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Titel: Die mit den Wölfen heulen – Die Wurzeln der totalitären Versuchung

Datum: 15. April 2023 um 14:00 Uhr
Rubrik: Ideologiekritik, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft, Rezensionen, Strategien der Meinungsmache
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Warum werden manche Menschen zu Mitläufern, die sich menschenfeindlichen Ideologien unterwerfen? Und warum gelingt es im Gegensatz dazu anderen, sich ihre innere Freiheit zu bewahren – und sich gesellschaftlich dominierenden Ideologien zu widersetzen? Das ist das Thema des Buches „Die mit den Wölfen heulen. Warum Menschen der totalitären Versuchung so schwer widerstehen können“. Verfasst hat es der französische Neuropsychiater Boris Cyrulnik. Ein Buch, für das man sich in einer Zeit der Cancel Culture und einer im moralisierenden Schwarz-weiß-Denken festgefahrenen politischen Öffentlichkeit Zeit nehmen sollte, meint unser Autor Udo Brandes. Spätestens die Coronapolitik habe gezeigt: Das Thema der totalitären Versuchung ist nach wie vor hochaktuell.

„Die Wissenschaft sagt“ – das war während der Coronakrise quasi das neue Evangelium. Und wehe, jemand zweifelte diese „frohe Botschaft“ an! Das wurde als schweres Delikt gewertet und mit der gleichen Vehemenz verfolgt wie in früheren Zeiten das Vergehen der Gotteslästerung. Nur war das Inquisitionsgericht anders zusammengesetzt. Die Inquisitoren der Coronakrise waren keine kirchlichen Autoritäten, sondern Journalisten, Intellektuelle, Ärzte, Wissenschaftler, Schauspieler usw. Diese verurteilen die „Delinquenten“ zwar nicht mehr zum Tode durch Erdrosseln oder Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Aber vor Rufmord und Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz schreckten sie nicht zurück. Eines der jüngsten Opfer: Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot. Ihr Vergehen: Sie weigerte sich, das eigenständige Denken aufzugeben und einfach nur zu glauben. Dafür hat sie einen hohen Preis bezahlt: Shitstorms, Verleumdungen, hochaggressive Anfeindungen. Und kürzlich wurde sie von ihrem Arbeitgeber, der Universität Bonn, entlassen – und muss jetzt vor dem Arbeitsgericht um ihre Stelle und wirtschaftliche Existenz kämpfen.

Warum Ehrfurcht gegenüber „der Wissenschaft“ fehl am Platze ist

Die in unserer Gesellschaft so hoch geschätzte Wissenschaft ist im Grunde so etwas wie ein Ersatzgott geworden, dem man glauben muss. Cyrulnik zeigt in seinem Buch an verschiedenen Beispielen jedoch sehr schön, dass das offizielle „Narrativ“ über Wissenschaft, nämlich dass diese wahrheitsorientiert, faktenorientiert, empirisch-analytisch, diskusiv, kurz: rational sei, ein großer Irrtum ist. Vielmehr hat die Gefühlslage eines Wissenschaftlers (und natürlich auch seine Interessenlage) einen ganz erheblichen Einfluss auf das, was Wissenschaftler für wahr und wissenschaftlich fundiert halten. Er macht dies unter anderem am Beispiel des SS-Arztes Josef Mengele deutlich:

„Mengele (…) benutzte die Wissenschaft, um seine Neigung, Menschen in eine Hierarchie einzuordnen, zu befriedigen, was ihn darauf vorbereitete, nach Lösungen zur Ausmerzung von ‚Minderwertigen’ aus der Gesellschaft zu suchen. Das war seine Sicht der Welt. Im Jahr 1930 kam Josef Mengele, ein fleißiger und hilfsbereiter junger Mediziner, auf einer Versammlung in München mit der ‚Rassenlehre‘ in Berührung. Diese Theorie verlieh seiner Art, die Welt zu erleben, eine sprachliche Form. Er, der sich für politisch links hielt, erlag einer Erzählung, die der von ihm favorisierten Naturphilosophie entsprach. Die Wissenschaft lieferte ihm den Stoff zum Fantasieren (…). Der junge Mediziner glaubte zunehmend an das Recht, ‚unwertes Leben‘ zu vernichten, das hohe Kosten verursache und dadurch schöne junge Menschen um eine gute Ausbildung bringe“ (S. 36).

Cyrulnik schreibt dann weiter:

„Die Interpretation eines Faktums hängt von der Persönlichkeit des Betrachters und der affektiven Konnotation ab, mit der er ein Faktum färbt“ (S. 40).

Wäre Mengele ein mitfühlender Mensch gewesen, geprägt zum Beispiel von einem christlichen Narrativ der Nächstenliebe und Gleichheit aller Menschen vor Gott, dann wäre er in Bezug auf behinderte Menschen zu völlig anderen Schlussfolgerungen gelangt. Und er hätte die „Rassenlehre“ niemals für eine wissenschaftlich fundierte Theorie gehalten, sondern für eine völlig abwegige, perverse Ideologie. Aber Mengele konnte durch die „Rassenlehre“ sein subjektives Bedürfnis, die Menschheit in „wertvoll“ oder „minderwertig“ einzuteilen, rationalisieren. Aus seiner Sicht war die massenhafte Tötung von Menschen, die er als Bürokrat organisierte, wissenschaftlich fundiert und legitimiert – und ein gutes Werk.

Jährlich Tausende frei erfundene Studien

Man kann Cyrulniks Ausführungen dahingehend zusammenfassen: Auch Wissenschaft ist viel mehr als man denkt eine subjektive, und im Einzelfall höchst anfechtbare Sicht auf die Realität. Mal mehr durch Fakten gestützt und plausibel, mal mehr ideologisch und irrational oder interessengeleitet die Realität verzerrend. Mit anderen Worten: Wissenschaftler sind nicht weniger anfällig für irrationale Ideologien, Korruption und kriminelle Verhaltensweisen als Menschen in anderen sozialen Feldern, also zum Beispiel im Management von Wirtschaftsunternehmen. Wie zur Bestätigung konnte man im österreichischen „Standard“ am 3. März 2023 unter der Überschrift „Wenn Forscher fälschen“ Folgendes lesen:

„Jährlich werden in Fachjournalen tausende medizinische Studien publiziert, die frei erfunden sind. Millionen Patienten werden so geschädigt, die Aufklärung ist oft schwierig“ (Quelle).

Eines der Beispiele, die der Standard aufführt, ist die medikamentöse Behandlung von Herzpatienten vor Operationen:

„Ein anderer Fall ist die standardmäßige Verabreichung von Betablockern vor Operationen bei Herzpatienten. Grundlage war eine Studie von 2009, die sich als teils gefälscht herausstellte. Schätzungen gehen davon aus, dass diese Praxis tausende Todesfälle verursachte.“

Ein Schelm, wer bei solchen Berichten unwillkürlich an die Einführung der neuartigen mRNA-Impfstoffe gegen Corona und deren „wissenschaftlich fundierte“ Prüfung auf Wirkung und Sicherheit denken muss.

Was kann man aus Cyrulniks These, dass wissenschaftliche Theoriebildung nicht die rationale Veranstaltung ist, als die sie sich ausgibt, für die eigene Lebensführung schlussfolgern? Es besteht kein Grund dafür, Wissenschaftlern oder Ärzten eine besondere Autorität zuzugestehen und ihnen mit besonderer Ehrfurcht zu begegnen. Gerade was die Seriösität von Ärzten angeht, kann ich aus eigener Erfahrung davon berichten, dass Ärzte bisweilen keine Skrupel haben, Patienten aus Profitgründen anzulügen und eine Behandlung zu empfehlen, die dem Patienten mehr schadet als nützt.

Es muss dabei nicht unbedingt immer um Profit im wirtschaftlichen Sinne gehen. Cyrulnik beschreibt in seinem Buch, wie Ärzte aufgrund der Besessenheit von einer medizinischen Ideologie das Leben von Patienten ruiniert haben, etwa durch Lobotomien. Das sind Gehirnoperationen, bei denen bestimmte Bereiche des Gehirns bewusst zerstört werden. Dies wurde zum Beispiel gemacht, um Patienten mit schweren Zwangsneurosen zu heilen (also zum Beispiel Menschen, die aus Angst vor Infektionen zwanghaft immer wieder Türgriffe desinfizierten). Mit katastrophalen Folgen:

„Drei Wochen später begann er (der Patient; UB) von neuem, einen Türgriff zu scheuern, aber seine Persönlichkeit existierte nicht mehr. Er reagierte nur noch auf Reize der Umgebung, er putzte, zuckte zusammen, wenn man ihn berührte, und wenn man ihn ansprach, sah er einen nur an, ohne zu antworten“ (S. 51-52).

In diesem Zusammenhang möchte ich noch kurz eine Lebenserfahrung von mir beifügen: Ich habe erlebt, dass sehr gebildete Menschen, bewaffnet mit diversen akademischen Titeln, extrem borniert und geradezu dumm sein können. Umgekehrt habe ich relativ ungebildete Menschen kennengelernt, die sehr intelligent sind – und weitaus lebenstüchtiger als so mancher Akademiker.

Warum sind Menschen anfällig für ideologische Verblendungen und Schwarz/weiß-Denken?

Cyrulnik hat auf diese Frage mehrere Antworten. Zunächst beschreibt er sehr schön, dass Kinder, um denken zu lernen, erstmal eine „falsche Klarheit“ brauchen:

„Kinder (…) brauchen binäre Kategorien, um mit dem Denken anzufangen: Alles, was nicht nett ist, ist böse, alles, was nicht groß ist, ist klein, alles was nicht Mann ist, ist Frau. Dank dieser falschen Klarheit bauen sie eine stabile Bindung zur Mutter, zum Vater, zur Religion, zu den Schulfreunden und der Glocke der Dorfkirche auf. Auf dieser Grundlage können sie sich ein erstes Weltbild aneignen, eine eindeutige Gewissheit, die Selbstvertrauen gibt, und dabei hilft, seinen Platz in der eigenen Familie und der Kultur zu finden“ (S. 10).

Als ich diese Zeilen las, musste ich spontan denken: „Ganz viele Menschen in unserer Gesellschaft denken auch als Erwachsene so. Und das hat in den letzten Jahren sogar noch zugenommen. Sind wir also eine infantile Gesellschaft geworden?“ Als wenn Cyrulnik diese Gedanken aufgegriffen hätte, schreibt er weiter:

„Wohlgemerkt: Es handelt sich nur um eine Grundlage. Wenn dieser Unterbau sich abkapselt, unterbindet er die Suche nach anderen Erklärungen, und er wird zum Clandenken, zur nicht verhandelbaren Gewissheit: ‚So ist es und nicht anders… Man muss verrückt sein, um nicht so zu denken wie ich‘. Eine ungerechtfertigte Überzeugung, die das Selbstvertrauen stärkt und das Denken blockiert wie bei Fanatikern“ (S. 10 -11).

Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Aspekt: Gewissheit ohne jeden Zweifel – das stärkt das Selbstvertrauen, die Selbstsicherheit. Man hat einen ganz klaren Kompass für die Welt und weiß auf alles eine Antwort. Wenn man sich dann noch bewusst macht, dass wir ungefähr vier Jahrzehnte neoliberale Politik hinter uns haben, die vielen Menschen das Leben schwer gemacht hat, und man auch in puncto Klima und Umwelt nur düstere Zukunftsaussichten hat, dann verwundert es nicht, dass immer mehr Menschen nach Gewissheiten suchen und „infantilisieren“, also nur noch wie Kinder binär denken (wollen).

An anderer Stelle im Buch bezieht sich Cyrulnik dann auf die Bindungstheorie und schreibt, dass Menschen, die in ihrer Kindheit eine sichere Bindung an ihre Mutter hatten, später eher dazu in der Lage seien, selbstständig zu denken und die Normen der eigenen Gruppe infrage zu stellen. Aber die unsicher Gebundenen neigten dazu, die einmal gelernte Weltsicht beizubehalten und nicht infrage zu stellen. Sie bräuchten Gewissheit und zögen diese auch dann vor, wenn diese eigentlich ein „logisches Delirium“ sei, also eine Weltanschauung, die auf realitätsfernen oder wahnhaften Vorstellungen beruht. Hauptsache, die Gewissheit bleibe bestehen. Deshalb seien sie besonders anfällig für ideologische Verzerrungen der Realität. Mit meinen Worten ausgedrückt: Solche Menschen glauben lieber als zu denken. Weil das differenzierte Denken ihre emotionale Stabilität gefährden würde, denn dann müssten sie mit einer ambivalenten, widersprüchlichen Welt zurecht kommen. Und das ertragen sie nicht. Cyrulnik beschreibt dies so:

„Sie sind stolz auf ihr Handeln, wenn sie von einer Idee beherrscht werden, die allzu klar, allzu schön konturiert ist und folglich losgelöst von der Realität, die immer ein wenig schmutzig und ambivalent ist“ (S. 72; Hervorhebung von mir; UB).

Ein weiterer Aspekt, der Menschen daran hindern kann, Gewissheiten hinter sich zu lassen und Ambivalenzen zuzulassen, so Cyrulnik, ist die Traumatisierung. Er beschreibt dies am Beispiel der jüdischen Philosophin Hannah Arendt, die gute Freunde verlor, weil sie Gedanken formulierte, die ihre jüdischen Freunde schockierten und die diese nicht zulassen konnten – weil sie schwer traumatisiert waren. Worum ging es? Hannah Arendt beschrieb den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann nicht als „Monster“, sondern als Durchschnittsmenschen von nebenan und prägte dafür den Begriff von der „Banalität des Bösen“. Sie schätzte auch nach dem Krieg weiterhin den Philosophen Heidegger, obwohl der sich im Dritten Reich zu einem Nazi gewandelt hatte. Den Nazi Heidegger schätzte sie natürlich nicht, aber nach wie vor den Philosophen. Und sie erkannte an, dass manche Juden mit den Nazis kollaboriert hatten. Es ist nur zu verständlich, dass einige ihrer jüdischen Freunde aufgrund ihrer schweren Traumatisierung durch die Naziverbrechen dies nicht ertragen konnten und sich von Hannah Arendt lossagten.

Resümee

Das Buch von Cyrulnik ist über weite Passagen sehr interessant und spannend geschrieben und gibt dem Leser interessante Antworten und Beschreibungen, warum Menschen so anfällig für Manipulationen sind und sich abstrusen Ideologien ausliefern. Bisweilen aber ist sein Schreibstil etwas nebulös. Es sind auch einige Redundanzen im Buch. Aber trotzdem denke ich: Die Lektüre lohnt. Man wird angeregt, über sich selbst und die eigenen Selbstverständlichkeiten, die man nicht mehr hinterfragt, nachzudenken. Insofern seien aber auch alle diejenigen gewarnt, die lieber in sicheren Gewissheiten leben und darin nicht erschüttert werden möchten: Sie werden möglicherweise keine Freude an der Lektüre haben.

Boris Cyrulnik: Die mit den Wölfen heulen. Warum Menschen der totalitären Versuchung so schwer widerstehen können, Droemer Verlag, März 2023, 240 Seiten, 24 Euro.


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