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Titel: Hart aber Fair – Debatten vom anderen Stern

Datum: 18. Mai 2021 um 9:10 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Gesundheitspolitik, Innen- und Gesellschaftspolitik, Medienkritik
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Man musste während der gesamten Corona-Debatte ja schon zahlreiche seltsame Gedankengebäude ertragen – meist vorgebracht von Journalisten selbsternannter „Qualitätsmedien“, deren Vorliebe für möglichst harte „Maßnahmen“ bis hin zum Zero-Covid-Totalshutdown ja bekannt ist. Nun sollte man ja eigentlich meinen, dass diese mit der Feder bewaffneten Alarmisten langsam zur Ruhe kämen, schließlich weisen sämtliche Corona-Zahlen einen massiv positiven Trend auf und selbst die vielgescholtene Impfkampagne läuft mittlerweile auf Hochtouren. Da sollte man doch endlich über Öffnungen debattieren. Doch weit gefehlt. Nun will man, dass „die Alten“ aus „Solidarität“ (sic!) mit „den Jungen“ sich weiterhin einem Lockdown unterwerfen, bis jedes Kind geimpft ist. Irre. Lockdown forever? Ein Kommentar von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Diese steilen Aussagen stammen von der ZEIT-Journalistin Anna Mayr. 28 Jahre alt und voll auf Linie. Früher hätte man wohl gesagt, das ist eine „Hundertprozentige“. Sie gehört zu den Medienvertretern, die das Gendersternchen sogar mitsprechen. Vorgebracht hat Mayr diese Thesen in der gestrigen Sendung von Hart aber Fair. Eine denkwürdige Sendung, schaffte Mayr es doch mühelos, dass neben ihr selbst der omnipräsente Dauermahner Karl Lauterbach irgendwie gemäßigt wirkte. Das ist ein altbekanntes Phänomen bei Talkshows – lade schrille Extremisten ein, dann wirken die gemäßigten Extremisten so, als bildeten sie einen wie auch immer gearteten Konsens ab.

Doch was will Anna Mayr eigentlich konkret? Sie findet die aktuelle Debatte um anstehende Lockerungen „surreal“. Es ginge doch nicht darum, wann „wir“ wieder in den Urlaub fahren können, sondern darum, dass die Schulen und Universitäten „gegen Ende der Sommerferien“ wieder öffnen können. Nun ja, was soll denn dagegensprechen, die Schulen und Unis bereits jetzt zu öffnen? Warum sind sie überhaupt geschlossen? Schließlich ist es doch unstrittig, dass Covid-19 keine Erkrankung ist, die für Schulkinder oder Studenten sonderlich gefährlich ist.

Dazu ein „verbotener“ Grippe-Vergleich. Während der Grippesaison 2017/2018 wurden 116 Todesfälle bei Kindern labormedizinisch bestätigt. Dies entspricht rund jedem vierzehnten nachgewiesenen Todesfall durch die Influenza. Während der Corona-Pandemie konnten in Deutschland bislang lediglich 12 Todesfälle bei Kindern unter 10 Jahren registriert werden – das entspricht gerade mal rund einem Zehntel Promille aller labortechnisch bestätigten Todesfälle. Während im Namen der Volksgesundheit wegen Corona Schulen und Kitas schließen mussten, käme bei der für Kinder weitaus gefährlicheren Grippe wohl niemand auf diese Idee. Außer vielleicht Frau Mayr. Wer weiß das schon?

Nun will Mayr aber erst einmal nicht über Urlaub reden – immer wenn es um Lockerungen geht, fällt der Alarmistenfraktion interessanterweise nur „Urlaub“ ein. Na klar, Frau Mayr ist sicher keine alleinerziehende Mutter in einer Plattenbauwohnung, der nach eineinhalb Jahren Lockdown die Decke auf den Kopf fällt. Sie ist sicher nicht von Depressionen geplagt und ganz sicher hat sie auch keine ökonomischen Ängste wie hunderttausende Frauen in Mayrs Alter, die sich vor Corona ihr schmales Budget durch prekäre Jobs in Gastronomie und Hotellerie aufbessern mussten. Als gebildete Hauptstadtjournalistin, die sogar Worte wie „Dystopie“ fehlerfrei aussprechen kann, hat man das Privileg, mit Lockerungen nur Urlaub zu verbinden und all diejenigen, die Lockerungen fordern, zwischen den Zeilen als selbstsüchtige Egoisten darzustellen. Stattdessen spricht Mayr lieber mit einer altruistischen Attitüde – Frau Mayr versteht diesen Begriff – über niedrige Inzidenzen. Denn die würden, so die Qualitätsjournalistin, „Freiheit für alle bedeuten“. So muss man wohl argumentieren, wenn man voll und ganz dem eigenen Zero-Covid-Narrativ verfallen ist. In Mayrs Welt spielen Begriffe wie „Impfneid“ und „Impfdrängler“ eine Rolle. Ich kann mit diesen Begriffen so gar nichts anfangen.

Mayr fragt sich, wie man den „Teenagern erklären soll, dass sie um 21.00 nach Hause“ müssen und in der Schule Masken tragen müssen, während die alten Menschen im Restaurant keine Maske mehr tragen müssen. Auf die Frage, warum es derartige Maßnahmen für „Teenager“ überhaupt geben sollte, kommt sie freilich erst gar nicht. Maßnahmen gut, Öffnungen schlecht – so einfach ist die Welt einer „Top-Journalistin“, die immerhin bereits für den Reporterpreis und Nannenpreis nominiert war. Als kritischer Geist könnte man das wohl „Stockholm-Syndrom“ im Endstadium bezeichnen. Deutschlands Journalisten, mir graut vor euch.

Zur Ehrenrettung des Berufsstands der Journalisten muss man dieser Stelle jedoch auch auf einen weiteren Gast der gestrigen Talkrunde hinweisen. Die aus Madrid zugeschaltete ARD-Spanien-Korrespondentin Natalia Bachmayer hatte sichtlich Probleme, ihrer jungen Kollegin zu folgen und quittierte so manche Aussage der ZEIT-Journalistin mit einem vielsagenden Augenrollen. Bachmayer empfahl Deutschland, „mehr Spanien zu wagen“. Spanien habe die Maßnahmen zum großen Teil aufgehoben und die „Werte“ – gemeint sind die Inzidenzen – entwickelten sich sogar noch positiver als in Deutschland. Das ist richtig. Im Sieben-Tagesschnitt infizieren sich weniger als 5.000 Spanier und der durchschnittliche „Body Count“ liegt bei nur 76 Todesopfern pro Tag. Zahlen, die den offenbar wesentlich gelasseneren Spaniern keine schlaflosen Nächte mehr bereiten. Dort könne man die Debatte in Deutschland daher auch nicht nachvollziehen.

Das geht mir auch so. Vielleicht steckt in mir ja ein kleiner Spanier? Vielleicht liegt es aber auch an den Medien? Hätte eine Anna Mayr Chancen, in Spanien in eine der quotenstärksten Talkshows eingeladen zu werden? Zumindest in Deutschland liebt man offenbar den Alarmismus. Am Ende war sich zumindest die Mehrheit der Talkrunde darin einig, dass man erst dann wieder die „Freiheit“ zurückbekäme, wenn auch die lieben kleinen Kinder geimpft sind. Die „pseudowissenschaftliche“ Begründung dafür kam von niemand anderem als Karl Lauterbach. Der wusste noch zu berichten, dass „irgendwo zwischen sieben bis fünfzehn Prozent der jungen Menschen“ bei einer Covid-19-Infektion mit „bleibenden Schäden“ zu rechnen hätten. Eine Zahl, die nicht nur vollkommen absurd, sondern auch vollkommen aus der Luft gegriffen ist. Dann heißt es wohl „Lockdown forever“. Oder sollte man vielleicht lieber nach Spanien auswandern?


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