NachDenkSeiten – Die kritische Website

Titel: Was geschah mit den Büchern der DDR?

Datum: 31. Oktober 2026 um 12:00 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Innen- und Gesellschaftspolitik, Kultur und Kulturpolitik
Verantwortlich:

Nach dem Mauerfall wurden Millionen Bücher aus DDR-Produktion vernichtet. Auch Bibliotheken trennten sich von ihren Beständen. Wie groß war der Verlust – und wer versuchte, das literarische Erbe zu retten? Von Dirk Engelhardt.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Das Lehrbuch „Marxistisch-leninistische Staats- und Rechtstheorie“, erschienen 1975 im Staatsverlag der DDR, war so ein Werk, das öfters dran glauben musste. Nach dem Mauerfall interessierten sich nur noch wenige Bibliotheksnutzer in Ostdeutschland für dieses staatstragende Werk, das die Grundlagen des sozialistischen Staates und seiner Rechtsordnung vermittelte. Vielerorts wanderte es auf den Müll, zusammen mit unzähligen anderen Büchern, die in Verlagen der DDR erschienen waren und deren literarischer Wert weit über das politische System hinausreichte.

Nach Angaben des Literaturwissenschaftlers Carsten Gansel landeten nach dem Mauerfall rund 80 Millionen DDR-Bücher im Müll. Eine genaue Statistik gibt es nicht. In manchen Orten waren Container aufgestellt, in denen Bücher aus dem Buchhandel, aus Bibliotheken und Lagern weggeschmissen wurden. Fotos aus jener Zeit zeigen, wie Bücher palettenweise auf Müllkippen landeten und sogar in stillgelegten Tagebauen entsorgt wurden. Hintergrund war ein radikaler wirtschaftlicher und kultureller Umbruch.

Die DDR war ein Leseland und verfügte über wesentlich mehr Bibliotheken als die neuen Bundesländer heute. Eine beträchtliche Zahl der kleineren Bibliotheken, die sich in Wohngebieten oder Schulen befanden, wurde nach dem Mauerfall für immer geschlossen. Bibliotheken sortierten in der Zeit nach dem Mauerfall zwischen 30 und 40 Prozent ihrer Bestände aus. Der Hauptgrund war wohl, dass Platz benötigt wurde, um die Regale mit neuen Büchern aus Westdeutschland zu füllen und damit auch auf die Wünsche der Bibliotheksbesucher zu reagieren. DDR-Autoren gerieten damals unter Verdacht, politisch zu eng mit dem alten Staat verbunden gewesen zu sein.

Man muss jedoch sagen, dass nicht alle Bücher weggeschmissen wurden. Ein Teil wurde auch auf Flohmärkten oder an Antiquariate verkauft.

Heute können sich die Leiter ostdeutscher Bibliotheken offenbar nur noch schwer an die damalige Zeit erinnern. Die Stadtbücherei in Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern ist eine relativ kleine Bibliothek, rund 18.000 Bücher stehen hier in den Regalen. Leiterin Simone Brock kann sich erinnern, dass nach dem Mauerfall Stück für Stück die alten Bücher aus der DDR aussortiert wurden. „Das geschah aber nicht auf einen Schlag, sondern wir haben nach und nach den Bestand der alten DDR-Bücher durch neue Bücher aus deutschen Verlagen ersetzt“, erinnert sie sich.

Ähnlich verfuhr die Stadtbibliothek in Oranienburg. „Wir führen heute keine Bücher mehr, die zu DDR-Zeiten aufgelegt wurden“, sagt Daniel Fehlauer, der Leiter der Bibliothek. DDR-Bücher wurden, so gibt er zu Protokoll, nach dem Mauerfall sukzessive ausgesondert.

In der turbulenten Zeit der Wende gab es nur wenige Stimmen, die sich gegen diesen Verlust kulturellen Erbes aussprachen. Einer von ihnen war Peter Sodann, der in der DDR Schauspieldirektor in Magdeburg war und später Intendant im neuen theater in Halle. Nach dem Mauerfall wurde er auch im Westen bekannt durch die Rolle als Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher. 2009 war er sogar als Kandidat der Linken für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Schon seit 1990 sammelte Peter Sodann die Bücher, die zwischen 1945 und 1990 in den Verlagen der DDR erschienen waren. Heute befinden sich rund 265.000 DDR-Bücher in der Peter-Sodann-Bibliothek in Stauchitz. Dazu kommen nochmal rund 1,5 Millionen Bücher, die nicht einsortiert sind und in Bananenkisten lagern. Neben Romanen und Gedichtbänden finden sich auch Sachbücher, Kinderbücher, regionale Werke und anderes, das heute nur noch schwer zu beschaffen ist.

Sodann war es nicht wichtig, die DDR politisch zu rehabilitieren, sondern ihre gedruckten Werke für spätere Generationen zu bewahren. Auslöser für ihn war die Auflösung der Bibliothek des FDGB-Bezirksvorstandes in Halle, deren komplettes Inventar auf LKWs zur Vernichtung aufgeladen wurde – vor seinen Augen. In einem Interview mit der taz aus dem Jahr 2009 erinnert er sich an den Moment, als er die Männer beobachtete, die die Bücher auf den Lastwagen warfen. „Ihr schmeißt mir ja mein Leben weg“, waren seine Gedanken.

Sodann, ein Mann der Tat, ergriff Maßnahmen. Er ließ die Bücher erst einmal in Räumen in seinem Theater zwischenlagern. 2007, nachdem seine Sammlung bereits verschiedene Stationen in Halle und Merseburg durchlaufen hatte, gründete er in Staucha eine dauerhafte Einrichtung zur Aufbewahrung der Bücher. Die Sortierung und Katalogisierung der Bücher verschlang natürlich eine Stange Geld, das meist durch Förderung akquiriert wurde. Bis heute kämpft die Peter-Sodann-Bibliothek allerdings mit finanziellen Problemen. Die Rettung des literarischen Erbes der DDR ist dem heutigen Kulturminister anscheinend kein großes Anliegen.

Werner Lindemann, der Vater des Rammstein-Sängers Till Lindemann, war in der DDR erfolgreicher Autor für Kinderbücher und Literatur für Erwachsene. Er erlebte selbst, wie seine Bücher auf einer Müllhalde landeten, nach 1989 war er plötzlich nicht mehr gefragt. Für ihn war es schmerzlich, zu erleben, wie seine Werke auf einen Schlag als wertlos gehandelt wurden.

Carsten Gansel, in der DDR aufgewachsen, hat kürzlich das Buch „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“, erschienen im Reclam Verlag, geschrieben. Das Buch ist auf der Longlist für den NDR Sachbuchpreis 2026. In seinem Buch zeigt Gansel, warum der Westen im Osten bis heute als dominant und übergriffig empfunden wird. Gansel beschreibt darin zum Beispiel den evangelischen Theologen Martin Weskott, der 1991 eine Rettungsaktion für Bücher auf einer Müllkippe bei Leipzig initiierte. Neben einer Kirche lagerte er mehr als eine Million Bände. Danach organisierte er Lesungen mit den Autoren, deren Bücher gerettet wurden, und die zum Erfolg wurden.

Ein besonders eindringlicher Teil Gansels Buchs betrifft die Schriftsteller, deren berufliche Anerkennung nach dem Mauerfall einbrach. Dabei nennt Gansel Autoren wie den Lyriker Manfred Streubel und den Karikaturisten Thomas Schleusing, die sich 1992 das Leben nahmen. Das waren allerdings Extremfälle, es gibt durchaus eine Reihe von DDR-Autoren, die nach dem Mauerfall erfolgreich waren und auch bedeutende Literaturpreise erhielten. Gansels Kritik richtet sich nicht allein gegen die Vernichtung von Büchern. Er beschreibt auch, wie Schriftsteller nach 1989 häufig in Kategorien wie staatsnah und staatsfern eingeordnet wurden. Dabei gerieten literarische Qualität und historische Bedeutung mitunter aus dem Blickfeld.

Titelbild: DC Studio/shutterstock.com


Hauptadresse: http://www.nachdenkseiten.de/

Artikel-Adresse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=158050