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Titel: Ein Blick hinter den Eisernen Vorhang – Einblicke in ein anderes Nordkorea

Datum: 14. Dezember 2019 um 11:45 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Interviews, Länderberichte
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Nordkorea ist ein Land, das seit Jahrzehnten vom Rest der Welt abgeschottet ist, der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West ist zwischen Süd- und Nordkorea noch traurige Realität. Was wirklich im Land vorgeht, weiß man nicht. Folgt man den gängigen Narrativen der westlichen Medien, ist es eine Militär-Diktatur, die die eigenen Landsleute verhungern lässt und dem jeweiligen Führer blindlings huldigt. Dass diese Darstellung zumindest unvollständig ist, macht die 2016 erstmals im Kino ausgestrahlte Dokumentation der südkoreanischen Filmemacherin Sung Hyung Cho „Meine Brüder und Schwestern in Norden“ deutlich, der 2017 unter dem Titel „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“ auch auf ARD, WDR und im HR zu sehen war. Sung Hyung Cho erhielt als erste Südkoreanerin eine Dreherlaubnis, da sie über einen deutschen Pass verfügt. Von 2012 bis heute hat sie das Land insgesamt neun Mal bereist und besitzt daher ein deutlich differenzierteres Bild als viele Journalisten, deren Berichte oft außerhalb des Landes und ohne Kenntnis der Landessprache entstehen. Andrea Drescher hatte die Gelegenheit, die Filmemacherin und Professorin an der Hochschule der Bildenden Künste Saar für die NachDenkSeiten zu interviewen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ganz aktuell berichten die Medien ja wieder über Nordkorea. Dort soll die neue Stadt Samjiyon von Kinderhänden errichtet worden sein. So liest man beispielsweise im Focus:

„Inbegriff der modernen Zivilisation“: Von Kinderhänden errichtet: Machthaber Kim Jong Un eröffnet neue Stadt in Nordkorea. In Samjiyon wurden ein Museum, ein Wintersportgebiet, rund 10.000 Wohnungen und Gewächshäuser für Heidelbeeren und Kartoffeln errichtet. Tausende Arbeiter waren dafür nach AFP-Informationen im Einsatz, viele davon Soldaten. Laut KCNA mussten auch Studenten in den Semesterferien dort arbeiten. Diplomaten berichteten darüber hinaus von Kinderarbeit.

Das ist mal wieder eine dieser typischen Meldungen, durch die sich unsere Medien auszeichnen. Diese „neue Stadt“, die in der Nähe des heiligen Berges, dem Geburtsort von Kim-Jong Il, liegt, hat einen Flughafen, der 1980 eröffnet wurde. Die Stadt gibt es also schon etwas länger. Ich war selbst schon dort.

Richtig ist, dass man dort sehr viel investiert hat, um die Gegend zu einer Vorzeigestadt und einem Tourismus-Zentrum auszubauen. Dass Kinder dort mitgearbeitet haben sollen, halte ich für kompletten Blödsinn. Nordkorea hat mehr als genug Soldaten und alle wichtigen Bauarbeiten werden vom Militär durchgeführt. Man ist sehr ehrgeizig, will die neuen Gebäude in Rekordzeit hochziehen. Kinder auf der Baustelle würden die Arbeiten nur unnötig belasten. Man arbeitet an diesen Prestige-Objekten Tag und Nacht. Bei dem Tempo, das die Soldaten vorlegen, kommen nicht mal „normale“ Männer mit, geschweige denn Kinder. Das ist meines Erachtens nur eine der üblichen Standarddiffamierungen. Mit irgendetwas muss man die Sanktionen – unter denen das Land schwer leidet – ja rechtfertigen.

Es ist einfach haarsträubend, was alles über Nordkorea geschrieben wird. Ich verstehe nicht, wie solche „Informationen“ zustande kommen. Aber der durchschnittliche Leser oder Zuschauer der Nachrichten glaubt es. Man kann alles Mögliche und Unmögliche über Nordkorea erzählen, da es ja kaum neutrale Berichte gibt. Das war mit ein Grund, dass ich meinen Film gemacht habe.

Ich gestehe, bis zu Ihrem Film wusste ich nichts über Nordkorea, außer dass irgendein böser „Kim“ sein Volk unterdrückt, hungern lässt und in Armut hält. Mein Bild im Kopf war „braun, grau und waffenstarrend“. Ihr Film „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“ hat mir ein anderes Bild von Nordkorea vermittelt. Es war teilweise sehr modern, auch richtig „bunt“ – von den Kindern angefangen. Wurden Sie hier für ein Propaganda-Machwerk bezahlt?

Es gibt Menschen, die das so sehen. Einige Medien haben den Film als Propagandafilm verrissen. Aber das mache ich nicht zu meinem Problem. Wer Dinge nicht objektiv betrachten möchte, mit Ambiguität nichts anzufangen weiß oder nicht offen ist, für den habe ich den Film nicht gemacht. Er richtet sich an Menschen, die – so wie Sie – erst einmal nur neugierig und vorurteilsfrei sind und Dinge von verschiedenen Seiten betrachten wollen. Ich hatte natürlich auch Vorurteile, als ich das erste Mal nach Nordkorea flog. Aber ich bin dort voller Neugier und mit menschlichem Respekt auf die Menschen zugegangen und habe meine Vorurteile dann sehr schnell begraben. Die Menschen sind äußerst liebenswürdig, fast möchte ich sagen unschuldig, auf jeden Fall nicht so korrumpiert und verdorben durch den Kapitalismus wie bei uns.

Propaganda lässt keine Ambiguität zu. Dass es positive Aspekte in diesem Land gibt, ist für manche schier unerträglich. Mein Film ist vielschichtig, mehrdeutig und versucht, alle Seiten und damit ein differenziertes Bild über das Land zu zeigen. Daher wurde er wohl auch von allen namhaften Festivals weltweit abgelehnt. Die Institutionen wollen nichts Positives sehen.

Natürlich leidet Nordkorea auch an Hunger und Unterdrückung. Der Westen sieht das Land aber als großes KZ und fühlt sich moralisch überlegen. Dass die Menschen dort lachen und glücklich sind, ist für die meisten unvorstellbar. Die totale Verteufelung und Isolierung schadet den Menschen. Gerade deshalb macht es mich wütend, dass die Menschen im Westen ein so einseitiges Bild haben.

Wie frei waren Sie bei der Gestaltung des Filmes, inwieweit waren Sie mit Zensur konfrontiert?

Man kann sich in Nordkorea nicht frei bewegen, weder als Journalist noch als Tourist. Man hat immer Begleiter dabei. Das war bei mir auch so, aber das wusste ich vorher. Ich wusste auch, dass sie mir die passenden Protagonisten für den Film aussuchen. Wir haben eine lange Liste eingereicht, welche Menschen wir treffen und welche Orte wir sehen wollen. Bei den vorbereitenden Reisen für die Recherche wurden uns verschiedene Protagonisten präsentiert, und wir durften auswählen. Es war aber auch möglich, vor Ort spontan auszutauschen, wenn man merkte, dass etwas nicht passte. Die Frau in der Kleiderfabrik, die wir zuerst interviewen wollten, war so scheu und ohne Ausstrahlung, das ging garnicht. Da durfte ich mir dann unter den Arbeiterinnen einfach selbst jemanden als Gesprächspartner auswählen. Im beschränkten Rahmen hatten wir Freiräume, solange wir uns innerhalb des Rahmens bewegten. Auch unsere Begleiter, die normalerweise immer beim Dreh dabei waren, sahen nach einigen Diskussionen ein, dass ihre Anwesenheit die Gesprächspartner unter Druck setzte. Also blieben sie außer Hörweite. So konnten wir relativ entspannt drehen. Das Material wurde komplett kontrolliert. Aber die Korrekturwünsche waren harmlos, meist waren es verwackelte Darstellungen des Führers, die wir sowieso nicht benutzt hätten. Nur einmal kam die deutliche Bitte, bestimmte Aufnahmen nicht zu nutzen. In der Kleiderfabrik konnte man erkennen, für welche US-amerikanische Mode-Firma mit dem Label „Made in China“ gefertigt wurde. Aufgrund der Sanktionen hätte das für alle Beteiligten Ärger bedeuten können. Das haben wir natürlich respektiert. Rohschnitt und fertiger Film wurden ebenfalls kontrolliert, aber es gab keine Probleme mit der Freigabe.

Manche Passagen im Film wirken schon sehr propagandistisch. Der Führerkult, die Lobeshymnen und Liebesbezeugungen auf den großen Führer waren für mich fast peinlich. Glauben die Menschen wirklich, was sie sagen? War das authentisch?

Ich weiß es nicht. Die Kinder lernen schon in der KITA, den Führer zu lieben, sie werden mit 2 bis 3 Jahren auf diesen Menschen geprägt. Aber meine Erziehung in Südkorea war ziemlich ähnlich. Ich wurde durch Schule und Gesellschaft sehr patriotisch erzogen. Sechs Jahre lang rezitierten wir täglich am Tor der Schule mit der Hand auf der Brust vor der koreanischen Flagge einen stillen Schwur. Den hatten wir auswendig gelernt. Ich kann mich heute noch daran erinnern. Ich schwor, dass ich mich aufopfern werde für den unendlichen Ruhm des Vaterlandes und der koreanischen Nation. Als während einer der regelmäßigen Kriegsübungen in der Mittelschule mal außerplanmäßig die Sirenen losgingen, habe ich aus Dankbarkeit geweint. Ich war so froh, mich endlich für mein Vaterland aufopfern zu dürfen. Dieser Patriotismus ist für die heutige individuelle Gesellschaft Europas undenkbar, für die viel kollektivistischeren Gesellschaften Asiens ist das nichts Ungewöhnliches. Korea war schon immer von mächtigen Ausländern – China, Mongolei, Japan – bedroht. Da spielt Patriotismus eine große Rolle.

Hinzu kommt, dass die feudalen Strukturen in der asiatischen Tradition noch sehr tief verankert sind. Als der Diktator Park Chung-hee – der von vielen geliebte langjährige Staatschef des Südens – starb, war meine Mutter tottraurig und hat sehr lange geweint. Darum kann ich den Führerkult der Nordkoreaner wohl auch viel besser nachvollziehen, als es Europäern möglich ist. Der Druck, der durch die Sanktionen auf dem Land herrscht, trägt noch dazu bei.

Haben die Wirtschaftssanktionen so große Auswirkungen?

Oh ja. Nordkorea darf ja nicht einmal Medikamente frei importieren. China ist das einzige Land, mit dem Nordkorea Handel treibt. Darum wird die Kleidung mit dem Label „Made in China“ über China in die USA, Kanada, und noch andere Länder exportiert. Seit 2010 leidet das Land unter Wirtschaftssanktionen. Aufgrund der fehlenden landwirtschaftlichen Fläche – 80% sind Gebirge mit sehr kalten Wintern – ist das Land nicht in der Lage, sich selbst zu ernähren. Sie sind auf Import/Export angewiesen und werden von China entsprechend ausgebeutet. Die seltenen Erden aus Nordkorea werden zu einem Spottpreis nach China exportiert, dass im Gegenzug wichtige Güter nur extrem teuer nach Nordkorea verkauft. Computertomographen oder andere Medizintechnik, die Siemens nicht direkt nach Nordkorea liefern darf, erhalten sie aus China – allerdings zum doppelten oder dreifachen Preis.

Das Bild über Nordkorea ist durch Narrative wie tiefste Armut, Leid und Hunger, Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen geprägt. Gibt es diese unfassbare Armut, die man uns immer wieder präsentiert?

Mitte bzw. Ende der Neunziger Jahre mit dem Zusammenbruch des Ostblocks ging es Nordkorea sehr schlecht. Man bekam keine Hilfe von sozialistischen Bruderstaaten mehr, dann gab es heftige Naturkatastrophen. Es war fürchterlich. Heute ist es definitiv nicht mehr so schlimm, Menschen verhungern nicht mehr, aber es kommt – dank der Sanktionen – immer noch zu Mangelernährung. Ohne die Getreidelieferungen der Welthungerhilfe geht es noch nicht. Ich finde es aber bewundernswert, wie sich das Land trotz der Sanktionen konsequent weiterentwickelt. Das oberste Ziel von Kim-Jong Un ist es, den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern. Ich konnte während meiner Reisen überall und immer wieder beobachten, wie sich das Land verändert. Er will natürlich auch das System aufrechterhalten, aber die wirtschaftliche Stabilisierung hat höchste Priorität für die Staatsmacht. Darum setzt man auch auf Tourismus und investiert in Musterstädte wie das eingangs erwähnte Samjiyon. Das bringt die dringend notwendigen Devisen. Der Wille ist da – darum ändern sich viele Bereiche in der nordkoreanischen Gesellschaft.

Von was für Veränderungen sprechen Sie?

Beispielsweise gibt es einerseits das Kollektiv, andererseits leistungsabhängige Entlohnung. Man findet überall kleine Kioske, deren Betreiber 80% vom Verdienst behalten können. Es wird versucht, die Wirtschaft nach Bedarf, Leistung und Verbrauch zu organisieren und die Menschen entsprechend zu entlohnen, was eigentlich fair ist. Ich hoffe, dass sich dadurch der Lebensstandard der Menschen verbessern wird. Marktwirtschaftliche Ansätze kann man überall in Nordkorea beobachten.

Wie oft waren Sie in Nordkorea?

Ich war inzwischen neun Mal dort. Vier mal vor dem Dreh, um für den Film zu recherchieren, dann zwei Mal, um zu drehen. 2016 sind wir für ein neues Projekt hingeflogen, aus dem aber dann nichts wurde. Dieses Jahr habe ich erst eine touristische Reisegruppe organisiert und bin dann mit einer Filmdelegation zu einem Workshop gefahren.

Sie haben 2019 eine Reise nach Nordkorea organisiert?

Ja. Ich war mit 10 Facebook-Freunden – darunter Journalisten, Filmproduzenten und Künstler – unterwegs. In einer Gruppe ist es viel kostengünstiger. Ich wollte wissen, wie sich das Land ohne Arbeitsdruck als Tourist anfühlt und was sich seit 2016 geändert hat. Wir waren 10 Tage unterwegs, in Pjöngjang, am Ostmeer im Diamantgebirge und im südlichen Teil des Landes bis zur Demarkationslinie, an der sich dann wenige Tag später ganz überraschend die Präsidenten Trump und Kim-Jong Un trafen. Obwohl das Land wirklich sehr speziell ist, alles reglementiert wird und wir vom Ministerium streng kontrolliert wurden, würde jeder der Teilnehmer die Reise nochmals machen. Es war für alle ein ganz besonderes Erlebnis.

Und wie verlief die Reise mit der Filmdelegation?

Wir haben das internationale Filmfestival in Pjöngjang (PIFF) besucht. Man sieht den Wandel bereits anhand der gezeigten Filme. Gangster, Morde oder Drogen waren früher nicht zu sehen. Die Gesellschaft in Nordkorea wird offener und bunter. Unsere Delegation hat dort einen Workshop abgehalten. Die Tatsache, dass wir dafür die Genehmigung bekamen, zeigt, dass sich das Land öffnet, dass man Neues zulässt. Die Menschen wollen dazulernen und dürfen das auch. Ausländer sind willkommen und Koreaner können auch ausreisen, um sich weiterzuentwickeln. Sie dürfen aber leider fast nirgendwo einreisen.

Das deutsche Auswärtige Amt erteilt beispielsweise keine Visa für Studenten aus Nordkorea, die von der Konrad Adenauer Stiftung aus zum Studium nach Deutschland kommen sollten. Auch Filmschaffende bekommen nur noch schwer ein Visum. In der Vergangenheit hat das Goethe-Institut in Seoul zur Berlinale eingeladen und die Kosten übernommen. Aktuell können Filmleute aus Nordkorea dieses Festival nicht mehr auf Einladung des Goethe-Instituts besuchen. Darum haben wir eine kleine Delegation eingeladen und die Kosten übernommen. Aber so etwas als Privatperson zu organisieren und zu finanzieren, bedeutet schon eine gewaltige Belastung. Also ist es wichtig, dass wir das Land bereisen, um den Austausch zu fördern.

Das heißt, Sie planen weitere Reisen?

Ja. Definitiv. Angepeilt wird der Sommer 2020!

Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Vielleicht sehen wir uns ja dieses Jahr!


Der Film „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“ wurde am 21.10.2019 im HR wiederholt und kann aktuell noch in der Mediathek angeschaut werden.

Zur Person
Sung Hyung Cho studierte „Mass Communication Studies“ in Seoul (B.A.). 1990 kam sie nach Deutschland, absolvierte ihr Masterstudium in Marburg in Kunstgeschichte, Medienwissenschaft und Philosophie und studierte anschließend noch Elektronisches Bild an der HfG Offenbach. Sie arbeitete als Schnittassistentin und Cutterin, startete ihre Hochschulkarriere als Lehrbeauftragte für Schnitt, Dokumentarfilm und Dramaturgie an der SAE und leitete Schnittseminare am Filmhaus Frankfurt. Nach Lehrbeauftragung und Gastprofessuren an verschiedenen Hochschulen wurde sie an die HBK Saar als Professorin für Künstlerischer Film/Bewegtbild  berufen. sung-hyung.de – Media Art & Design, Film/Bewegtbild

Titelbild: Media Art & Design, Film/Bewegtbild


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