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Titel: Agustin Edwards auf dem Sterbebett – Das Strafregister des Zeitungsverlegers, der im Auftrag des CIA Salvador Allende stürzte

Datum: 14. März 2017 um 9:05 Uhr
Rubrik: Erosion der Demokratie, Länderberichte, Medienkonzentration Vermachtung der Medien
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Agustin Edwards liegt seit Tagen im Koma und fiebert nun seinem Tod entgegen. Frederico Füllgraf hat für die NachDenkSeiten einen Blick auf das Leben des chilenischen Medienzaren geworfen, der als finsterer Figur im Hintergrund die Geschichte Chiles massiv beeinflusst hat und zusammen mit der CIA Südamerika umgestalten wollte.


In den ersten Märztagen überflutete eine Hiobsbotschaft die chilenischen Medien: “A los 89 años falleció Agustin Edwards, duenõ de El Mercurio” (“Im Alter von 89 Jahren verstarb Agustín Edwards, Eigentümer des El Mercurio”) schrieb am 3. des Monats die einflussreiche und der Sozialistischen Partei Chiles nahestehende Wochenzeitung Cambio 21.

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und rangierte in wenigen Minuten als trending topic Nr. 1 in den sozialen Netzwerken. Doch kaum war eine Stunde vergangen, da erwies sich der Titel als Falschmeldung des Radiosenders ADN in Santiago de Chile, der sich öffentlich dafür entschuldigen musste. Vielmehr überlebte Edwards in künstlichem Koma, korrigierte eine Erklärung der Familie. Allerdings, selbst vom Dementi keine Zeile in den einflussreichen Druckmedien des Familienunternehmens, El Mercurio, Las Ultimas Noticias und La Segunda.

Scharfsinnige Psychoanalytiker belustigen sich nun damit, die überstürzte Todesmeldung als Ausdruck kollektiven Wunschdenkens – zumindest der Mehrheit der Chilenen – zu interpretieren, doch ebenso das dunstgraue Schweigen der Familie Edwards als verzweifelten Versuch zu diagnostizieren, das unentrinnbare Ableben eines der Agustín Edwards und sein Familien-Clan fühlten sich noch nie gern an ihr geschädigtes Verhältnis zur Wahrheit erinnert, worüber ihr Stammbaum in Chile Bände spricht.

Freibeuter, Banker und Medienzaren

“Das Erbe der verschiedenen Augustiner ist überschattet vom Machthunger zu jedem Preis und verweist immer auf El Mercurio als seine Legitimationsquelle; eine Mediengruppe, die in der Lage ist, groteske Lügen in absolute Wahrheiten zu verwandeln. Das wird auch das Erbe Agustín Edwards del Río sein, der Sohn des bis zum heutigen Tag makabersten aller Edwards”, schrieb die chilenische Journalistin Daniela Contador über den aussichtslosen Kampf Edwards Eastmans mit dem Tod (“Agustín Edwards: La dinastía que no muere”, La 4ta Muralla, 03.03.2017).

Die von Anekdoten und Räubergeschichten umrankte Genealogie begann im Jahr 1804, als der britische Piratenschoner “Blackhouse”, der an den Napoleonischen Kriegen beteiligt gewesen war, im nordchilenischen La Serena einlief und die Mannschaft auf Beutezug an Land ging.

Die Legende erzählt, dass ein gewisser George Edwards Brown aus Finsbury bei London, der sich als Bord-Barbier und “Notfallchirurg” durchschlug, die Haustür der spanischen Großgrund- und Minenbesitzer-Familie Ossandón mit einem Fußtritt niedermachte, doch mit schussbereiter Waffe in der Hand seinen Mund nicht mehr zubekam, als ihn die Haustochter Isabel Ossandón Iribarren hinter den Trümmern anstarrte. Verzaubert von ihrer Schönheit, soll Seeräuber Edwards Brown die Waffen gestreckt und um Hausasyl gebeten haben, als er von seinen krakeelenden Kameraden in der Stadt gesucht wurde. Drei Tage lang in einem leeren Olivenöl-Fass geduckt, meldete sich der britische Bürgerschreck bald den spanischen Behörden und heiratete wenige Monate später Isabel Ossandón.

Durch die Ossandóns kam Edwards auf das Kupfer in der Atacama-Wüste und bildete sein erstes Vermögen mit Wucherzinsen als Kreditgeber an geldlose Minenbesitzer. Der nur scheinbar reumütige Brite diente sich bald dazu an, eine Schar seiner Landsleute in Übersee nach Chile zu locken und vom rentablen Kupfer- und Salpeter-Tagebau zu überzeugen. Zu den weitgereisten und durchlauchten Gästen der späteren Edwards-Villa in La Serena soll auch Charles Darwin gezählt haben. Die Machtgier der Briten gipfelte schließlich im sog. Salpeterkrieg von 1879, als die postkoloniale Oligarchie Chiles einen Überfall auf Peru und Bolivien verübte, den die Engländer mit Waffen und Geld finanzierten und in dem Bolivien 400 km seiner Küste einbüßte.

Der Sohn des Piraten, José Agustín Edwards Ossandón, vermehrte bald den Reichtum und wird mit dem Titel “Agustín I” als eigentlicher Gründer der Dynastie bezeichnet. “Agustín I” kaufte seinerzeit die gesamte chilenische Kupferproduktion auf, hortete sie in chilenischen Häfen und verdiente Unsummen mit der Preis-Spekulation. Mit der Gründung der ersten Versicherungsgesellschaft des Landes – der Compañía Chilena de Seguros – und der Banco Edwards erreichte der Clan in vier Nachfolge-Generationen den Aufstieg in den Bankerstand, aber auch in die Politik und damit in Chiles herrschende Oligarchie.

“Politik mit anderen Mitteln”

Nach vielfältigen Rückschlägen als Abgeordnete und Senatoren der frühen chilenischen Republik entschied sich der Clan zur Politik mit anderen Mitteln. Und das geschah 1875, mit dem Kauf der seit 1827 bestehenden, doch plötzlich verschuldeten Regionalzeitung El Mercurio de Valparaíso.

Erst fünfundzwanzig Jahre später beschloss der Clan die Ausweitung des Mediengeschäfts mit der Gründung der überregionalen Tageszeitung El Mercurio in der Hauptstadt Santiago, die in den 1960er Jahren als Erbschaft in den Besitz des heute 89jährigen Agustín Edwards Eastman überging.

Zur Gruppe El Mercurio S.A.P. gehören die namensstiftende, überregionale Tageszeitung, das Massenblatt Las Ultimas Noticias und die Boulevard-Ausgabe La Segunda. Doch die Konturen des sprichwörtlichen Imperiums werden erst deutlich mit der Auflistung von mindestens 25 Regionalzeitungen und etlichen Unterhaltungs-Radiosendern, die der Verlag im chilenischen Hinterland herausgibt und betreibt und damit etwa 60 Prozent des chilenischen Medienmarktes auf sich vereinigt.

Zusammen mit dem Konkurrenzunternehmen Copesa, Herausgeber der Tageszeitung La Tercera, bildet El Mercurio S.A.P. das seit Jahren von Journalisten und Politikern – einschließlich Staatspräsidentin Michelle Bachelets – beklagte Medien-”Duopol”, das von einer Gesetzgebung zur Demokratisierung des Medienmarktes und der Wiederherstellung des Meinungs-Pluralismus aufgelöst werden sollte; doch bisher ohne Erfolg.

Amerikanische Freunde und neoliberaler think tank

Dass Edwards Eastman nie viel von Demokratie hielt, bezeugen seine vielfältigen Verwicklungen mit der Pinochet-Diktatur.

Nach Studien an der Woodrow-Wilson-Akademie und der Universität Princeton in den USA knüpfte er bereits in den 1950er Jahren enge Kontakte zum US-amerikanischen Establishment und entwickelte eine enge Freundschaft zu David Rockefeller, der als fast 100-jähriger Greis im Rollstuhl oft gesehener Gast auf dem Gutshof des Chilenen an den Ufern des Ranco-Sees ist.

Als Allein-Herausgeber des El Mercurio waren ihm allerdings in den 1960er Jahren die Reformen des damaligen, christdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei Montalva, insbesondere dessen vorsichtige Landreform, schon ein Dorn im Auge. Mit einer Gruppe chilenischer Absolventen der Chicagoer Wirtschaftsschule unter Milton Friedman – die Frei Montalva mit der Forderung nach dem “Minimalstaat” bekämpften – gründete Edwards Eastman mit Admiral José Toribio Merino den Geheimbund “Nautische Bruderschaft des Südpazifiks”.

Mit der Ausarbeitung des sog. “Ladrillo” – ein radikal-neoliberaler Wirtschaftsplan – war der zivil-militärische Geheimbund als think tank des konservativen Präsidentschaftskandidaten Jorge Alessandri tätig, der in der Wahl von 1970 nur knapp gegen Salvador Allende unterlag, Nach Auskunft des Hinchey-Reports vom State-Department (CIA Reports: Hinchey Report: CIA Activities in Chile) wurde diese Kampagne mit hunderttausenden US-Dollar insgeheim finanziert.

Nicht zufällig, wenige Jahre später, kommandierte Admiral Merino in den frühen Morgenstunden des 11. September 1973, in Valparaíso, den Auftakt der Marine zum Putsch gegen Salvador Allende, dem sich Augusto Pinochet erst wenige Tage zuvor anschloss.

“Track 1”: El Mercurio im Auftrag des CIA

Edwards belog Richter Carroza.

Mit der Vorlage des COVERT ACTION IN CHILE 1963-1973 STAFF REPORTS von US-Senator Frank Church war bereits seit 1974 einwandfrei erwiesen, dass der chilenische Verleger mit dem CIA ein Millionen Dollar schweres Tauschgeschäft zur Finanzierung einer Hetzkampagne, mit dem erklärten Ziel der Destabilisierung und dem Sturz der Regierung Allende, eingegangen war.

Peter Kornbluh – Direktor des National Security Archives Chile Documentation Project – veröffentlichte zehn Jahre später das Buch The Pinochet File: A Declassified Dossier on Atrocity and Accountability mit dem Abdruck von Anfang des Millenniums freigegebener Dokumente. In seinem THE EL MERCURIO FILE – EBSCOhost Connection erfährt der staunende Leser von jener Geheimoperation, für die der CIA von 1970 bis 1973 in genauen Zahlen 1,965 Millionen US-Dollar [ca. 9.5 Millionen Dollar nach heutigem Wert] zur Finanzierung von El Mercurio als Kriegspostille gegen Salvador Allende zahlte – Vorgänge, die im Übrigen von CIA-Chef Richard Helms´ Gedächtnisprotokollen und Geheimtelegrammen vorher schwarz auf weiß belegt waren.

“Track 1” war das Codewort des State Department und des CIA für die erste Etappe des versuchten Staatsstreichs in Chile. Sie sollte zunächst die Wahl Allendes verhindern. Als der Versuch scheiterte, wurde am 22. Oktober 1970 im Auftrag des CIA der Heeres-Kommandant und Loyalist, General René Schneider, bei einem Attentat rechtsradikaler Offiziere und Terroristen der Faschisten-Organisation “Patria y Libertad” (“Vaterland und Freiheit”) mit dem Ziel erschossen, die gesamten Streitkräfte zu einem Putsch herauszufordern.

Die Streitkräfte reagierten nicht und Schneiders Nachfolger als Heeres-Kommandant wurde der ebenso verfassungstreue General Carlos Prats, der Allendes sozialistischen Regierungskurs bis zum letzten Tag sicherte, doch nach dem Putsch ins argentinische Exil flüchten musste. Am 30. September 1974 erlitt Prats in Begleitung seiner Ehefrau das gleiche Schicksal wie sein Freund, General Schneider: sein Auto wurde von Pinochets Schergen in Buenos Aires in die Luft gesprengt.

In ihrem 2008 in Chile erschienenen Buch, “Salvador Allende: Cómo la Casa Blanca provocó su muerte” (“Salvador Allende: Wie das Weiße Haus seinen Tod bewirkte”, Ed. Catalonia) erklärte die preisgekrönte und mittlerweile verstorbene Journalistin Patricia Verdugo, über viele Jahre hinweg davon überzeugt gewesen zu sein, dass die USA kein zweites Kuba in Lateinamerika dulden wollten. Verschiedene Leute, die Henry Kissingers Nähe pflegten, hätten jedoch diese Annahme korrigiert. In Wahrheit solle Kissinger Salvador Allende für gefährlicher als Fidel Castro gehalten haben und sei von der Wahnvorstellung besessen gewesen, Allendes demokratischer Sozialismus hätte weit über die Grenzen Lateinamerikas auch in Italien und Spanien ein Echo gefunden. Das hielten Präsident Nixon und sein Außenminister für unakzeptabel und befohlen deshalb den Einsatz von Spitzenagenten des CIA in Chile; “die Kriminellsten unter ihnen”, schrieb Verdugo.

“Unternehmen Colombo”

Drei Jahre nach seiner ersten Aussage vor Richter Carroza erreichte Agustín Edwards Eastman 2016 eine neue Klage. Diesmal im Namen der zwei größten Familienverbände ermordeter und verschwundener politischer Gefangener – AFDD und AFEP – sowie der Journalistengewerkschaft “Colegio de Periodistas de Chile”. Die Gemeinschaftsklage beschuldigte den Verleger der Komplizenschaft mit Pinochets Geheimdiensten DINA und CNI bei der Ermordung hunderter, ehemaliger politischer Häftlinge.

Als besonders makabrer Fall dieser Zusammenarbeit wurde das sog. “Unternehmen [Operación] Colombo” aus dem Jahr 1975 bekannt.

Zu dem Zweck, vom Verschwinden von mindestens 119 politischen Gefangenen abzulenken, die in berüchtigten Folterzentren, darunter Colonia Dignidad, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, ermordet und teilweise mit Hubschraubern auf hoher See “entsorgt” worden waren, inszenierte Pinochets Terror-Garde DINA eine filmreife Medien-Maskerade.

Mit der Finanzierung von zwei in Argentinien und Brasilien, ein einziges Mal im Winter 1975 erschienenen Trug-Zeitungen – Lea in Buenos Aires, und Novo O’Día in Curitiba – säten Pinochets Agenten die Falschmeldung aus, wonach im argentinischen Hinterland “flüchtige, linksgerichtete, chilenische Terroristen unter sich eine Generalabrechnung mit Dutzenden von Toten beglichen” hätten. An verschiedenen Orten Argentiniens schmückten die Häscher künstlich arrangierte “Beweisfälle” mit aus Chile herangeschleppten Todesopfern aus, in deren zerlumpte Kleidung sie Ausweispapiere steckten.

Durch eine vorab mit der Mediengruppe El Mercurio abgekartete Absprache bestand der zweite Akt darin, die Falschmeldung und ihre Quelle als Aufmacher der Tageszeitung La Segunda aufzubauschen.
Agustín Edwards Eastman inszenierte den Auftrag mit ausgesuchter Erfindungsgabe. “Hingeschlachtet wie die Ratten” (siehe Schlagzeile “Exterminados como ratones”), betitelte La Segunda am 25. Juli 1975 den gespenstischen Betrug.

Im Jahr 2015 verurteilte die chilenische Justiz 76 in den Fall involvierte, ehemalige DINA-Agenten, während Agustín Edwards Eastman mit seiner Privatjacht um die Welt segelte. Als er wiederkehrte und vor Gericht musste, kränkelte er plötzlich.


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