunft verzweifelt versucht, das Ganze halbwegs erträglich zu gestalten, bricht sich immer wieder das Unbehagen Bahn – in Pogrom, Krieg und Massaker.“ [13]

Im unerbittlichen Meinungskampf

Zu massenhaften Gewaltexzessen ist es noch nicht gekommen. Noch handelt es sich um Meinungskampf – asymmetrisch, weil auf der einen Seite eine herrschende Meinung ist und auf der anderen nur eine persönliche. Und dazwischen wabert das Unbehagen. Wer hat es nicht schon im Bekanntenkreis erlebt: dieses Grollen und Schimpfen, dessen Hintergrund die Ohnmacht ist, sich mit den herrschenden Verhältnissen abfinden zu müssen, dem immer wieder öffentlich so benannten wirtschaftlichen Niedergang nichts entgegensetzen zu können und nicht zuletzt der Kriegsangst, für die jeweils unterschiedliche Seiten verantwortlich gemacht werden. Verdruss und Erbitterung sind gleichsam zu einem Chor geworden. Die Wut – worauf auch immer – will sich äußern und nicht durch Rationalität beschwichtigt werden. Ist das schon eine explosive Situation? Könnte daraus die Versuchung entstehen, die in sich zerstrittenen Massen durch die Konfrontation mit einer vermeintlichen äußeren Gefahr zusammenzuschweißen?

In seinem Buch „Kapital und Ressentiment“ hat Joseph Vogl diese Vorgänge auf eine grundsätzliche Weise analysiert. [14] Der mit sozialer Unzufriedenheit und Entfremdung verbundene Zorn schwelt schon lange. Doch seit Corona-Zeiten hat er an Vehemenz gewonnen. Grundrechtseinschränkungen seitens des Staates führten zu heftigen Debatten und Protesten, deren Folge die Ausgrenzung Andersdenkender war. Vernünftig kaum nachvollziehbar, wie sich Verwandte und Bekannte zerstritten haben. Richtig oder falsch: Heute sind es die Kriege in der Ukraine, in Gaza und im Iran, die für derlei Verwirrung sorgen. Und auch dabei „ist Moral ein mächtiger Werkzeugkasten rhetorischer Mittel. Damit werden Forderungen erhoben, Werturteile abgegeben, Diskutanten disqualifiziert oder für unantastbar erklärt, Diskurse eingeschränkt oder verschoben und im Extremfall der gesamten Wirklichkeit das Recht auf Existenz aberkannt. Im Rahmen einer moralisch aufgeladen Diskussion spielt Realität keine relevante Rolle, weil das logische „wahr“ gegenüber dem moralischen „gut“ höchstens gleichwertig ist, womit es ausgelöscht wird.“ [15]

Mit der Lösung konkreter Probleme hat das nichts zu tun. „Der Meinungskampf ist das Gegenteil eines Ringens um Erkenntnis: er ist vielmehr eine Veranstaltung, die in Zivilisationen weitgehend das mit Fäusten oder Schwertern ersetzt hat. Die Parlamente und vor allem Talkshows, in denen Meinungen im oft nur vermeintlichen Streit präsentiert werden, sind Arenen, in denen Gladiatoren im Auftrag von Interessengruppen antreten. Das kann unterhaltsam sein und hat vor allem – wie schon das antike Theater oder die Arenen Roms – eine integrierende Funktion. Die Frage, was ist und was daraus folgt, wird in solchen Veranstaltungen und auf diese Weise nicht beantwortet.“ [16]

Gut und Böse werden dabei macht- und geopolitisch definiert. „Der Feind ist die Verschmelzung des Teufels mit denen, die nicht dazugehören.“ [17] Wie weit hat es uns bereits in die Kriegslogik hineingetrieben? Wie allenthalben Bekenntnisse erwartet werden, ist beängstigend. „Dabei gehen alle Differenzierungen verloren, die in politischen Zusammenhängen, politischer Kommunikation, rechtlichen Hintergründen und schon der Analyse der Lage höchst relevant wären. Beim Beispiel ‚Bündnistreue‘ wird dies schnell deutlich. Gemeint ist damit ein Militärbündnis, deren unumstrittene Führungsmacht jüngst ihr Verteidigungs- wieder in ein Kriegsministerium umbenannt hat. Diese Form von Treue bedeutet de facto Unterwerfung unter Entscheidungen Dritter, wo es um Krieg und Frieden geht, während diese anderen ihre Priorität in einer Weise offenbaren, die den eigenen Prinzipien fundamental widersprechen. Aber schon der offene Zweifel an diesem Weg gilt in der moralisch aufgeladenen Atmosphäre der Treueschwüre als Verrat.“ [18]

Verwundern mag es mitunter, wie der Autor Wurzeln heutigen Verhaltens in der Vergangenheit sucht – in Clanstrukturen und mythischen wie religiösen Zusammenhängen. Aber es ist schon etwas dran. „Es macht den Eindruck, der Kontakt zum Bösen berge die Gefahr, man werde vom Teufel besessen. Schon ein Gespräch mit dem Feind, zumal deren Oberhaupt, gilt als Ketzerei und tendenzielle Zustimmung zu dessen vermeintlichen Zielen. Ein Treffen wäre gar völlig ausgeschlossen.“ [19]

Der Feind: Wie soll man da nicht an unselige deutsche Vergangenheit denken? Nicht nur zur NS-Zeit, auch nach 1945, in Zeiten des Kalten Krieges, so Stephan Erdmann, war der „Sowjetmensch und Kommunist […] nach wie vor der Feind, die meisten alten Autoritäten waren nach wie vor im Spiel und selbst der Rassismus kaum gebrochen, was insbesondere der Umgang mit sogenannten ‚Zigeunern‘ belegte. Es gab ein paar neue Regeln, zu denen gehörte, dass man sich im Umgang mit Juden um 180 Grad zu drehen hatte. Viele alte Nazis in den Gerichten, der Verwaltung und der Politik wuschen sich weiß, und wer ein schlechtes Gewissen hatte, konnte sich damit trösten, etwas nicht gewusst zu haben oder auf Befehl gehandelt zu haben. Moral ist extrem flexibel und eben vor allem von Gruppen- und Machtstrukturen abhängig. Sie trägt inhaltlich und intellektuell absolut nichts zum Diskurs bei, sondern fungiert rein instrumentell.“ [20]

Diplomatie hat immer das letzte Wort

Moralische, „wertebasierte“ Politik oder eine, die auf realistischer Einschätzung der Wirklichkeit beruht? Erstgenannte ist im Mainstream fast unanfechtbar geworden. In Auseinandersetzung damit gibt es immerhin einige erhellende Buchpublikationen: Ein Klassiker ist John Mearsheimer „The Tragedy of Great Power Politics“, das nur in Originalsprache auf dem Buchmarkt ist. Lesenswert von deutschen Autoren: „Wir sind die Guten“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer, „Moral über alles“ von Michael Lüders, „Weltordnung im Umbruch“ von Peter Wahl, Erhard Crome, Frank Deppe und Michael Brie sowie „Innere Zeitenwende“ von Ingar Solty. Und damit sind noch längst nicht alle genannt. Gerade die NachDenkSeiten haben großen Anteil daran, dass solche Publikationen in den öffentlichen Diskurs kommen, die sonst oft totgeschwiegen werden. Dabei ist es doch gerade in Krisenzeiten wichtig, die Situation zu analysieren, Probleme zu identifizieren und Strategien zu deren Lösung unter den gegebenen Bedingungen zu diskutieren.

Stephan Erdmann: „Die US-Regierung fragt als solche eines souveränen Staates ganz selbstverständlich niemanden danach, mit wem sie Gespräche führt, wo und in welcher Form sie stattfinden. Die restlichen NATO-Staaten, insbesondere die europäischen, erklären derweil in der oben geschilderten Weise den Kontakt zu Russland zum Sakrileg und machen auch keine Anstalten, weitere aktuelle Kriegsgegner des ‚Partners’ diplomatisch zu konsultieren. Wenn aber die USA Verhandlungen führen und sie davon ausschließt, empfinden sie das als Affront. Moral kann schwindelerregende Gedankenassoziationen hervorrufen, denen keine Vernunft mehr beikommt. Sie fördert offenbar auch und gerade dort infantiles Gebaren, wo dessen Gegenteil dringend notwendig wäre.“ [21]

Ja, es mag infantil erscheinen, doch an Kriegen wird schamlos verdient, zumal man sich aus staatlichen Verteidigungsbudgets bedienen kann. Zu den Profiteuren gehören die globale Rüstungsindustrie, Cybersecurity-Unternehmen, Energiekonzerne, private Waffenhändler und wer nicht alles noch, während dieses ganze Geschacher auf Kosten der Bevölkerung geht. Und nicht zu vergessen die Macht der Ideologie. Nach dem Schema der Personalisierung ist „Putin“ lange schon als Erzfeind dämonisiert wie der „schwarze Mann“, mit dem die Nachbarin uns Kindern Angst machte, damit wir ihr in Abwesenheit der Eltern gehorchten. Solche Muster der Angsterziehung mögen überholt sein, doch ihre Spuren in den Seelen bleiben abrufbar. Hinzu kommt das Mitleid mit den Opfern. Fast schon ein Ritual in der „Tagesschau“ sind Bilder zerstörter Häuser, vor denen ukrainische Frauen klagen. Kein Wort über Schläge der ukrainischen Armee ins russische Hinterland. Und wenn, dann fast so, als habe man selbst einen Erfolg errungen.

Deutschland und Europa haben sich in diesem Krieg auf eine Seite gestellt – entsprechend die Propaganda. Das ist an dieser Stelle mehrfach erörtert worden und auch, dass sich die Lage durch massive Angstmache jetzt zuspitzt. Dass „Putin“ Europa einen „Schattenkrieg“ aufzwingt. [22] Dass „Putin“ bald die NATO im Baltikum angreifen würde, wozu nun drei Szenarien vorbereitet würden. [23] Ständig dieses personalisierte Feindbild, als ob wir bereits im Kriegszustand wären. Oder sind wir es schon und wollen es nur nicht wahrhaben?

Stephan Erdmann sieht in Diplomatie eine ethische Verpflichtung. „Auch im Jahr 2026 werden Kriege vielerorts auf der Welt geführt. Einigen Regierungen wird schlicht eine ‚Legitimität‘ aberkannt, worin der Grund für ‚Sanktionen‘, Invasionen, Embargos und Blockaden liegt (Venezuela, Kuba, Iran). Der US-Präsident stellt wörtlich seine persönliche „Moral“ über das Völkerrecht und erklärt sich für einen Menschen- und Friedensfreund, während er einen Krieg nach dem anderen befiehlt. Im Krieg mit Russland bezeichnen die Ukrainer aus Regierung und Armee Russen stetig als ‚Orks‘, für die folgerichtig keine Menschenrechte gelten und die reuelos zu töten sind. Es wird auf dieser Ebene sehr deutlich, dass im Zweifelsfall Moral nicht nur in Konflikt mit Recht und Rechtsgütern kommt, sondern diese negiert und durch maximale Gewalt ersetzt. Ist der Gegner oder Feind in einer solchen Konstellation erst einmal derart abgewertet, ist Diplomatie ausgeschlossen, weil schon Verhandlungen mit Illegitimen oder Monstern Handlungen im Dienste des Böse wären. Alles, was dem Feind schadet, was ihn dezimiert oder niederwirft, ist gut und dient dem Schutz der eigenen Partei. Alles, was dem im Wege steht, ist Kollaboration. In Zeiten, in denen Diplomatie und Rationalität im Sinne friedlicher Vereinbarungen am nötigsten wären, setzen sich regelmäßig Moral, Gewalt und Irrationalität durch. Erst wenn die Balance in diesem Verhältnis kippt, kann Vernunft übernehmen.“ [24]

Wie und wann Vernunft übernehmen kann? Sicher ist nur: „Da jeder Krieg mit solchen Verhandlungen endete, sei es mit oder ohne bedingungslose Kapitulation, ist dieser Prozess alternativlos. Die Frage ist lediglich, wie und wann man damit beginnt. Sicher ist, dass jede Verzögerung zu mehr Tod und Gewalt führt. Moral hat keine Einwände gegen millionenfaches Leiden, sobald sie in den Kriegsmodus schaltet. Nur, wo sie schweigt, ist Diplomatie möglich, und die Diplomatie hat immer das letzte Wort.“ [25]

Stephan Erdmann: Moral. Die Mär von Gut und Böse. München 2026, Tolino Media (Selbstverlag), Taschenbuch, 244 Seiten, ISBN 978-3695610495, 14,99 Euro.

Titelbild: Pixelvario / Shutterstock


[«1] Erdmann, S. 42

[«2] ebenda, S. 134 f.

[«3] ebenda, S. 138

[«4] ebenda, S. 172

[«5] ebenda, S. 174

[«6] spektrum.de/news/wie-unterscheidet-sich-das-rationale-und-das-emotionale-gehirn/1351514

[«7] Empfehlenswert in diesem Zusammenhang sind die beiden Bände des Schweizer Psychiaters Wolf v. Siebenthal: „Denkmann und Fühlfrau“ sowie „Empfindungsfrau und Intuitionsmann“, wobei die Geschlechterzuschreibung auch umgekehrt wird. Beide sind 1993 und 1994 im Walter Verlag erschienen und derzeit nur noch antiquarisch zu haben.

[«8] Erdmann, S. 80

[«9] ebenda, S. 163

[«10] bmi.bund.de/DE/themen/sicherheit/kriminalitaetsbekaempfung-und-gefahrenabwehr/kriminalpraevention/kriminalpraevention-node.html

[«11] Erdmann, S. 130

[«12] ebenda, S. 137

[«13] ebenda, S. 152

[«14] Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment, Eine kurze Theorie der Gegenwart. C. H. Beck, 221 S., geb., 18 Euro.

[«15] Erdmann, S. 105

[«16] ebenda, S. 107

[«17] ebenda, S. 79

[«18] ebenda, S. 217f

[«19] ebenda, S. 218

[«20] ebenda, S. 159

[«21] ebenda, S. 219

[«22] handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-putin-zwingt-europa-einen-schattenkrieg-auf/100247774.html

[«23] merkur.de/politik/was-wenn-russland-angreift-nato-bereitet-offenbar-drei-strategien-gegen-putin-attacke-vor-zr-94448037.html

[«24] Erdmann, S. 235f

[«25] ebenda, S. 233


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