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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Dirty Play
Datum: 2. November 2026 um 15:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech
Verantwortlich: Jens Berger
Russische Sportler seien ein „Sicherheitsrisiko“ – mit dieser abenteuerlichen Begründung sperrt man sie seit 2022 von internationalen Turnieren aus. Nun hat der Sportgerichtshof CAS auch die Sperre des Eishockey-Weltverbandes gekippt. Das ist für Deutschland heikel, denn im Mai ist man Gastgeber der Eishockey-WM. Statt das Urteil umzusetzen, flüchtet man sich in Ausreden und erwägt, das Turnier abzugeben. Das ist kindisch und verlogen. Von Jens Berger.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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Seit 2022 sind in den meisten Sportarten russische Athleten und Mannschaften von internationalen Turnieren ausgeschlossen. Die Begründung dafür ist reichlich absurd. Es geht nicht – wie man vielleicht denken mag – um einen Ausschluss wegen des völkerrechtswidrigen Krieges gegen die Ukraine. Eine derartige Argumentation würde wohl in den international aufgestellten Sportverbänden keine Mehrheiten finden und die Frage aufwerfen, warum andere Staaten, wie die USA oder Israel, dann nicht auch ausgeschlossen werden müssten. Stattdessen haben die Verbände „Sicherheitsbedenken“ geltend gemacht. Das klingt nicht nur absurd, sondern ist es auch. Welches Sicherheitsrisiko beispielsweise von einer russischen Turnerin ausgehen soll, die an einer internationalen Turnmeisterschaft teilnimmt, dürfte selbst überzeugten Falken nicht wirklich einleuchten.
Auch in der nicht gerade glamourösen Welt des internationalen Sportrechts mahlen die Mühlen des Rechts jedoch langsam. Doch immerhin mahlen sie. Am letzten Freitag hat der Internationale Sportsgerichtshof CAS der Klage des russischen Eishockeyverbandes RIHF gegen den internationalen Eishockey-Dachverband IIHF stattgegeben. Die drei obersten CAS-Richter aus Italien, Großbritannien und Ägypten erklärten einstimmig, dass die vom IIHF angegebenen „Sicherheitsbedenken“ nicht nachvollziehbar seien. Das Recht der Athleten, an internationalen Wettbewerben teilzunehmen, sei nur dann einzuschränken, wenn es wirklich substanzielle Gründe gäbe, dass deren Teilnahme die Sicherheit der Veranstaltung konkret gefährde. Das sei in diesem Fall nicht zu erkennen. Dieses Urteil schließt sich vorherigen Urteilen an, bei denen russische Rennrodler, Skifahrer und Turner ihr Teilnahmerecht an internationalen Wettbewerben gegen die jeweiligen Weltverbände eingeklagt haben. Das IOC hatte vor wenigen Wochen ebenfalls bereits die Sperre gegen das russische Olympische Komitee aufgehoben und auch die FIFA prüft derzeit eine Aufhebung der Sperren gegen russische Teams und den russischen Verband.
Wer nun denkt, dass die westlichen Sportverbände, deren jeweilige Nationen zu den Unterstützern der Ukraine gehören, diese Entscheidungen der obersten sportlichen Gerichtsbarkeit akzeptieren und umsetzen würden, sieht sich jedoch getäuscht. Auch wenn Deutschland sich ja mal eine „regelbasierte“ Politik auf Basis des „internationalen Rechts“ auf die Fahnen geschrieben hat, ignoriert es internationales Recht immer dann, wenn es den eigenen Vorstellungen zuwiderläuft – vor allem dann, wenn es um Israel auf der einen und Russland auf der anderen Seite geht. Die Entscheidung des CAS gegen den internationalen Eishockey-Verband ist für Deutschland heikel. Im Mai kommenden Jahres ist Deutschland nämlich Austragungsland der Eishockey-WM und nach dem CAS-Urteil ist Russland für dieses Turnier startberechtigt.
Die Bundesregierung sieht das CAS-Urteil „sehr kritisch“ und sieht sich offenbar in einer Zwickmühle. Würde man internationales Recht umsetzen, müsste man offenbar damit rechnen, dass andere Staaten das Turnier boykottieren. In diesem Zusammenhang wird u.a. auf Lettland verwiesen. In diesem Land gibt es ein Gesetz, dass es lettischen Sportlern verbietet, gegen russische Sportler anzutreten. Das muss man sich mal vorstellen. Ein solches Gesetzt gibt es noch nicht einmal im Iran in Bezug auf israelische Sportler, obgleich dies häufig in deutschen Medien so kolportiert wird. Würde Deutschland hingegen das russische Team eigenmächtig ausladen oder durch eine Verweigerung der Visaerteilung an der Teilnahme hindern, wäre dies nicht nur ein Verstoß gegen internationales Recht, sondern zudem ein diplomatischer Eklat.
Über diese Fragen wird derzeit auch debattiert. Worüber interessanterweise niemand spricht, sind die angeblichen „Sicherheitsbedenken“, mit denen man den Ausschluss des russischen Teams ja begründet. Die tauchen dann – was besonders kurios ist – erst wieder im offiziellen Statement des Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Eishockey-Bundes Frank Lutz auf:
„Wir würden von einem normalen Turnier auch wirtschaftlich profitieren. Nur unter dieser neuen Konstellation kommen ganz andere Kosten auf uns zu, gerade Sicherheitsthemen, die eine ganz andere Relevanz bekommen, als wir das in der Vergangenheit gedacht haben.“
Warum irgendwelche „Sicherheitsthemen“ durch die Teilnahme des russischen Teams eine „ganz andere Relevanz“ bekommen sollten und worin die damit verbundenen „ganz anderen Kosten“ bestehen, lässt Lutz offen. Hat man Angst, dass ukrainische Terroristen einen Anschlag verüben?
Der Deutsche Eishockey-Bund erwägt jedenfalls nun – offiziell wegen der Kosten für „Sicherheitsthemen“ –, die WM in letzter Minute abzugeben. Das ist kontraproduktiv und verlogen. Wenn man hinter dem Gedanken steht, dass Russland „unser Feind“ sei und „wir“ Russland auch im Sport boykottieren müssen, dann soll man das auch so sagen. Und wenn dies internationales Recht verletzt, dann ist das halt so. Eine solche Entscheidung wäre zwar falsch, aber sie wäre ehrlich.
Sich aber nun beleidigt mit vollkommen abwegigen Ausreden aus der Affäre zu stehlen, ist einfach nur kindisch. Früher hieß es mal, Sport diene der Völkerverständigung. Davon ist man heute meilenweit entfernt und es sind „wir“, die sich diesem hehren Ideal aktiv verschließen.
Titelbild: Maksim Konstantinov/shutterstock.com
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