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Titel: Der Fall Nawalny und Deutschland. Der Vorgang erinnert an Lenin

Datum: 9. März 2021 um 9:33 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Erosion der Demokratie, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech
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Dr. Boglarka Hadinger[*], Psychologin und Leserin der NachDenkSeiten aus Tübingen/Wien, hat eine interessante geschichtliche Parallele entdeckt. Schon einmal half Deutschland einem russischen Oppositionellen, um im eigenen Interesse Unruhe in Russland zu stiften und das Land zu destabilisieren. Das war 1917 und der Oppositionelle war Lenin. Wir freuen uns, unseren Lesern den Text von Boglarka Hadinger zu präsentieren. – Diesem Text folgt unmittelbar eine Stellungnahme unseres Redaktionskollegen Marco Wenzel, der den Vergleich der Vorgänge Nawalny und Lenin unpassend findet.

Der Fall Nawalny und Deutschland. Von Dr. Boglarka Hadinger
Die Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Nun, diese Aussage stimmt nur begrenzt. Die Ausgangssituation, die einmal zu einer bestimmten Geschichte geführt hat, wiederholt sich immer wieder. Es scheint, als ob uns das Schicksal auf diese Weise die Chance bietet, erneut vor einer altbekannten Situation zu stehen und erneut entscheiden zu können: Ob wir dieses Mal den Dingen eine andere Richtung, einen besseren Verlauf geben wollen?

Vor gar nicht so langer Zeit transportierte die deutsche Regierung einen Oppositionellen nach Russland. Er war der stärkste Feind des russischen Staatsoberhauptes und deshalb der beste Mann für Deutschland. Ein Freund sozusagen. Mit großer Sorgfalt wurde seine Reise organisiert. Teuer wurde er eingekleidet. Gut versorgt für unterwegs und die Reise seiner Begleitmannschaft wurde auch gleich mitorganisiert. Der Aufwand sollte sich lohnen: Der neue Freund Deutschlands sollte mit unserer Hilfe in Russland Falschnachrichten säen, Demonstrationen organisieren, Gewalt provozieren, Unruhe stiften. Also innerlich destabilisieren. Je stärker die Unruhen, so der Plan Berlins, umso schwächer wird Russland. Und umso überlegener wird man selbst. Einem Land, das “in die Knie gezwungen” wird, kann man eigene Bedingungen diktieren. Man kann Rohstoffe ergattern. Macht ausdehnen. Neue Militärbasen errichten.

Natürlich wird die Zerstörung eines anderen Landes immer in humane Worte gekleidet. “Aufklärungsarbeit für das russische Volk” haben die deutschen Politiker den raffiniert ausgeklügelten Plan betitelt.

“Er arbeitet völlig nach Wunsch” – meldete höchst zufrieden, ein hochrangiger deutscher Diplomat einige Wochen später zurück nach Berlin. Der “Freund” kam dort an, wo man ihn haben wollte, und seine “Aufklärungsarbeit”, also das Aufhetzen der russischen Bevölkerung, leistete er hervorragend. Das Geld, das die deutsche Regierung ausgegeben hat, rentierte sich. Und so nahm eine raffiniert ausgeklügelte Intrige ihren zerstörerischen Lauf. Und sie wirkte wie eine intern gezündete Bombe: mitten in Russland. “Größtmögliches Chaos in Russland schaffen” – Deutschlands Projekt schien zu wirken.

Nein, diese Geschichte beschreibt nicht den aktuellen Fall Nawalny. Und auch nicht unsere heutige “Aufklärungsarbeit” in Russland. Sie handelt von einem raffiniert ausgedachten Plan aus dem Jahre 1917. Wobei das Drehbuch eine historische Realität ist und keine “Verschwörungstheorie”, aber den aktuellen Machenschaften fatal ähnlich sieht. Weil Deutschland Russland militärisch nicht besiegen konnte, wurde Vladimir Iljitsch Lenin von der Berliner Regierung als für ihren Zweck geeigneter Mann ausgesucht und in einer sorgfältig organisierten Reise aus der Schweiz nach Russland transportiert. “Lenins Transport in einem plombierten Zug nach St. Petersburg”, heißt es heute in den historischen Berichten, “plombiert”, weil die Berliner Regierung penibel darauf achtete, dass der Übeltäter nicht frühzeitig, eventuell bei uns, aussteigt und sie deshalb die Türen auf der deutschen Strecke vorsorglich absperren ließ. Lenin sollte weiterfahren, nach Russland. Dort sollten er und seine Gefolgschaft Demonstrationen organisieren, Gewalt provozieren, das Land von innen her schwächen und so “Russland in die Knie zwingen.”

“Russland in die Knie zwingen”: Das war das erklärte Ziel der deutschen Regierung.

“Der Sieg und als Preis der erste Platz in der Welt ist aber unser, wenn es gelingt, Russland rechtzeitig zu revolutionieren” … und “dort größtmögliches Chaos schaffen”.[1][2] Unsere Politiker wussten schon damals um die wirksame Kraft der Destabilisierung. Völkerrechtsverbrechen werden ja nicht immer mit Bomben und Granaten begangen.

Wenige Wochen nach Ankunft Lenins in St. Petersburg ging der Plan auf: Erst wurde die Zarenfamilie ausgelöscht, alle ihre Kinder hingerichtet. Dann wurde weiter und weiter und weiter gemordet: bis Millionen unschuldige Menschen in Russland ihr Leben verloren. Und eines Tages kroch das große Morden bis zu uns. “Er arbeitet völlig nach Wunsch” – freuten sich unsere Diplomaten. Berlin öffnete raffiniert die Türe der Zerstörung. Und zu schließen war sie nicht mehr.

Das Drehbuch von damals ähnelt frappierend den Ereignissen von heute. Sehr auffallend. “Wenn man Russland wirklich wirtschaftlich in die Knie zwingen will, dann bräuchte man dazu eine ganz große Koalition von Ländern. Zumindest noch China bräuchte man da an Bord, am besten noch Indien und weitere Handelspartner Russlands”. Diese Sätze stammen nicht aus dem Jahre 1917, sie wurden jetzt, im Februar 2021, formuliert. Vom deutschen Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr.[3]

“Wenn man Russland wirklich wirtschaftlich in die Knie zwingen will…” Februar 2021, der deutsche Präsident des Instituts für Weltwirtschaft

Das ist eine offene Kriegserklärung gegen Russland, mit der Suche nach Verbündeten, wie in den Weltkriegen zuvor. Die umworbenen Länder kooperieren aber nicht mit uns. So ist es wieder einmal nicht einfach, Russland “in die Knie zu zwingen”. Könnte es sein, dass Berlin aus diesem Grunde die bewährte Strategie aus seiner Schublade holt? Um wieder einmal eine wirksame, intern gezündete Bombe zu haben, mit Hilfe eines ausgesuchten Oppositionellen?

Die Reise des Putin-Gegners Nawalny wird jedenfalls 2021 von der deutschen Regierung sorgfältig organisiert. Seine seltsame Vergiftung wurde nie rechtsstaatlich behandelt. War das Gift im Kaffee? Oder in der Wasserflasche? Oder doch in der blauen Unterhose? Warum lehnte Berlin fünf (!) Rechtshilfeersuchen Russlands, also den Antrag auf eine gemeinsame deutsch-russische Untersuchung, kategorisch ab? Warum entwickelte in Nawalnys Nähe niemand Symptome, obwohl im Schrank, am Nachtkasten, am Tisch, im Flugzeug, also überall angeblich kontaminierte Gegenstände herumlagen? Warum wird dieser üble Nationalist, der vorschlägt, Muslime mit einer Pistole gleich zu erschießen, von deutschen Politikern höchsten Ranges umworben und von unseren Leitmedien so auffallend gehätschelt?

Warum wird ein übler Nationalist, der vorschlägt, Muslime mit einer Pistole zu erschießen, von unseren Politikern und von den Leitmedien so umworben?

Sogar sein Stabschef (ja, der Millionär Nawalny hat einen eigenen Stab und einen Stabschef!) rühmt sich der “familiären” Beziehung zu unserer Kanzlerin. [4] Dieser Mann, der in seinen Videobotschaften Muslime als Kakerlaken bezeichnet[5] und vorschlägt, Flüchtlinge an der Grenze zu erschießen[6], ist offensichtlich der richtige Mann für unsere Politiker. Dieser Mann, der schon 2011 aus der liberalen Opposition Russlands wegen faschistischer Aktivitäten ausgeschlossen wurde und vor dem seine früheren Mitstreiter warnen, weil er dazu neigt, “der zukünftige Führer eines gestörten Mobs mit Nazi-Neigung…”[7] zu werden, wird von den deutschen Medien der ahnungslosen Bevölkerung als demokratiebringender Superheld präsentiert. Warum wohl?

Nawalny erhält also einen schönen Aufenthalt von uns im Schwarzwald. Natürlich nur zur Rehabilitation, sagt man. Wobei er, den Medien zufolge schwerkrank, in der Diplomatenlimousine unserer Regierung quer durch Deutschland gefahren wird, um dann, im Auftrag einer amerikanischen Firma und abgeschirmt durch deutsche Sicherheitsbeamte, in den Schwarzwald-Studios ein zweistündiges Animationsvideo zu produzieren.[8][9] Über einen angeblichen Palast Putins. Der Auftrag und die Bezahlung der teuren Filmproduktion kommen aus den USA, das Übrige finanziert Deutschland.[10]

Der Auftrag kommt aus den USA, das Übrige finanziert Deutschland

Zwei Nato-Länder also, die dem Profi-Produktionsteam “strickte Geheimhaltung” auferlegen, wie das Filmstudio berichtet. Sogar die Geheimarchive der Bundesregierung öffnen sich in Berlin, wenn unser Freund, den Nachrichten zufolge gerade in “langwieriger Rekonvaleszenz”, Material für seinen Animationsfilm braucht.[11]

Dass der angebliche Palast nie Putin gehört hat und seit zehn Jahren die Baustelle eines zukünftigen Hotelkomplexes ist, den ein jüdisch-russischer Unternehmer namens Rotenberg besitzt, stört niemanden; weder den Filmemacher noch die Auftraggeber. [12][13] Dabei täuscht die sündteure Animation unendlich viel Goldglanz vor, sogar die Klobürsten sollen aus Gold sein, heißt es, und alles, alles gehöre Putin! [14] Leider kommt auf der realen Baustelle der einzige Glanz von den Helmen der Bauarbeiter. Und auch Plastikklobürsten sind dort eher selten zu finden.

Die vorgegaukelten Bilder sollen die Menschen in Russland täuschen. Dann werden sie schon aufbegehren gegen Putin, so die Idee. “Das große Ziel der EU ist, einen Regimewandel in Russland zu erreichen” – erklärt, ohne sich zu schämen, der bereits zitierte deutsche Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr. [15]

“Das große Ziel der EU ist, einen Regimewandel in Russland zu erreichen”

Und diesen alten Plot nennen unsere Politiker heute: “Unterstützung von Russlands Demokratiestreben”.

Interessanterweise hat die deutsche Regierung kein Interesse am Demokratiestreben, wenn auf den Journalisten Assange lebenslange Haft in den USA wartet, wenn die katalanische Opposition für zehn Jahre ins Gefängnis gesperrt wird oder die USA das souveräne Land Irak mit erlogenen Begründungen überfällt und dort eine halbe Million Tote hinterlässt. Auch unterstützt die Berliner Regierung kein Demokratiestreben, wenn die Raketenfeuer des US-Geheimdienstes einen hoch geschätzten Offizier und seine zehn jungen Begleiter bei lebendigem Leibe verkohlen lassen [16] oder ein Universitätsprofessor und seine Studenten mit ferngesteuerten Maschinengewehren bis zur Unkenntlichkeit durchsiebt werden. [17] “Gezielte Tötungen sind das Programm der USA”, beruhigt uns unser Rundfunk [18], oder man versieht das große Morden gleich mit einem niedlichen Romantitel: “Der Professor und die Bombe”, wie es der Spiegel zu sagen pflegt. [19] Da haben wir keine Demokratie- oder Menschenrechtsprobleme.

Aber in Russland, in Russland müssen wir die Regierung entfernen! Wir wollen bestimmen, wer dort regiert, wir wollen dort humanisieren und demokratisieren, wir, die Guten! Und für unsere gute Mission nehmen wir halt einen waschechten Nazi.

Deutschland transportiert also wieder einmal einen “Freund” nach Russland. Lenin erhielt seinerzeit schriftliches Propagandamaterial aus Berlin. Jetzt erhält Nawalny Zeitgenössisches von uns: den teuren Animationsfilm über Dinge, die gar nicht existieren. Großzügige Unterstützung für die Organisation von Demonstrationen. (Nawalny kann ja die Herkunft von 14 Millionen Euro an “Spendengeldern” irgendwie “nicht erklären”.) [20] Und unsere mitreisenden Journalisten, die durch einseitiges Bild- und Berichtmaterial die wahren Gründe dieser “Mission” vor der deutschen Bevölkerung raffiniert vertuschen.

Nawalny erhält zeitgenössische Unterstützung für seine “Mission”

“Entweder muss die EU kräftiger zuschlagen“, schlägt die Süddeutsche Zeitung im Blick auf das “Aushungern”, also auf die Sanktionen gegen Russland vor, “oder sie muss andere Hebel finden, um ihre Interessen durchzusetzen.”[21] Wie diese Offenbarung wohl auf die Menschen in Russland wirkt?

“Entweder muss die EU kräftiger zuschlagen oder sie muss andere Hebel finden, um ihre Interessen durchzusetzen”

Wie der Elternbeirat reagieren würde, wenn ein Kind in der Schule seine Wünsche mit dieser Technik durchzusetzen versuchte? Aber die Lehren der ethischen Erziehung lässt man offensichtlich beim Eintreten in Medien und Politik gleich in der Garderobe. Na ja, in den großen Fernsehansprachen an die Bürger appelliert, holt man die Worte der Ethik schon mal aus der Schublade.

Regierungskritische Proteste, mit der Forderung nach Freiheit, Demokratie und Einhaltung der Menschenrechte, gibt es auch bei uns in Deutschland. Und zwar ziemlich häufig. Diese “nicht genehmigten Versammlungen”, wie sie hierzulande heißen, werden nicht selten mit Verhaftungen, Polizeigewalt und Wasserwerfern beseitigt. Das kommentieren die hiesigen Leitmedien dann so: “Unsere Polizei hatte viel Mühe, die nichtgenehmigte Demonstration, angeführt von Rechtsextremen, aufzulösen”.

Ereignet sich die gleiche Szene mit gleich gesinnten Menschen in Russland, lauten unsere Nachrichten so: “Putins setzt seine brutalen Schergen gegen friedliche Demonstranten ein”. Die gleiche Situation. Derselbe Sachverhalt. Und völlig verschiedene Botschaften.

Wenn die Leute nicht in Deutschland demonstrieren, schwelgt sogar unser Außenminister wie im romantischen Himmel: “Sie bleiben standhaft in ihrem friedlichen Streben nach Freiheit und Demokratie, trotz bitterer Kälte! Sie sind Heldinnen und Helden! Deutschland steht an ihrer Seite!”, spricht Maas und verspricht gleich 21 Millionen Euro Demonstrationsunterstützung aus der deutschen Steuerkasse. [22] Während die Menschen, die für diese Steuereinnahmen gearbeitet haben, aber dummerweise in Deutschland demonstrieren, sich mit der Abwertung: schädlich, Schande, beschämend, ekelhaft, widerlich, ordnungswidrig, Nazi! – begnügen und damit rechnen müssen, dass sie ihren Lebensunterhalt, ihren Job oder gar ihre langverdiente Rente verlieren werden. [23][24][25]

Aber in Russland, in Russland lieben wir Demonstrationen. Wenn dort Nawalny zu Protesten aufruft, dann marschieren sogar unsere deutschen Diplomaten fleißig mit.[26] Und, um noch mehr Leute gegen Putin aufzubringen, veröffentlicht die amerikanische Botschaft gleich Zeit und Route der Proteste.[27] Alles ganz selbstlos, sagt man.

Versuchen wir, nur für einen Augenblick lang, uns vorzustellen, die Russen würden das bei uns inszenieren. Wie würden wir uns fühlen?

Wenn das ein anderes Land bei uns inszenieren würde: Wie würden wir uns fühlen?

Bestrafen müssen wir die Russen auf jeden Fall, fordern Politiker und Leitmedien in Deutschland und das tun wir auch, ohne rechtstaatliche Verfahren. Unser Freund Nawalny braucht nur, wie Caesar in früheren Zeiten, elegant mit seinem Zeigefinger auf diese und jene zu zeigen, also auf die Leute, die er nicht mag, oder auf die, die ihm in Wege stehen: “der ” und “der” und auch noch “der”, sagt er. Und wie im Wunderland erfüllen unsere Politiker die Wünsche des Friedenshelden. Die Gezeichneten, die “involviert gewesen sein könnten” [28] in die seltsame “Vergiftung”, beispielsweise Zollfahnder, Polizisten, Politiker, Richter oder Unternehmer, werden von Deutschland in Handumdrehen sanktioniert. Rechtsstaatlichkeit? Brauchen wir nicht. Ein fair geführtes Verfahren? Wollen wir nicht. Ein Fingerzeig von Nawalny genügt. Aber der deutschen Bevölkerung wird das Wort “Gerechtigkeit” medienwirksam eingeprägt.

Dass jemandem, der vierzehn Millionen Euro auf seinem Konto irgendwie nicht erklären kann und dem aufgrund seiner Hassreden und Mordaufrufe Amnesty International den Status des “gewaltlosen politischen Gefangenen” aberkennt [29], ein paar Gegner einfallen, ist irgendwie nachvollziehbar. Weniger nachvollziehbar ist die fehlende Rechtsstaatlichkeit unserer Regierung. Und ihre phantasiereiche Vorstellung, dass in Navalnys blaue Unterhose, während er umgeben ist von seinem ganzen Stab, ein hochtoxisches Gift von mindestens zehn Männern unbemerkt hineingefüllt wird…

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber die Ausgangssituation sehr wohl. Lenin verabschiedete sich von seinen deutschen Förderern mit dem Hinweis, sie sollen ihn in Russland besuchen, er würde dort die Herrschaft bald übernehmen. Er hat sie übernommen und als Folge fegte das große Morden über das Land. Und es riss ganz Europa mit.

Nun verkünden unsere Leitmedien die frohe Botschaft, dass auch Nawalnys Russlandmission Grund zu Freude ist: “Kommt vorbei, wenn ich russischer Präsident bin!” – rief er beim Abschied und unsere Presse jubelte.[30]

Nawalnys “Russlandmission” scheint unserer Presse zu imponieren

Aber die deutsche Kooperation scheint auch Nawalny sehr zu imponieren. Schließlich betonte er immer wieder, dass er mit jedem einen Pakt schließe, der ihm helfe, seine Ziele zu erreichen. [31] Daraufhin wächst hierzulande die Euphorie: “So will Nawalny den Kreml schlagen!”, verkünden unsere Journalisten die historische Zuversicht. [32] Andere überlegen schon, wie der, durch unsere Intrigen hochgehievte, Präsident Nawalny politisch agieren würde: “Würde ein Präsident Nawalny…?”[33]

“Würde ein Präsident Nawalny …?”

Ob die Euphorie genauso ausbräche, wenn umgekehrt eine ausländische Militärmacht in Deutschland einen waschechten Nazi installieren würde, damit unser Land destabilisiert und unser “Regime” beseitigt wird? Man kann sich natürlich auch fragen, was die scheinheiligen Fingerzeichen unserer Politiker und der Leitmedien auf die angeblich bedürftige Rechtsstaatlichkeit in anderen Ländern sollen, angesichts solcher Intrigen und Zerstörungspläne in den eigenen Reihen.

Damals, zur Zeit Lenins, wusste die Bevölkerung Deutschlands nichts von den Drehbüchern Berlins. Sie konnte nichts verhindern. Die Kraft der Zivilbevölkerung war klein. Die Manipulation mit Hilfe der Leitmedien groß.

Nun scheint man den gleichen Plan, das gleiche Ziel gefunden zu haben und wir haben auch die gleiche Ausgangssituation. Wie damals. An diesem Punkt wiederholt sich die Geschichte. Was für eine Chance. Noch einmal am Anfang eines Geschehens zu stehen. Noch einmal neu entscheiden zu können. Noch einmal nachzudenken. Noch einmal zu überlegen, ob man dieses Mal sein Einverständnis gibt oder nicht.

Noch einmal zu überlegen, ob man sein Einverständnis gibt oder nicht

Über neunzig Prozent der Deutschen wünschen sich eine gute Beziehung zu Russland. Und fast genau so viele Menschen in Russland wünschen sich das auch. Wir, die Zivilbevölkerung, haben heute eine andere Kraft, eine viel größere Macht als früher. Wir müssen nicht alles zulassen. Wir müssen nicht zulassen, dass die Geschichte noch einmal so abläuft wie damals, als die Menschen nichts mitzureden, aber alle schrecklichen Folgen zu tragen hatten. Wir können uns heute neu entscheiden. Wir können solche Intrigen entlarven. Und wir können uns aufrichten, uns vor die Menschen in einem anderen Land stellen und unüberhörbar rufen: Wir erlauben es nicht! Wir, die Zivilbevölkerung, erlauben es nicht noch einmal!

Wir, die Zivilbevölkerung, erlauben es nicht!

Und dann liegt der Frieden von morgen in unseren Händen. Was unsere Politiker nicht schaffen (wollen), das können wir. Dann gehen wir für den Frieden mit Russland auf die Straße. Dann gehen wir auf die Menschen in Russland zu. Dann reichen wir die Hände. Dann sorgen eben wir dafür, dass unsere Geschwister in einem anderen Land ihr Leben genauso gut einrichten können in dieser Welt wie wir. So eine Chance hatten wir noch nie.

Titelbild: Montage NachDenkSeiten mit Material von Gregory Stein/shutterstock.com und sebos/shutterstock.com

Weitere Literatur:

  • Der Spiegel: Dokumente der Intrige, 10.12. 2007
  • Haffner, Sebastian: Der Teufelspakt. Die deutsch-russischen Beziehungen vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg. München, 2002
  • Koen, Gerd: Spiel um Weltmacht. Deutschland und die Russische Revolution. bpb.de/apuz/254460. vom 18.8.201
  • Anti-Spiegel: anti-spiegel.ru: “Dritter Verhandlungstag gegen Nawalny und was der Spiegel daraus macht.” 10.02.2021

[«*]Die Autorin: Die österreichische Psychologin Dr. Boglarka Hadinger ist Leiterin des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse Tübingen/Wien. Die international bekannte Referentin ist Ausbildnerin in Logotherapie und Existenzanalyse (Sinnzentrierte Psychologie nach Viktor Frankl). Sie gründete die SINN-BANK, CARE VILLAGE und die Initiative für menschengerechte Architektur und Stadtgestaltung. 2004 erhielt sie den Viktor Frankl Preis der Stadt Wien. www.logotherapie.net [email protected]


[«1] Gerd Koen: Spiel um Weltmacht. Deutschland und die Russische Revolution. In: Politik und Zeitgeschichte, 67, Heft 34-36, 2017, S. 15.

[«2] Hahlweg: Lenins Reise durch Deutschland im April 1917. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 5. Jahrgang, 1957, 4. Heft, Oktober, S. 313.

[«3] Deutschlandfunk.de: “Europa allein kann nicht so viel ausrichten”. 11.02.2021

[«4] www.Spiegelpolitik: “Ich bin Kanzlerin Merkel sehr dankbar” 28.09. 2020.

[«5] YouTube.com. Nawalny: Was unsere Medien gerne verschwiegen haben. Video über die Kakerlaken und der Pistole

[«6] navalny.com: 16.11.2015. Где проходит «оргия толерантности»? (Übersetzt: Wohin führt die Toleranzorgie?) Der Schlüsselsatz, wörtlich übersetzt, heißt: Europa ist gezwungen, muslimische Migranten aufzunehmen. Sie dringen zu Tausenden über die See- und Landesgrenzen ein. Sie sind nicht anders zu stoppen, als nur durch Erschießungen.”

[«7] Russlandkontrovers: “Nawalny” – Führer der russischen Opposition? – Russlands führende Liberale distanzieren sich von Nawalny. In: Russlandkontrovers.com. 15.02.2021, S.3

[«8] Schwarzwälder Bote: Palst-Video in Blackforest Studios produziert. 22.01. 2021

[«9] Nawalny: Animationsfilm über “Putins Palast”

[«10] Schwarzwälder Bote: Palst-Video in Blackforest Studios produziert. 22.01. 2021

[«11] de.rt.com.: “Lawrow: Deutsche Geheimdienste könnten Nawalny beim Film zu “Putins Palast” geholfen haben. 8. 02. 2021

[«12] DiePresse.com: “Putin: Luxus-Palast ‘hat mir niemals gehört'”. diepresse.com.5927587/putin-luxus-palast-hat-mir-niemals-gehört. 25.01.2021

[«13] Nau.ch: “Oligarch Arkadi Rotenberg ist Besitzer von ‘Putins Palast’. nau.ch. 30.01.2021

[«14] ZDF heute. In: ZDF.de. Eigentümer aufgetaucht. Doch kein “Palast für Putin”? 30.01.2021,

[«15] Deutschlandfunk.de: “Europa allein kann nicht so viel ausrichten”. 11.02.2021

[«16] Die Ermordung von General Soleimani und seiner Begleiter

[«17] Die Ermordung von Professor Fakhrizadeh und seiner Begleiter

[«18] “Gezielte Tötungen sind Programm”. Tageschschau, 21.01.2020 tagesschau.de

[«19] “Der Professor und die Bombe”. Der Spiegel, 28.11.2020

[«20] Anti-Spiegel: “Nawalny als “ausländischer Agent” eingestuft: Wer hat ihm 14 Millionen Euro gespendet?” in: anti-spiegel.ru. 09.10.2021

[«21] Die Süddeutsche Zeitung: “EU und Russland. Sanktionitis.” 23. 02. 2021. S.4

[«22] Statement von Außenminister Heiko Maas anlässlich der online-Konferenz `Solidarity with Belarus`. www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/-/2440150

[«23] Süddeutsche Zeitung. SZ.de: “Behörden prüfen Auftritte von Polizisten bei Berliner Demo”. 30.08.2020.

[«24] Presserevue.de: “Leiterin von Ordnungsamt nach Teilnahme an Querdenker-Demo suspendiert”. 02.02.2021

[«25] DerSpiegel.de: “Nach Teilnahme an Anti-Corona-Demo- Bundesligaklub kündigt Spieler fristlos.” 04.08.2020

[«26] ZEIT Online: “Russland weist Diplomaten aus Deutschland, Schweden und Polen aus”. 05. 02 2021

[«27] Tagesschau.de, 25.01.2021

[«28] Der Spiegel: “Diese Putin-Vertrauten trifft es.” spiegel.de/politik/ausland/eu-sanktionen-nach-giftanschlag. 15.10.2020. S.4

[«29] Berliner Zeitung: “Amnesty International: Nawalny ist kein “gewaltloser politischer Gefangener”. berliner-zeitung.de. 25.02.2021

[«30] Der Tagesspiegel/Politik “Björn, komm vorbei, wenn ich russischer Präsident bin”. 29.01.2021

[«31] Süddeutsche Zeitung. SZ.de: “Russland im Griff der Geheimdienste”. 19.01.2021

[«32] DiePresse.com/5935090/so-will-nawalny-den-kreml-schlagen

[«33] Neue Züricher Zeitung. nzz.ch: “Würde ein Präsident Nawalny die Krim zurückgeben?” 09.02.2021


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