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Titel: „Lippmann wusste, dass Worte und Sprachbilder soziale Realitäten gestalten“

Datum: 1. August 2018 um 13:10 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Interviews, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Strategien der Meinungsmache
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Walter Ötsch

„Propaganda und Manipulation hat es immer schon gegeben – auch in einer Demokratie“, sagt Walter Ötsch im Interview mit den NachDenkSeiten. Damit verweist Ötsch, der als Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues lehrt, nüchtern auf das, worauf die NachDenkSeiten seit langem aufmerksam machen, was aber oft in der Breite der öffentlichen Debatte ausgeblendet wird. Anlass des Interviews mit Ötsch ist die heute erscheinende Neuveröffentlichung eines Buches in deutscher Sprache aus dem Jahr 1922, das bis heute als Standardwerk gilt, wenn es um die Manipulation der öffentlichen Meinung geht. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

In dem Buch geht es um die „gelenkte Demokratie“, die der US-amerikanische Journalist und Präsidentenberater Walter Lippmann befürwortete. Ein Interview in zwei Teilen über jenen Mann, der den Begriff von der „Atlantischen Gemeinschaft“ eingeführt und den Begriff „Kalter Krieg“ maßgeblich geprägt hat.

Herr Ötsch, wie real ist Manipulation und Propaganda in der Öffentlichkeit?

Propaganda und Manipulation hat es immer schon gegeben. Jedes Herrschaftssystem bedarf auch einer minimalen Zustimmung der Beherrschten und muss versuchen, ihre „Herzen“ zu gewinnen, indem sie ihr Denken beeinflusst. Papst Gregor XV hat 1622 mit der sacra congregatio de propaganda fide (Kongregation für die Verbreitung des Glaubens) eine Institution für die Missionstätigkeit der katholischen Kirche geschaffen, der Begriff propagare für ausbreiten wurde dabei erstmals auf den Bereich der Kommunikation angewandt. Mit dem Aufkommen der Demokratie und dem allgemeinen Wahlrecht entstand ein neues Problem: wie kann man „die Masse“ so beeinflussen, dass Machtsysteme, wie in der Wirtschaft, im Militär und im Adel oder in Parteienapparaten, am besten unverändert erhalten bleiben?

Welche Gründe gibt es überhaupt dafür, dass Manipulation und Propaganda auch in einer Demokratie so fest verankert sind?

Eine moderne Demokratie lebt von der Spannung unterschiedlicher Machtsysteme: der Macht des Geldes von reichen Personen und bedeutenden Firmen, der Macht politischer Eliten, der Macht einer kritischen Öffentlichkeit oder der Zivilgesellschaft und der Macht politischer Mehrheiten, die sich in Wahlen manifestiert. Insgesamt ein reiches Feld mit vielen Akteuren, dazu kommen noch die Massenmedien und die sozialen Medien, die immer bedeutsamer werden. Wenn man sich vor Augen hält, dass all diese Akteure, die sich in diesen Machtsystemen bewegen, natürlich ein Interesse daran haben, ihre Sicht in der Öffentlichkeit zu etablieren, dann wird klar, warum auch in einer Demokratie Manipulation und Propaganda Normalität sind.
Die Frage ist aber auch, was man als Propaganda bezeichnen soll.

Wie meinen Sie das?

Viele denken da immer sofort an die Verbreitung von Meinungen, die sie ablehnen, die Frage, ob sie selbst Teil der Beeinflussung der Öffentlichkeit sind, wird nicht gestellt. Wichtig ist auch, welches Bild der Gesellschaft mitgedacht wird. Wer den Finanzkapitalismus zum Beispiel nicht als Herrschaftssystem mit einer permanenten Umverteilung von unten nach oben erkennen kann, für den fällt es schwer, bestimmte Manipulationselemente zu erkennen. Ein Beispiel, das mich als Ökonom interessiert: Welche Art von Denken wird in den Lehrbüchern suggeriert, ohne den Studierenden Gelegenheit zu geben darüber nachzudenken? Viele Dozenten und Dozentinnen verbreiten Ideologie, ohne dass ihnen das bewusst ist, vielleicht auch ohne das persönlich zu intendieren. Von der Wirkung her ist das egal. Kann man das Propaganda nennen?
Vor hundert Jahren hat man jedenfalls Propaganda noch als Propaganda bezeichnet. Heute spricht man vornehmer von Werbung, Public Relation, politischem Spin, Lobbying, Markentechniken usw.

In der Sache hat sich aber nichts verändert.

Das stimmt. Wir sind jeden Tag einem Bombardement von Werbebotschaften ausgesetzt. Die kommerzielle Werbung ist auch ein gutes Beispiel, dass wir nicht hilflos einer intendierten Manipulation ausgeliefert sind. Viele sind von der allgegenwärtigen Werbung zum Beispiel im Fernsehen und im öffentlichen Raum so genervt, dass sie individuelle Strategien entwickelt haben, sich dem zu entziehen – man könnte auch die Forderung erheben, Werbung flächendeckend zu verbieten. Der Versuch, jemanden zu beeinflussen, hat in diesem Fall eine gegenteilige Wirkung. Manipulation ist allgegenwärtig. Sie kann aber auch erkannt werden, man kann Wissen erlangen.

Wie denn?

Beispielsweise, wenn man sich über die Wirkung von Sprache informiert, darüber reflektiert und sich dann gegebenenfalls von bestimmten Begriffen, Formulierungen usw. distanziert. Oder man eignet sich ein Wissen über die technischen Möglichkeiten an, wie heute in sozialen Medien manipuliert wird. Manipulation ist keine Einbahnstraße mit nur hilflosen Opfern, wie oft suggeriert wird.

Der Name Walter Lippmann dürfte hierzulande eher wenigen bekannt sein. Er hat 1922 ein Buch über die Manipulation der öffentlichen Meinung geschrieben und gilt als einer der einflussreichsten Propagandisten. Bevor wir auf Lippmanns Arbeit näher eingehen: Wer genau war Lippmann?

Walter Lippmann (1889-1974) war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermutlich der prominenteste und wirkungsvollste Journalist in den USA. Seine Lebensgeschichte ist mit dem Aufstieg der USA zur globalen Weltmacht verbunden, eine Biographie trägt zu Recht den Titel Walter Lippmann and the American Century. Lippmann hat von 1931 bis 1967 drei- bis viermal in der Woche eine Kolumne in der New York Herald Tribune und später in der Washington Post geschrieben, die zugleich in über 200 Zeitungen veröffentlicht worden ist, am Höhepunkt hat er regelmäßig mehr als zehn Millionen Leser und Leserinnen erreicht. Lippmann hat mehrmals dazu beigetragen, den politischen Diskurs in den USA zu verändern. Er hatte direkten Kontakt zu allen Präsidenten dieser Zeit und viele von ihnen beraten oder ihnen Reden geschrieben.

Also Lippmann war Teil der Elite?

Lippmann stammt aus einer begüterten Mittelschicht mit kulturellen Interessen, er hat schon früh den Umgang mit prominenten Künstlern gepflegt und war schon als Kind oft in Europa. Er hat in Harvard studiert (allerdings niemals einen Abschluss gemacht), ist Journalist geworden, war bei wichtigen Neugründungen von Zeitungen dabei und ist dann ungemein schnell zur Spitze des politischen Establishments aufgerückt. Bekannt ist sein Einfluss auf Woodrow Wilson: Der Wortlaut des berühmten 14-Punkte-Plans vom Januar 1918 zur Neuordnung der Welt nach dem Ersten Weltkrieg stammt zum großen Teil aus Lippmanns Feder. Lippmann war auch 1921 bei der Gründung des Council on Foreign Relations beteiligt, eines der wichtigsten Think Tanks der USA bis heute, in dem sich einflussreiche Personen der wirtschaftlichen und politischen Elite der USA vor allem zu außenpolitischen Fragen koordinieren.

Wofür wurde er noch bekannt?

Lippmann war ab den 1930-er Jahren auch als „öffentlicher Ökonom“ unterwegs, damals gab es noch kaum Ökonomen, die andauernd in den Medien präsent waren. Er hat den New Deal, die Wirtschaftspolitik von Franklin D. Roosevelt, prominent unterstützt, ab 1935 dann kritisiert und sich einem Netzwerk von Ökonomen vor allem aus Europa angenähert, in dem die theoretischen Grundlagen für den Neoliberalismus erarbeitet wurden. Sein Buch The Good Society von 1937 gilt als einer der neoliberalen Schlüsseltexte. Im Herbst 1938 war Lippmann bei einem Treffen dieses Netzwerkes in Paris dabei, heute spricht man vom Walter Lippmann Colloquium. Die Versammlung gilt als die Geburtsstunde des Neoliberalismus als internationaler Bewegung und als Vorläufer der 1947 gegründeten Mont Pèlerin Society, die dann Friedrich August Hayek ins Leben gerufen hat. Diese Organisation ist in der Folgezeit immer einflussreicher geworden und hat die Politik vieler Länder beeinflusst. Heute gibt es zum Beispiel um die Gesellschaft herum einen Ring von fast 500 Think Tanks weltweit: das Atlas Network.

Lippmann hat seine Erkenntnisse dann auch in der Praxis umgesetzt.

Lippmann war sich der Macht der Sprache ungemein bewusst und hat sie Zeit seines Lebens in vielen Windungen – er hat oft seinen Kurs geändert – in wortgewaltigen Artikeln praktiziert.

Welche Begriffe hat er denn geschaffen?

Lippmann war es, der den Begriff von der „Atlantischen Gemeinschaft“ eingeführt hat, die die USA mit Großbritannien bilden sollen – das hat Lippmann in einer Kolumne Anfang Februar 1917 gesagt und wurde dann von Woodrow Wilson übernommen. Lippmann hat zweitens nach 1947 den Begriff „Kalter Krieg“ massiv propagiert. Er hat den Begriff nicht selbst erfunden …

… aber?

Er hat ihn in vielen Kolumnen den Amerikanern eingehämmert und auch ein Buch dazu verfasst. Wie das Sprachbild von dem Kalten Krieg die Welt, in besonderer Weise auch Westdeutschland, geprägt hat, ist bekannt. Lippmann wusste klar, dass Worte und Sprachbilder soziale Realitäten gestalten können, dass dieser Prozess die ganze Zeit geschieht und dass manchmal sogar eine einzige Person Gestaltungsmöglichkeiten hat. Heutzutage ist das manchmal auf sozialen Medien möglich. Einzelne erfinden aus Spaß, Profit- oder ideologischen Gründen fantastische Ereignisse, auf die dann andere Medien hereinfallen. Das sind gefährliche Trends. Denn durch immer wiederholte Lügen, Slogans und Begriffe kann man die Demokratie zerstören, darauf hat ja schon Hannah Arendt hingewiesen.
 
Um Zugang zu dem Werk von Lippmann zu bekommen, empfiehlt es sich, sich damit auseinanderzusetzen, was er als Dreiecksbeziehung zwischen Mensch, Pseudoumwelt und Handlungsweltwelt bezeichnet. Können Sie uns in einfachen Worten erklären, was damit gemeint ist?

Lippmanns Buch The Public Opinion von 1922 gilt neben Propaganda von Edmund Bernays aus dem Jahre 1928 als eines der klassischen Werke für Propaganda und Manipulation. Lippmann ist kein Wissenschaftler und sein Buch ist auch kein wissenschaftliches Werk. Lippmann hat aber in diesem Buch tief gehende Gedanken entwickelt, er hat nämlich über das Erkenntnisvermögen des Menschen nachgedacht. Sein Kerngedanke ist: Menschen verfügen über keinen einfachen und direkten Zugang zu einer „äußeren Welt“. Stattdessen ist eine „Pseudoumwelt“ dazwischen angesiedelt, die aus „Bildern“ und Stereotypen besteht, heute spricht man von mentalen Modellen, mentalen Schematas oder von „Frames“. Lippmann leugnet nicht die Realität, er bezeichnet sie als „Handlungswelt“. In dieser realen Welt handeln Menschen, mit all den realen Folgen, die ihr reales Handeln hat. Aber das Handeln selbst kann nur aus der Pseudoumwelt erfolgen, das ist die soziale Welt, die Menschen wahrnehmen und meist ungeprüft als wahr erachten: „Was auch immer wir für ein echtes Abbild halten“, schreibt Lippmann, „wir behandeln es wie die Umwelt selbst“.

Nach Lippmann formt also eine „unsichtbare“ Welt …

„innerer Bilder“ (die Pseudoumwelt) die „sichtbare soziale Welt“ (die Handlungswelt), die wiederum auf die Bilder zurückschlägt. Für Lippmann ist das Dreieck Mensch – Pseudoumwelt – Handlungswelt der Schlüssel, um die moderne Gesellschaft zu verstehen und der Frage nachzugehen, wie sie gestaltet werden kann und wie sie sich entwickeln soll. In den Debatten über die Wirkung von Medien und dem Wahrheitswert von Nachrichten fällt dieser Gedanke meist unter den Tisch.

Und weiter?

Für Lippmann ist die Pseudoumwelt keine individuelle Welt, die sich jeder subjektiv basteln kann. Die Pseudoumwelt ist nach Lippmann eine gemeinsam sozial gestaltete Welt, das macht Öffentlichkeit und öffentliche Meinung aus. Entscheidend für ihr Entstehen ist ihre Distanz zu den direkten Erfahrungen im Alltag. Die Pseudoumwelt ist eine Wirklichkeit, die aus zweiter Hand erfahren wird.

Also vor allem auch eine Wirklichkeit, die durch die Medien erzeugt wird?

In hohem Maße. Es hängt natürlich davon ab, welchen Medien vertraut wird. Jedenfalls: Diese aus zweiter Hand erfahrene Wirklichkeit enthält die Vorstellungen über Dinge, Prozesse, Ereignisse, denen wir niemals direkt begegnen – wie das meiste, das jeden Tag in den Medien vermittelt wird. Je mehr Schichten zwischen einem Ereignis und dem Empfänger eines Berichts liegen, desto leichter ist Beeinflussung und Propaganda möglich. Je weniger man weiß, desto größer wird der Gestaltungsraum für eine fast beliebige Pseudoumwelt.
Auffallend ist Folgendes: Heute gibt es ein ganzes Heer von Think Tanks, PR-Agenturen, Markentechnikern, das im praktischen Sinne von der Ausbeutung und Manipulation dieser Pseudo-Umwelt lebt. Es gibt zweitens eine unüberschaubare Menge von ökonomischer, kognitionswissenschaftlicher und psychologischer Forschung, die dieser Praxis das notwendige Know-how vermittelt – das geht bis in die tiefsten Tiefen des Individuums hinein und bleibt ihm selbst weitgehend unbewusst.

Über diese Zusammenhänge und ihre Auswirkungen wird aber eher selten in der Breite von den Medien berichtet. Im Gegenteil: Weist man darauf hin, dürfte schnell die „Verschwörungstheorie-Keule“ ausgepackt werden.

Nein, einen breit angelegten politischen Diskurs über gewünschte und verantwortbare Formen der Pseudo-Umwelt gibt es tatsächlich nicht. Auch findet in den Bildungssystemen kaum Aufklärung über die gegenwärtig existierenden Manipulationsformen statt. Es wirkt, als ob sich sowohl die Politiker als auch die breite Bevölkerung fast damit abgefunden hätten, stets auf der Seite der Beeinflussten zu stehen und von einer „unsichtbaren Regierung“ im Sinne Edward Bernays dominiert zu werden. Selbst die Eliten, die handlungsfähig wären, scheinen von dieser Meinung angesteckt zu sein. Es fehlt das Wissen über die produktive Vorstellungskraft des Menschen und seine positiven Möglichkeiten.

Aber wieder zu Lippmann: Er hat es verstanden, dass die Bilder in der Pseudoumwelt Menschen zu konkreten Aktionen in der Handlungswelt verleiten.

Für Lippmann liegt hier das Zentralproblem der Demokratie: Die inneren Bilder, die Menschen haben, stimmen nicht automatisch mit der äußeren Welt überein. Politisches Handeln ist bilderbasiert – der Erfolg der Rechten, die jetzt die Gesellschaft nach rechts rücken, bestätigt das. Die politische Meinungsbildung erfolgt, das hat Lippmann klar erkannt, unter dem Einfluss von Gefühlen, welche die inneren Bilder in unseren „Köpfen“ hervorrufen. Auf aktuelle Themen bezogen: Man sollte sich vergegenwärtigen, wie sich die Vorstellungen über „Asylanten“ oder „Flüchtlinge“ im medialen Diskurs der letzten drei Jahre verändert haben, wie diese Leute immer mehr dämonisiert wurden. Auf diese Weise kann man ihnen schrittweise Rechte nehmen und ihr Ertrinken im Mittelmeer ruft kein Entsetzen mehr hervor.

Hierbei sind dann die inneren Bilder entscheidend, oder?

Ja. Dieses Moment kann man nicht übertonen, um das geht es im Kern. Entscheidend sind immer die inneren Bilder, die gleichsam automatisch entstehen. Welche „Bilder“ tauchen in der Vorstellungswelt auf, wenn ernsthaft über „Asyltouristen“, „Flüchtlingskrise“, „Ausnahmezustand“, „Unregierbarkeit“, „Grenzschließung“ usw. geredet wird? In welcher Welt würden wir leben, wenn die Pseudoumwelten der Neuen Rechten zur Selbstverständlichkeit geworden sind? Ungarn bietet ein gutes Anschauungsmaterial: Die Regierung, die eine ganze Propagandaindustrie betreibt, hat mit dem Märchen von einer Verschwörung, die George Soros angezettelt haben soll, eine absolute Mehrheit an Stimmen gewonnen.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist es aber doch auch gefährlich, wenn man eine Gegenposition bezieht, die für sich die reinen Fakten und die reine Objektivität beansprucht.

So ist es. Es ist naiv und gefährlich. Man sollte sich nicht auf der Seite der Wahrheitsfreunde wähnen und die, die andere Ansichten vertreten, als Produzenten von Fake News abstempeln. Nach Lippmann geht es nicht um Wahrheitsfragen, sondern um die Frage, welche Arten von Pseudoumwelten nach welchen Kriterien und Zielen aktiv zu gestalten sind. Man kann im Einklang mit Lippmann – das deutet Lippmann zumindest an – auch die soziale Pseudoumwelt als einen positiven Schatz ansehen, den es zu gestalten und zu pflegen gilt. Denn eine Demokratie braucht eine Pseudoumwelt, die sie schützt, sonst wird sie von innen her ausgehöhlt.

Wie meinen Sie das?

Lippmanns Erkenntnistheorie ist im Kern richtig, man sollte hinter seine Position nicht mehr zurückfallen. Wenn die Pseudoumwelt eine Tatsache ist, dann geht es um die Frage: Welche Pseudoumwelt wollen wir haben? Wie kann man sie erreichen, was müsste man tun? Das ist insbesondere für Zukunftsfragen notwendig. Man kann nur hoffen, dass bald ein lebendiger Zukunftsdiskurs entsteht: Wer hat die attraktivsten Zukunftsbilder anzubieten? Die politische Krise der Gegenwart ist auch deshalb entstanden, weil die politischen Eliten aufgehört haben positive Zukunftsentwürfe zu liefern und dafür Stimmung zu machen. Jürgen Habermas hat vor kurzem genau das dem „europäischen Führungspersonal“ in Bezug auf die Zukunft der EU vorgeworfen: Ihr fehle „der Mut zu einer gestaltenden Politik“. In der Sprache von Lippmann fehlt es an inneren Bildern über eine gute Zukunft, d.h. um eine Vorstellung, wie sich die Pseudoumwelt positiv verändern kann.

Aber die Bilder müssen ja auch Inhalte haben.

So ist es. Man kann das Reden über die Gestaltung der Pseudoumwelt nicht von inhaltlichen Vorstellungen über die Gesellschaft trennen. Man sollte sie offenlegen und klar ansprechen und auch die Andersdenkenden dazu auffordern, das ihrerseits zu tun. Wenn das Ziel eine demokratische, offene und integrative Gesellschaft ist, die der Mehrheit der Bevölkerung ein gutes Leben ermöglicht, dann müssen wir an der Eingangsfrage von Herrschaft und Propaganda anknüpfen. In diesem Fall stellen die Pseudoumwelten von politischen Eliten ein gravierendes Problem dar, vor allem wenn sie die Herrschaftswirklichkeit auch aus dem Wirtschaftssystem nicht erkennen (zum Beispiel die enorme Ungleichheit) und nicht in der Lage sind, sich verschlechternde Lebenswirklichkeiten (zum Beispiel in der Arbeitswelt) anzusprechen. Ein entscheidender Punkt – ich will das nochmals betonen – liegt in der Pseudoumwelt von Zukunftsbildern. Wenn politische Eliten zentrale Strukturprobleme nicht zum Thema machen (zum Beispiel die ökologische Krise oder die Zukunft des Sozialstaates) und attraktive Zukunftslösungen nicht anbieten, dann ist es verständlich, wenn systemzerstörende Kräfte und ein stereotypes Denken von Sündenböcken, symbolischen Aktionen und Scheinlösungen um sich greifen.

Was bedeutet das denn für die Demokratie?

Eine vorrangige Aufgabe ist die Gestaltung einer demokratiefördernden Pseudoumwelt. Es geht darum, zu erkennen, welche Worte, Begriffe, Slogans und Stereotype die öffentliche Meinung beherrschen und welche sie beherrschen soll: Welche Sprache wird verwendet, wie ändert sie sich und – zentral: welche inneren Bilder werden damit aktiviert? Lippmann fordert in Die Öffentliche Meinung die Errichtung von „Informationsdiensten“ bzw. einer „unabhängigen, sachkundigen Organisation“ gleichsam „hinter“ der Presse. Sie soll aus Experten bestehen, die einen Boden aufbereiten sollen, auf dem dann diskutiert wird und auf dem Politiker ihre Entscheidungen treffen sollen, die Pseudoumwelt soll also direkt „gemacht“ werden. Dieses Expertentum kann bestehen aus „Statistiker, Kalkulatoren, Bücherrevisoren, Industrieberater, Ingenieure vieler Fachrichtungen, wissenschaftliche Direktoren, Personalsachbearbeiter, Forscher, ‚Wissenschaftler’ und manchmal als einfache Privatsekretäre,“ – bei den Wissenschaftlern denkt Lippmann übrigens an die politischen Wissenschaften und nicht an die Wirtschaftswissenschaften.

Das klingt aber ziemlich elitär und zugleich auch etwas naiv.

Lippmann war elitär und in diesem Punkt sicherlich naiv, aber er hat zumindest die zugrundeliegende Problematik klar erkannt.
Am Schluss seines Buches spricht Lippmann, auch das bleibt vage, die Rolle der Bildung an: wie kann ein Wissen über Manipulation gefördert werden, wie ein kritischer Umgang mit Informationen, wie eine Bewusstheit über eigene Stereotype, wie über die Kraft imaginativer Vorstellungen – ich würde ergänzen vor allem über die Zukunft.

Wie sieht es in Kriegszeiten aus? Da dürfte die Manipulation der Pseudoumwelt besonders gravierend sein, oder?

Natürlich. Krieg und Manipulation sind untrennbar verbunden. Die Manipulation fällt in Kriegszeiten den Kriegstreibern besonders leicht, weil sie immer auf fest verankerte kulturelle Stereotype zurückgreifen können. Viele sind tief im Inneren davon überzeugt, dass „Wir“ (unser Volk, unser Staat, unsere Nation, unsere Kultur, unser Kontinent) ohnehin besser und moralisch wertvoller sind als „Die“– eben die Feinde, gegen die „Wir“ kämpfen (müssen). Kriegspropaganda braucht diese Stereotype meist gar nicht erfinden – im Ersten Weltkrieg wurden in den USA die Deutschen als „Hunnen“ beschimpft – sondern muss sie nur abrufen. Wenn Donald Trump einen Krieg beginnt, werden sich viele seiner Gegner „hinter dem Präsidenten versammeln“ und den Tod der „Feinde“, die schon dämonisiert sind, bejubeln. Darf ich an den sinnlosen Falklandkrieg von April bis Juni 1982 erinnern, Maggie Thatcher war danach als „Eiserne Lady“ die Heldin der Nation. Jeder Krieg ist von Propaganda begleitet und die Art, wie hier Propaganda gemacht wird und welche Lügen da durchgehen, ist atemberaubend. Erinnern Sie sich noch an die Lüge im Irakkrieg 1991, irakische Soldaten hätten Babys aus den Brutkästen gezerrt und getötet – oder 2003 an die Behauptung der Regierung Bush (Blair ist dem gefolgt), Saddam Hussein würde Massenvernichtungsmittel besitzen und man müsse sie ihm aus der Hand nehmen? Dass die Lügen bei Kriegsbeginn Jahre oder Jahrzehnte später entlarvt werden, ist für den kritischen Beobachter keine Überraschung: zumindest eine qualifizierte Minderheit hat schon 1991 und 2003 klar das Propagandamanöver durchschaut.

Im Buch erwähnen Sie auch das Committe on Public Information (CPI). Was war das und wie ist man dort vorgegangen?

Das war gleichsam das Propagandaministerium der Regierung Wilson. Es wurde mehrere Tage nach dem Kriegseintritt der USA im April 1917 errichtet, auch auf Vorschlag von Walter Lippmann. Wilson hatte die Wahlen 1916 mit dem Slogan He Kept Us Out of War gewonnen und ist dann bald nach Amtsantritt auf einen Kriegskurs umgeschwenkt, in der Bevölkerung war das damals unpopulär. Man wollte nicht gegen die Deutschen in den Krieg ziehen, viele US-Bürger hatten einen deutschsprachigen „Migrationshintergrund“, und die Gewerkschaften haben den „Krieg der Reichen“ verurteilt. Das CPI war ursprünglich als Agentur für die Verteilung von Informationen gedacht. Als erkannt wird, dass viele in der Bevölkerung die Gründe für den Kriegseintritt der USA nicht wissen oder nicht verstehen, beginnt die staatliche Behörde mit Aufklärungskampagnen, die immer eindringlicher werden und sich dann zu einer bis dahin unbekannten Hetz- und Propagandakampagne entwickeln.
Eine Besonderheit des CPI waren zum Beispiel die die Four-Minute Men: insgesamt 75.000 meist ortsbekannte Prominente, die – angeleitet durch ein wöchentliches Bulletin – in der Öffentlichkeit oder im privaten Kreis mehrmals die Woche vierminütige Reden abzuhalten hatten, wobei sie „spontan“ und „enthusiastisch“ wirken sollten. So sollten sie zum Beispiel vor einer Kinovorstellung unaufgefordert aufstehen und gegen die „Sklaverei der preußischen Herren“ wettern und erfundene Gräuelgeschichten erzählen. Das CPI vertrat einen durchaus totalitären Ansatz. Man wollte – noch vor dem Radiozeitalter – nicht weniger als den Alltagsdiskurs der ganzen Gesellschaft verändern und innerhalb von Monaten eine Massenkonformität erreichen.

Wie hat Lippmann denn auf den Erfolg des CPI reagiert?

Lippmann war über den Erfolg des CPI zutiefst beunruhigt, Die Öffentliche Meinung ist aus diesem Anlass geschrieben. Er sah die Gefahren der Manipulation für die Demokratie und er sah auch, dass es nicht nur um medienpolitische Maßnahmen geht, sondern um das grundlegende Problem des Erkennens sozialer Wirklichkeiten.

Lesetipp: Lippmann, Walter. Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird. Mit einer Einführung von Walter Ötsch und Silja Graupe. Westend. 416 Seiten. Erscheinungstermin: 1. August 2018.


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