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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Daniele Ganser: Mächte im Machtkampf und wir mittendrin
Datum: 24. Oktober 2026 um 12:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Militäreinsätze/Kriege, Rezensionen
Verantwortlich: Redaktion
Wer die heutige vertrackte Weltlage verstehen will, sollte dieses Buch lesen: „Kampf der Giganten“ von Daniele Ganser. Aufschlussreich und voller Details, die viele nicht kennen, beleuchtet es die Hintergründe heutiger Konflikte – und das global. Interessant ist dabei, wie China, Russland und die USA ihre jeweiligen Gründe haben, sehr unterschiedlich auf die internationale Politik zu blicken. Eine Rezension von Irmtraud Gutschke.
„Die alte Weltordnung zerfällt vor unseren Augen: die USA und Israel greifen den Iran an und zerschlagen das Völkerrecht, US-Präsident Donald Trump verunsichert die Europäer und droht, Grönland zu übernehmen, nachdem er in Venezuela den Präsidenten entführen ließ … Die USA sind nicht in der Lage, Russland im Stellvertreterkrieg in der Ukraine zu besiegen. Durch die Unterstützung des Genozids in Gaza hat der Westen an moralischer Glaubwürdigkeit verloren. Wir erleben den wirtschaftlichen Aufstieg von China und das Entstehen einer multipolaren Weltordnung …“ [1]
Im Wirbelsturm von Ereignissen und Deutungen wachsen Zukunftsängste und ohnmächtiger Groll. Dem Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen, setzt dieses Buch analytische Klarheit entgegen. Daniele Ganser, geboren 1972 in Lugano, ist Gründer und Leiter des Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) in Münchenstein bei Basel. Er hat über NATO-Geheimarmeen in Europa promoviert. Als er öffentlich mutmaßte, die Terroranschläge vom 11. September 2001 könnten mit einer verdeckten Operation von US-Geheimdiensten zusammenhängen, wurde er als „Verschwörungsideologe“ diffamiert, später auch als „Putin-Versteher“. [2] Die Technische Hochschule Zürich und die Universität Basis gingen auf Distanz.
Versuch einer Ausgrenzung, doch mit seinen zahlreichen Publikationen, Vortragsreisen, Podcasts bleibt er öffentlich präsent. Aber er muss vorsichtig sein:
„Als Schweizer Historiker betrachte ich die drei Giganten aus einer gewissen Distanz. Ich möchte nicht nach Moskau, Peking oder Washington auswandern. Ich bleibe gern in der Schweiz, weil es mir hier gefällt.“ [3]
Wohl meinungsstark in seiner Analyse, hält sich Daniele Ganser also streng an Fakten. 48 Seiten Anmerkungsapparat: Alles nachprüfbar, aber eben doch herrschenden Meinungen widersprechend. Interessant ist ja allein schon, was alles verschwiegen wird.
Chinas Aufstieg zur Weltmacht
„Warum interessieren sich die Europäer sehr für die USA, aber weniger für die Perspektive der Chinesen?“ [4]
Dass viele Europäer nach Nordamerika ausgewandert sind und ohnedies Englisch verstehen, während das Chinesische mit über 100.000 Zeichen sehr schwierig ist, kann nur Teil einer Antwort sein. Wichtiger ist wohl, dass US-Medien mindestens seit 1945 den Meinungskorridor in Westeuropa definieren, dass die USA mit 30 europäischen Staaten das größte Militärbündnis der Welt geschmiedet haben und in zahlreichen Ländern Militärstützpunkte unterhalten.
China hingegen sei nie eine expandierende Macht gewesen, „anders als die USA, die seit ihrer Gründung 1776 fast ohne Unterbrechung Kriege geführt und in den letzten 250 Jahren unzählige Länder bombardiert haben, darunter Afghanistan, Libyen, Syrien, Serbien, Irak, Iran, Somalia, Guatemala, Nicaragua, Kuba, Chile, Vietnam, Laos, Kambodscha, die Philippinen und viele mehr“. [5]
Ganser zitiert den US-Politologen John Mearsheimer:
„Ich glaube, die USA und China werden die zwei mächtigsten Länder der Welt bleiben.“
Wobei die Stärke seines 50-seitigen China-Kapitels weniger in der Analyse jener Erfolge und Herausforderungen besteht, mit denen die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) heute zu tun hat – dazu gibt es auf dem deutschsprachigen Buchmarkt eine ganze Reihe erhellender Publikationen [6] –, sondern vor allem in einer Erörterung der Gründe, warum China zwar mit dem Westen Handel treiben, sich aber nicht anbiedern will.
Schon 1405, lange vor Kolumbus, hatte die Ming-Dynastie eine Flotte von 300 Schiffen (die größten waren 120 Meter lang). Jahrhunderte vor Europa gab es Millionenstädte, man kannte den Buchdruck, den Kompass, hatte das Schießpulver … und erfuhr dennoch Geringschätzung und Gewalt. Die Zeit zwischen dem Ersten Opiumkrieg 1839 und der Gründung der Volksrepublik 1949 gilt in China als „Jahrhundert der Schande“.
„In diesen 110 Jahren wurde China wiederholt von ausländischen Mächten militärisch besiegt, verlor Territorien und musste Verträge unterzeichnen, die für das Land demütigend waren.“ [7]
Nachzulesen ist, wie es zum Opiumkrieg und dem Verlust von Hongkong kam, wie europäische Truppen Peking besetzten und am 18. Oktober 1860 auf Befehl des britischen Hochkommissars den Alten Sommerpalast des Kaisers niederbrannten; wie Zar Alexander II. Druck ausübte, sodass China 1858 das Gebiet nördlich des Amur an Russland verlor, das dadurch Zugang zum Pazifik bekam; wie Deutschland 1897 eine Musterkolonie in China errichtete und wie der „Boxer“-Aufstand entbrannte. Dass China nach dem Ende des Kaiserreichs in konkurrierende Herrschaftsbereiche zerfiel, mündete in einen Bürgerkrieg zwischen den Nationalisten unter Chiang Kaishek und den Kommunisten unter Mao Zedong.
Wie Japan 1937 mit einer großflächigen Invasion begann (allein beim Massaker von Nanjing 1937 wurden 200.000 Chinesen ermordet) und dass der japanische Feldzug erst im August 1945 endete, als die Sowjetunion Japan den Krieg erklärte und die USA Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen, ist in China gegenwärtig. Drei Giganten verbündet – doch das änderte sich mit dem Koreakrieg 1950 bis 1953. Rund 400.000 Soldaten starben, als China sich an die Seite Nordkoreas stellte, um eine US-geführte Allianz an seinen Grenzen zu verhindern. Unterstützung der Aufständischen in Tibet 1957 durch die CIA, Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad 1999 … Xi Jinping, der im September bei Donald Trump zu Besuch war, wird sich nicht einwickeln lassen.
So sieht Ganser den Zusammenschluss der BRICS-Staaten ab 2009 als Signal. Das „globale System, das nach dem Zweiten Weltkrieg unter Führung der USA entstanden ist, weicht einer neuen Weltordnung“, wird der indische Politologe Brahma Chellaney zitiert. Die G7 seien eine Organisation des Sonnenuntergangs und die BRICS eine des Sonnenaufgangs, so der Politologe Kishore Mahbubani aus Singapur. [8]
Wenn der „russische Bär“ beleidigt wird
„Warum Moskau dem Westen misstraut“ – dieser Kapitelüberschrift ist hinzuzufügen, dass Vertrauen immer wieder bestraft worden ist. Es ist nicht vergessen, wie Nazideutschland seinen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begann, kurz nachdem Stalin einen Nichtangriffspakt mit Deutschland unterzeichnet hatte, weil er sich Zeitgewinn und eine Pufferzone erhoffte.
Gansers Text setzt erst mit der Spaltung Europas im Kalten Krieg ein, als die Grenze zwischen beiden Machtblöcken Deutschland teilte. Auch mit der deutschen Vereinigung war ein Vertrauensbruch verbunden. Wie hochrangige Vertreter aus den USA und der BRD mündliche Versprechen gegenüber Moskau abgegeben haben, „dass sich die NATO nicht nach Osten ausdehnen werde“, wird namentlich belegt. Wurde Gorbatschow über den Tisch gezogen? Selbst einer NATO-Mitgliedschaft des vereinigten Deutschlands war ja von der Sowjetunion vehement widersprochen worden. Wurde sie durch eine Kreditzusage von fünf Milliarden Mark erkauft, mit der Helmut Kohl am 14. Mai 1990 seinen Vertrauten Horst Teltschik nach Moskau schickte?
Teltschik war 1989/90, nach seinen Worten, davon ausgegangen, dass eine stabile Friedensordnung unter Einbeziehung Russlands möglich geworden sei. In seinem Buch „Russisches Roulette“ bezieht er sich insbesondere auf die „Charta von Paris“ und verteidigt Helmut Kohl, der auf eine atomwaffenfreie Zone in Europa hingearbeitet habe. „Ein historischer Moment wird nicht genutzt“, so sein bitteres Resümee. [9]
„Ich bin der Meinung, dass wir Wege suchen müssen, um bilateral wie multilateral das Gespräch mit Russland wieder in Gang zu bringen. Ich halte das für unverzichtbar“, sagte er vor einem Jahr bei der Vorstellung seines Buches „Die 329 Tage zur deutschen Einigung“. [10] Wolfram Ischinger, sein Nachfolger als Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (inzwischen haben Helga Maria Schmid und Jens Stoltenberg das Amt inne), wandte ein, dass wir von „unseren Verbündeten in Osteuropa, von den Polen und den Balten, völlig zu Recht mit Argusaugen beobachtet“ würden. [11]
Tatsächlich, das dürfte Ischinger wissen, bilden diese Länder ja einen „Cordon Sanitaire“ gegen Russland, damit sich auf dem europäischen Kontinent kein wirtschaftlicher Koloss in Konkurrenz zur USA bildet. Das war der Sinn der NATO-Osterweiterung. Jelzins Protest war in den Wind gesprochen. Clinton „war nicht gewillt, sich an die Versprechungen zu halten, welche US-Außenminister Baker 1990 gegenüber Gorbatschow in Moskau gemacht hatte“. Die NATO-Osterweiterung ab 1999 wurde vorangetrieben. „Der Gigant USA steuerte damit sehenden Auges auf eine Konfrontation mit dem Giganten Russland zu.“ Was wiederum (das war mir nicht mehr gegenwärtig) schon damals China auf den Plan rief. Am 23. April 1997 unterzeichneten beide Länder die „russisch-chinesische gemeinsame Erklärung über eine multipolare Welt“. [12]
Inzwischen zählt die NATO 32 Mitgliedsstaaten und rückte immer näher an Russland heran. Während Polen, Estland, Lettland und Litauen sich sicherer fühlen wollten, wurden Russlands Sicherheitsbedenken ignoriert. Schon auf dem Gipfel in Bukarest im April 2008 wurde die Ukraine eingeladen, NATO-Mitglied zu werden. Im gleichen Jahr warb Präsident Saakaschwili um Georgiens NATO-Mitgliedschaft. Dass er sich entschloss, am 8. August Südossetien anzugreifen, endete nicht zu seinen Gunsten. Ausdrücklich weist Ganser die Lüge zurück, den Ausbruch dieses Krieges Russland anzulasten. Allerdings, so meine ich, sind Parallelen zum Donbass unübersehbar. Denn dies war ebenfalls ein Gebiet, das sich abgespalten hatte und später von Russland anerkannt wurde.
Der Euromaidan als Aktion unter falscher Flagge
Über den Ukraine-Krieg ist an dieser Stelle schon viel geschrieben worden. Lange war es verpönt, von einem Stellvertreterkrieg zu sprechen. Inzwischen hat es, mit Rückenwind von der New York Times, Donald Trump selbst getan. [13] Aber hierzulande gilt offiziell weiterhin das Narrativ, dass Russland grundlos die Ukraine überfallen habe. Nur langsam dringen die Fakten durch, die Ganser penibel zusammengetragen hat.
Nachzulesen ist, was dem Putsch 2014 in Kiew vorausging, wie er unterstützt und finanziert wurde. Victoria Nuland, stellvertretende US-Staatssekretärin für eurasische Angelegenheiten, war schon im Dezember 2013 vor Ort. Gefragt wird, wer die Scharfschützen waren, die aus der Musik-Akademie und dem Hotel „Ukraina“ auf Demonstranten schossen, welche Rolle Andrij Parubij, Mitbegründer der rechtsextremen Nationalen Partei, und der frühere Präsident Georgiens, Michail Saakaschwili, spielten.
„Der Euromaidan war eine Operation unter falscher Flagge“, so Ganser, um die Schuld für das Massaker Präsident Janukowitsch in die Schuhe zu schieben. Nach dem Putsch wurde Arsenij Jazenjuk zum Premierminister ernannt, wie Nuland es in einem abgehörten Telefonat gefordert hatte. Präsident Obama räumte später ein, „dass die USA beim Machtwechsel involviert gewesen waren“. [14]
Nachzulesen sind Einzelheiten zur Abspaltung der Krim und den Aufständen im Donbass mit seiner vorwiegend russischsprachigen Bevölkerung. Für die „Anti-Terrorist-Operation“ der ukrainischen Armee ab 15. April 2014 und den folgenden Bürgerkrieg habe „die CIA den Startschuss“ gegeben. 14.000 Tote und eine Fülle von Gewaltakten – wer den Beginn des Ukrainekriegs auf den 24. Februar 2022 datiert, verschließt davor die Augen.
Die Friedensgespräche in Minsk und das Scheitern der OSZE 2015, Selenskyjs Friedensversprechen – beugte er sich wirklich den Drohungen von Ultranationalisten und ist als „tragische Figur der Weltgeschichte“ zu bezeichnen, wie es Ganser tut? Schon 2020 billigte er eine neue nationale Sicherheitsstrategie mit dem Ziel einer NATO-Mitgliedschaft. Am 24. März 2021 unterschrieb er ein Dekret zur Rückeroberung der Krim.
Der Krieg stand bevor, nachdem die USA im Dezember 2021 den Entwurf Russlands für ein Sicherheitsabkommen zurückgewiesen hatten. Was indes für viele unbemerkt blieb, sind die Absprachen zwischen Putin und Xi Jinping bei den Olympischen Winterspielen in Peking vom 4. bis 20. Februar 2022. Gemeinsam forderten sie von der NATO eine Abkehr von Konzepten aus der Zeit des Kalten Krieges, kritisierten ihr Vordringen in Osteuropa und den „negativen Einfluss der USA im Indopazifikraum“. Nach dem 24. Februar weigerte sich China, von einer Invasion zu sprechen und Russland zu verurteilen, führte vielmehr die Vorgeschichte des Ukraine-Konflikts ins Feld. [15]
Die Debatte der UNO zum Ukrainekrieg, die sabotierten Friedensgespräche in Istanbul, die grausige, mutmaßliche Inszenierung in Butscha – viele Details eines Bildes, das indes weit größere Dimensionen hat. Denn es handelt sich wirklich um einen „Kampf der Giganten“, weil „China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ablehnen“. Das heißt im Klartext, dass den USA die Vorherrschaft nicht mehr garantiert ist, dass sie darum kämpfen müssen.
Die USA im Abwehrkampf
Das Hauptproblem: Die Macht des Dollars als wichtigste Handelswährung der Welt gerät in Gefahr. Zur Erinnerung: Auf der Konferenz in Bretton Woods im Juli 1944 waren Vertreter von 44 Staaten übereingekommen, den mit Gold gedeckten Dollar als Weltreservewährung zu verankern. Die Probleme begannen, so Ganser, „als sich in den 1960er Jahren in ausländischen Zentralbanken immer mehr Dollar ansammelten und der Krieg in Vietnam immer größere Summen verschlang“. Die USA verfügten „nicht mehr über genügend Gold, um alle von ausländischen Zentralbanken gehaltenen Dollarreserven zum offiziellen Kurs von 35 Dollar je Feinunze umzutauschen“. Dass mehrere Länder nun eilig Dollar in Gold wechselten, führte zum „Nixon-Schock“: Die Goldbindung des Dollars wurde am 15. August 1971 nicht vorübergehend aufgehoben, wie der Präsident beschwichtigte, sondern für immer. „Die Vermehrung des Dollars ist seither an keine natürlichen Grenzen mehr gekoppelt“, und der Goldpreis stieg rasant.
Inzwischen erreichen die Staatsschulden der USA astronomische Höhen. Die eine Billion Dollar unter Reagan könne man sich als einen Stapel von 1000-Dollar-Scheinen vorstellen, der 100 Kilometer in den Himmel ragt, so Ganser. Bei George Bush Senior waren es drei Billionen, bei Bill Clinton vier, bei George Bush Junior über fünf Billionen, Obama erbte zehn Billionen, Trump hatte es in seiner ersten Amtszeit mit zwanzig Billionen zu tun, Biden mit 36. Und Trump muss jetzt mit 40 Billionen zurechtkommen, mehr als das Bruttoinlandsprodukt der USA.
Wie politische und militärische Entscheidungen damit zusammenhängen, darüber kann man sich bei der Lektüre Gedanken machen. Auf jeden Fall ist es für die USA ein Problem, wenn die BRICS-Staaten ihre Abhängigkeit vom Dollar reduzieren wollen. Dass rund 300 Milliarden Dollar an russischen Vermögenswerten in der EU und in den USA eingefroren wurden, ließ das Vertrauen noch weiter schwinden.
Wie die USA vor diesem Hintergrund den finanziellen Druck auf Europa erhöhen, mehr Geld in Krieg und Rüstung zu investieren und bei US-Konzernen zu kaufen, gehört in diesen Zusammenhang – ebenso wie die Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro und seiner Frau am 3. Januar 2026. Nicht nur um die „Kontrolle des Erdöls von Venezuela ging es, sondern vor allem um den Erhalt des Petrodollars, weil Venezuela einen großen Teil seines Verkaufs von Schweröl an China in Yuan abwickelte. [16]
Es steht nicht im Buch, doch man erinnere sich, wie Saddam Hussein, der 2000 den Verkauf irakischen Öls auf Euro umstellte, im US-geführten Irakkrieg 2003 gestürzt und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehängt wurde. Auch der Sturz des libyschen Machthabers Muhammar al-Gaddafi hatte mit Erdöl zu tun und ebenso mit seinen Plänen einer goldgedeckten afrikanischen Währung.
Nun trifft es den Iran, der mit China und Russland ein System der De-Dollarisierung vorantreibt. Auf fast fünfzig Seiten werden im Buch die Konflikte beleuchtet, denen das rohstoffreiche Land zuerst durch Großbritannien, dann durch die USA ausgesetzt war. „Signalisiert der Irankrieg den Niedergang der USA?“, fragt Ganser. Und was hat der Genozid in Gaza mit den Interessen der USA zu tun, die Israel laut Reuters mit jährlich 3,8 Milliarden Dollar unterstützen, damit Israel Produkte von US-Rüstungsfirmen kauft? [17]
Auch dieses Kapitel ist eine Ballung spannender Fakten (zum Beispiel, warum Israel den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 nicht abwehren konnte), sodass es allein schon ein ganzes Buch tragen könnte.
Deutschland in Kriegsgefahr?
Sind wir geschützt, weil die Bundesrepublik kein Erdöl besitzt, sich als braver Bündnispartner der USA nicht vom Dollar abkoppeln will, ja sogar einen großen Teil der nationalen Goldreserven widerspruchslos in Fort Knox deponiert hält? Die USA werden uns nicht überfallen, aber tut das irgendwann vielleicht Russland?
Damit wird derzeit ja jener gigantische Aufrüstungshype begründet, welcher auf Kosten der deutschen Bevölkerung geht. Auch Daniele Ganser hat in diesem Zusammenhang schon längst von geopolitischer Inszenierung gesprochen. Warum aber setzt er hier hinter das Wort Kriegsgefahr kein Fragezeichen? Weil er eine deutliche Warnung aussprechen will, denn allein schon durch die zahlreichen Militärbasen der USA, die dem ukrainischen Militär zuarbeiten, ist Deutschland in den Krieg miteinbezogen. [18]
Anders als die Sowjetunion haben die USA ja ihre Truppen 1990 nicht abgezogen. Im Stellvertreterkrieg mit Russland ist Deutschland darin ein getreuer NATO-Vasall. In der Ukraine den Giganten Russland besiegen zu wollen – auch von Washington aus gesehen ist das ein gefährliches Abenteuer, aber man ist weit vom Schuss. Deutschland indes spielt mit dem Feuer. Zur Lieferung immer schwererer Waffen kam die Ausbildung ukrainischer Soldaten. Dass damit ein kritischer Punkt überschritten ist, auch juristisch zur Kriegspartei zu werden, schreckte die Politik nicht ab. Zu tief verwurzelt ist der Russlandhass aus Zeiten des Kalten Krieges und davor.
Es bedarf der Erinnerung: „In den ersten zwei Kriegsjahren 2022 und 2023 hatten die USA der Ukraine strikt verboten, die Krim oder Russland mit US-Waffen anzugreifen.“ Doch am „17. November 2024 meldete die New York Times, Präsident Biden habe der Ukraine erlaubt, ATACMS-Raketen gegen Russland einzusetzen”. [19] Die Antwort kam prompt. Am 21. November 2024 wurde eine Rüstungsfabrik in Dnipro von der neu entwickelten Hyperschallrakete „Oreshnik“ getroffen. „Die 30 Tonnen schwere Rakete flog mit elffacher Schallgeschwindigkeit, was etwa 13 000 km/h entspricht. Moskau warnte, man könne die Rakete auch atomar bestücken. Mit einer Reichweite von 5 000 Kilometern kann die Oreshnik alle Städte in Europa erreichen, auch London.“ [20]
Wenn wir den dritten Weltkrieg nicht wollen, müssen wir früher oder später aus dieser militärischen Eskalationslogik raus und Verhandlungen aufnehmen, zitiert Daniele Ganser den Brigadegeneral a. D. Heinrich Vad, der militärischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel war. Aber kann sich Deutschland, in transatlantischen Strukturen gefesselt, überhaupt so eigenständig bewegen?
Ja, in welchem Maße vermag es Donald Trump, der immer wieder (mit Vorwurf gegen Biden und seine Konkurrenten in der Demokratischen Partei) beteuert, den Ukrainekrieg beenden zu wollen? Hat er zum Beispiel die Macht, das Programm „Task Force Dragon“ zu stoppen, mit dem die USA von der Basis Wiesbaden aus ukrainische Angriffe in Russland lenken? Wer es noch nicht wusste: US-Satelliten, die in 500 bzw. 800 Kilometern Höhe die Erde umkreisen, ermöglichen eine beinahe lückenlose Überwachung des Kriegsverlaufs in Echtzeit. Die Positionen russischer Soldaten sind genau zu identifizieren.
Die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines
Gerade bekamen wir einen schweigenden ukrainischen Offizier vor dem Hamburger Oberlandesgericht zu sehen. Der Prozess gegen den 50-jährigen Serhii Kusnetzow wird sich wohl noch lange hinziehen. Zumindest konnten die rund 150 anwesenden Journalisten den Spruch mit in ihre Redaktionen nehmen, dass es sich um ein Kriegsverbrechen handelt.
Erwartbares Gezänk im Bundestag, Futter für die Medien – zweifellos hat der Fall politische Dimensionen, und natürlich hält sich die Bundesregierung bedeckt. Wem es nicht mehr erinnerlich ist: Die Sprengung am 26. September 2022 veranlasste den ehrgeizigen investigativen Journalisten Seymor Hersh, seine Kontakte zu US-Militär und Geheimdienst spielen zu lassen. Sein Artikel, den er am 8. Februar 2023 auf der unabhängigen Plattform Substack publizierte, schlug ein wie eine Bombe. Am 21. Februar befasste sich der UNO-Sicherheitsrat auf russische Initiative mit dem Fall. Eine unabhängige Untersuchung wurde abgelehnt.
US-Botschafter John Kelley sprach von „Verschwörungstheorie aus dem Internet“. Das ist ja dann auch Daniele Ganser auf die Füße gefallen.
Schon wegen der detaillierten Darstellung des Anschlags, seiner Vorgeschichte und seiner Ausführung sollte man dieses Buch lesen. Über Varianten eines mögliches Nachspiels kann man sich dann Gedanken machen.
Daniele Ganser: Kampf der Giganten. Warum China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ablehnen. Neu-Isenburg 2026, Westend Verlag, gebundene Ausgabe, 350 Seiten, ISBN 978-3987913754, 32 Euro.
Titelbild: APChanel / Shutterstock
[«1] ebenda, S. 13
[«2] nzz.ch/gesellschaft/ein-abend-mit-verschwoerungstheoretiker-daniele-ganser-ld.1815354
[«3] Ganser, S. 13
[«4] ebenda, S. 16
[«5] ebenda, S. 22
[«6] siehe auch Wolfram Elsner: China und der Westen. Aufstiege und Abstiege. Vom alten Reich der Mitte zum gegenwärtigen Konflikt, PapyRossa 2022; Rainer Land: Chinas gelenkte Marktwirtschaft. Hintergründe eines Booms, Promedia 2025; Uwe Behrens: Chinas Gegenentwurf, Edition Ost 2025
[«7] Ganser, S. 27
[«8] Ganser, S. 64 f.
[«9] Horst Teltschik: Russisches Roulette. Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden, C.H. Beck 2019
[«10] diplo.news/articles/horst-teltschik-jemand-muss-endlich-die-fuhrungsrolle-uebernehmen
[«11] stern.de/politik/ausland/ischinger—europa-muss-endlich-ins-handeln-kommen–37149378.html
[«12] Ganser, S, 81 ff.
[«13] nytimes.com/interactive/2025/03/29/world/europe/us-ukraine-military-war-wiesbaden.html
[«14] Ganser, S. 102 ff.
[«15] ebenda, S. 137
[«16] ebenda, S. 245
[«17] ebenda, S. 197
[«18] stern.de/politik/us-militaer-in-deutschland–wichtigste-standorte-und-truppenstaerke-37370152.html
[«19] nytimes.com/2024/11/17/us/politics/biden-ukraine-russia-atacms-missiles.html
[«] Ganser, S. 184
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